Boot fahren
18.01.2001
Pro:
So schön kann fahren sein . . .
Kontra:
. . . falls es nicht regnet
Empfehlenswert:
Ja
 effjott
Über sich:
Mitglied seit:18.12.1999
Erfahrungsberichte:52
Vertrauende:68
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In meiner Badewanne bin ich Kapitän. Und das nicht erst seit heute - war ich doch schon als kleiner Effjott glühender Verehrer der Eroberer der Meere. Hägar der Schreckliche, Wikki der Wikinger, Papa von Pippi Langstrumpf. Allen diesen wagemutigen Seefahrern ist eines gemein, was mir seit jeher nicht vergönnt ist: Chef auf´m Deck zu sein, das Steuer fest in der Hand, das Haar wehend im Wind. Ein Dilemma? Mitnichten! Fast drei Jahre ist es her, ich schlenderte gemütlich über den Parkplatz des örtlichen Edeka-Marktes, da hörte ich hinter mir ein tiefes Brummeln, gefolgt von kurzem Knirschen. Gerade als ich mich umdrehte, um dieser offensichtlich rollenden Zeitbombe gehörig die Leviten zu lesen, traf es mich wie ein Blitz. Und ich wusste: das muss Liebe sein. Welche Formen - weich und fließend mit Rundungen an genau den richtigen Stellen. Welche Kraft - vibrierend und südländisch. Und das Beste: es war ein Boot! Ein kleines Boot für die Straße. Ein(e) Fiat Barchetta.
*** Am Samstag will mein Süßer mit mir segeln gehn… Ich hatte ein Ziel: dieser blechgewordene Traum schlafloser italienischer Nächte musste mein werden. Am folgenden Samstag lud ich meine liebenswerte Lebensgefährtin, einen ausreichenden Vorrat belegter Schinkenbrötchen und reichlich Diätcola in meinen treuen, aber alten Skoda und machte mich auf die Suche nach erreichbaren Fiat-Autohäusern. Meine Vorfreude wurde rasch getrübt. Haben Sie schon einmal versucht, im Jahrhundertsommer-Juni einen zweisitzigen Roadster mit einem Neuwagenpreis von 39.400 Mark möglichst als Schnäppchen zu erwerben? Rollen Sie bitte nicht mit den Augen. Heute weiß ich auch, dass dieses Unterfangen ... nunja ... etwas blauäugig war. Immerhin 2.067 Neuzulassungen im ersten Halbjahr 2000 - schon beliebt, das Kerlchen. Zumal im Vorjahreszeitraum waren es sogar 23 Prozent mehr.
Satt, aber erfolglos fuhren wir abends zurück. Langer Rede kurzer Sinn: wir gaben nicht auf, bemühten die einfach zu bedienende Händlersuchmaschine der Fiat-Website und wenige Wochen später war ich bereits stolzer Besitzer eines FIAT BARCHETTA, Baujahr 1997. Und schlechtes Wetter hatte er als Drittwagen eines Zahnarztes auch noch nie gesehen, wie uns gesagt wurde. Haben Sie Lust auf eine Spritztour? Na dann mal los.
*** Vor dem Stapellauf Sie haben noch nie ein(e) Fiat Barchetta gesehen? Da drüber steht er, der kleine Rote. Er hört auf Friedemann. Gerade mal 3.916 mm lang und 1,64 m breit. Und niedrig ist er auch: gerade mal 1.265 mm hoch, so wie er jetzt mit geschlossenem Verdeck vor uns steht.
Natürlich gäbe es das Bötchen auch in den Farben Schwarz, Orange, Ginstergelb, Windsorgrün, Midnightblau, Karibikblau oder Titangrau. Aber ganz unter uns: kann ein Automobil, das wie kein zweites die Tradition klassischer Roadster der 50er-Jahre wiederbelebt und fortführt, wirklich eine andere Farbe tragen als rot? Auch der Stoßfänger, schick in lackierten Kunststoff gehüllt. Sehen Sie sich diese flache, lange Motorhaube an. Trotzdem leben und arbeiten 131 Pferdchen darunter. Wenn sie die Hufe fliegen lassen, bekommen wir es immerhin mit 156 Newtonmetern zu tun. Fiat-Testpiloten sind dann auch schon mal 200 km/h schnell gefahren. Wir machen das besser nicht: kein Genießer fährt offen solche Geschwindigkeiten und geschlossen... doch dazu gleich mehr.
Klappscheinwerfer oder gar Glupschaugenlampen wären hier doch wirklich fehlplatziert. Aber diese länglichen Lichtwerfer, eingefügt in die rasanten Kotflügel des Flitzers - das passt. Windschnittig, rasant. Gehen Sie ruhig mal drumherum. Den Kofferraum kann man nur mit einem bei geschlossener Tür verborgenen Hebel öffnen. Darum ist der Hintern des Fiat auch so schön glatt, ohne Griff und sichtbares Schloss. 165 Liter Wasser würde da reinlaufen, wenn man bei Regen den Kofferraumdeckel offen stehen ließe. Nicht viel im Vergleich mit handelsüblichen Kleintransportern, doch welcher Handwerker kauft sich zum Transport reparierter Waschmaschinen schon ein zweisitziges Cabrio? Sehen Sie. Sollen wir einsteigen? Ich weiß, die Türen sind etwas gewöhnungsbedürftig zu öffnen, sucht man doch einen üblichen Türgriff vergebens. Vielmehr ist ein Aluminiumgriff direkt in die Tür eingelassen, der auf Knopfdruck hervorschnellt. Understatement pur. Dafür ab und an einen Fingernagel zu opfern ist doch wirklich nicht zu viel verlangt, meine Damen! Haben Sie einen Schal mit? Dann sollten wir gleich das schwarze PVC-Verdeck öffnen. Geht auch ganz einfach: innen entriegeln, Verdeck nach hinten ziehen, Klappe über dem Verdeckstauraum öffnen, Dach rein - bitte ein bisschen vorsichtig mit der Heckscheibe aus Metacrylat - Klappe zu. Dauert keine 10 Sekunden. Und das Tolle: kein Stückchen Verdeck ist mehr zu sehen. Offener geht's kaum.
Jetzt sehen wir auch den dicken Rahmen der Windschutzscheibe, der als Überrollbügel dient. Aber lassen wir uns doch in die Sitze gleiten. Das Gefühl, direkt über dem Asphalt zu schweben, hat Charme. Angeschnallt? Dann kann´s ja losgehen. *** Jungfernfahrt
Wir starten den Motor. Samtweich schnurrt er vor sich hin, bis ich auf das Gaspedal tippe. Ersten Gang des kurzwegigen Fünfgang-Getriebes eingelegt und .............. die Beschleunigung drückt uns in die Sportsitze aus schwarzem Stoff. Die gibt es zwar auch in Leder. Sicher schön im Sommer. Nach 5 Stunden in der Sonne. Bei offenem Dach. Und mit kurzen Hosen. Oder mit Mini. Den Rest überlasse ich Ihrer Phantasie. Was das eben war? Ein Schlagloch, denke ich. Diese drängen sich nämlich bei dem straff eingestellten Fahrwerk gerne ins Bewusstsein. Und mit Bodenfreiheit ist es auch so eine Sache. Habe ich Ihnen schon erzählt, dass ich vor kurzem verzweifelt versuchte, von der etwas höheren Bordsteinkante wieder herunterzukommen, auf die ich - verdächtig knirschend - zum Parken hochgefahren bin? Mein Tipp: wollen Sie Bodenfreiheit, kaufen Sie sich einen Geländewagen, keine(n) Barchetta.
Wenn Sie nichts dagegen haben, fahren wir eben kurz an der Tanke vorbei. Fiat gibt einen Verbrauch zwischen 6,5 und 11,6 Litern Superbenzin pro 100 km an. Oder 8,4 Liter im Mix. Das kommt auch ganz gut hin, zumal wir doch das Dahingleiten auf den sommerlichen Landstraßen genießen wollen. Ein bisschen zugig ist natürlich schon im Nacken. Das liegt an meinem nicht vorhanden Windschott. Irgendwann kaufe ich mir das doch mal, gibt es ja als Zubehör. Gegen den Sturm, der gerade aufkommt, würde ein Schott aber auch nicht helfen. Das sieht nach Regen aus.
*** Alle Mann unter Deck Sowas aber auch - Regentropfen auf der Verbundglaswindschutzscheibe. Dann eben kurz rechts rangefahren und die Decke überziehen. Sie wissen ja schon, wie´s geht, nur jetzt eben in umgekehrten Reihenfolge. ... 10 Sekunden später ... So jetzt kann es meinetwegen Hund und Katzen regnen. Das Verdeck schließt nämlich richtig dicht, kein Flattern, kein Zerren. Allerdings wird die Sicht nach vorne schon ein wenig durch die niedrige Scheibe eingeschränkt, hoch hängende Ampeln erfordern schon etwas Erfahrung in Wirbelsäulengymnastik.
Dann schauen wir uns halt mal das Interieur an: einfach abzulesende, klassische Rundelemente, übersichtlich wenig Schalter und Knöpfchen, ein prima erreichbarer Warnblinkknopf mitten im Armaturenbrett - für Fahrer und Beifahrer gut zu drücken (je nachdem, wer von uns beiden in der hoffentlich nicht eintretenden Notsituation noch ausreichend bei Bewusstsein ist. WAS MEINEN SIE? JAJA, AB 120 KM/H WIRD ES SCHON ETWAS LAUTER HIER DRINNEN. MOMENT, ICH DREHE MAL EBEN DAS PASSGENAU INS AMATURENBRETT EINGEBAUTE RADIO LAUTER. HEISSER SOUND, ODER?
Dafür sind wir auch schon wieder zurück- und Spaß gemacht hat der kleine Ausflug auch. *** Zur Sache, Schätzchen
Eines lernt man als Fiat-Fahrer als erstes: leisen Spott seiner Mitmenschen zu ertragen. Ich persönlich deute ihn auch gerne in Neid um... und das ist ja bekanntlich die ehrlichste Form der Anerkennung. Fehler In Allen Teilen, so wird FIAT gerne übersetzt. Ganz aus der Luft gegriffen, ist das sicher nicht. Wenn ich bislang auch von bitteren Erfahrungen mit heimtückischen Motorschäden verschont blieb (Insider sprechen beispielweise gerne vom "Dieselsyndrom", auch und gerade beim Benziner). Seit letzten Sommer bin auch ich mit meiner Werkstattannahme per Du. Wie das kam? Ich will Sie nicht langweilen, daher nur eine kurze, launige Aufzählung der merk- und denkwürdigsten Erlebnisse in Sachen Qualität: gerissener Scheibenwischwasserbehälter, neckische Einrisse im Verdeck durch Verklemmungen im Gestänge, Knirschen in der Teleskoplenksäule, kassettenmordendes Autoradio, festhängender Scheibenwischintervall...
Trotz alledem möchte ich das breite Grinsen, das sich regelmäßig bei mir und (bislang) allen meinen Mitfahrern ins Gesicht schleicht, sobald man mit dem kleinen Boot im Sommer auf idyllischen Landstrassen dahinsegelt, nicht mehr missen. Sie erinnern sich bestimmt: Chef auf´m Deck zu sein, das Steuer fest in der Hand, das Haar wehend im Wind... Ciao und immer schon entspannt fahren, Effjott
P.S. Heißt es eigentlich der, die oder das Barchetta?
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28.06.2011 17:06
Ein Bericht mit ganzem Herzen geschrieben....kann ich gut nachvollziehen, unser Bötchen ist auch rot.....BH!
29.09.2004 13:35
ja hallo erstmal, lange nich mehr hiergewesen. bin gerade sehr froh, dass ich diesen bericht von dir nicht schon früher gelesen habe, denn jetzt kann ich mitreden - ja, bin seit juni (ja, ich habe es geschafft, im juni einen günstigen barchetta zu ergattern!!) stolze barchetta-besitzerin*g*. also zuerst: ich kann dir leider auch nicht sagen, ob der, die oder das:-) - ist ja aber auch egal... ES ist einfach nur geil!!!!! - sogar in nichtrot, meiner/meine ist silber (du hast ein schöneres wort dafür benutzt, ich nenn es aber einfach mal silber). und ich kann dir nur zustimmen, es ist liebe. es macht soooviel spass und zieht sooo schöne, neidische blicke auf sich*freu*. dass mit der bordsteinkante kommt mir auch sehr bekannt vor - habe noch einen extra spoiler und dass ist leider sehr gewöhnungsbedürftig*fg* - hochfahren ist zwar schmerzlich, doch wieder runterkommen ist fürs herz die hölle*lol*- wären nicht leute da gestanden hätte ich wohl bitterlich geweint:-(. und apropos windshot: meine devise heisst entweder ich will cabrio fahren oder nicht. vielleicht dann auch noch die fenster hochmachen und mütze anziehen? quatsch mit sosse: offen ist offen und da muss bzw. will man durch!!! hast du ihn/sie/es noch? achso, und kurz zum bericht: danke dafür, dass du uns alle technischen details ersparst! die allerliebsten grüsse aus ka
23.04.2004 20:36
Ja ja, Liebe macht bekanntlich blind... z.Zt. fahre ich einen 10 Jahre alten Ford Fiesta und schaue mich gerade nach einem Ersatz um. Mein Kopf sagt: neuer Fiesta, aber mein Bauch...;-) Seit meiner Kindheit schwärme ich für rote, italienische Flitzer. So einige FIATs haben mich schon enttäuscht, was die Zuverlässigkeit und Verarbeitung angeht. Und trotzdem........jetzt fahren keine Kinder mehr mit und das Geld hätte ich auch( wenigstens für eine "gebrauchte"). Seit Wochen schaue ich mir Barchettas an, traue mich aber nicht, zuzuschlagen. Dein Bericht hat mir das beste Argument dafür geliefert, mich doch für die Barchetta zu entscheiden: Vernunft abschalten und einfach genießen!!! Dein Bericht ist so erfüllt mit Glücksgefühlen, die dieses Auto dir beschert...voller Emotion und das ist es doch wert! "Vernünftig" war ich mit meinem Fiesta lange genug, ich will Spaß!!!