Was nun? LATEIN oder FRANZÖSISCH?
24.03.2002
Pro:
Selbstbestimmung bedeutet Selbstverwirklichung; eigene Vorlieben können verwirklicht werden
Kontra:
nix
Empfehlenswert:
Ja
 truenobody
Über sich:
Mitglied seit:07.10.2001
Erfahrungsberichte:64
Vertrauende:16
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 74 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Am Ende jeder 6. Klasse stellt sich vielen Schülern und Eltern die Frage, ob und wenn welche Sprache als 2. Fremdsprache zu Englisch hinzu kommen soll. An den meisten deutschen Gymnasien muss zwischen Französisch und Latein entschieden werden. Bei mir liegt diese nicht ganz unwichtige Entscheidung nun schon einige Jahre zurück, so dass ich mir jetzt rückblickend ein kleines Résume erlauben möchte. Damals, als ich die Entscheidung für mich zu treffen hatte, war es mehr eine Bauchentscheidung, als ein Beschluss nach reiflicher Überlegung. Später wählte ich mir die Sprache, die ich nicht als 2. Fremdsprache wollte, als 3. Fremdsprache, so dass ich letztendlich doch in beiden Sprachen unterrichtet wurde und noch werde. >>>Französisch vs. Latein<<< Ein jeder hat sicherlich schon mehr als nur einmal gehört, dass Latein eine „tote“ Sprache und reine Paukerei sei. Französisch hingegen sei eine lebendige und wohlklingende Sprache. Doch das Ganze kann man auch aus einem etwas anderem Blickwinkel betrachten! Latein besteht zunächst sicherlich auf den ersten Blick aus Grammatik und für jeden Latein-Neuling müssen die Berge von Tabellen mit scheinbar unendlich vielen Endungen, wie eine unüberwindbare Kluft erscheinen. Ich erinnere mich noch genau an meine ersten Lateinstunden, in denen man mit der Spitze des Eisberges beschäftigt, vom dem ganzen „Rest“ noch gar nichts ahnen wollte. Und bei jedem Blick in die Übungsgrammatik wunderte ich mich, ob ich diese ganzen Formen wohl auch mal lernen müsste.Latein, die tote Sprache. Da ist sicherlich etwas dran, denn wo, außer in der Kirche, wird denn bitte schön noch lateinisch gesprochen. Abgesehen davon hallte ich es fast für unmöglich, dass es ein normaler Schüler schaffen könnte, eine Konversation in Latein zuführen. Das liegt zum einen daran, dass einfach kein Vokabular für „moderne“ Dinge und Wörter existieren. Und zum anderen wäre es viel zu kompliziert, sich lateinische Sätze im Kopf zusammenzusetzen unter Berücksichtigung aller grammatikalischen Faktoren. Doch Latein besteht nicht nur aus Formen, Endungen und Fällen. In den ersten 2 bis 3 Jahren ist der Unterricht zwar in der Tat durch teilweise auch stures Lernen gekennzeichnet, doch hat man irgend wann einmal das Meiste intus, beginnt die Anwendung des Erlernten. Dann wird sich an Werke wie „De bello Gallico“ (= Über den gallischen Krieg, oder: Die Geschichte vom gallischen Krieg) herangewagt. Darin präsentiert sich Caesar dem röm. Volk, indem er stilistisch sehr hochwertig seinen Landesgenossen von seinen Taten in Gallien berichtet und sich so die Gunst des Menschen für seinen machtpolitischen Aufstieg sichert. Ein anderes häufig verwendetes Buch, sind die „Epistulae Morales“ von Seneca. Seneca schildert darin in Form von Briefen, was er für moralische Auffassungen über die sinnvolle Verwendung von Zeit und die Nutzung des eigenen Potenzial hat.Jetzt beginnt auch erst der richtige Lateinunterricht. Die Beschäftigung mit moralischen, kritischen, zeitgenössischen und philosophischen Fragen. Zugegeben, manchmal kann so etwas verdammt langweilig werden und nicht selten fühlt man sich davon total angeödet, doch ich habe mich immer wieder gewundert, wie viel man aus solchen Texten ziehen kann, wenn man einen guten Lateinlehrer hat, denn die Geschichte wiederholt sich, und so kommt es sehr häufig vor, dass man von einer Diskussion über ein römisches Staatsproblem plötzlich zu einer gegenwärtigen, weltpolitischen Gegebenheit klare Übereinstimmungen, wenn nicht Wiederholungen in der Geschichte sehen kann. Französisch ist da ein wenig anders, wenn nicht ein großes Stück. Es ist von der ersten Stunde an eine real zu ergreifende Materie. Schon mit den ersten Sätzen kann, wie man das von Englisch noch kannte, kleine Dialoge über Name, Alter und Herkunft führen. Das schafft i.d.R. von Anfang an eine auflockernde Atmosphäre und sorgt für Motivation. Doch schon schnell wird man merken, dass Französisch auch seine ganz speziellen Tücken hat - und davon nicht zu wenig. Ganz im Gegensatz zu Englische müssen Verben, genau wie in Latein und Deutsch, plötzlich konjugiert, also angepasst werden. Dann wären da noch schier unendlich viele Unregelmäßigkeiten, die nur unter Aufwendung von viel Fleiß gelernt werden können.Allerdings ist es auch in Französisch absolut üblich, dass nach drei, vier Jahren kleinere Lektüren in den Unterricht mit eingebracht werden. Doch für den größten Vorteil von Französisch halte ich, dass es man das was man mühevoll erlernt, im späteren Leben vielleicht noch einmal richtig Gebrauch und Anwendung findet. Man findet Französisch, dass weitverbreiteter ist, als man denkt, u.a. in Belgien, in der Schweiz und natürlich in Frankreich selbst und überall dort kann man die Sprache natürlich „leben“ in das Erlernte sinnvoll gebrauchen. >>>Was tun, wenn die Entscheidung falsch war, oder man gerne die andere Sprache erlernen möchte?<<< Hat man eine der bei Sprachen erst einmal als Schulfach, gibt es eigentlich kein Zurück mehr. Merkt man z.B. in Klasse 8, dass man mit dieser „neuen“ Sprache überhaupt nicht zurecht kommt, liegt es an jedem selbst, ob er sich auf seinen „Hosenboden“ setzt und versucht so viel wie möglich herauszuholen, oder ob er das Fach nebenher schleifen lässt und mit einer glatten 5 immer schon mit einem Fuß in ernsten Versetzungsschwierigkeiten steckt, denn die 2. Fremdsprache ist absolut Versetzungsrelevant. Vergessen sollte man auch nicht, dass man die gewählte Sprache erst nach 5 Jahren, also nach Vollendung der Jahrgangsstufe 11 abgeben kann.Ist man mit seiner 2. Fremdsprache nicht zu Frieden, oder möchte man unbedingt die andere oder eine ganz andere Sprache noch zusätzlich erlernen, bieten viele Gymnasien ab Klasse 9 sogenannte Wahlpflicht Kurse an. Hat man beispielsweise ab Klasse 7 Latein, merkt aber später, dass man doch ganz gerne auch Französisch lernen möchte, ist hier über eine 3. Fremdsprache jeder Weg offen. Das zeigt auch, unter Vorraussetzung, dass 3. Fremdsprachen angeboten werden, dass bei der Entscheidung, ob man nun Latein oder Französisch als 2. Fremdsprache nimmt, nur einen eventuellen Fehler begehen kann, den man später noch einmal korrigieren kann. >>>Fazit<<<Letztendlich liegt die Entscheidung bei jedem selbst. Ein jeder muss versuchen zu spüren, für welche Sprache er scheinbar mehr Sympathie empfindet und sollte sich bei dieser Entscheidung keines Falls von anderen Menschen hereinreden lassen. Zu Latein gilt es festzuhalten, dass, wenn man die ersten Jahre erfolgreich überstanden hat, der Unterricht für viele richtig, wohl auch eher unbewusst, zu fruchten beginnt. Ich bin überzeugt davon, dass das Fach Latein einem dann auch vieles für das spätere Leben mit auf den Weg geben kann. Vokabeln und Grammatik vergisst man mit der Zeit. Doch ein kritischer und geschulter Verstand, eine differenzierte Meinungsbildung und hoffentlich auch ein paar gute Erinnerungen bleiben haften.Für Französisch kann man abschließend sagen, dass, vorrausgesetzt man begeistert sich ein wenig für diese Sprache, man ein Leben lang daran Freude haben kann, doch das Erlernen der Sprache ist nach meiner persönlichen Einschätzung wesentlich zeitaufwendiger und schwieriger als Englisch. Ich denke aus dem obigen Text geht eindeutig hervor, dass es sicherlich für beide Sprachen genügend Vor- und Nachteile gibt und daher die Aussage, dass es nur die eine wahre Sprache gäbe, völlig fehl am Platz ist! truenobody PS: Für alle, die es interessiert, ich habe Latein als 2. und Französisch als 3. Fremdsprache gewählt. Vielleicht ist daher auch der Abschnitt über Latein etwas umfangreicher ausgefallen.
Aktionen zu diesem Erfahrungsbericht
Mehr über dieses Produkt lesen
|
|
11.06.2002 18:07
@Emerald: Ja. Zumindest, wenn Du auf Magister studierst. Du brauchst mindestens Lateinkenntnisse, besser ist das Latinum. Ich habe gesehen, wie sich eine Kommilitonin gequält hat, die wie ich Anglistische Sprach- und Literaturwissenschaft, sowie ein drittes Fach (bei mir war es Vergleichende Literaturwissenschaft) auf Magister studierte, im Gegensatz zu mir aber nie Latein gehabt hatte und nun einen einjährigen Kurs absolvieren mußte, um das nachzuholen, was ich in den 4 1/2 Jahren bis zum Latinum gelernt habe. Im Grunde kaum zu schaffen, und so habe ich dann die Abschlußklausur für sie geschrieben - sie hätte sonst ihren Magisterstudiengang drangeben müssen (vielleicht hätte sie ja auf Lehramt umsatteln können - ich glaube, da gibt es diese Regelung nicht; zumindest gab es sie damals nicht. Da hätte sie auch nur 2 Fächer gehabt. ;-) ). Wir haben dann bestanden. ;-)
11.06.2002 17:59
Ich habe mich für Latein als zweite Fremdsprache entschieden, Französisch dann als dritte genommen. Mir erschien das logisch, denn auf Latein kann man quasi aufbauen. Z.B. fällt das Erlernen von Französisch ggf. erheblich leichter, wenn man mit Latein begonnen hat. Dies gilt für viele Sprachen, insbesondere natürlich für romanische Sprachen. Man sollte sich vorher überlegen, ob man weitere Sprachen erlernen möchte - das fällt erheblich leichter, hat man Latein gehabt.
25.03.2002 11:56
Hab 8 Jahre lang Latein gehabt und ist echt gut *g*