Being Tyler Durden
21.04.2012
Pro:
Ein absolutes Meisterwerk der Filmgeschichte
Kontra:
Kleinere Schwächen im letzten Drittel
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Humor
Spannung
Anspruch
Action:
Romantik:
mehr
 Blagger
Über sich:
Listen to: New York Groove / Ace Frehley.
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Stop excessive shopping and masturbation. Quit your job. Start a fight. Prove your alive. If you don’t claim your humanity you will become a statistic. You have been warned… Tyler
Prolog
Wer ist dieser Tyler? Wer ist der Typ, der uns auffordert, den öden Job zu schmeissen, den Schwanz aus der Hand zu legen und mit dem Leben anzufangen? Der uns davor bewahren will, irgendwann als bedeutungslose Nummer im Leichenschauhaus zu enden? Du bist es. Ich bin es. Besser: diese Erkenntnis, dass hinter der bodenlosen Langeweile politischer Korrektheit und gesellschaftlicher Konvention, hinter der Sinnlosigkeit von Konsumterror und Fernsehberieselung, hinter dem Stumpfsinn vieler Jobs und vieler Beziehungen – dass dort noch mehr sein muss, diese Erkenntnis schlummert in uns allen. Bei manchen wagt sie sich nie hervor, bei anderen kitzelt sie die Seele mit gelegentlichem Kopfschmerz und Schlaflosigkeit, einige zieht sie gar herunter in Drogen, Depression oder Burnout.
Dieser Tyler also, er hockt in uns allen. Er ist die ungezähmte, wilde Seite unseres Ichs, und wer sich seiner bewusst ist und ihm ausreichend Raum lässt, der lebt – so meine ich – freier und glücklicher als andere. Doch in diesem Tyler steckt eine brutale, anarchische Energie. Wenn diese unkontrolliert ausbricht in unserer kontrollierten Umgebung, dann wird es heftig. Dann wird eine selbstzerstörerische Kraft frei, die alles attackiert, was uns bisher gegeben, vorausgesetzt, normal erschien. Darum geht es in Fight Club.
Ihr verliert kein Wort über den Fight Club Die Story ist nur die Oberfläche
Jack kann nicht schlafen, schon seit Wochen nicht mehr. Er wohnt in einem schicken, steril im IKEA-Style eingerichteten Appartement und fliegt für seinen Arbeitgeber, einen großen Autokonzern, quer durch die USA. Und er langweilt sich in seinem Leben offenbar so zu Tode, dass er es nur noch im Halbschlaf erträgt. Die seltsame Idee, Selbsthilfegruppen todkranker Menschen zu besuchen, um wirkliches Leid (und damit wirkliches Leben) zu sehen, verschafft ihm für eine Weile Erleichterung. Und immerhin lernt er hier mit Marla Singer endlich eine Frau kennen. Doch wirklich Schwung in sein Leben kommt erst, als er auf einem Flug Tyler Durden kennenlernt. Tyler ist Seifenfabrikant und springt auf Jacks small talk nicht an, er bevorzugt eine deutliche Ausdrucksweise: „Wenn ich an Ihnen vorbeigehe, drehe ich Ihnen den Schritt oder den Arsch zu?“ Nach dem Flug gehen beide getrennte Wege. Doch als Jack heimkommt, muss er feststellen, dass sein Appartement – offenbar aufgrund einer Gasexplosion – in die Luft geflogen ist. Mit einem Mal seiner Bleibe und seines Besitzes beraubt, ruft er Tyler an, dessen Visitenkarte er bekommen hatte.
Die beiden treffen sich, besaufen sich und prügeln sich anschließend auf dem Parkplatz der Bar – auf Wunsch von Tyler, der es mal ausprobieren will: „Scheiß drauf, uns sieht doch
Bilder von Fight Club (Film)
niemand zu.“ Danach zieht Jack bei ihm ein, in ein stinkendes, abbruchreifes Haus. Die Prügeleien wiederholen sich, bald steigen andere Männer mit ein, und so wird der erste Fight Club im Keller von Lou’s Bar gegründet. In der Folge dreht sich das Leben von Jack und Tyler praktisch nur noch ums Kämpfen – und um Marla, die nun allerdings mit Tyler in einer ziemlich deftigen Beziehung zusammen ist. Der Fight Club gewinnt an Größe und trifft sich regelmäßig, und der Kampf dominiert mehr und mehr Jacks Leben. Er lässt sich gehen, vernachlässigt sein Äusseres und seine Arbeit und schmeisst schliesslich sogar seinen Job.
Doch das Ganze nimmt ungeahnte Ausmaße an. Bald gibt es Fight Clubs in mehreren Städten, Tyler rekrutiert eine Privatarmee und plant terroristische Aktionen. Als Jack endlich aufwacht (und dies ist im Wortsinn gemeint), will er die Notbremse ziehen, doch das erweist sich als schwierig – denn Tyler ist verschwunden. Die Suche nach ihm wird schließlich zur Suche nach sich selbst, als Jack erkennt, dass er selbst schizophren und Tyler ein Teil seiner eigenen Persönlichkeit ist. Den versucht Jack nun wieder einzufangen, was zu einem fulminanten Finale führt, welches mit einer durchschossenen Wange, diversen gesprengten Hochhäusern und einem zweiten Start mit Marla endet…
Ich bin Jacks grinsende Rache Charaktere und Dialoge definieren die Botschaft
Wer nun meint, mit dem Verraten der Wendung, dass Jack und Tyler eine Person sind, hätte ich die erste Regel des Fight Club gebrochen, der irrt. Erstens dürfte das Ende mittlerweile hinlänglich bekannt sein, und zweitens kann man sich dem Film kaum nähern, ohne diesen Umstand zu erwähnen. Schon im Prolog sollte deutlich werden, wo das hinführt. Wer nämlich an der reinen Handlung hängenbleibt, findet zu dem Werk keinen Zugang. Und ich kenne einige, durchaus nicht unterbelichtete Menschen, die mit Fight Club so gar nichts anfangen können: „Da wird doch nur rumgekloppt.“ Diese Ansicht vertreten wohl jene, die ihren kleinen, inneren Tyler sorgsam weggesperrt haben. Das sei ihnen vergönnt, wenn das für sie funktioniert.
Die bitterböse, kritische und durchaus satirische Komponente des Films manifestiert sich in der Zeichnung der beiden Hauptfiguren und den Dialogen. Da ist Jack, der so vieles hat, was wir an uns selbst sehen und doch lieber nicht sehen wollen: der mit dem Handy auf dem Lokus sitzt und die neuesten Möbel aus dem IKEA-Katalog ordert. Der sein ganzes Leben im Halbschlaf herunterspult. Der sich von seinem Arbeitgeber willenlos in jeden Flieger und jeden ekligen Auftrag bugsieren lässt. Und da ist Tyler, der so manches hat, was wir gern hätten und wären, aber nicht zuzugeben bereit sind. Der am Flughafen kurzerhand eine Luxuskarre requiriert, um heimzufahren. Der bei Empfängen schon mal in die Suppe pinkelt und in die Sahne ejakuliert. Der abgesaugtes Fett aus einer Klinik klaut, um daraus Seife zu produzieren.
Um Klarheit zu schaffen: kaum einer von uns möchte diese Schweinereien nachmachen – darum geht es nicht, es geht um das furchtlose Überschreiten von Grenzen, um das Negieren von Zwängen. Diese überzogene Zeichnung beider Figuren zeigt zwei Möglichkeiten auf, mit der gleichen Realität umzugehen. Dann natürlich die Dialoge, bevorzugt zwischen den beiden Protagonisten. Wenn sie über das Kämpfen sprechen, reden sie in Wahrheit über das Leben: über ihre Beziehung zu ihren Vätern, über Fernsehen und Werbung, über Frauen. Im Akt des Kämpfens finden sie zu ihren Lebensgeistern zurück, im Reden über das Kämpfen finden sie Zugang zu den Themen, die sie bewegen und um die es sich in Fight Club dreht.
Wenn ich von Dialogen spreche, ist das nicht ganz präzise. Denn mindestens ein legendärer Monolog ist dabei – jener, in dem Tyler seine Ansprache vor dem Fight Club hält. Er spricht von verlogenen Versprechungen der Gesellschaft und von den enttäuschten Hoffnungen seiner Generation, mit dem Fazit: „Wir sind ganz kurz vorm Ausrasten.“ Nicht zu übersehen sind auch Jacks Off-Kommentare, die sich als Erläuterung seiner Gemütsverfassung durch den ganzen Film ziehen. Da diese Statements Ausdruck seines inneren Kampfes mit Tyler sind, kommt ihnen ebenfalls eine große Bedeutung bei. Bei all seiner drastischen Gesellschaftskritik, die sich unterwegs in wirklich heftigen Szenen äußert, zieht Fight Club mit dem Ende aber eine klare Grenze zu Auswüchsen wie Verbrechen und Terrorismus, die nun nichts mehr mit politischer Unkorrektheit und Selbstverwirklichung zu tun haben. Das tragische Schlußbild von der zerrupften Marla und dem angeschossenen Jack, wie sie Hand in Hand dem Explodieren der von ihm selbstgelegten Bomben zusehen, ist hier ebenso verstörend wie tröstlich zugleich.
Sie wissen nicht, dass sie’s gesehen haben Kamera und Regie in Perfektion eingesetzt
Tyler Durden hat in Fight Club unter anderem einen Job als Filmführer. Hier schneidet er mit diebischer Freude Einzelbilder pornographischen Inhalts in Kinderfilme – so mischt sich dann schon mal Cinderella mit einem Penis. Nachweisbar werden solche Einzelbilder ja vom Unterbewusstsein wahrgenommen, bleiben dem Bewusstsein jedoch verborgen. Diese Technik spiegelt einen wichtigen Aspekt des Films wider: einerseits die Manipulation des Individuums durch die Medien, andererseits das Durchstoßen des unterbewussten Tyler ins Bewusstsein von Jack. Konsequent hat Fincher, als Regisseur kurioserweise nur vierte Wahl für diesen Streifen, dieses Stilmittel auch im Film selbst verwendet. Wer gut aufpasst, kann die eingeschnittenen Bilder an der einen oder anderen Stelle entdecken. Auch das Eingangszitat dieser Rezension ist übrigens kein Filmzitat, sondern eine dieser Millisekundeneinblendungen, die es allerdings nur im Vorspann einiger DVD-Versionen gibt.
Fincher übertreibt den Einsatz stilistischer Mittel gern, das kennen wir beispielsweise von „Alien3“ oder noch stärker vom farblich stark bearbeiteten „Se7en“. In Fight Club treibt er die sichtbare Stilistik noch weiter, was dem Film allerdings gut tut, weil es den surrealen Charakter betont. So streut Fincher bei Vor- und Rückblenden (eigentlich ist der ganze Film eine Rückblende, da er zeitlich mit der Endsequenz beginnt) bisweilen Tempowechsel ein, arbeitet – wie schon erwähnt – intensiv mit dem Wechsel von On- und Off-Stimmen. In einer Rückblende, die Tylers Nebenjobs beschreibt, steht Jack wie ein Nachrichtensprecher in der Front des Bildes, und Tyler spricht aus dem Hintergrund mit ihm – eine brillante Umsetzung der Auflösung von Zeit und Raum. Jedoch wirkt Finchers Regie bei aller Spürbarkeit – denn Zurückhaltung liegt ihm nicht – niemals aufdringlich oder unpassend. Bei Fight Club fügen sich Inhalt, Botschaft und Umsetzung in den perfekten Dreiklang, welchen man für ein Meisterwerk benötigt.
Mann, ich sehe hier die besten und klügsten Männer Die Akteure: Norton, Pitt, what else?
Die Wahl der beiden Hauptdarsteller Edward Norton (Jack) und Brad Pitt (Tyler Durden) erwies sich als wahrer Glücksgriff. Beide liefern ein facettenreiches Spiel, gehen absolut in ihrer Rolle auf, beweisen Mut zu Dreck und Hässlichkeit. Und sie liefern sich ein schauspielerisches Duell, das es von Taylor und Burton (Wer hat Angst vor Virginia Woolf) bis de Niro und Rourke (Angel Heart) mit allen großen Battles aufnehmen kann, die Hollywood hervorgebracht hat. Der Ausgang ist für mich unentschieden: Pitt balanciert den Charakter des Tyler zwischen Zynismus, Boshaftigkeit und Verachtung perfekt aus. Auch hier waren unterschiedliche Besetzungen im Spiel, beispielsweise Russell Crowe, aber nach dem Dreh war man ausnahmslos froh, sich für Pitt entschieden zu haben. Norton, ein außergewöhnlicher guter Akteur, steht ihm nicht nach. Seine Rolle ist schwieriger, da er im Handlungsverlauf eine enorme Wandlung durchmacht, aber gerade diese Transformation bedient er grandios.
Gegen die beiden Protagonisten kann sich Helena Bonham Carter als Marla kaum durchsetzen. Die Frauenrolle ist allerdings in diesem Kontext auch sehr schwierig, diverse Namen von Rang und Klang haben von sich aus der Produktion einen Korb gegeben. Eher ein lustiger Sidegag ist der dicke Sänger Meat Loaf als prügelnder Krebskranker Cornelius, für den Part aber genau die passende Besetzung.
Das ist der größte Moment Deines Lebens Fazit: ein Meisterwerk ohne Schwächen?Bei soviel Lob für Gesamtwerk und Einzelleistungen: gibt es denn nichts zu kritisieren? Doch.
Der Film schwächelt im letzten Drittel, wenn die zuvor intelligente bis subtile Satire etwas abflacht in plumpe Terrorkomik. Die Darstellung von Tylers Privatarmee, die er zur Ausführung des „Projekt Chaos“ rekrutiert hat, ist nichts weiter als das Abbild hirntoter Stiernacken in faschistischen Schwarzhemden. Hier verliert der Film auch in seiner Bild- und Aussagekraft an Fokussierung. Das bleibt aber dankenswerterweise nicht bis zum Ende so, sondern wird erlöst durch die Schlußsequenz, wenn der verschollene Tyler sich mit einer bombigen Überraschung zurückmeldet. Ansonsten aber wäre jedes Kritteln an einzelnen Aspekten Jammern auf ganz hohem Niveau. Fincher hat hier unzweifelhaft ein Meisterwerk mit dauerhafter Geltung hingelegt, einen Meilenstein. Auch den bisherigen Skeptikern sei anempfohlen, es einmal mit diesem Opus zu versuchen.
Epilog
Wer ist also dieser Tyler? Du bist es. Ich bin es. Wer mehr wissen will, muss den Film sehen.
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13.04.2013 09:16
Mit Genuss diesen Bericht gelesen. Bh
21.01.2013 16:55
Die Wertung fällt mir sehr schwer. Einerseits ist der Bericht wirklich gut geschrieben, andererseits gehöre ich zu den Leuten, die sich an den Schluss nicht mehr erinnern konnten. Ich habe den Film noch nicht richtig gesehen, habe ihn nur vor zwölf Jahren beim Bund teilweise mitbekommen, weil meine Stubenkameraden ihn sich angesehen haben, ich aber an dem Abend keine große Lust auf Film hatte. Ich wusste noch, dass der Schluss aber sehr interessant war. Dann ist der Film von meinem Radar verschwunden, bis beim Bruder sich die DVD gekauft hat. Aber angesehen habe ich ihn mir seitdem nicht. Na ja, jetzt kenne ich halt den Schluss - zumindest zum Teil. Nee, das darf man nicht machen bei einem Bericht. Ein bisschen ärgere ich mich jetzt schon, dass ich den Bericht gelesen habe. Na ja, dann warte ich noch ein paar Jahre. Vielleicht vergesse ich es dann wieder ;) Wertung überlege ich mir noch ;)
19.01.2013 16:44
ich finde den eingebauten Spoiler nicht schlimm, gehöre nämlich zu den Leute, die den Ausgang gerne mal vorher wissen wollen. Einfach nur genialer Bericht.