Dominus illuminatio mea

5  07.11.2001

Pro:
überaus anregende Atmosphäre

Kontra:
schwer zu finanzieren

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Gesamteindruck der Schule:

Lehrniveau:

Qualität der Lehrkräfte:

Betreuung durch Lehrstühle:

Betreuung der Auslandsstudenten:

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jinky

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Mitglied seit:01.01.1970

Erfahrungsberichte:233

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Wenn es Oxford nicht gäbe, müßte man es erfinden.

Genauer gesagt, ist das schon passiert, und zwar unzählig viele Male. Erfundene Gestalten bevölkern echte Colleges (wie Lord Peter Wimsey das Balliol); gelegentlich meinte ein Autor, seine Romanhelden wirklichen Colleges nicht zumuten zu sollen, und bereicherte Oxford um ein weiteres – so packte Edmund Crispin seinen Gervase Fen einfach in ein imaginäres St. Christopher’s, und daran tat er gut.
Manchmal befand es ein Schriftsteller aber auch für richtig, nicht nur die Colleges, sondern sogar die Stadt selbst zu tarnen, und taufte Oxford in Christminster um. Genützt hat das nichts. Nicht, daß Oxford seine fiktiven Eleven benötigte – es kann sich genug realer rühmen. Als Faustregel gilt: je berühmter heute, desto unbeliebter damals. Oscar Wilde wurde als abschreckendes Beispiel in einer Sonntagspredigt zitiert. (Sein Ausspruch, es sei eine große Herausforderung für ihn, „to live up to his blue china“, traf wohl nicht ganz den Geist christlicher Demut.) Percy Bysshe Shelley flog gar in hohem Bogen von seinem College (dessen Namen ich gnädig verschweige; auch auf William Jefferson Clinton dürfte es zwischenzeitlich nicht allzu stolz gewesen sein). Später wurde ihm dort allerdings ein Marmordenkmal errichtet – es ist von so gediegener Scheußlichkeit, daß man nicht umhinkommt, sich zu fragen, ob es nicht doch als subtile Rache gemeint war.
Trotz alledem ist Oxford nicht nur die Stadt, die schätzungsweise am häufigsten von allen als Schauplatz für Kriminalromane herhalten mußte, sondern ganz einfach eine englische Universitätsstadt, und man kann dort (hört! hört!) auch als Deutscher studieren.

Nun wäre es wohl meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, in ein seriöses Gleis einzuschwenken und nützliche Informationen darüber auszupacken, was man dort studieren sollte, wie man sich um einen Studienplatz bewirbt, wie man sich eine Unterkunft verschafft und wie man das Ganze finanziert, ohne Haus und Hof verpfänden und die kleine Schwester in den Harem eines Ölscheichs verkaufen zu müssen. Genau das werde ich aber nicht tun. Jede deutsche Universität verfügt über ein akademisches Auslandsamt, wo Broschüren auf dem allerneuesten Stand ausliegen. Nun ja, dem annähernd allerneuesten: nicht umsonst heißen diese löblichen Institutionen AuslandsÄMTER. Aber aktueller als das, was ich bieten könnte, sind diese Informationen allemal; denn mein eigener Aufenthalt in Oxford liegt ein glattes Jahrzehnt zurück. Warum ich trotzdem meine, einen Beitrag schreiben zu dürfen? Weil sich manches, so z. B. die Stipendiensituation, rasch ändern mag, andere Dinge aber nur langsam, denn vor Gott und an Cherwell und Isis sind tausend Jahre wie ein Tag.

Für die, die partout auf praktischen Handlungsanweisungen bestehen: man fange rechtzeitig mit der Vorbereitung an, das heißt: ein gutes Jahr, bevor es losgehen soll; man entscheide sich für ein bestimmtes College, denn die Universität selbst führt eine fast nur virtuelle Existenz; man bemühe sich um ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), denn diese sind am höchsten dotiert; man vergesse nicht, daß sowohl Universitäts- als auch Collegegebühren zu berappen sind, wobei letztere für Undergraduates die kostspieligeren sind (die Gesamtsumme der „Fees“ für ein Jahr wird ungefähr dem Preis eines Neuwagens der unteren Mittelklasse entsprechen); man formuliere seine Motive möglichst konkret – nicht „ich will nach Oxford“, sondern „ich möchte ans X-College in Oxford, um bei Y das Thema Z zu studieren“; man überlege sich rechtzeitig, ob man nur ein fröhliches Auslandsjahr einlegen oder einen echten Abschluß erwerben möchte - es gibt Examina, die im Rahmen eines Postgraduatestudiengangs innerhalb eines Jahres abgelegt werden können; sie sind allerdings mit den hiesigen Abschlüssen nicht kompatibel und haben lediglich Souvenirwert. Und vor allem: man lasse nicht locker.

Mit etwas Glück und Hartnäckigkeit findet man sich dann eines schönes Oktobertages in einem Flugzeug nach Heathrow wieder. Die Hoffnung, den Ärmelkanal von oben zu sehen, muß man sich schleunigst abschminken; mir ist dieses Glück auf insgesamt 10 Flügen nie zuteil geworden. So viel zum Thema Wetter.

Und dann ist man da.

Was passiert an einer deutschen Universität, wenn man „da“ ist? Nicht viel. Man reiht sich in einer tristen Baracke, Studentensekretariat genannt, in eine Schlange ein, bis man von einem mißmutigen Bürokraten ein paar Stempel verpaßt und einen Studentenausweis ausgehändigt bekommt. Um alles andere muß man sich selbst kümmern, und so verbringt man die erste Zeit mit hilflosem Herumirren: welche Veranstaltungen muß/darf/kann ich besuchen? Wo finden sie statt und wann? Muß ich mich dafür anmelden? Warum hat mir das keiner gesagt? Und wo gibt es auf dem Universitätsgelände genießbaren Kaffee? (Letztere Frage bleibt meist ein ganzes Studentenleben lang unbeantwortet.)

Nicht so in Oxford. Man betritt sein College und findet dort bereits ein säuberlich mit dem eigenen Namen versehenes Brieffach („pigeon-hole“) vor. Es quillt bereits über: Einladungen, Info-Blätter, die Hausordnung und vor allem jede Menge Termine. Der Tutor bittet zum Trimesterplanungsgespräch, die Collegenurse zur Untersuchung, die Universität zur Immatrikulationszeremonie. An einer deutschen Universität gibt’s eine Matrikelnummer; in Oxford gibt’s Schreiben, die mit „Dear Ms.“ beginnen und häufig mit „R.S.V.P.“ (=répondre s’il vous plaît) enden. Oder auch mit „P.B.A.B.“ = “please bring a bottle”. Das sind dann die weniger formellen Einladungen. Man nimmt dankend an, bringt seine Buddel, gestattet sich einen damenhaften Schwips und verabschiedet sich, bevor das kollektive Kotzen losgeht. Äthanolinduziertes Erbrechen ist nämlich bei Erstsemestern Berufskrankheit und seit Evelyn Waugh literarisch geadelt.

Am wichtigsten ist die erste Verabredung mit dem Tutor; mit ihm wird der Veranstaltungsplan für das kommende Term (Michaelmas, Hilary und Trinity: jeweils genau 8 Wochen lang) festgelegt. Bei uns sind Vorlesungsverzeichnisse wahre Kompendien der Gelehrsamkeit, weshalb sie zusätzlich nach Fakultät in kommentierter Version herausgegeben werden. In Oxford ist das Vorlesungsverzeichnis eine Art Flyer, der gern versehentlich ins Altpapier rutscht. Man kommt vortrefflich ohne ihn aus. Das liegt daran, daß Vorlesungen Universitätssache sind, die Universität aber im Universitätsleben eine völlig marginale Rolle spielt. Paradox? Nicht doch. Es ist nur so, daß der Oxford-Alumnus sich in aller Regel nicht in erster Linie als Student der University of Oxford versteht, sondern als Student des Oriel/Merton/Magdalen oder welchen Colleges auch immer. Dort wohnt er, dort ißt er, dort wird er ausgebildet. Man trägt Schals in Collegefarben und Schlüsselanhänger mit Collegewappen. (Schlüsselanhänger mit Universitätswappen hingegen sind Touristensouvenirs.) Im College schließt man auch seine ersten Freundschaften. Und weil sich im College alles so schön durchmischt, hat man viel mehr Gelegenheit als zu Hause, Studenten völlig unverwandter Fächer kennenzulernen. Meine besten Freundinnen während dieses denkwürdigen Jahres waren eine Laserphysikerin aus Polen und eine Juristin aus Griechenland. Ansonsten war ich vorwiegend in einer Clique von Literaturwissenschaftlern aus Kalkutta anzutreffen. Außer Englisch mit deutschem Akzent spreche ich seitdem auch Englisch mit Bengali-Akzent. Ich betrachte das als Gewinn fürs Leben. Das meine ich durchaus nicht ironisch.

Zurück zur Sache. Zuständig für den Unterricht ist der Tutor. Er gibt die sogenannten Tutorials, der wichtigste Typ an Lehrveranstaltungen. Man trifft sich zu zweit oder allein einmal pro Woche beim Tutor, hat bis dahin einen (oder ein?) Essay zu einem vorgegebenen Thema vorbereitet, liest ihn vor, trinkt eine Tasse Tee oder ein Glas Sherry, diskutiert ihn, bekommt ein neues Thema und geht nach Hause. Die Atmosphäre ist entspannt – Dozentenzimmer sind nicht, wie hierzulande, Büros, sondern Wohnzimmer mit Teppichen, Ohrensesseln und schweren Portieren vor den Fenstern. In Deutschland soll die Ausstattung von Diensträumen akademische Professionalität suggerieren, in Oxford kultivierte Lebensart.
Das ist alles. Ist das effizient? Es ist. Und wie. Der Zwang, sich schriftlich zu äußern und Position zu beziehen, erzieht zu geistiger Selbständigkeit und, nicht zuletzt, zu sinnvollem Zeitmanagement und psychischer Stabilität (nämlich der Bewältigung der allwöchentlichen „essay-crisis“ und des „fifth-week-blues“). Das sind alles überaus wünschenswerte Fertigkeiten. An deutschen Universitäten lernt man dergleichen nicht.

Daß die Atmosphäre, wie ich oben angemerkt habe, entspannt ist, heißt nicht, daß es unkonventionell und lax zuginge. Im Gegenteil. Für viele Anlässe gilt etwa eine strikte Kleiderordnung. Viel falsch machen kann man dennoch nicht, weil man in der Regel davon informiert wird, welche Kleidung jeweils als angemessen erachtet wird. Achtung: „black tie“ bedeutet nicht, daß man nur eine schwarze Krawatte über das Sweatshirt mit Aufschrift „University of Oregon“ zu hängen braucht!
Für universitäre Anlässe gibt es zwei Abstufungen der Fürnehmheit: beim Essen in „formal hall“ möchten viele Colleges ihre Studenten im Talar („gown“) sehen. Was sie allerdings darunter tragen, ist weitgehend egal. (Textilien sollten es allerdings schon sein! Aber da es in den Speisesälen zieht wie Hechtsuppe, wird ohnehin keiner auf die Idee kommen, seine Vorliebe für FKK ausgerechnet dort auszutoben.) Bei wichtigeren Anlässen jedoch, Immatrikulation etwa oder Examina, gilt „Subfusc“ , das heißt für Frauen: Talar in der dem jeweiligen akademischen Grad zugeordneten Länge, darunter schwarzer Rock, schwarze Strumpfhose, schwarze Schuhe, weiße Bluse, schwarzes Satinband um den Hals, quasi als Fliegensurrogat, und schwarze Baskenmütze oder das sogenannte „mortar board“, eine Art Unisex-Doktorhut. Kein auffälliger Schmuck. Auf die Wahl der Dessous wird kein Einfluß genommen; ich gehe aber davon aus, daß ein roter, rechts mit „Greif!“ und links mit „Zu!“ beschrifteter Satin-BH nicht unbedingt de rigueur wäre.
„Formal hall“ ist das Abendessen in einem Speisesaal, dessen architektonische Vorfahren unter den Männerhallen der Wikinger zu suchen sind: groß, zugig und unterbelichtet. Am Ende befindet sich ein Podest, auf dem gleichfalls Tische stehen: das ist „High Table“, der Dozententisch. Punkt halb acht ziehen die Dozenten („dons“) in die Hall ein, das Fußvolk erhebt sich, und eine Art Herold spricht ein Tischgebet. Auf Lateinisch, versteht sich! Benedictus sit deus in donis suis...vor dem Amen wird nicht serviert. Ich habe keinen Hindu, Moslem oder Parsen getroffen, der daran Anstoß genommen hätte.
Nach dem Essen wird Kaffee im Gemeinschaftsraum eingenommen: die Dons im Senior Common Room, die graduierten Studenten im Medium Common Room, das Jungvolk im Junior Common Room. Hierarchien sind da, und sie werden auch sichtbar. Als repressiv habe ich sie hingegen nicht empfunden.

Sinnloser Traditionalismus? Unzeitgemäßes Corpsdenken? Wer das so sehen will, mag das so sehen. Die Universität Oxford ist überhaupt eine Hüterin altmodischer Einstellungen: wie etwa der, daß Wissenschaft sich nicht durch den Nachweis gesamtgesellschaftlichen Nutzens zu legitimieren habe, Erkenntnisfortschritt vielmehr einen Wert an sich darstelle. Oder der, daß die Länge der Publikationenliste nicht zwangsläufig für wissenschaftliche Qualität bürge; oder der, daß jemand, der sein Fach kompetent und engagiert unterrichtet, gleichfalls einen wichtigen und ehrenvollen Beitrag zum Fortleben seines Faches leiste; oder der, daß auch schwierige und ganz und gar unteamfähige Persönlichkeiten unverzichtbares Humankapital (wie der gräßliche Ausdruck lautet) sein mögen, dem eine sich als zivilisiert begreifende Gesellschaft eine Nische einzuräumen habe.
Oxford ist die Stadt, in der auf die Frage „Und warum beschäftigst Du Dich mit Hethitischer Geschichtsschreibung/ dem Paarungsverhalten von Blattläusen/ frühislamischem Eigentumsrecht?“ die Antwort „Weil es mich gerade interessiert“ als ebenso legitim wie erschöpfend angesehen wird. Es ist die Stadt, in der Blanko-Baugenehmigungen für Elfenbeintürme ausgestellt werden. Möge sie uns noch lange erhalten bleiben.

P. S.: Der Titel ist der Wahlspruch der Universität Oxford und bedeutet: der Herr ist meine Erleuchtung.

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
colne

colne

01.08.2006 17:46

sehr ausfuehrlicher erfahrungsbericht.sollte mich etwa doch in oxford und nicht in cambridge bewerben..?

kalloc

kalloc

17.09.2004 16:19

Eindrucksvolle Entwicklung von Deinem Bericht, den ich zuletzt kommentieren durfte zu diesem hier! Und dass Rotha in O. war wusste ich auch noch nicht. Werde mal nachfragen

sindimindi

sindimindi

15.09.2004 15:19

Ein wunderschöner Beitrag, der auch zu meiner illuminatio beigetragen hat. Danke Dir dafür! LG; Roland

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