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Thomas Vinterbergs „Das Fest“ erregte vor allem wegen seiner formalen Umsetzung großes Aufsehen. „Das Fest“ und Lars von Triers Film „Idioten“ waren die ersten Filme, die auf den 1995 von mehreren Filmemachern in Kopenhagen ausgearbeiteten Dogma-Regeln beruhten. Diese besagten unter anderem, dass nur an Originalschauplätzen, mit Originalton ohne zusätzliche Musik, zusätzliche Beleuchtung und zusätzliche Technik und nur mit einer Handkamera gedreht werden darf. [1] „Das Fest“ bekam als erster Film das Zertifikat, welches ihn offiziell als Dogma-Film ausweist. Doch bei allem Aufsehen um die formale Umsetzung, ist es vor allem auch der Inhalt des Films, der dafür sorgt, dass dieser Film nicht nur ein Meisterwerk ist, sondern schon jetzt ein Klassiker der Filmgeschichte.
Es ist der sechzigste Geburtstag des reichen Familienpatriarchen Helge Klingenfeldt (Henning Moritzen). Viele Bekannte und natürlich auch die ganze Verwandtschaft sind auf den feudalen Landsitz der Klingenfeldts eingeladen. Es soll ein großes, rauschendes Fest werden. Eigentlich müsste ein trauriger Schleier über diesem Fest liegen, denn vor nicht allzu langer Zeit hat sich Klingenfeldts Tochter Pia das Leben genommen, doch darauf soll an diesem Abend nur wenig eingegangen werden. So sind auch Klingenfeldts weitere Kinder diesmal nur zu Dritt: Da ist der jähzornige Michael (Thomas Bo Larsen), jüngster im Bunde, verheiratet und Vater von drei Kindern. Da ist Helene (Paprika Steen), eine Einzelgängerin, die ein völlig anderes Leben führt, als die übrige Familie. Schließlich ist da noch Christian (Ulrich Thomsen), der Zwillingsbruder der verstorbenen Pia. Er lebt weit weg in Frankreich und die Familie bekommt ihn nur noch selten zu Gesicht.
Nach außen hin, trotz des Selbstmordes von Pia, eine glückliche Familie der Oberschicht, doch im Inneren ist längst nicht alles so perfekt wie es scheint. Michael betrügt seine Frau, ist launisch und gewalttätig und dem Alkohol selten abgeneigt. Er hat bei der letzten Feier randaliert und war eigentlich gar nicht mehr erwünscht. Helene sammelt mit ihrem dunkelhäutigen Lebensgefährten Gbatokai (Gbatokai Dakinah) nicht gerade Pluspunkte bei ihrer Familie, in der rassistische Tendenzen unverkennbar sind. Doch für den eigentlichen Eklat sorgt Christian, der als Besitzer zweier gutgehender Restaurants in Paris, eigentlich der Stolz der Familie ist. Während seiner Geburtstagsrede auf den Vater bezichtigt er diesen ihn und seine Schwester Pia in der Kindheit sexuell missbraucht zu haben.
Die Gesellschaft ist peinlich berührt, doch einige der Anwesenden schaffen es mit ein paar Witzen die Situation schnell zu entschärfen. Das Fest nimmt wieder seinen geplanten Gang, die gute Laune ist überraschend schnell zurückgekehrt. Christian will aufgeben und das Fest verlassen. Doch der Koch (Bjarne Henriksen), ein Jugendfreund von Christian, will das nicht zulassen. Er schickt Christian zurück in den großen Festsaal und lässt alle Autoschlüssel der anwesenden Gäste verstecken. Christian soll seinen Vater anklagen und keiner der Gäste kann entfliehen. Jeder soll die Wahrheit hören...
Vinterberg ist ein Film gelungen, der an die Nieren geht. Von Anfang an hängt über dem Fest schon das Unheil, welches aus der Vergangenheit stammt. Als Christian zum ersten Mal die Wahrheit, verpackt in seiner Rede als kleine Anekdote aus der Jugend, erzählt, wird er noch nicht für ernst genommen. Die Anwesenden versuchen es als einen schlechten Scherz abzutun, man sich will nicht die Feierlaune vermiesen lassen, man weiß wahrscheinlich auch gar nicht, wie man mit der Wahrheit umgehen soll. Selbst der zweite Versuch von Christian als er einen Toast auf einen Mörder, nämlich auf seinen Vater, der Schuld am Selbstmord von Pia ist, ausspricht, kann die Festgesellschaft noch nicht nachhaltig erschüttern. Seine Geschwister bitten ihn eindringlich damit aufzuhören. Michael verprügelt ihn sogar und lässt ihn rauswerfen. Dabei weiß Helene sogar, dass ihr Bruder die Wahrheit sagt. Sie hat kurz vor dem Fest einen Abschiedsbrief von Pia gefunden, in dem die Wahrheit steht. Doch sie will sie nicht wahrhaben, wie keiner der anwesenden Gäste.
Vinterbergs Film ist gar nicht so schockierend und intensiv durch die grausame Wahrheit, sondern durch die Portraitierung der Festgesellschaft. Mit allen Mitteln versucht diese die Wahrheit nicht zu sehen und weiter ihren Jubilar zu feiern. Da wird dann sogar ein rassistisches Lied angestimmt, um die Gedanken wieder in andere Richtungen zu lenken. So bekommt der Zuschauer ein Fest und eine feuchtfröhliche Festgesellschaft zu sehen, bei der auf den ersten Blick alles ganz normal ausschaut, doch die durch die Wahrheit ad absurdum geführt ist. Das Fest ist eine Farce.
Vinterberg betreibt eine gnadenlose Demaskierung der gutbürgerlichen Familie. Er spricht indirekt das aus, was sich keiner zu sagen traut. Kindesmissbrauch kann es überall geben, querbeet durch alle Familien, egal ob reich oder arm, angesehen oder verrufen. In seinem Film ist der Täter, ein reicher, angesehener Hotelier, ein Mann von dem man es nie vermuten würde. Seine Frau schaut weg und hält ihm bis zum Schluss die Treue. Seine Kinder schweigen jahrelang oder verschließen vor dem Schicksal ihrer Geschwister die Augen und wollen es auch Jahre später noch nicht wahrhaben als es offensichtlich ist.
Die formalen Besonderheiten der Dogma-Bewegung erfüllen bei „Das Fest“ so stark ihren Zweck, wie bei kaum einem anderen Film der Dogma-Bewegung der Fall ist. Sicherlich ist die wackelige Handkamera zu Beginn ungewöhnlich, aber sie trägt, genauso wie das grobkörnige Bild und die fehlende Musikuntermalung, in einem nicht unerheblichen Masse zur Intensität des Films bei. Man hat nie den Eindruck einen Film zu sehen. Das Gesehene hat viel mehr den Anschein eines Familienvideos. Der Kameramann scheint selbst ein Bestandteil der Festgesellschaft zu sein. Das verstärkt gemeinsam mit den durchweg, bis hin zur Besetzung der kleinsten Rolle, exzellenten Schauspielern den Realismus von Vinterbergs Film.
So ist es auch kein Wunder, dass man als Zuschauer nach dem Anschauen des Films erst einmal schluckt. Dieser Film nimmt einen mit.
[1] mehr zur Bewegung und ihren Regeln: http://www.bender-verlag.de/lexikon/index2.php?selectname=Dogma-Film,%20Dogma%2095&ok=ok , sowie die offizielle Website der Bewegung: http://www.dogme95.dk
Darsteller: Ulrich Thomsen (Christian), Henning Moritzen (Helge), Thomas Bo Larsen (Michael), Paprika Steen (Helene), Birthe Neumann (Elsa), Trine Dyrholm (Pia), Helle Dolleris (Mette), Therese Glahn (Michelle), Klaus Bondam (Zeremonienmeister)
Regie: Thomas Vinterberg Produktion: Birgitte Hald Buch: Mogens Rukov, Thomas Vinterberg Kamera: Anthony Dod Mantle Musik: Morten Holm Schnitt: Valdís Óskarsdóttir
02.10.2004 13:44
Schon soviel jetzt davon gehört und immer noch nicht gesehen... Peinlich, muss ich jetzt dann unbedingt nachholen...! Grüße Pandoolio
26.09.2004 14:49
Hab ich auch gesehen, total geil! So schnell kann eine Familie zerrüttet werden.
23.09.2004 01:51
Ich war von dem Film beeindruckt - mit einer der besten unter dem Dogma - dein Bericht beeindruckt übrigens auch.