Im Irak hatte ich einmal beruflich einen Auftrag. Das war noch zu Friedenszeiten, also unter der Diktatur, als Saddam Hussein das Land regierte. Damals durfte ich nur als Tourist einreisen. Ich erhielt ein totales Arbeitsverbot und wurde zwangsweise zum Tourismus verurteilt. Damit komme ich schon zum Thema.
Wahr oder falsch?
**********************Für diese Erfahrung gibt es nicht einmal das Fitzelchen eines Beweises. Es dürfte wohl klar sein, daß mir der Irak dafür kein Zeugnis ausstellt. Schriftlich habe ich nichts weiter in die Hand bekommen. Am Anfang war zwar Fotografieren erlaubt, doch angeblich war dann mal ein Bild verboten und deshalb wurden sämtliche Filme konfisziert. Bilder habe ich auch keine. Da muß man mal kritisch nachdenken.
Wie wäre es, wenn ein Angstellter das Arbeitsverbot nur vortäuscht? Persönliche Bequemlichkeit wäre ja ein erkennbares Motiv.Mein Chef hatte sich das sicherlich anders gedacht und nun mußte ich irgendwie glaubhaft machen, daß außer Spesen nichts gewesen war. Dafür gab er mir die Schulnote 3 - 4. Mit vier wäre ich durchgefallen. Na ja, direkt war ich noch nicht entlassen, doch hatte ich einen zweifelhaften Ruf in der Firma und deshalb hatte ich mich dann anderweitig beworben. Damit ist schon das Wichtigste gesagt. Mit solchen Dingen verspielt man zumindest das Vertrauen und daraufhin fallen schon einmal alle Aufgaben weg, die besonderes Vertrauen erfordern.
Wahr ist, daß ich einmal dort war. Entsprechende Stempel gibt es in meinem Reisepass. Weil ich bei der Firma nicht mehr beschäftigt bin, habe ich weiter keinen Grund, um zu lügen. Denjenigen, die gerne weiterlesen, erzähle ich mal, was unter Saddam Hussein so unter "Tourismus" verstanden wurde. Nur nebenbei - die meiste Zeit verbrachte ich in der Hauptstadt Baghdad.Die Bewacher
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Das waren ganz einfach Polizisten in Zivil, welche sich durch ihre Dienstmarke zu erkennen gaben. Jeder für sich hatte acht Stunden Dienst und danach erschien ein anderer.Diese Polizisten waren offenbar eigens für einen westlichen Touristen ausgewählt worden. Alle sprachen sie fließend Englisch und alle waren europäisch gekleidet. Mir gegenüber verhielten sie sich korrekt. Es gab kein böses Wort und sie haben mich auch nicht etwa angefaßt. Das mußten sie auch nicht, denn ich konnte mir denken, was passiert, wenn ich die Anweisungen nicht befolge.
Ich hatte nicht gerade Bock, ein irakisches Gefängnis von innen kennenzulernen. Was gab es sonst noch?Im Hotel
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Dort mußte ich nicht eigens bewacht werden. Es gab genügend Angestellte, die sicherlich auch vom Regime ausgewählt waren. Nun hatte ich keine Lust, nachts aufzustehen und auf die Straße zu gehen. Wahrscheinlich wäre einer vor der Tür gestanden, doch muß ich das nicht gerade morgens um drei testen.So durfte ich in Ruhe ausschlafen und mir zum Frühstück Zeit nehmen, wie ich wollte. Das war kein Problem. Es gab auch ein Restaurant, doch das war schon sehr teuer. Nun hatte ich eine Sorge, die sich als berechtigt herausstellte. Das Geld, das die Firma im Voraus bezahlt hatte, war natürlich weg. Zu meinem Glück mußte das Hotel im Voraus bezahlt werden. Alles, was ich im Nachhinein ausgab, wurde natürlich nicht mehr erstattet.
Also, das ging dann privat auf meine Kosten und das war der Grund, warum ich mir im Restaurant einmal die Preise anschaute und dann überlegte, wo man sonst noch essen könnte.Die Kneipen
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Mir wurde gesagt, im Irak sei einmal ein deutscher Braumeister tätig gewesen. Die Auskunft habe ich von den Polizisten. Soviel kann ich bestätigen: das irakische Bier schmeckt wie in Deutschland. Es ist durchaus trinkbar. Damals gab es in Baghdad eine Vielzahl kleiner Kneipen. Die Preise habe ich nicht mehr in Erinnerung, doch waren sie erschwinglich. Jedenfalls viel billiger als im Hotel. In der Kneipe konnte man auch einen Imbiß bekommen. Meistens war das Köfte (Hackfleisch auf türkische Art).Solange ich in einer Kneipe saß, war die Bewachung einfach. Der Polizist hatte nicht viel zu tun und das war ihm scheinbar am liebsten. Der jeweils diensthabende Polizist fragte mich jedesmal, ob ich nicht Lust auf ein Bier habe. Dabei wurde auch auf das Klischee angespielt, wonach wir Deutschen angeblich alles Biertrinker sind.
Zumindest in der Hauptstadt haben recht viele Englisch als Fremdsprache gelernt und so vermochte ich mich, mit den Einheimischen zu verständigen. Diese wußten natürlich, daß ich überwacht werde und sagten nur das, was erlaubt war. Offiziell war das ein arabischer Sozialismus und der unterscheidet sich kulturell von Europa. Es gab also Dinge, die ich als Europäer nicht wissen konnte. Genau das war damals das Thema in den Kneipen. Die Vorteile des arabischen Sozialismus.Ein Vorteil wurde mir immer wieder unter die Nase gerieben. Im Gegensatz zum Islam war der Genuß alkoholischer Getränke erlaubt. Wenn ich das gewollt hätte, dann hätte ich mich legal besaufen dürfen.
Nun wollte ich nicht immer nur Bier trinken und Vorträge über den arabischen Sozialismus anhören. Was gab es noch?Ausflüge
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Das war leider ein teures Vergnügen. Zu dem Zweck mußte ich dem wachhabenden Polizisten Bescheid geben. Daraufhin bestellte er unaufgefordert ein Taxi und handelte mit dem Fahrer den Preis aus. Die Preise waren recht happig und darauf hatte ich überhaupt keinen Einfluß. Sobald ich in das Taxi einsteigen durfte, war der Preis bereits ausgemacht und bezahlen mußte ich natürlich selber. Der Polizist fuhr in seinem Dienstwagen hinterher. Es wäre freilich ökonomischer gewesen, wenn er mich in seinem Auto mitgenommen hätte; doch das war nicht vorgesehen.Der Platz der Republik galt als touristisches Muß. Das wurde damals wörtlich genommen und ich durfte mir nur noch den Tag aussuchen. Diese Pflicht absolvierte ich gleich mal am ersten Tag und brauchte dafür zwei Stunden. Viel war dort nicht zu sehen. Eben ein riesiger Platz, ein paar Palmen und sozialistische Prachtbauten.
Den Bazar durfte ich besuchen und dort auch einkaufen. Das war eine schwierige Übung, denn zu Fuß betrug die Entfernung vom Hotel aus etwa 40 Minuten. Der Polizist hatte freilich keinen Bock darauf, 40 Minuten zu laufen und wollte mir immer wieder das teure Taxi aufschwatzen. Da stellte ich mal ganz frech die Frage, was er wohl machen würde, wenn ich das Geld nicht dabei habe? Tja, da war der Polizist auch ratlos. Selber wollte er nicht bezahlen und so mußte er wohl in den sauren Apfel beißen.Der Irak war früher Mespotamien oder das Zweistromland. Dieses hat eine sehr lange Geschichte und es gibt viele Altertümer zu besichtigen. Als ich den Polizisten darauf ansprach, bestellte er - wie gehabt - ein Taxi und wählte ein Ziel aus, das etwa 80 Km außerhalb von Baghdad liegt. Die Fahrt hat ein Schweinegeld gekostet. Als wir dann ankamen, stellte sich heraus, daß dieser Polizist von Geschichte keinerlei Ahnung hat. Er stand schweigend daneben und ich weiß auch nicht mehr genau, was ich da besichtigt habe.
Da meinte ich schon, so ein Ausflug sei nicht gerade hilfreich gewesen und außerdem wurde mir das Geld knapp. Der nächste Polizist wußte eine Lösung, die ich erwähnen möchte. Er führte mich in eine Buchhandlung, in der es auch Bücher in deutscher Sprache zu kaufen gibt. Dort erstand ich für wenig Geld einen Reiseführer über den Irak. Dieses Buch habe ich heute noch und es ist absolut der Witz. Das Regime tat damals so, als ob der Irak ein beliebtes Reiseland wäre.In der Folge setzte ich mich in eine Kneipe, bestellte ein Bier und las im Reisführer nach, was ich alles verpaßt hatte. Weitere Ausflüge vermochte ich mir dann nicht mehr zu leisten, weil ich nur begrenzt Bargeld dabei hatte. Zumindest damals gab es im Irak weder Bankautomaten noch Kreditkarten. Selbst wenn - ich wollte ja nicht mein Konto beliebig überziehen.
Diese Art von Tourismus war die reinste Arbeitsbeschaffung für Taxifahrer. Diese Berufsgruppe dürfte mit dem arabischen Sozialismus wohl einverstanden gewesen sein. Im Irak gibt es ja heute noch Menschen, welche dem Regime nachtrauern.Sicherheit
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In dem Punkt war der Irak damals besser als heute. Wenn man ständig von einem Polizisten überwacht wird, dann haben Kriminelle natürlich keine Chance. Das war auch so gemeint. Es ging ja nur darum, die Gesetze so einzuhalten, wie es das Regime vorsah.Frauen
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Diese waren offiziell gleichberechtigt. Mir ist nur aufgefallen, daß viele von ihnen unverschleiert herumliefen und auch sonst ihren Körper zeigten.Persönlich hatte ich keinen Kontakt zu Frauen. Das wurde damit begründet, daß angeblich alle von ihnen verheiratet sind, wobei arabische Ehemänner schnell eifersüchtig werden. Die Trennung, der Geschlechter war noch vorhanden. Da ich ein Mann bin, wurde ich nur von Männern überwacht und hatte auch nur Kontakt zu Männern.
FAZITIn dieser Kategorie wollte ich auch einen Bericht über ein untergegangenes Regime einschmuggeln, ohne deswegen eine neue Kategorie zu beantragen. Da mag jeder selbst urteilen, ob es heute unter den Amerikanern "besser" geworden ist.
Wahr oder falsch ist gleichzeitig eine Warnung. Es ist vielleicht die Ausnahme, daß jemand aus beruflichen Gründen in ein diktatorisch regiertes Land reisen muß. Wenn doch, dann sollte man sich vorher gründlich informieren und notfalls auch den Chef warnen. Sonst wirft die Firma viel Geld zum Fenster hinaus und ich sage Euch Leute: das gibt Ärger!Keine Empfehlung, weil man speziell im Irak diese Erfahrung nicht mehr nachmachen kann. Eine mittlere Bewertung von drei Sternen, weil dieser Tourismus weder gut noch schlecht war. Man hat mich nicht absichtlich leiden lassen. Doch ist ein Polizist eben kein Fremdenführer und Enttäuschungen gab es dehalb, weil diese Leute von Tourismus keinerlei Ahnung haben.
Nachtrag
************Nur für Neugierige. Was wäre mein beruflicher Auftrag gewesen? Ich hätte einen Ratgeber für den deutschen Außenhandel verfassen sollen. Im damaligen Irak gab es dazu ein schlagfertiges Argument. Der geniale Führer hat solch einen Ratgeber bereits verfaßt und dieses Werk kann man über die irakische Botschaft bestellen. In der Firma war genau das der Ausweg. Tja, dann ließen wir uns das Buch von der Botschaft kommen. Dazu wäre eine Dienstreise natürlich nicht nötig gewesen.
Urteilt selber: Wie wäre es nun, wenn ich diese Erfahrung unter "Außenhandel" veröffentlicht hätte? Bei Ciao hätte das ein klares TV gegeben.
30.10.2006 10:41
Ein interessantes Bild zu einem Land, das heut mehr denn je im Blickpunkt steht. Und trotzdem bleibt es schwer, sich darauf einen Reim zu machen, was aber keineswegs an Deinem Bericht liegt.... LG
26.10.2006 19:40
Hallo Olaf, na ja, ich denke, auch Dein Chef hätte vorab ein gewisses Maß an Kenntnisse über den Irak (oder eben generell das Land )haben müssen, wo er Dich hinschickt, so daß er eben auch mit negativen Dingen wie Arbeits- und Fotografierverboten rechnen mußte ... Hättest Du im Land etwas erreicht, so wäre es sehr schön, aber so eben nicht ... Gruß, Sven
25.10.2006 12:04
Bei deinen exotischen Reisezielen glaube ich Dir auch ohne "handfeste Beweise" aufs Wort, dass Du dort warst! Um solche Erfahrungen beneide ich Dich, obwohl ich da selbst nie hin möchte. Ich lese dann lieber bei Dir ;-)