Der Schatten des Herrn auf der Schwelle
01.11.2004
Pro:
Eine ganze Welt für sich
Kontra:
schnell, schnell, bevor sie ausverkauft ist
Empfehlenswert:
Ja
 Wysiwyg
Über sich:
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Dies ist eine Geschichte in zehn Teilen. Die Musik dazu ist über viele Jahre hinweg entstanden. Vielleicht ist aber auch die Geschichte in vielen Jahren gewachsen, und die Musik war schon immer da. Solche Geschichten beginnen mit Träumen. Das Klingeln von Zaumzeug vielleicht, das Thomas Rhymer zuerst hörte, als er durch den grünen grünen Wald ritt, in dem ihm die schöne Dame vom See begegnete, die von anderen La Belle Dame Sans Merci genannt wird; aber dies ist nicht diese Geschichte, sondern eine andere, die davon handelt, wie er den Wald wiederfand und endlich ihre Burg. Es war nämlich an einem nebeligen Nachmittag, als er durch Büsche und Bäume lief und plötzlich irgendwo neben sich Kuhglocken hörte. Es fiel ihm nicht sofort auf, aber als er genauer hinhörte, hörte er nicht mehr Kuhglocken, sondern die Glöckchen am Zaumzeug ihres Pferdes und den klagenden Flötenton, den er zum ersten Mal auf ihrer Burg vernommen hatte (aber sie hatte ihm niemals erklärt, was es damit auf sich hatte), und inzwischen glaubte er zuweilen, es sei gar keine Flöte gewesen, sondern das Saxophon von John Harle, denn dies ist eine Geschichte, die mit Kuhglocken beginnt und sich durch viele Zeiten windet; es ist eine Geschichte, dachte er, als er durch die raschelnden Blätter schlurfte, denn es war Herbst und er war sehr müde, die sich fortgestohlen hat und niemals erzählt worden wäre, wenn es diese seltsame Musik nicht gäbe, und auch so erkennen wir nur ihr Nachbild. Die Geschichte selbst ist verschwunden.1 Thomas Rhymer hörte Kuhglocken läuten, aber als er sich dessen bewußt wurde, klangen sie eher wie die Glöckchen an Zaumzeug ihres schwarzen Pferdes oder wie die klimpernden Stäbe über der Türe eines kleinen Ladens in einer deutschen Stadt, die sie beide einmal besucht hatten, um dort zwei Bücher zu kaufen, in anderen Zeiten. Dazu die melancholische Musik des Saxophons über wabernden Klängen von Streichern (aus einem Vibraphon gezaubert): so etwa fühlte sich der Nebel an, der sich inzwischen um ihn verdichtete. Das Laub, das er mit seinen schweren Schuhen aufwirbelte, wurde dichter und feuchter. Über ihm war der Nebel heller, der Boden verdunkelte sich allmählich. Lange Zeit spielte nur das Saxophon und destillierteaus der Melodie melancholisch strahlende Figurinen und Girlanden und Läufe; da dachte er an ihre strahlenden Augen, in denen der Humor die allgegenwärtige Traurigkeit zu etwas verzauberte, das er nie würde beschreiben können, sein Leben lang nicht, obwohl es ihn so sehr anrührte. Und dazwischen huschten kleine dunkle Melodien, als erwachte ringsumher der Wald zu einem heimlichen Leben. Und dann hörte er plötzlich eine Männerstimme, die irgendwo in der Ferne sang. Wann sie mit ihrem Gesang begonnen hatte, wußte er nicht, noch verstand er, was sie denn sang, aber später dachte er für sich, daß er in diesem Moment hätte wissen sollen, daß er die Grenze überschritten hatte und es sich in den nächsten Minuten entscheiden würde, ob er umkam oder überlebte. Statt dessen stapfte er gedankenverloren weiter voran durch das Laub und durch den Nebel. Der Gesang steigerte sich langsam, wurde leidenschaftlicher und brach plötzlich ab. Er merkte nichts davon.2 Statt dessen verlor er sich in Träumen von einem warmen Zimmer, darin ein flackernder Kamin, der von Buchenscheiten und Zedernholz genährt wurde, wie er es von ihrer Burg kannte, an den kühlen Abenden und in den klirrend kalten Nächten. Auch hier eine melancholische Stimmung. Eine gelassene, herbsüße Melodie des Saxophons über ruhigen Streicherakkorden und der friedlich vergehenden Zeit in dem verträumten Schlagzeug. Genug Zeit, um gemeinsam schweigen zu können, während draußen die Dämmerung das weite Tal füllte. Sucrier Velours heißt die Musik, sie dauert knapp fünf Minuten, aber sie füllt einen ganzen Abend aus und das Denken eines Mannes, der durch einen kühlen Herbstnachmittag wandert. Es ist ja nicht nur die Wärme, die uns umgibt. Es ist der herbe Duft des Punsches aus Brombeeren und Gewürzen und Rotwein und Honig und einem Schuß des warmen Whiskys, den die auf ihrem Land brauen – er ist unfaßbar weich und warm und eine Spur widerspenstig, wie sie selbst, denn die Wärme breitet sich nur zögerlich aus, dann aber um so machtvoller, und wer ihn einmal getrunken hat, diesen Whisky, verliert die Wärme nie mehr ganz und gar –, und der Duft des Wintergartens, in dem sich die Farne und Stauden und Sträucher zum Abend rüsten, und des Leders überall und der üppigen Decken aus Kamelhaar und Lamahaar und Kaschmirwolle; das ist für ihn ein Traum von Daheim-Sein für jetzt und immer.3 Ein spöttischer Klang im Puls, während er wandert. Der Boden verändert sich allmählich. Die Blätter verschwinden wohl, an ihre Stelle treten Nadeln und endlich das nackte üppige Gras; der Untergrund federt dunkel nach, wenn man darüber geht, und das verleiht dem Gang selbst eines müden Mannes etwas Beschwingtes. Er liebt die Abwechslung beim Wandern und die unbewußte Konzentration auf die eigenen Schritte. Am Rande seiner Wahrnehmung schwingt die Musik mit, darin eine absonderlich klagende Mundharmonika, die zugleich fordert, lockt und abweist. Die Welt wird immer verzauberter und absonderlicher. Dazu eine leise, aber aufdringliche Trompete. Der Wald lichtet sich bei jedem Schritt, der Himmel bricht ein mit seinen sanft verwehenden nachhallenden Schlägen auf dem großen Becken, die John Harle wiederum auf seinem Saxophon mit weit ausholenden Bewegungen zerteilt. Die ganze Welt scheint aufzureißen, aber als er endlich aufmerksam wird, hört er nur zerflatternde Schreie und die wabernde Stille des Nebels und von sehr ferne das Echo einer singenden Stimme.4 Sultry Sunset. Es wird dunkel. Das Klavier verliert sich in sinnlosen Figuren, oder vielmehr erhalten sie erst einen Sinn, wenn das Saxophon anfängt, eine Gegenstimme zu entwickeln, wie die unbändig ausschweifenden Gedanken und Träume eines Mannes, der kraftvoll ausschreitet in die plätschernde Dunkelheit. Dabei wird die Welt immer stiller. Es ist, als läge der Wald weiter hinter ihm und nicht mehr vor ihm. Keine huschenden Wesen mehr; aber vielleicht, weit über ihm, klagende Vögel am unsichtbaren Nachthimmel, wo sich der Nebel auflöst zu Wolkenfetzen und treibenden Schemen. Eine ausgedehnt ruhige und sehr intime Stimmung. Manchmal liest er ihr abends aus einem Buch vor, bis sie auf ihrer lederbezogenen Liege einschläft, unter einem Wust von Decken, unter denen ihr heller langer Fuß herausschaut, und ihr Gesicht ist den zuckenden Flammen im Kamin zugewandt, und seine ruhige Stimme hüllt sie noch wärmer und sanfter ein, als jede ihrer Decken das jemals vermöchte. Darum hole ich ihn ja her, denkt die schöne Dame über dem See, aber da schläft sie schon ein, die goldene Wärme des Feuers auf ihrem friedlichen Gesicht.5 Es gibt so eine zu Herzen gehende Traurigkeit, das Bewußtsein eines endgültigen Verlustes. Vielleicht ist dies die Musik dazu. Minnihaha, und 4 Minuten 25 Sekunden. Ein stetiger, aber unruhiger Beginn, der klingt wie Schmerz oder Angst oder beides; und dagegen die zärtliche Stimme von Sarah Leonard, so wie wir manchmal die Schönheit der Liebe erst empfinden, wenn wir glauben, sie verspielt und verloren zu haben. Das Saxophon stolpert da hinein. Er muß plötzlich weinen, wie er da durch den Abend wandert, und das vielleicht nur, weil er an den Augenblick denkt, in dem er sie zum letzten Mal sah. Oder spürte. Vielleicht ihre weiche freche Unterlippe? Was bleibt, ist der schmerzvolle Puls, die flirrenden und huschenden Augenblicke von Angst und der herzzerreißende Klang ihrer Stimme über dem stillen Wasser.6 Eingerahmt von der gleichen Ruhe, die er verlassen hatte nach dem Sonnenuntergang. Wieder eine weit, weit ausholende traurige Melodie im Saxophon und dagegen ein heiteres, gedankenverlorenes Spiel in dem kleinen Orchester, fast als wäre es eines dieser vollkommenen Werke von Ravel, die er so liebt, seitdem er ihn, Jahrhunderte später, endlich kennengelernt hat. (Manchmal bedauert er die Menschen, die gestorben sind, ohne Beethoven zu hören oder Ravel oder Senden...) Das Wetter wird jetzt besser. Der Himmel klart schnell auf, darin treibt ein heller Vollmond durch die zerfetzten Wolken. Der Boden scheint leicht anzusteigen. Ein paar Felsen. Meine Güte, wie müde er ist. Wie gerne würde er jetzt die paar Treppen hinaufsteigen und durch den Vorraum wanken und über die absonderliche Türschwelle und in das große Schlafzimmer, dessen schmale hohe Fenster in der Burgmauer hinausschauen in den Wald; manchmal liegt darunter der kleine Teich mit den Schwänen, und manchmal ist er sogar mit dem sich unendlich verzweigenden See dahinter verbunden. Er bleibt auf einem Felsen stehen und atmend keuchend durch. Dann schaut er sich langsam um. Das Saxophon sagt etwas. Eine lang nachhallende große Triangel haucht einen kraftvollen klaren Silberton hinein. Er wendet sich dem steilen Abhang wieder zu, den er gerade besteigt, dann dreht er sich wieder um, dem See zu, über den er gerade gewandert ist. Die Wasserfläche liegt gleichgültig da im Mondlicht. Der letzte Nebel zieht sich zum Ufer hin zurück. Er seufzt leise. Noch ein Silberklang der Triangel. Er ist auf Wasser gegangen.7 Sonnet for Cesar. Wir müssen nicht wissen, warum dieses Stück so heißt. Wir wissen aber, daß sie beide diese Musik liebgewonnen haben, als sie eines Nachmittags im Sonnenlicht eines kühlen Oktobers durch die steil ansteigenden Straßen einer alten deutschen Stadt wanderten, auf der Suche nach dem Ort, an dem die beiden Bücher auf sie warteten. Auch hier das Klingen der Glocken. Oder eines winzigen Ambosses irgendwo. Dieses Hämmern wird nicht aufhören. Ein hartnäckiger leiser Ton in seinen Ohren, der fähig ist, den Lärm der ganzen Welt auszulöschen in einem Augenblick, und der doch verschwindet, wenn er nicht auf ihn achtet. Sechs Achtel. Dindin da. Dindin da. Der helle Schlag eines unendlich komplizierten Uhrwerks, das ihn an jeden Ort und in jede Zeit bringt, wohin auch immer er gehen soll. Lovecraft beschreibt einmal eine solche Uhr. Jetzt weiß er, wie sie klingt. Elegische Streicherakkorde und dann wieder dieses melancholische Saxophon, dessen Klang und dessen Melodie etwas unbeschreiblich Fremdes hat. Dindin da dindin da dindin da macht die Uhr, immerzu und immerzu, und dann blasen von ferne die Trompeten hinein, und dann, über der unbeirrt klingenden Uhr, schwingt sich die Musik auf zu einem unglaublich schönen Gesang, wie er ihn nicht mehr gehört hat seit dem Finale von Petterssons zweitem Violinkonzert. Es ist vielleicht das Gefühl, das ihn in diesem Augenblick überkam, als er im Mondlicht stand, über sich der Schatten der Burg, über die im gleichen Augenblick, ohne Übergang fast, als wäre er nicht vor wenigen Minuten noch, sondern erst vor Stunden durch die Abenddämmerung gelaufen, über die im gleichen Augenblick die Morgendämmerung unaufhaltsam hereinbrach, und da funkelte schon das Fenster des Zimmers, in dem sie immer frühstückten, weil es nach Osten hinausging: hinter ihm ging die Sonne auf über dem schroffen Rand unendlich weit entfernter Gebirgszüge. Nie wieder sollte Thomas Rhymer so heftig die aufbrechende Sehnsucht des Heimkehrers verspüren wie an diesem frühen Morgen, an dem das Fenster des Frühstückszimmers im hellen Sonnenlicht aufleuchtete und der Herbst da draußen dem warmen Duft von frischem Gras wich. Wie groß die Sehnsucht ist, merken wir oft erst, wenn sie im Begriff ist, gestillt zu werden. Wenn aus der Einsamkeit des Saxophonisten so etwas wird wie eine Flut von Begehren, die alles hinwegschwemmt: es sind gerade zwei Minuten vergangen, als plötzlich alle Schleusen brechen und man über dem klirren j e n e r U h r nur noch einen gewaltigen Pulsschlag vernimmt, der sich nach allen Seiten hin ausbreitet und ausbreitet... ...und kulminiert in so etwas wie reinem Schmerz, als würde das gleißende Sonnenlicht aus dem Fenster direkt ins Auge treffen und in das pulsierende Herz; es wird – aber das ist eine andere Geschichte, die zu ihrer Zeit erwählt werden wird – bis zur Nacht dauern, daß sie zu ihm kommt: sie sehen einander so selten, aber sie haben eine ganze Ewigkeit zeit dazu, einander so selten zu sehen.8 Dies ist die Erinnerung an die alte Stadt in Deutschland, als sie unter dem gestirnten Himmel durch die Straßen wanderten; sie trug noch immer, was er ihr angesteckt hatte, weil sie ganz für ihn da sein wollte (aber auch das wird anderwärts berichtet). Es ist unbestimmtes, aber energisches Wandern, als wollten sie die Windungen der Sternbilder nachformen, hier auf der Erde. Es bleiben so viele Fragen offen. So viele Fragen. Da fällt der Klavierdeckel9. In a Mellotone Sie neigt noch immer zu einem sich an sich selbst begeisternden Eigensinn, und dies ist die Musik dazu, wenn es denn überhaupt eine gibt, die diese grandiose aufreizende Pirouette mit allen ihren einfallsreichen Variationen und Herausforderungen wiedergeben könnte. Sie kann nichts dazu. Sie weiß, was sie herausfordert, sie weiß es nur zu gut. Aber wenn sie diese Pirouette einmal begonnen hat, muß sie sie zu Ende drehen, mit geröteten Wangen und heftig schlagendem Herzen. Irreguläre Läufe und Cluster im Klavier, Melodiefetzen in der frechen Trompete und irgendwo darunter, dazwischen, die unzerstörbare Wärme des Saxophons. Ein vielfach aufgefächerter Wirbel von Übermut und angstvollem Auf-die-Lippe beißen: Es wird schon nicht so schlimm werden... Nein? Der lange Nachhall ist eine Verheißung. Du wirst schon sehen, was passiert, wenn wir uns wiederhaben...10. John Harle ist jetzt etwa so alt, wie wie uns Thomas Rhymer vorstellen können, wie er langsam das weiche Gras zur Burg hinaufsteigt, immer noch entsetzlich müde, jetzt aber auch hungrig, weil er weiß, daß frisch gebratener Schinken auf ihn wartet, dicker heißer Haferbrei, der überquillt vor Rahm und Honig, schweres Bier – zum Frühstück, sicher! – und milchschäumender Kaffee (wir befinden uns jenseits aller Zeiten, dort, wo sich alles zusammenfindet, was uns so etwas wie eine Heimat schafft), und Orangenmarmelade und Preiselbeeren... Jetzt noch der Bach, in dem er, wenn die wirkliche Geschichte beginnt, eine zerrissene Leiche finden wird, einen von den Schwarzen, aber das hat jetzt noch Zeit: es ist eine ruhige schwere Musik und danach die Ruhe und das Frühstück... Noch einmal das pathetische, vergrübelte Klavier gegen das frei ausschweifende Saxophon und die verheißungsvolle klare Stimme von Sarah Leonard; er hatte schon nicht mehr geglaubt, sie jemals wieder umarmen zu können, und jetzt ist er hier und öffnet die Türe; das ist der letzte Beweis. Sie öffnet sich für ihn. Er ist willkommen. Alles steht ihm zu Gebote. Der Schatten des Herrn auf der Schwelle. Für einen kleinen Augenblick hört er nur ihren Gesang. 1. Caravan [6.21] 2. Sucrier Verlours [4.47] 3. The Mooche [5.52] 4. Sultry Sunset [4.20] 5. Minnihaha [4.25] 6. Isfahan [6.34] 7. Sonnet for Cesar [4.34] 8. Star-crossed Lovers [3.55] 9. In a Mellotone [5.14] 10. The Shadow of the Duke [4.59] John Harle: The Shadow of the Duke released 1992 derzeit noch für € 9,99 zu haben
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10.11.2006 22:06
Zur Musik sage ich nur noch - Schalmei! Dieses Instrument wurde bereits in der Bibel erwähnt. In orientalischen Ländern gibt es das heute noch und nach unseren Begriffen befindet es sich zwischen der Hirtenflöte und der Oboe. Sowohl lustig und traurig - wie dein Bericht. VLG - Olaf
31.10.2005 18:51
Unrührig und besonders. .....Aber was ist denn nun auf dem Photo bzw. der Photomontage? Tintagel? Oder ein Schloss in Schotlland? Grüße! Lily
04.11.2004 16:46
Aber: warum traust Du Dich nicht als Produktbericht?