Es ist was es ist..

5  03.07.2001 (06.04.2003)

Pro:
alles

Kontra:
.  .  .  .

Empfehlenswert: Ja 

chris10

Über sich: ~*~ Man muß noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. ~*~ [ Friedrich N...

Mitglied seit:05.03.2001

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Erich Fried ist nicht nur einer der bedeutendsten deutschen Lyriker, für ihn waren politisches Engagement und dichterische Freiheit eng miteinander verbunden. Er war bekannt für seine Offenheit und scheute sich nicht, zu brisanten politischen Fragen ‚Stellung zu beziehen’. Deshalb musste er sich auch mit Verleumdungen, Zensur und Anklagen auseinandersetzen.

Erich Fried ist nicht nur für seine vielen Gedichte zarter, eindringlicher und auf den Grund gehender Lyrik bekannt, er machte sich auch mit seinem einzigen Roman ‚Der Soldat und das Mädchen’ einen Namen. Als das Buch 1960 erschien, schrieb die ‚Frankfurter Rundschau’: ‚Es kann sein, dass Erich Frieds Buch nur langsam wirkt; aber sicherlich wird es seine Kreise ziehen in der deutschen Literatur’. Heute gilt das Buch als Klassiker der Nachkriegsliteratur.

Dieses Buch, das ich mir vor einiger Zeit als Lesestoff für eine längere Bahnfahrt kaufte, animierte mich, über Erich Fried zu schreiben. Aber eigentlich sind es seine Gedichte, die mich so faszinieren, seine Art, sich sprachlich mitzuteilen, ehrlich, zart oder auch kritisch. Auch war es ihm egal, ob er ‚aneckte’. Das finde ich imponierend.

Erich Fried wurde 1921 als Kind jüdischer Eltern in Wien geboren und schrieb bereits als Gymnasiast. Auch gehörte er einer Kinderschauspielgruppe an, die öffentlich in Wien und Umgebung auftrat. Der deutsche Einmarsch in Österreich beendete seine Schulausbildung, er wurde vom Gymnasiasten zum verfolgten Juden. 1938 starb sein Vater an den Folgen der Gestapo-Verhöre und noch im August des Jahres floh Erich Fried über Belgien nach England. Dort lebte er bis zu seinem Tod im Jahre 1988.

1939 wurde er beim ‚Jewish Refugee Committee’ angestellt, außerdem die Selbsthilfegruppe ‚Emigrantenjugend’ gegründet. Schon 1940 veröffentlichte er erste Gedichte in Exilzeitschriften und im Oktober 1941 wurde sein Einakter ‚Ring-Rund’ von der österreichischen Exilbühne ‚Laterndl’ aufgeführt. Schwere Schicksalsschläge trafen ihn, als seine Großmutter 1943 im KZ Auschwitz starb und sein Dichterfreund Hans Schmeier im Londoner Exil Selbstmord beging.

1944 erschien sein erster Gedichtband, ’Deutschland’ im Exilverlag des österreichischen PEN. Im Januar 1944 heiratete er Maria Marburg und im Mai wurde sein erster Sohn geboren. Von 1945 bis 1949 arbeitete Erich Fried am Magazin ‚Neue Auslese’ mit, das vom englischen ‚Office of Information’ herausgegeben wurde, und ab 1946 auch am ‚Blick in die Welt’. In diesem Jahr begann er den Roman ‚Ein Soldat und ein Mädchen’ zu schreiben’, außerdem trennte er sich von seiner Frau. Die Ehe wurde dann 1952 geschieden.

Von 1949 bis 1950 war er dann Redakteur bei der Zeitschrift ‚Blick in die Welt’ und freier Mitarbeiter beim ‚German Service’ der BBC, wo er 1952 festangestellt wurde. 1952 heiratete er dann ein zweites Mal. 1954 wurde beim BBC die deutschsprachige Erstsendung der Hörspielfassung von Dylan Thomas ‚Under Milk Wood’ in der Übersetzung Erich Fried’s übertragen. Im September dann beim WDR. Auch arbeitete er von 1955 bis 1957 an der Zeitschrift ‚Texte und Zeichen ‚ mit. Im Dezember 1956 fand im Berliner Schiller-Theater die Premiere von ‚Under Milk Wood’ in Erich Fried’s Übersetzung statt.

Im August 1958 wurde sein zweiter Sohn geboren, im Mai 1961 eine Tochter und schon ein Jahr später verlässt Nan Fried ihren Mann, die Scheidung war dann 1965.
1960 erschien sein Roman ‚Der Soldat und das Mädchen’. Er handelt von einer jungen KZ-Aufseherin, die von Besatzungsmächten zum Tode verurteilt wurde und als letzten Wunsch äußerte, eine Nacht mit einem zufällig in der Zelle anwesenden Wachsoldaten zu verbringen. Der ist jüdischer Emigrant, kann die Hinrichtung nicht verhindern und erleidet einen psychischen Zusammenbruch, der ihn nachhaltig prägt. Mehr verrate ich nicht...

Fried schließt sich der ‚Gruppe 47’ an, bei der er seine erste Lesung schon 1963 hatte. Im August 1965 heiratet er ein drittes Mal, und im Oktober wurde eine weitere Tochter geboren. In diesem Jahr bekam er auch den ‚Schillergedächtnispreis’ des Landes Baden-Württemberg und war Mitunterzeichner der ‚Erklärung über den Krieg in Vietnam’.

1966 erschien sein Gedichtsband ‚und Vietnam und’, der eine öffentliche Diskussion auslöste. In den folgenden Jahren war Erich Fried viel unterwegs, auf Diskussions- und Solidaritätsveranstaltungen und Vortragsreisen. Auch bezog er zu brisanten, politischen Themen Stellung und nahm 1968 an der Kundgebung gegen die Notstandsgesetze im Bonner Hofgarten teil, ebenso wie Heinrich Böll. Im gleichen Jahr fasste er den Entschluss, seine Tätigkeit bei der BBC aufzugeben.

1969 wurde er nochmals Vater, diesmal von Zwillingen. 1973 bekam Erich Fried den ‚Würdigungspreis für Literatur’ in Wien und im selben Jahr fand ein Prozess gegen ihn statt, weil er angeblich in dem Nachrichtenmagazin ‚Spiegel’ in einem Leserbrief die Berliner Polizei beleidigt hatte. Der Prozess endete aber mit einem Freispruch; in der zweiten Instanz wurde er aber verurteilt.

Bei der Beerdigung Ulrike Meinhof’s 1976 wurde ein Telegramm von ihm vorgelesen, in dem er, obwohl er kein Anhänger der RAF war, Ulrike Meinhof als ‚größte deutsche Frau seit Rosa Luxemburg’ bezeichnet. Das war ein ‚Stich ins Wespennest’.

1977 erhielt er den ‚Internationalen Verlegerpreis der Sieben’ auf der Frankfurter Buchmesse, ebenso den ‚Prix International des Editeurs’ für ‚100 Gedichte ohne Vaterland’, den Bremer Literaturpreis, den Österreichischen Staatspreis und den ‚Georg-Büchner-Preis’. 1979 erschien seine ‚Liebesgedichte’. 1982 erlang er wieder die österreichische Staatsbürgerschaft, aber er konnte die britische, seit 1949 bestehende, behalten.

1985 wurde er zum zweiten Mal an Krebs operiert, die erste Operation fand drei Jahre zuvor statt. Im gleichen Jahr bekam er das ‚Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien’, ebenso 1987 den ‚Goldenen Schlüssel der Stadt Smederevo’ und 1988 die Ehrendoktorwürde der Stadt Osnabrück.

Am, 3. November 1988 wird Erich Fried aus den Dreharbeiten für die Sendung ‚Pluspunkte’ bei ‚1plus’ heraus ins Krankenhaus eingeliefert und verstarb nach einer weiteren Krebsoperation am
22. November. Beerdigt wurde er am 9. Dezember 1988 auf dem Londoner Friedhof ‚Kensal Green’.

Erich Fried ist für mich nicht nur einer der bedeutendsten deutschen Lyriker, er war auch ein ‚politischer Mensch’, der kein Blatt vor den Mund nahm. Interessant finde ich auch, dass seine ‚Liebesgedichte’ von Kritikern negativ beurteilt, aber erfolgreich verkauft wurden, mit einer Auflage von über dreihunderttausend Exemplaren damals.

Nicht nur das Buch ‚Der Soldat und das Mädchen’ kann ich Euch empfehlen, sondern auch all seine anderen Werke. Ich kaufte mir gestern, weil ich nicht widerstehen konnte, einen weiteren Gedichtband von ihm.

Für alle, die ihn (noch) nicht kennen, eine kleine Leseprobe, es ist eines seiner bekanntesten Gedichte, mit dem ich abschließen möchte.

Was es ist

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

© chris10


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Hope0805

Hope0805

17.08.2003 23:37

Ich komme mir gerade vor als sei ich ein Ignorant, denn ich merke, daß ich außer des Gedichtes eigentlich recht wenig von Fried wußte. Du hast mich mehr als neugierig auf mehr gemacht. Vor allem, daß mir dem Telgramm für Frau Meinhoff ist hart...

rosebud-riddle

rosebud-riddle

16.04.2003 15:16

Jaja, die "lieben" Kritiker. Leider irren sie sch nur allzu oft, ich jedenfalls mag die Gedichte von Erich Fried auch sehr, allen Kritikern zum Trotz. Liebe Grüße, Maria

hubbie

hubbie

10.04.2003 09:06

man sollte viel öfter Fried-Anleihen nehmen, wenn man Gefühle passend ausdrücken will

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