Ein merkwürdiger Humor
17.07.2000
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Humor
Spannung
Anspruch
Action:
Romantik:
mehr
 Chren
Über sich:
Mitglied seit:17.07.2000
Erfahrungsberichte:2
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 8 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Mittlerweile verkommt er gelegentlich zum Beiprogramm ominöser Live-Man-Strip-Shows, die zur Abwechslung mal in Kinos stattfinden. Die Rede ist von Peter Cattaneos (Regie) und Simon Beaufoys (Drehbuch) Erstlingsfilm Ganz oder gar nicht. Solche werbewirksamen Veranstaltungen reduzieren den Film aber ungerechtfertigterweise auf eine einzige Komponente, die freilich hauptsächlich für seinen für einen typische britischen Arbeiterklassen-Film ungewöhnlichen kommerziellen Erfolg verantwortlich ist, nämlich daß er von männlichen Möchtegern-Strippern handelt. Diese zuschauerwirksame nackte Tatsache mit hohem Peinlichkeitsfaktor wird jedoch eingebettet in eine einfühlsam erzählte, nuancenreiche Tragikomödie mit liebenswerten Charakteren, Arbeitslose in der einstmals boomenden mittelenglischen Industriestadt Sheffield, die, angeregt von einem Chippendales-Auftritt, in einer eigenen Strip-Show eine willkommene Einnahmequelle erblicken. Sowohl sein Humor als auch die leisen sozialkritischen Töne des Films resultieren aus kontrastiven Gegenüberstellungen von Gegensätzen. Der fünfundzwanzig Jahre alte, euphorische Dokumentarfilm über Sheffield, eine Stadt im Aufbruch, zu Beginn rückt den seither erfolgten wirtschaftlichen und sozialen Wandel angesichts nun leerstehender Fabriken und hoher Arbeitslosigkeit nur umso schmerzlicher ins Bewußtsein. Lügen, Selbstlügen, Vertrauensbrüche, Scheidungen, zerrüttete Familien und Selbstmordgedanken sind die traurige Folge.
Gaz´ Frau hat sich scheiden lassen und neu geheiratet, will den gemeinsamen Sohn Nathan vom schädlichen Einfluß seines Vaters fernhalten. Desto beeindruckender wirkt das freundschaftliche Einverständnis zwischen Vater und Sohn, das unbedingte Vertrauen, das Nathan Gaz entgegenbringt. Er räumt sogar bereitwillig sein Sparkonto für die Unkosten, die bei den Vorbereitungen zu Gaz´ Schnapsidee, eine sechsköpfige Strip-Truppe auf die Beine zu stellen, anfallen. Die Proben hierzu und die Ereignisse bis zum finalen Auftritt sind mit viel Situationswitz und heiteren Dialogpointen gefüllt, peinliche Zoten und Bloßstellungen der Figuren werden erfolgreich vermieden. Indem die Protagonisten ihre anfängliche Schüchternheit, ihre Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, ihr mangelhaftes tänzerisches Können und viele weitere Handicaps durch gegenseitige Ermunterung und freundschaftliche Hilfe, mitunter mit dem Mut des Verzweifelten überwinden, ihrer Existenz, mit der die Gesellschaft offenbar nichts mehr anzufangen weiß, einen Sinn geben, verhelfen sie dem Film zu einem erfrischenden, ansteckenden Optimismus. Um die über diese schauspielerische Inszenierung geleistete gefühlsmäßige Nähe nicht zu beeinträchtigen, verzichtet John de Bormans Bildgestaltung auf ausgefallene Spielereien und begnügt sich mit einer vergleichsweise unaufdringlich-nüchternen Dokumentation der Geschehnisse, was dem Realitätsanspruch des Films nur gerecht wird. Der abschließende gemeinsame Striptease vor prall gefülltem Saal soll angeblich eine einmalige Veranstaltung sein. Durch die Reproduzierbarkeit des Films aber treten die sechs sympathischen Gesichter - wir wollen sie nicht auf den Körper reduzieren - und ein kleiner Junge mehrfach täglich bestimmt auch in einem Kino in Ihrer Nähe auf.
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