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Das Stück Styropor liegt achtlos auf der Straße. Keiner an der Haltestelle will es recht bemerkt haben. Plötzlich, mit einem Geräusch, das nicht von dieser Welt scheint, fährt ein Laster über den Quadratmeter weißen, porigen Materials. Es knirscht und Sekunden später füllt sich die ganze Straße mit tausenden kleinen Kügelchen. Sie tanzen einen eigenen Rhythmus folgend mit dem Wind. Alle starren ihnen hinterher wie verlorengegangenen Träumen.
Ich sitze auf der kleinen Bank im Windschatten, starre ebenfalls den Kügelchen nach… Ein Mann kommt auf mich zu, Ende zwanzig, zwangsweise anders sein wollend. Seine braunen ungepflegten Locken umringt ein schwarzes Haargummi am Hinterkopf. Er schreitet auf mich zu, ich schaue unbeirrt den weißen Bällchen nach, die langsam gen Osten ziehen. Er steht direkt vor mir, ich kann seinen Geruch wahrnehmen, umständlich beugt er sich über mich um den Plan hinter mir zu lesen. Ich ducke mich fast unbemerkt, vor meinen Augen sein Schritt, ein Schlüsselanhänger linst aus seiner Hosentasche, nun weiß ich also, dass der Endzwanziger mit dem schönen T-Shirt "Der Betze brennt" Christoph heißt und außerdem Harleys liebt, denn seine Gürtelschnalle verrät mir dies indes sein Gemächt direkt vor meinen Augen platziert wurde, der gute Christoph scheint mir ein wenig weitsichtig.
Die Bahn kommt mit reichlich Verspätung. Ich stelle mich in den Gang, meine Tasche geschultert. 16 Minuten bleiben, um die Welt neu zu entdecken.
Zu meiner Linken sitzen zwei Männer meines Alters, unterhalten sich über einen Gottesdienst. Der breite schwäbische Dialekt gekoppelt mit der ohnehin etwas stockenden Konversation macht mich neugierig. Ich blicke den wortkargeren der beiden an. Er ist unauffällig gekleidet, schaut zu Boden. Plötzlich hebt er den Kopf und schaut direkt in meine Augen. Blau und grün verschmelzen für zwei Sekunden und separieren sich dann wieder in der anonymen Masse, beschämt schaut er zu wieder zu Boden und widmet sich dem theologischen Schwabe neben ihm.
Eine ältere Frau steigt ein, ich mustere sie kurz und mein Blick verweilt bei ihr, ich bin fasziniert. Sie besteht aus einer Mischung aller mir bekannten Rosétöne dieser Welt. Alles an ihr ist rosa, die Strickjacke, ihre Hose, die kleinen Füße halt sie in Schuhe gesteckt, die den Namen Ballerinas nicht wirklich verdienen. Nägel und Lippen runden das bonbonartige Gesamtbild ab. Sie hält sich an der gleichen Stange wie ich fest, ich zähle acht Ringe an ihrer linken Hand und hoffe innerlich, dass das nicht ihre Ex-Männer sind, die aufgrund einer akuten Rosa-Phobie die Gute verlassen haben.
Rechts von mir sitzt eine Frau Mitte Dreißig, vertieft in ihre Lektüre. Ohne das Cover gesehen zu haben, ertappe ich mich dabei, zu raten, welchen Stoff sie sich zu Gemüte führt. Ihre getigerte Leggins rundet sie mit einem Oversizepullover aus den guten 80ern ab und liegt damit genauso im Trend wie im Trash. Arztroman mit romantischen Coverbild, wusste ich es doch. Gierig kämpft sie sich Zeile für Zeile durch eine Welt voller Schnulz, in der sie die eigene Tristesse des Daseins vergessen kann.
Ein Platz wird frei, ich setze mich und die Bahn leert sich Station für Station. Ein paar mp3-Player bestückte Teenies in viel zu großen Klamotten gruppieren sich zu einer Clique Mädels, die so vulgär und laut sprechen, dass alle Gespräche, die mühsam aufrecht erhalten werden, verstocken. Die Lauteste von allen, in jedem Ohr vier Kreolen und einen Jogginganzug tragend verabschiedet sich beim Aussteigen mit den Worten "Miss Perfect geht jetzt, Alda" Ich schaue in die Gesichter der Menschen. Alle schauen angestrengt ernst, ein latente Langeweile, die durch den Anschein, beschäftigt zu sein, übertüncht werden will, umgibt die Reisenden. Viele sind vertieft in Bücher, Zeitschriften oder das rhythmische Nicken zur Musik die ihnen ihr Player einverleibt. Kein Lächeln, keine Konfrontation - nur nicht auffallen. Meine Haltestelle wird durchgesagt, ich drücke den erlösenden roten Knopf, mein Kopf ist voller Eindrücke der erdrückenden Normalität. 16 Minuten für die Menschheit in der Straßenbahn. Jeden Tag. Die Türen öffnen sich, ich schiebe mich an einem Kinderwagen vorbei in die Freiheit, das Lächeln auf meinen Lippen wird immer wieder stärker - so viele Schubladen, so viele Eindrücke, die verarbeitet werden wollen, bis morgen die Fahrt auf ein Neues startet....
Teilweise deprimierende, aber wunderbar festgehaltene Beobachtungen, da muss einfach ein bh her. Trotzdem - oder gerade deshalb - möchte ich nicht Straßenbahn fahren. :-) LG, Ilka
Das Beobachten bringt schon etwas. Nur, das reicht mir oft nicht. Ganz ehrlich, ich stehe mit dem Auto lieber im Stau. Und es ist nicht lange her: Im Stau. Seit 1/2 stunde sind wir 50 meter weitergekommen. Neben mir ein Van mit Menschen in typischer Handwerkerkluft. Alle schauen angestrengt nach vorn. Es geht aber nicht weiter. Ich öffne mein Fenster. Ludwig van Beethoven Sinfonie Nr. 1 dröhnt laut aus meinen Fahrzeug. Die Bauarbeiter starren zu mir verwundert. Ich mach ein Zeichen. Einer lgrinst, "Scheun Schiet hier, wat?" :" Macht nichts, ich höre Beethoven". Ich sage zu Deinem Text: >BE HI>. Gruss, jens
29.01.2007 17:36
du schreibst sehr schön...toller Bericht..LG Katrin
28.12.2006 21:14
Teilweise deprimierende, aber wunderbar festgehaltene Beobachtungen, da muss einfach ein bh her. Trotzdem - oder gerade deshalb - möchte ich nicht Straßenbahn fahren. :-) LG, Ilka
10.12.2006 16:08
Das Beobachten bringt schon etwas. Nur, das reicht mir oft nicht. Ganz ehrlich, ich stehe mit dem Auto lieber im Stau. Und es ist nicht lange her: Im Stau. Seit 1/2 stunde sind wir 50 meter weitergekommen. Neben mir ein Van mit Menschen in typischer Handwerkerkluft. Alle schauen angestrengt nach vorn. Es geht aber nicht weiter. Ich öffne mein Fenster. Ludwig van Beethoven Sinfonie Nr. 1 dröhnt laut aus meinen Fahrzeug. Die Bauarbeiter starren zu mir verwundert. Ich mach ein Zeichen. Einer lgrinst, "Scheun Schiet hier, wat?" :" Macht nichts, ich höre Beethoven". Ich sage zu Deinem Text: >BE HI>. Gruss, jens