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260 Seiten... schön bunt!

3  04.06.2001 (05.06.2001)

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Empfehlenswert: Nein 

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ThomasV

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Helmut Markworts Fazit nach 24 Stunden als Ministerpräsident von Hessen: „Ich möchte jedenfalls nicht in die Politik wechseln“.
Helmut Markwort ist Chefredakteur des „Focus“ und als solcher braucht er nicht in die Politik zu „wechseln“ – er hockt mitten drin! Schließlich entscheidet er Woche für Woche, was auf dem Titel des Nachrichtenmagazins steht, welche Themen groß rauskommen und damit Gesprächthemen in Kantinen und Kneipen werden und welche Themen zum Wohle der Auflagenentwicklung zu vernachlässigen sind...

Der Focus und ich:

Ich hatte aufgehört in den Focus zu schauen, seit die Schwarze Koffer-Affäre der CDU über Wochen hinweg totgeschwiegen bzw. relativiert wurde. Spätestens bei dem Theater um unseren fülligen Ex-Kanzler und Ex-Ehrenvorsitzenden einer großen deutschen (Ex-?)Volkspartei, wurde deutlich, wohin Kapitän Markwort seinen Dampfer „MS Focus“ zu manövrieren gedachte...

Auch der vorübergehende Amtswechsel mit dem Unterschriftensammler gegen die Doppelte Staatsbürgerschaft, „brutalst möglichem Aufklärer“ und reumütigem Schwarzgeld-Vertuscher, ist für mich keine Zufallsentscheidung, sondern ein Treffen zweier verwandter Seelen.

Als nomaler Zeitschriften-Konsument gelangt man selten in den Genuss, den Weg eines Artikels nachvollziehen zu können, der erscheint... oder eben nicht erscheint. Dank einiger glücklicher Umstände durfte ich nun miterleben wie das Interview mit einem gewissen Herrn Speck seit Wochen im Focus nicht erscheint...

Ich bin von einigen Vertrauen hier bei Ciao auf den kommenden Focus hingewiesen worden: „unbedingt kaufen!“ Angeblich sollte Justizministerin Herta Däubler-Gmelin ordentlich Kontra bekmmen. Das wäre ja noch nachvollziehbar gewesen, schließlich nutzt das bürgerliche Nachrichtenmagazin jede Chance, Schröders Kabinett Unfähigkeit nachzuweisen. Stutzig wurde ich, als ich das Thema erfuhr: Däubler-Gmelin hatte vor vier Jahren in einem Buch gemeinsam mit Herrn Speck die schärfere Verfolgung von Kinderschändern und den intensiveren Schutz misshandelter Kinder gefordert. Heute ist die harte Herta schon zweieinhalb Jahre im Amt ohne ihre eigenen Forderungen auch nur ansatzweise umgesetzt zu haben...

Inhalt:

Hm, ist das wirklich ein Focus-Thema, grübelte ich. Naja, ich wollte mich gerne positiv überraschen lassen und meine alten Vorurteile gegen den Focus revidieren. Hoffnungsvoll kaufte ich mir also vergangenen Sonntag die Pfingstausgabe des Focus. Ich glaubte auch, den angekündigten Beitrag sogleich gefunden zu haben – zwar nicht auf dem Titel, aber immerhin auf Seite 79: „Opferschutz...“. Dort strahlte mir auch schon Justizministerin Herta Däubler.Gmelin entgegen und ich dachte: „Ja, hier bin ich richtig!“

Pustekuchen! Es ging zwar „irgendwie“ um Opfer und Schutz, aber eigentlich ging es um eine gerechtere Verteilung des Schmerzensgeldes und um einen pragmatischeren Umgang mit dem Adhäsionsverfahren (=Möglichkeit des Richters, die Wiedergutmachung für das Opfer während der Hauptverhandlung zu bestimmen)... auch interessant, aber nicht die erwartete Abrechnung mit der leihweichen Justizministerin in Bezug auf Verfolgung von Kinderschändern und auch kein Wort über den effektiveren Schutz der schutzbedürftigsten „Randgruppe“ unserer Gesellschaft: gequälte, misshandelte und verängstigte Kinder.

Einerseits war ich enttäuscht, andererseits seltsam beruhigt: Mein Misstrauen gegen dieses „moderne Nachrichtenmagazin“ war und bleibt gerechtfertigt – Der Focus setzt seine Schlaglichter dort wo er (wo Herr Markwort) es für nötig hält. Im aktuellen Heft sind das eklatante Themen wie:
Migration (Einwanderung) Pro und Contra
Expedition zur maskulinen Psyche
Telekom – (Ron) Sommers Hoffnung
Verheizte Kohle – Milliardenloch im Berliner Hauhalt.

Da ich nun schon mal 450 Pfennige für eine Zeitschrift ausgegeben habe, die nicht das beinhaltete, was ich erwartet habe, ackerte ich mich missmutig durch die Artikel-Landschaft: Die Mehrzahl der 68 im Inhalt aufgelisteten Beiträge scheinen sich mit den Thema Geld zu beschäftigen. Warum es noch einen Ableger namens „Focus Money“ gibt, ist mir schleierhaft - Wirtschafts-, Anlage- und Spartipps finde ich bereits im "normalen" Focus haufenweise...

Im Vorüberblättern stoße ich auch auf den Beitrag „Verbrecherjagd im Netz“, in dem kurz das Thema Kinderpornografie angerissen wird. In der Internet-Diskussion wird das Porno-Argument dauernd hervor gekramt, um den härtere Kontrollen zu rechfertigen. Aber was nützt die totale Kontrolle im Netz, wenn die Täter im realen Leben nicht konsequent weiter verfolgt werden? Aber soweit geht der Artikel nicht...

Fazit:

Ich weiß zwar nicht, wie die Redakteure vom Focus Herrn Speck am Dienstag erklären werden, warum das Interview nun wieder nicht erschienen ist, aber ich kann’s mir vorstellen:
„Verstehen Sie doch, Herr Speck, wir hatten keinen Platz mehr. Von unseren 260 Seiten sind rund die Hälfte mit Anzeigen zugepflastert, ein Viertel der Fläche benötigen wir für Bilder, Grafiken und großzügig gestalteten Headlines. So stehen uns eigentlich nur 75 Seiten für Beiträge zur Verfügung und wir hatten sooo viele spannende Themen diese Woche. Da war leider kein Platz für das Interview mehr...“

Gut gut, es sei ihnen verziehen, wenn es wirklich nur aus Platzmangel geschah... Aber vielleicht steckt auch mehr dahinter. Vielleicht ist das Thema ein wenig zu brisant, denn nicht nur die heutige Bundesregierung verpennt den Schutz der nächsten Generation, auch Kohl & Co hatten sich viel Mühe gegeben, dass Thema zu umschiffen...

Andrew Vachss, Kinderanwalt aus New York warnt die Europäer schon seit Jahren: Eine Gesellschaft, die den Schutz ihrer Kinder vernachlässigt, sei krank und gestört. Und die Lobby der Schänder sei größer und besser organisiert, als wir ahnen könnten... Wenn Vachss mit seinen Andeutungen recht hat, muss sich Markwort fragen lassen: „Auf welcher Seite stehst du, Helmut?“


Faktenfaktenfakten:

Weil Ciao-Leser angeblich so drauf stehen, zum Schluss noch schnell eine kleine Produktbeschreibung:

Das mir vorliegende Heft ist ein Exemplar der Ausgabe 23 vom 2. Juni 2001. Es ist für DM 4,50 im Zeitschriftenhandel erhältlich und liegt mit seinen 21,5 mal 26,5 Zentimeter recht gut in der Hand. Das Heft ist durchgehend farbig gedruckt und beeindruckt auch den Analphabeten mit einer Fülle bunter Bilderchen. Das Gewicht liegt bei einem Umfang von 260 Seiten bei ca. 350 Gramm – genauer vermag ich es nicht zu sagen, das mir in Ermangelung einer Haushaltswaage nur eine Personenwaage zu Verfügung stand...

Als Anmach-Material für den Kamin ist der Focus nicht zu empfehlen, da das speziell für den Offset-Druck gestrichene Papier unter Hitzeinwirkung dioxinhaltige Gase entwickelt.


Vorsicht: Nicht lesen!

Dieser letzte Absatz ist nicht AGB-konform, weil ich auf den Beitrag eines anderen Ciao-Autoren verweise. Also, wem es nicht passt, einfach weggucken...
Einen sehr engagierten Artikel zu dem Thema, über das der Focus eben NICHTS schreibt, findet ihr bei Fostermom: „Gegen das Vergessen“!

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
doeter

doeter

04.03.2008 23:31

Andrew Vachss. Von dem habe ich (wenn ich mich nicht irre) einige Krimis im Keller. Klingt komisch, ist aber so.

Jonas_Prior

Jonas_Prior

22.04.2003 21:10

du vertrittst meine meinung! Es ist wirklich ein CDU-Parteimagazin, wobei ich hier nichts gegen die Cdu sagen will, eher gegen Focus, die nicht sachlich und unparteiisch schreiben!

qtip42de

qtip42de

05.02.2002 18:11

focus ist mir viel zu oberflächlich (geworden). man erfährt von vielem so gut wie garnichts. von essenz kann da kaum eine rede sein. die gross angekündigten titelthemen halten auch meist nicht was sie versprechen. als die zeitung neu war, hat sie mir noch gut gefallen.

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