... Er leitet den Roman „Geschichte aus zwei Städten“ von Charles Dickens ein, und nur wegen ihm wollte ich dieses Buch lesen. Doch dazu später mehr, zunächst interessiert alle Leser vermutlich der
Inhalt
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Erfahrungsbericht von Mocat über Geschichte aus zwei Städten / Dickens, Charles 10. Mai 2004
Produktbewertung des Autors:
Niveau:
anspruchsvoll
Unterhaltungswert:
sehr hoch
Spannung:
sehr spannend
Humor:
durchschnittlich humorvoll
Aufmachung:
sehr schön
Pro:
Dickens Stil, die Dichtheit des Romans, die Geschichte, einfach alles !
Kontra:
niente
Empfehlenswert?
ja
Kompletter Erfahrungsbericht
... ein Jahrhundert der Weisheit und des Unsinns, eine Epoche des Glaubens und des Unglaubens, eine Periode des Lichts und der Finsternis: es war der Frühling der Hoffnung und der Winter der Verzweiflung; wir hatten alles, wir hatten nichts vor uns; wir steuerten alle unmittelbar dem Himmel zu und auch alle unmittelbar in die entgegengesetzte Richtung – mit einem Wort, diese Zeit war der unsrigen so ähnliche, daß ihre geräuschvollsten Vertreter im guten wie im bösen nur den Superlativ auf sie angewendet wissen wollen.“
Das ist einer der schönsten, wenn nicht sogar der schönste Romananfang den ich kenne. Er leitet den Roman „Geschichte aus zwei Städten“ von Charles Dickens ein, und nur wegen ihm wollte ich dieses Buch lesen. Doch dazu später mehr, zunächst interessiert alle Leser vermutlich der
Inhalt ******** Die beiden Städte in denen diese Geschichte spielt sind Paris und London, Zentren des europäischen Lebens, sowohl zu Zeiten Dickens als auch heute. Kurz angerissen handelt das Buch von dem Mädchen Lucie, das, geführt durch einen ihr bisher unbekannten Bankier, Mr. Lorry, und natürlich in Begleitung ihres guten Kindermädchens Miß Proß, England verlässt und nach Paris reist. Dort trifft sie in einem Turmzimmer das den Defarges, Besitzern einer Weinstube im Viertel Saint Antoine, gehört, ihren totgeglaubten Vater. Lucie ist ohne Eltern aufgewachsen, ihre Mutter verstarb kurz nach ihrer Geburt und vorher noch verschwand ihr Vater. Nun trifft sie ihn in einem seltsamen Wahn an: Er sitzt, völlig verwahrlost, in dieser Dachstube eines Hauses und schustert, gibt nur wenige Sätze von sich, ist nicht ganz bei Sinnen. Erst als er Lucie als seine Tochter erkennt, gibt er Kennzeichen des Verstandes und der Menschlichkeit von sich. Mit ihr und Mr. Lorry reist er zurück nach London, wo er schnell seines Verstandes wieder habhaft wird, aber nicht über die Zeit in Paris redet. Einige Zeit später tauchen Lucie, ihr Vater und Mr. Lorry in einem Prozess gegen Charles Darnay, er wird wegen Spionage angeklagt, wieder auf, in dem Lucie ihn durch ihre Zeugenaussage entlastet. Jener Darnay ist gebürtig ein Adeliger aus Frankreich, nannte sich jedoch um weil er mit der Lebensweise seines Onkels und des gesamten französischen Adels kurz vor der französischen Revolution nicht einverstanden ist. Die Geschichte nimmt ihren Lauf, neben den genannten Charakteren taucht auch noch Sydney Carton, ein widerwärtiger aber unauffälliger und in Verbindung mit der Familie Manette (so heißt Lucies Vater) immer freundlicher Mensch auf, der als Anwaltsgehilfe arbeitet. Darnay verliebt sich in Lucie und heiratet sie. Als er bei Dr. Manette um ihre Hand anhält erzählt er ihrem Vater auch, dass sowohl Lucie als auch er ihn nicht unter seinem richtigen Namen kennen und will ihm diesen nennen, Dr. Manette bittet ihn jedoch damit bis zum Tage der Hochzeit zu warten. So halten sie es auch. Am Tag der Hochzeit nennt Darnay Dr. Manette seinen richtigen Namen und jener übersteht die Hochzeit nur sehr blass, nachdem Lucie und Darnay zu ihrer Hochzeitsreise aufgebrochen sind verfällt er wieder in seine seltsame Schusterei. Mr. Lorry und Miß Proß vertuschen dies, doch dem Leser wird offensichtlich, dass dieser Rückfall etwas mit der wahren Identität Darnays zu tun haben muss, und das dieser mit seiner Vergangenheit in Paris zu tun hat. Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten. Auch in Paris geht die Zeit weiter, dort erfahren wir von den Geschehnissen durch die Defarges, den Besitzern der Weinstube, die laut dieser Geschichte so einiges zur Französischen Revolution beitragen. Mitten in den Jahren der Revolution reisen sowohl Mr. Lorry – im Auftrag seiner Bank – als auch Darnay (ohne das Wissen Mr. Lorrys und seiner Familie) zeitgleich nach Paris. Darnay will dort einem alten Freund helfen, wird jedoch an den Toren der Stadt verhaftet. Seine Familie reist bestürzt nach und die Geschichte geht in den Wirren der Stadt Paris während der Französischen Revolution auf ihren Höhepunkt zu.
Die Geschichte dieses Buches klingt nun wohl sehr kompliziert und gewiss, das ist sie auch, aber dafür auch spannend, sehr im dickenschen Stil gehalten und wirklich, wirklich gut. Mehr dazu jedoch später. Zunächst zum besseren Überblick etwas über die
Strukturierung des Buches ****************************** Zunächst ist das Buch in drei Bücher geteilt. Das Erste Buch trägt den Titel „Ins Leben zurückgerufen“ und erzählt die Geschichte bis zu dem Zeitpunkt, an dem Lucie mit ihrem Vater, Miß Proß und Mr. Lorry zurück nach England reist. Es ist in 6 Kapitel aufgeteilt. Das zweite Buch trägt den Titel „Der goldene Faden“ und verfolgt in 24 Kapiteln die weitere Geschichte Lucies und ihrer Familie, ihre Heirat mit Darnay, aber auch die Geschehnisse in Frankreich auf dem Weg zur Revolution Das dritte Buch, „Ein Unwetter nimmt seinen Lauf“, treibt die Geschichte in Paris auf die Spitze, beschreibt die komplette Gefangenschaft Darnays aber auch die Grausamkeiten der Revolution. In 15 Kapiteln löst Dickens hier die Geheimnisse des Buches auf und findet ein faszinierendes Ende. Darauf folgt ein Nachwort von Harald Keller. Inklusive Nachwort erstreckt sich das Buch über 506 Seiten, die eigentliche Geschichte ist 487 Seiten lang. Ausserdem ist das Buch mit Illustrationen von Phiz ausgestattet. Nachdem wir hierauf eingegangen sind kommen wir zum genialen Autor dieses Werkes,
Charles Dickens ******************* Er wurde am 7. Februar 1812 in Landport bei Portsmouth als Sohn eines Marinezahlmeisters geboren. Als seine Familie 1822 nach London ziehen musste und dort unter Geldnöten litt, da der Vater für zwei Jahre ins Schuldgefängnis gesetzt wurde, tat er allerlei schlechte Dienste bei einem Schuhwichse-Fabrikanten. 1827 wurde er der Schreiber eines Advokaten und begann dann 1831 als Parlamentberichtserstatter verschiedener Zeitung sein Brot zu verdienen. 1836 heiratete er Catherine Hogarth von der er sich 1858 trennte. Neben seinen Romanen beschäftigten ihn viele journalistische Gründungen, so war er der erste Herausgeber der heute noch blühenden „Daily News“. Von 1858 an trat er in England und später auch in Amerika als Vorleser seiner eigenen Werke auf, doch bereits bei einer Vortragsreihe in Amerika 1867/68 zeigte er sich kränklich und starb schließlich am 9. Juni 1880. Die zentralen Werte von Dickens’ Weltanschauung sind Pflicht und Opfer, was sich auch in „Tale of two cities“ stark abzeichnet. Geschichte aus zwei Städten ist übrigens ein Spätwerk des Autors, bekannt wurde er durch Werke wie „Pickwick Papers“ 1837, „Oliver Twist“ 1838, „Nicholas Nickleby“ 1839. Die Informationen über den Autor habe ich größtenteils der Seite klassiker-der-weltliteratur entnommen, wo ihr auch ein Bild des Autors findet.
Dickens Stil *************** Der ist einfach wundervoll und der Hauptgrund warum ich diese Geschichte so liebe. Vieles kann man bereits an der Einleitung die ich oben abgetippt habe ablesen. Dickens schreibt natürlich sehr ältlich, sein Stil ist äusserst elitär und für unsere Zeit vielleicht etwas schwer lesbar, aber man kommt bereits nach dem ersten Kapitel ganz gut da rein. Man muss eben damit rechnen, das ein Schriftsteller des 19. Jhd sich nicht so ausdrückt, wie wir es heute gewohnt sind. Wunderschön ist Dickens Art Orte zu beschreiben. Er tut dies auf eine so eindrucksvolle Art, das man wirklich denkt man sieht London, man sieht Paris, man geht selbst durch die Straßen dieser Städte. An einer anderen Stelle beschreibt Dickens die Lage der Wohnung der Manettes, die an einer Ecke liegt, an der man sehr laut die Schritte beider angrenzenden Straßen hört. Aufgrund des Echos in den Straßen und der seltsamen Akustik hört es sich häufig so an, als ob ein Passant schon ganz nah wäre, obwohl er nur am anderen Ende der Straße vorübergeht. Diese Schrittgeräusche täuschen einen, sie tauchen auf und verschwinden wieder. Eine etwas verwirrende, aber eigentlich nicht weiter interessante Angelegenheit. Doch wie Dickens sie beschreibt ist es zum Dahinschmelzen. Man sitzt selber an dem Fenster in dieser Wohnung und lauscht auf die Schritte die die Straße entlangrauschen. Auffällig ist auch, das Dickens häufig bei geschichtlichen Ereignissen vorgreift, so spricht er schon früh in dem Werk von dem Holz, aus dem später die Guillotine erbaut wurde, und von dem Bauern mit seiner Mistgabel, der später die Bastille stürmte. Ich hoffe ich konnte euch die Besonderheit an Dickens Stil klar machen. Er ist einfach ein wirklicher Meister der Literatur, wenn man einmal in der Geschichte drin ist, ist er wirklich gut lesbar und sein Stil versetzt einen wirklich nach London, nach Paris.
Das Nachwort von Harald Keller ************************************ Keller beschäftigt sich für den Leser ausführlich mit Autor und Werk. Er handelt nicht nur Dickens Situation, seine Intention, seine Arbeit am Werk ab, sondern beschäftigt sich auch mit dem Inhalt des Werks und seinen Charakteren. Er beschreibt Dickens Stil übrigens sehr treffend so: „Anschaulichkeit, wohin man blickt, und doch der entsetzlichste Stoff dauernd von Poesie durchwoben.“ Zum Schluß vergleicht Keller Dickens mit Tolstoi. Insgesamt eine interessante Abhandlung über 16 Seiten.
Facts ******** Autor: Charles Dickens Originaltitel: Tale of two Cities Deutscher Titel: Geschichte aus zwei Städten Mit Illustrationen von Phiz und einem Nachwort von Harald Keller Verlag: insel taschenbuch Preis: 12,50 € ISBN: 3-458-32733-9 507 Seiten inklusive Nachwort, die Seitenzahl dich unten angegeben habe bezieht sich auf die Geschichte allein, exklusive Nachwort also Die Ausgabe von insel taschenbuch die ich besitze hat sehr dünne Seiten, zum drin arbeiten und anstreichen ist diese also nicht geeignet.
Zitat Dickens auf der Rückseite des Buches: „Was auf diesen Seiten getan und gelitten wurde, habe ich so genau nachgeprüft, daß ich es in meinem Innern selbst getan und gelitten habe.“
Fazit ****** Oh, ich habe dieses Buch genossen. Mein Instinkt hat mich nicht getrügt, es war hervorragend. Dickens Stil, seine Poesie all das verstrickt in diese ungewöhnliche, skurrile, dramatische, faszinierende und auch historische Geschichte – das ist einfach wunderschön und ganz bestimmt der Stoff aus dem die Meisterwerke sind. Für mich war es das erste Werk von Dickens, abgesehen davon, dass ich Oliver Twist ungefähr dreimal angefangen habe. Ich glaube es ist ein guter Einstieg in Dickens Werke, obwohl oder gerade weil es ein Spätwerk ist. Empfehlen würde ich es interessierten Lesern und gerade solchen, denen Poesie und Anschaulichkeit im Buch wichtig ist, denn diese werden „Geschichte aus zwei Städten“ sicherlich genießen. Ausserdem würde ich es jedem empfehlen dem „Das Parfum“ von Süskind gefallen hat. Süskind parodiert darin nämlich Dickens Stil, und das gar nicht mal schlecht.
Wie immer freue ich mich über Kommentare, Kritik und Anregungen. In diesem Sinne:
Viele liebe Grüße, eure Mocat
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