Forrest Gump (Film)

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Forrest Dumb

2  25.10.2001 (24.03.2004)

Pro:
Hervorragende Tricktechnik, überzeugende Schauspieler

Kontra:
Kitschig, platte Story, fast alles geklaut

Empfehlenswert: Nein 

Details:

Humor

Spannung

Anspruch

Action:

Romantik:

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sp67

Über sich: Back in the saddle again.

Mitglied seit:20.12.2000

Erfahrungsberichte:61

Vertrauende:21

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 58 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Forrest Dump

Wenn ein mittelmäßiger Künstler ein mittelmäßiges Werk schafft, ist das nicht weiter verwunderlich. Wenn aber ein erstklassiger Künstler solcherlei verbricht, ist das eine peinliche Mißachtung des Publikums. Forrest Gump ist ein mittelmäßiger Film eines guten Regisseurs (Robert Zemeckis), der es geschafft hat, diese Mittelmäßigkeit unter einer so dick aufgetragenen Schicht von Beiwerk zu verpacken, daß sie kaum jemandem aufgefallen zu sein scheint. Im Gegenteil, Forrest Gump war der Renner des Kinojahres '94 und erfolgreich bei Kritik und Kasse, zuletzt bei der Oscar-Verleihung '95, wo er Pulp Fiction unverdientermaßen, aber vorhersagbar im Regen stehen ließ. [1]

Aber zunächst einmal zu den Pluspunkten:

Tom Hanks. Hervorragendes Spiel, das eigentlich gar keinen Kommentar benötigt. Wenn ein Schauspieler wie Hanks so eine Rolle bekommt und keinen Oscar daraus machen kann, sollte er in Rente gehen. Wie Roger Ebert in seiner Kritik richtig bemerkt, kann man nach dem Film kaum sagen, was genau einem an Hanks Spiel gefallen hat, man behält einfach nur die Figur in Erinnerung, und das ist wohl das Beste, was man einem Schauspieler nachsagen kann.

Die special effects. Traumhaft, alptraumhaft realistisch. Forrest schüttelt die Hände von Kennedy und Nixon, wandelt zwischen Anti-Vietnamkriegs-Demonstranten im Washington der frühen siebziger umher, und nicht einen Augenblick lang hat man das Gefühl, die Aufnahmen seien keine Originale aus dem Archiv. Alptraumhaft deshalb, weil spätestens dieser Film endgültig klarmachen sollte, daß wir unseren Augen heutzutage nicht mehr trauen dürfen. Bis vor wenigen Jahren waren Filmtricks, egal wie teuer und spektakulär, immer noch durch irgendwelche Kleinigkeiten als Illusionen zu erkennen: kleine Schatten an den Rändern, Fehler in der Tiefenschärfe, das Gefühl eines Knicks in der Optik, irgendwas konnte man bei genauem Hinsehen immer finden. Spätestens seit Forrest Gump muß uns klar sein, daß mittlerweile alles, was wir in Film und Fernsehen gezeigt bekommen, eine vollständige Illusion sein kann.

Aber trotz dieser Leistung der Tricktechniker ist darauf hinzuweisen, daß es Woody Allen war, der bereits zehn Jahre früher dieselbe Idee hatte, als er seinen Zelig mit Charlie Chaplin Tennis spielen ließ und ihn hinter Hitler in die braune Masse stellte. Überhaupt ist Forrest Gump in vielen Punkten eine unverblümte Kopie von Zelig für den Massengeschmack. Aufwendiger und in Farbe, nicht in den Zwanzigern, sondern in den fünfziger bis achtziger Jahren angesiedelt, die ein Großteil der heutigen Kinogänger noch selber erlebt hat, und mit einem Helden, der statt mit unterentwickelter Persönlichkeit mit unterentwickeltem Intellekt zu kämpfen hat.

Leider versucht Forrest Gump nicht nur, sich dem heutigen Publikum mit der Zeit der Handlung zu nähern, sondern biedert sich auch in einer so unverfrorenen Art und Weise an, kopiert frechweg sämtliche denkbaren Kassenhits seiner Zeit und schreckt selbst vor bodenlosem Kitsch nicht zurück, daß ich die zweite Hälfte des Films stellenweise unerträglich fand.

Das Drehbuch hat keine eigenen Einfälle, sondern bietet ein Medley bewährt erfolgreicher Konstrukte aus Rainman (geistig Behinderter demonstriert in Hauptrolle seine enormen Spezialbegabungen und beschämt alle "Normalen"), Geboren am 4. Juli (junge Soldaten kehren verkrüppelt aus Vietnam zurück und finden über ihre Jugendliebe den Weg in die Friedensbewegung) und Schlaflos in Seattle (die geliebte Mami - amerikanische Filmmamis, ausgenommen Mrs. Bates, sind immer lieb und geliebt - muß jung sterben und läßt ihr Kind in der Obhut von Tom Daddy Hanks zurück).

Natürlich scheut man sich, über die Figur Forrest Gump etwas Negatives zu sagen, denn er ist ja nicht nur behindert sondern auch eine so umwerfend gute Seele von Mensch, daß Mark Twains Sonntagsschulvorbild aus der Geschichte vom guten Knaben neben ihm vor Neid erblassen müßte. Er kann ja auch nicht anders, denn als Behinderter darf er im Jahrzehnt der political correctness keine negativen Seiten haben - im Unterschied zu Dustin Hoffmanns genialem Rainman, der immerhin verdammt nervig werden konnte, wenn's ihm nicht nach seiner Nase ging. So ist Forrest denn einfach nur gut, und das so penetrant eintönig, daß es wehtut. Jeder Geschichtenerzähler weiß, daß es die negativen Seiten der Figuren sind, die einer Geschichte die nötige Würze geben: Ängste, Schwächen, unterdrückter Jähzorn oder irgendetwas, aber Zemeckis ignoriert das einfach und bringt damit Forrest Gump in die gleiche Misere wie es Jahre später Cameron mit Titanic machen wird: Eine technische Glanzleistung von Filmtechnik mit guter Besetzung verblaßt, weil der Star (Hanks bzw. diCaprio) einen eindimensional flachguten Charakter ohne jede Spur von innerem Konflikt darstellen muß.

Der Film läßt stellenweise die Genialität aufblitzen, zu der die Mannschaft wohl fähig war und die vermuten läßt, was aus dem Werk hätte werden können, wäre es nicht von vorne bis hinten auf Kommerz und Anbiederung ausgelegt. So sind die Kommentare des geistig angeblich "zurückgebliebenen" Forrest über die Welt, in der er lebt, von schön satirischer Bissigkeit. (Meine Lieblingsstelle ist seine erfreute Entdeckung, daß "die Army und ich zueinander paßten wie Topf und Deckel".)

Aber dann ist da dieser hirnrissige Anspruch, die 50er, 60er, 70er und 80er Jahre in ihrem kompletten Zeitgeist erfassen und mit hineinpacken zu wollen, während die Handlung stellenweise völlig auseinanderfasert zugunsten der "kulturgeschichtlichen Vielfalt". Nicht genug, daß Forrest Zeitzeuge unserer Ära sein soll, um durch seine Naivität deren Verrückheit aufzuzeigen, er muß auch noch Augenzeuge aller wichtigen Ereignisse sein, und so sieht er mit eigenen Augen den jungen Elvis genauso wie Jackie Kennedy, Dicky Nixon und die Öffnung nach China und natürlich den Watergate-Einbruch, entdeckt den Smiley und legt mit "Shit happens" den Grundstein der modernen Alltagsphilosophie. Damit bläht sich der Film unnötig auf und nimmt viel mehr Zeit in Anspruch, als für seine an und für sich einfache Geschichte nötig wäre, was noch nie einem Film gutgetan hat.

Als wär das noch nicht schlimm genug, sind da auch noch die Kitscheinlagen, die im letzten Drittel des Films so geballt zuschlagen, daß es nur noch von Übel ist: Da schwimmt der beinamputierte Leutnant, der nach dem Sturm wundersamerweise seinen Frieden mit Gott gefunden hat, selig im See und die Wolken türmen sich so himmlisch im Sonnenschein, daß mir als Vergleich nur noch Heiligenbildchen aus dem 19. Jahrhunderts einfallen. Da stirbt Forrests Mutter (Sally Fields, die in der ersten Hälfte des Films die hervorragende und überzeugende Darstellung einer Mutter zeigt, die für ihren Sohn die gleichen Chancen wie für die "normalen" Kinder erkämpft, dann aber wie alle anderen vor dem Drehbuch kapitulieren muß), und sie stirbt so gütig und tragisch und tränentreibend wie es zuletzt in Bambi gewagt wurde. Und am Grab ist der Himmel so schön einkoloriert, daß man nicht mehr überrascht wäre, stünde plötzlich Vivian Leigh neben Hanks, um ihn damit zu trösten, daß ihm doch immer noch Tara bliebe...

Und schließlich, als hätte Procter&Gamble an dem Streifen nicht schon genug verdient, gibt auch noch Forrests Freundin, Geliebte und wie wir jetzt erfahren auch Mutter seines Kindes, nach allen Regeln der Schmachtfetzenkunst den Löffel ab, als wollte sie Ali McGraw mal zeigen, wie das richtig geht. Ja, ich habe auch geweint - aus Angst, daß dieser Film nie mehr aufhört.

Auf meinem Grabstein wird vielleicht stehen: Hier ruht "Der-Forrest-Gump-nicht-mochte", aber dieser Film ist ein so unverschämt fremde Lorbeeren abkupferndes, dem Publikum nach der Nase laufendes und dabei einfallsloses, überladenes und verkitschtes Machwerk... Auch das Kino ist eben wie eine Schachtel Pralinen, man muß nehmen was kommt. ;-)


Ein Nachtrag (2004) zur Figur Forrest Gump:

Recht aufschlußreich ist, daß Forrest in Winston Grooms Romanvorlage etwas anders konstruiert ist; u.a. soll er dort über eine eigene Sexualität verfügen (vgl. [2]). Der Film-Forrest hingegen ist nicht nur diesbezüglich kastriert: Er verfügt weder über sexuelle (An)Triebe (seine Beziehung zu Jenny wird von ihr initiiert), noch über eigene Gedanken (seine sämtlichen Weisheiten sind das Nachplappern von Mamis Kalendersprüchen) oder gar eigene Ziele (Glück und Erfolg fallen ihm einfach in den Schoß und er ist so unbedarft, daß er sie nicht einmal als solche erkennt). Nun könnte man darin die tiefe Weisheit von Forrest Gump und seinen Machern sehen, ein Buddha-Tao-Mix für Arme: Begehren verursacht Leiden, und Glück liegt nur in der Begehrlosigkeit.

Aber bei Lao-Tse steht auch: "Immer begehrlich, und schaubar wird der Dinge Umrandung. Immer begehrlos, und schaubar wird der Dinge Geheimnis." Forrest Gump schafft es, völlig begehrlos zu sein und dennoch nur der Dinge Umrandung wahrzunehmen. Außer dem Tod seiner Mutter und seiner Jenny scheint ihn nichts von dem, was in der Welt passiert, irgendwie zu berühren. Daß dieser "nette junge Präsident" aus "keinem besonderen Grund" erschossen wird, daß er und andere junge Männer seiner Generation mit Waffen ausgerüstet und ans Ende der Welt geschickt werden, um dort zu töten und zu sterben, daß seine angeblich "geliebte" Jenny, von ihrem Vater mißbraucht, ihr Leben lang verzweifelt auf der Suche nach ihrem Stückchen Glück ist, ohne es je finden zu können, all das berührt ihn nicht wirklich und beunruhigt ihn noch weniger, weil er es nicht verstehen kann. Jenny hat natürlich vollkommen recht, wenn sie ihm vorwirft, er wisse gar nicht, was Liebe ist. Für ihn ist alles ganz einfach: das Leben ist eine Schachtel Pralinen und man muß nehmen, was man kriegt. Seine Mitmenschen kann und will er nicht verstehen.

Aus Jennys Biographie hätte man einen guten, bewegenden, kontroversen Film machen können, der eine Aussage macht und zum womöglich Nachdenken anregt. Forrest Gump ist ein Antiheld, ein Mann ohne Eigenschaften, ohne die geringsten Ecken und Kanten, an denen womöglich irgendein bible-belt-Prediger Anstoß nehmen könnte, eine nackte Projektionsfläche für alles und jeden. Dieser Film mußte ein Erfolg werden.

Daß der Film Forrest zum Erfinder des Smiley-Aufklebers macht, ist vielleicht der genialste Einfall des ganzen Drehbuchs und gibt mir im Nachhinein zu denken, ob Zemeckis und Roth (Drehbuch) nicht vielleicht doch subtiler waren, als sowohl Fürsprecher als auch Kritiker des Films gemerkt haben, wenn sie die Don't-worry-be-happy-Mentalität von einer Figur mit IQ 75 vertreten lassen...


Eine Linkliste zu verschiedenen Reviews steht auf http://www.colorado.edu/AmStudies/lewis/film/idiot.htm

[1] http://www.washingtonpost.com/wp-srv/style/longterm/movies/review97/fforrestgump3.htm

Und wer meint, mein Urteil über Forrest wäre zu hart, dem empfehle ich die Kritik von Hal Hinson aus der Washington Post:
[2] http://www.washingtonpost.com/wp-srv/style/longterm/movies/review97/fforrestgump1.htm

- Erstveröffentlichung 31.3.2001 auf dooyoo. Update 2/2004.


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Moviemonster

Moviemonster

13.07.2006 17:19

Wow das ist nicht nur eine unglaublich detaillierte kritik,die Verweise auf z.b Zelig und das unfassbare Volumen an geklauten Ideen haben mich beeindruckt,damit kommst du sofort in mein abo.

mozarteum

mozarteum

25.02.2006 14:15

trotz allem hat er mich gut unterhalten ... .-)) ... lg mozarteum

samwise1988

samwise1988

10.12.2004 18:08

oh man schlechter Bericht!

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