Erfahrungsbericht über

Forrester - Gefunden! (DVD)

Gesamtbewertung (90): Gesamtbewertung Forrester - Gefunden! (DVD)

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Die erste Fassung schreibt man mit dem Herzen.

4  25.03.2001

Pro:
hervorragende Darsteller, schöne Bilder, ruhige Stimmung

Kontra:
überflüssige Nebenhandlungen, langatmige Sequenzen

Empfehlenswert: Ja 

Tyrel

Über sich: Ich erzähle euch von Dingen und Erlebnissen aus meinem Leben, die mich wirklich beschäftigen oder in...

Mitglied seit:24.10.2000

Erfahrungsberichte:183

Vertrauende:108

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 127 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

So lautet einer der Ratschläge, die der alternde Schriftsteller William Forrester seinem jungen Schützling mit auf den Weg gibt.

Eigentlich hat sich William Forrester von der Gesellschaft zurückgezogen. Seine bisher einziger Roman „Avalon Landing“ ist zu dem Klassiker des 20. Jahrhunderts geworden und wird noch nach 40 Jahren an den Schulen und Universitäten als Pflichtlektüre gelesen.

Forrester hat mit diesem Teil seines Lebens abgeschlossen. Völlig isoliert von seinen Mitmenschen lebt er in einem abgewrackten Backsteinhaus in der Bronx und lässt sich von einem Bringdienst verpflegen. Das Haus verlässte er nie. Sein Kontakt zur Außenwelt beschränkt sich auf den Blick aus dem Fenster. Seine Identität hält er geheim. Niemand kennt seinen wahren Namen und seine wahre Geschichte.

Die auf der Straße Basketball spielenden schwarzen Jungen nennen den mysteriösen Mann, dessen Silhouette sie manchmal beobachtend hinter der Gardine sehen, das „Das Fenster“. Die kuriosesten Gerüchte über den Einzelgänger machen die Runde. Der 16-jährige Jamal Wallace lässt sich von seinen Freunden provozieren, als Mutprobe heimlich über die Feuerleiter die Wohnung des Mannes zu betreten, um einen Gegenstand als Beweis für sein Eindringen zu entwenden. Er wird prompt von dem kauzigen Alten erwischt und flieht Hals über Kopf, nicht aber, ohne seinen Rucksack versehentlich in der mit verstaubten Büchern vollgestopften Wohnung liegen zulassen.

Am nächsten Tag wirft ihm Forrester den Rucksack aus dem Fenster auf die Straße. Beim Öffnen erlebt Jamal eine Überraschung: Es ist nichts verschwunden, aber der Fremde hat sich seine Hefte angesehen, in die Jamal die Entwürfe seiner selbst verfassten Texte und Gedichte aufgeschrieben hat, und diese mit sachkundigen Kommentaren und Hinweisen versehen.

Jamal ist nämlich nicht nur ein talentierter Basketballspieler, er ist auch ein leidenschaftlicher und begnadeter Autor. Seine überragenden Fähigkeiten behält er jedoch für sich. Nach außen ist er der sportbegeisterte, pubertierende Schwarze aus der Bronx, der für die Schule und das Lernen wie auch seine Kameraden nichts übrig hat und nur durchschnittliche Leistungen erbringt. Nichts deutet darauf hin, dass sein Leben anders verlaufen wird als dass unzähliger anderer Jungendlicher der Gegend.

Und doch ändert sich plötzlich alles.

Die Teilnahme an einem Talentwettbewerb verschafft ihm unverhofft ein Stipendium an einer Privatschule, in der die Lehrerschaft besonders von seinen sportlichen Fähigkeiten angetan ist, während man seinen intellektuellen Gaben eher skeptisch gegenüber steht.

Zudem sucht Jamal den unbekannten Kommentator seiner Schriftstücke auf und schafft es tatsächlich, den grimmigen Schriftsteller mit ihrer gemeinsamen Liebe zum geschriebenen Wort aus der Reserve zu locken. Forrester wird sein strengster Lehrer und schärfster Kritiker, doch gleichzeitig spornt er den Jungen zu literarischen Höchstleistungen an. Aber die Beziehung ist für beide Seiten von Nutzen. Die Mauer der Isolation, die Forrester um sich errichtet hat, beginnt allmählich genauso zu bröckeln wie Jamals soziale Einschränkungen.

Als der Film nach über zwei Stunden endete, blieb ich erstmal abwartend im Kinosessel sitzen, um mir darüber klar zu werden, wie er mir eigentlich gefallen hat. Und scheinbar ging es den anderen Besuchern ähnlich. Denn wie auch ich warteten sie geduldig ab, bis der Abspann zu den Klängen von „Somewhere over the rainbow“ und „What a wonderful world“ komplett durchgelaufen war. Es bleibt sicherlich jedem selbst überlassen, ob er diese Nachdenklichkeit als Reaktion auf ein unaufdringliches, sensibles Drama oder ein langweiliges, vorhersehbares Rührstück versteht. Beide Alternativen wären jedenfalls möglich.

Der Film ist fast ein Kammerspiel zwischen Sean Connery als schrulligem Dichter und seinem jungen Schauspielerkollegen Rob Brown, der sich trotz der Erstlingsrolle als talentierter Halbstarker neben seinem berühmten Filmpartner äußerst gut macht und durch seine jugendliche Abgeklärtheit zum Gelingen des Films beiträgt.

Ein Großteil der Handlung spielt in den düsteren Räumlichkeiten des Schriftstellers. Die Dialoge und die Annäherung zwischen den beiden so gegensätzlichen Charakteren machen den besonderen Reiz dieses Films aus. Zwischen beiden entwickelt sich zögerlich eine Freundschaft, die auf gegenseitigem Vertrauen und Loyalität beruht. Der Weg dahin ist schwer. So wie Jamal die typisch coolen Verhaltensweisen seiner Generation hinterfragen lernt, muss der eigenbrötlerische Autor erst von seiner distanzierten Hochnäsigkeit abweichen, um die Aufgabe als Mentor und Vaterersatz übernehmen zu können.

Sean Connery spielt einmal mehr den gereiften und trotz aller Schwächen sympathischen Mann. Der Alt-Star ist inzwischen an einem Punkt seiner Karriere angekommen, in der er jede Rolle mit seiner beeindruckenden Persönlichkeit ausfüllt und in seinem Sinne gestaltet. Die Übereinstimmung zwischen Forrester und Connery als Legenden ihres Metiers wird gerade dann deutlich, wenn Forrester seinen jungen Freund mit schelmischem, aus diversen Filmen bekanntem Augenzwinkern darauf hinweist, dass er aus Schottland und nicht aus Irland käme. Bei dieser Szene hat sicherlich der stolze Schotte Connery in seiner Rolle als Co-Produzent des Films seine Finger im Spiel gehabt.

Der Regisseur Gus van Sant, der sich in dem oscarprämierten „Good will hunting“ 1997 bereits einmal dem Thema des verkannten Genies und seines Mentors widmete, wäre gut beraten gewesen, sich bei der Handlung tatsächlich auf das Kammerstück zu beschränken. Die Szenen außerhalb der Wohnung nehmen sich neben den athmosphärisch dichten Begegnungen der zwei Hauptdarsteller als verzichtbare und nicht voll zur Geltung kommende Nebenhandlungen aus. Schade, als reines Kammerstück hätte sich der Film wohltuend von anderen Hollywoodwerken über die Selbstverwirklichung hochbegabter Menschen abgehoben.

Die Besetzung von Jamals Bruder mit Busta Rhymes war sicher ein Tribut an die Jugend; der Rapper konnte sich in dieser Rolle aber genauso wie die aparte Anna Paqin als Jamals Romanze Claire nicht voll entfalten. Zu würdigen ist sicherlich der Ansatz, eine Beziehung zu der aus wohlhabenden Verhältnissen stammende Weißen darzustellen, aber dem Regisseur fehlte wohl der Mut, gänzlich mit diesem immer noch herrschenden Hollywood-Tabu der gemischtrassigen Liebschaft zu brechen und setzte den Handlungsstrang nicht fort.

Selbst ein engstirnige Professor und ein konkurrierender Sportkamerad als Jamals Gegner werden lediglich als Plattform für die kitschigen Momente des Films missbraucht, bei denen sich Vergleiche mit den typischen amerikanischen Highschoolklamoten aufdrängen. Das Rededuell zwischen Schüler und Lehrer und das Meisterschaftsspiel in der Sporthalle werden zwar zu Drehpunkten des Films erhoben, haben zur Weiterentwicklung der Figuren tatsächlich jedoch kaum etwas Entscheidendes beizutragen.

Und für einen Tribut an die hohe Kunst der Literatur, die verkrustete Strukturen und Vorurteile aufbrechen kann, wird leider herzlich wenig aus eben dieser Kunst zitiert, so dass sie für den Zuschauer merkwürdig künstlich und abgehoben bleibt.

Der Film leidet meiner Ansicht nach unter dem Manko, es allen recht machen zu wollen. Für den auf lockere Unterhaltung erpichten Kinogänger ist er zu langatmig und gefühlsbetont, während er der Erwartungshaltung an ein anspruchsvolles Drama auf höchstem Niveau nicht ganz gerecht werden kann.

Diese offensichtlichen Defizite in der Handlung machen „Forrester – Gefunden“ jedoch noch lange nicht zu einem schlechten Film. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang neben dem interessanten Soundtrack sicherlich die Kamerführung, die sich zwischen hektischen, unruhigen Schnitten bei der Darstellung der Jugendlichen und langen Kamerafahrten und Einstellungen bei der Präsentation des Wohnviertels und seiner Bewohner inclusive Forresters abwechselt. Auf die von mir als sehr störend empfundene Unart des Durcheinanderredens wird konsequent dann verzichtet, wenn die Literatur als vorherrschendes Thema ins Spiel kommt.

Als Fazit bleibt zu hoffen, dass über die Betrachtung der Fehler nicht aus den Augen verloren wird, dass der Film mit hervorragenden Darstellern, allen voran einem souveränen Sean Connery, besetzt ist und eine ruhige, optimistische, in schönen Bildern gefilmte Geschichte über Freundschaft und die Überwindung innerer und äußerer Grenzen erzählt.

„... und die zweite Fassung wird mit dem Kopf geschrieben.“ empfiehlt der Meister seinem Lehrling.


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Viper2001

Viper2001

09.04.2001 11:08

Ein ausführlicher Bericht. Enthält viele wichtige Informationen. Gruß Viper2001 :)

doeter

doeter

06.04.2001 01:00

Ich empfand den Film als wohltuend lebensbejahend. Längen konnte ich keine erkennen. Ich war verblüfft, wie präsent ein Film mit Überlänge von Anfang bis Ende daher kommen konnte. Aber diese Rezension it ganz große Klasse. 80) doeter

Raileigh

Raileigh

05.04.2001 08:56

Ups. Und da haben wir ihn schon, den Tippfehlerteufel. Mein Kommentar sollte eigentlich mit einem E i n beginnen, nicht mit einem E i b. Doch über die Tücken solcher Hindernisse lassen sich nicht mal die Genies aus. Warum eigentlich? Raileigh

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