Ich muss zugeben, dass ich ganz heiß war auf 'Flucht zum Mars', weil ich bis dato noch keinen einzigen Science-Fiction-Roman gelesen habe. Na doch, zwei fallen mir ein, hab ich aber nie zu Ende gelesen. Auf den 'Warenkorb' geklickt und da war es meins.
Die Story:
**************** Alles dreht sich um eine Gruppe Menschen auf dem Mars mit der festen Überzeugung, es handele sich um ein Spiel, eine Inszenierung, mit vielen Kameras und ebenso vielen Zuschauern. Zum Zeitpunkt der Ankunft auf dem Roten Planeten ist deshalb noch nicht klar, ob es sich um unglaublich authentische Kulissen, oder die Wirklichkeit handelt. Bald schon kommen Zweifel auf, denn nach einem Unfall, und einem darauffolgenden Hilferuf zur Erde, wird klar, dass die acht Freunde auf sich gestellt sind. Die schroffen, lebensfeindlichen Landschaften aus Wüsten, Fels- und Vulkangestein, und bedrohliche Sandstürme machen die letzte Hoffnung auf eine Simulation schließlich zu Nichte. So fahren sie mit einem Raupenfahrzeug durch Täler und tiefe Schluchten, die einst Wasser führten, und verlassen ihr Gefährt nur, um mit einem Reaktor Strom zu erzeugen und Wasser zu fördern.
Rettung sehen die Freunde in einer Festung auf dem Gipfel eines Vulkans, wo vor 200 Jahren Chinesen im Krieg Zuflucht suchten. Hier gibt es möglicherweise lebenserhaltende Systeme, atembare Luft und Nahrung sowie ein Raumschiff, dass zur Rückreise gereichen könnte. Wenn ihre Situation nicht immer neue Fragen aufwerfen würde! So scheint einer der Reisenden mehr zu wissen, als die anderen. Seltsame Wesen treiben zudem ihr Unwesen und entführen nach und nach die Menschen.
Kritik
********** Mehr zu erzählen würde der Geschichte den Boden nehmen, sie lebt von den Wendungen und ist in ihrer Substanz wenig originell. Zwar werden einem atemberaubende Beschreibungen der Umgebungen geboten, eine Art Utopie inszeniert, in der Menschen unter der Kontrolle einer übergeordneten, digitalen Macht Leben, die über Sitte, Ordnung und Wissen wacht. Die Story aber kommt nicht recht in Schwung und verpasst nach der Hälfte, wenn man ein Mehr an Spannung erwarten möchte, komplett den Anschluss.
Nun gibt es eben jene merkwürdigen Wesen und lebensbedrohliche Situationen, u. a. wenn das Raupenfahrzeug einer Landmine zum Opfer fällt, und sich die Freunde in ihren Raumanzügen über das steinige Gelände aufmachen müssen, um die Festung zu Fuß zu erreichen. Meist ergeht sich der Erzähler dabei in endlosen Beschreibungen der Landschaft und oftmals sinnlosen Gesprächen der Figuren, die fast ausschließlich nach unseren heutigen Maßstäben ungebildet erscheinen, was seine Wurzeln in der digitalen Übermacht hat, die keine Wissenschaften mehr zulässt. Ihr Wissen beschränkt sich nur auf Dinge, die keine Maschinen verrichten können, was im allgemeinen die Verwaltung oder Soziales betrifft. Vielleicht sind es auch die Charaktere, die etwas lieblos gestaltet scheinen, zu denen man keinen rechten Zugang gewinnen will. Oder es liegt am Sprecher, der doch schon mal etwas zu langsam spricht, um richtige Spannung aufkommen zu lassen. Ein wenig mehr Dynamik in der Sprechgeschwindigkeit hätte dem sicher gut getan.
Gefallen, haben zumindest die Episoden der einzelnen Personen, die an das Füllwerk von der TV-Serie 'Lost' erinnerten. Sie schildern Gesetzesübertretungen der Figuren. Die Konflikte mit dem Überwachungsstaat trugen nunmehr dazu bei, dass ein Jeder von ihnen sorgfältig für die Marsmission ausgewählt werden konnte. Sie mussten für diese Mission stark und widerstandsfähig sowie Durchsetzungsvermögen aufweisen. Sicher nicht die typischen Eigenschaften der Normalbevölkerung. Zu alldem kamen besondere Fähigkeiten, wie die ärztliche Ausbildung Sylvies, die Körperkraft Cassius, oder der Drang zu Extremen von Alf. Ein zweiter Aspekt, der mir recht gut gefiel war die Spielvernarrtheit der Menschen in der Zukunft. Offenbar füllen diese Spiele, die ganz nach Art 'Big Brother' gestaltet werden und in verschiedenen Kulissen auf der Erde stattfinden, z.B. in einer Unterwasserstation, das Leben der Menschen völlig aus. Arbeiten muss man nicht mehr, wenn man nicht möchte, und so sitzen die Erdenbewohner vor der Glotze schauen sich die Erlebnisspiele an, oder nehmen an ihnen Teil. Die Versorgung, Sicherheit und Händearbeit werden von den Maschinen verrichtet.
Wie Eingangs erwähnt, gibt es auf der Mission eine Zwiegestalt, die erst ganz am Schluss ihr wahres Gesicht enthüllt und nicht vor Mord zurückschreckt. Allerdings hätte man die Spannung schon etwas früher steigern können, wenn man dem wahren Wesen der Zwiegestalt mehr Raum gegeben hätte, eine frühe Auflösung hätte dazu gereicht, anstatt die Story zunehmend mit allerlei Merkwürdigkeiten und Rätsel auszustatten. Intrigen und tiefere Emotionalitäten finde ich interessanter. Nicht zu vergessen sind aber die Ideen und das fachlich kompetente Wissen des Autors, der mit ausschweifenden Worten, ganze Landschaften im Kopf erschaffen lässt und über die Gegebenheiten auf dem Roten Planeten umfassend informiert. Tolle Bilder!
Jetzt noch ein wichtiger, unumgänglicher Punkt, der die Wirkung der Gesamtstory doch erheblich mildert. Wie erwähnt hätte man die Gedanken, Emotionen und Passionen der acht Charaktere etwas mehr innerhalb der Handlung verdichten müssen. Anhand der Rückblenden gelingt dies schon ganz gut, wirkliche Ausbrüche und Ängste dagegen sucht man bei den Teammitgliedern vergebens. Es scheint fast, als wären die Charaktere anteillos, und desinteressiert, was in einer solchen Ausnahmesituation, mit der Ungewissheit auf ausreichende Nahrung, Wasser und Energie, schwankenden Außentemperaturen von fast 200 °C zwischen Tag und Nacht, und seltsam anmutenden Insekten, die die Gefährten entführen, unmöglich ist. Sicher könnten einige paralysiert sein, sich ihrem kümmerlichen Schicksal, ihrer Demotivation hingeben und resignieren, dass sich die komplette Gruppe so verhält, ist eher auszuschließen.
Nur um ein Beispiel zu nennen, werden fast alle Mitglieder der Gruppe vor Sylvies Augen entführt. Als Alf sie erreicht erzählt sie ihm ruhig, was passiert ist, ohne einen Anflug von Panik, oder ähnlichen Gemütsregungen. Wenn mich solche Monster angriffen, würde ich mich erstmal verstecken, aber gut. Auch Gespräche verlaufen in diese Richtung und sind wenig anregend, oder sonderlich konstruktiv, niemandem scheinen die Landschaften zu berühren und niemand wirft Einwände ein, Konflikte zwischen den Personen kommen nicht zu Stande. Verwunderlich, vielleicht auch nicht, denn...
Der Autor:
****************
...Herbert W. Franke hat neben Mathematik, Physik und Chemie auch Psychologie und Philosophie studiert. Unglaublich! So lässt er seine wissenschaftlichen Arbeiten in seine Utopien einfließen. An seinen Ideen und Anregungen lässt er den Leser teil haben, entwirft neue, unbekannte Welten, und das, seit 1953 seine ersten Science-Fiction-Geschichten in der Wiener Kulturzeitschrift 'Neue Wege' erschienen. Seit 1957 ist er freier Schriftsteller. 1980, in dem Jahr in dem er zum Mitglied des Deutschen PEN-Clubs gewählt wurde, bekam er seinen Professortitel verliehen.
Weitere Werke bei dtv:'Sphinx' (2004)
'Cyber City Süd' (2005)
'Auf der Spur des Engels' (2006)
Sprecher:
**************** Der in Berlin geborene Hans Eckardt hat inzwischen für mehr als 100 Hörbücher gesprochen. Ich kann nicht sagen, ob es am Autor lag, oder an der monotonen Stimme Hans Eckardts, den ich hier keinesfalls diskreditieren will, aber das Hörbuch hätte an vielen Enden und Ecken schneller und lebendiger sein können. Dennoch ich hab ihn auch schon in anderen Produktionen belauscht und kann mich durch seine professionellen Vorlesungen immer voll und ganz auf Gesagtes konzentrieren, was langes Hören nicht anstrengend werden lässt. Mir ist aufgefallen das er sehr viel Wert auf Ruhe und betontes Sprechen legt. Kein Wunder er arbeitete 14 Jahre als Schauspieler und hat Germanistik und Sprechwissenschaft studiert. Heute widmet er sich dem Lehren und Sprechen der Rezitationskunst und produziert weiterhin Hörbücher.
Fazit:
************* Trotz der farblosen Figuren kann man sich auf gute Unterhaltung freuen. Kleine Kurzgeschichten werden in die Handlung gestreut, was den Erzählfluss etwas bremst, aber für Aufklärung sorgt. Leider wird hierdurch auch der Spannung die Luft entzogen.
Viele Ideen werden verarbeitet, die für Inspiration sorgen und zum Nachdenken anregen können. Interessiert verfolgt man die Geschehen in einer möglichen Zukunft, die im Goldenen Zeitalter endet, wo Menschen sich ungehindert dem Vergnügen hingeben können, ohne Arbeiten zu müssen. Dass sie dafür starke Einschränkungen in der Lebensweise hinnehmen müssen bemerkt kaum jemand. Zum Glück des Lesers/Hörers nimmt auch das zum Schluss des Romans ein Ende und eine neue Zeit beginnt, auch für die auf dem Mars verschollenen Freunde. Ich hab mich irgendwie auf spannende Science Fiction gefreut. Was ich hörte, war eine Mischung aus einem 'Big Brother' der Zukunft, der TV-Serie 'Lost', nur dass die Hauptfiguren auf dem Mars und nicht auf einer Insel, allenfalls aber von der Zivilisation getrennt, waren und begleitet von Rückblenden ihres Lebens, und utopischen Ideen, um den Alltag in 300 Jahren.
Herbert W. Franke gelingt eine gewaltige Bildsprache, die der Spannung zuweilen abträglich werden kann, wie man sich denken mag. Seine eingestreuten Utopien basieren auf den Erkenntnissen seiner wissenschaftlichen Arbeiten. Ich kann 'Flucht zum Mars' guten Gewissens empfehlen!! Wegen der schwachen Personenzeichnung, die sich auch auf die Spannung auswirkt, ziehe ich trotzdem zwei Punkte ab.
Die Daten:
*****************Erschienen: Mai 2007
Autor: Herbert W. Franke
Laufzeit: 6 h und 27 min
Erzähler: Hans Eckardt
Anbieter: Verlag und Studio für Hörbuchproduktionen Marburg
Version: Ungekürzt, Belletristik, Science-Fiction
Format: Audible-Format
Regulärer Preis: 19,95 € (Audible.de)
29.03.2009 23:43
Ich lese gerade das gedruckte Buch. Ebenfalls empfehlenswert. Jedenfalls ausführlicher und vollständiger Bericht. LG Fippsi
27.10.2008 13:32
Ach wär' das schön Big Brother oder DSDS auf dem Mond und noch besser auf dem Mars, natürlich mit Deutschlands Ekelpaket Nummer 1 unseren Dieter Bohlen., welcher höchstens hinsichtlich des Brechreizes noch von einigen Spitzenpolitikern eingeholt werden könnte! Aber das sind halt' Träume, wenn's einmal wahr wird, werde ich vermutlich auch nicht mehr auf unserer "alten" Erde weilen! TOP-Bericht und LG Günter
16.07.2008 23:23
Gespräche von Figuren, die fast ausschließlich nach heutigen Maßstäben ungebildet erscheinen...sowas gibt's auch auf der Erde...*gg...Gruß LillyS.