Die Kerbe im Brot

4  22.05.2010

Pro:
ohne Worte

Kontra:
ohne Worte

Empfehlenswert: Ja 

LeaofRafiki

Über sich: Neues unter leamom.blogspot.de - Füchschen ist am 08.03.11 morgens um 4:30 Uhr bei meiner Tierärztin...

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Brot schmeckt bitter. Lisa ißt seit achtzehn Jahren Brot. Bitteres Brot. Nicht sofort schmeckt es bitter. Das liegt am Belag. Bitterer Nachgeschmack steigt hoch und setzt sich fest. Er ist penetrant. Läßt sich nicht wegspülen. Sand auf sauberen Fliesen spült man weg. Man braucht nur einen Eimer Wasser schwungvoll flach am Boden auszuschütten. Der Geschmack bitteren Brotes läßt sich nicht wegspülen.

“Was hast du”, fragt man sie. “Warum ißt du nicht?”
“...es - ich eß’n Apfel.”
Äpfel sind besser. Manche sind sauer. Es liegt an der Rinde. Es gibt kein Brot ohne Rinde. Äpfel haben keine Rinde. Äpfel sind besser.

Ihr Kopf brennt immer noch. Von den heißen, klatschenden Schlägen. Und vor Scham. Das Klatschen traf ins Gesicht. War aber auf das Rückgrat gezielt. Das Blut aus der Nase lief nicht eigentlich übers Gesicht. Es floß aus dem Rückgrat.

Der Krieg war total und der S-Bahnzug hielt 22.11 Uhr zwischen Prenzlauer- und Frankfurter Allee. Alle lagen auf dem Bauch. Am Himmel standen leuchtende Weihnachtsbäume.
Blutiger Himmel. Häuserfackeln rechts und links.

Zu Hause war alles still. Wie im Frieden. Der Schlüssel stak im Gartentor. Sie brauchte nur über die Tür zu langen und aufzuschließen. Auch die Verandatür war nicht verschlossen. Alles dunkel. Das Haus schlief.
Lisa zog im Flur ihren Mantel aus. In der Küche stand auf dem Tisch ein Teller an ihrem Platz. Das Besteck lag daneben. Sie machte die Ofenröhre auf. Das Essen war lauwarm. Kartoffeln und Rosenkohl. Immer Rosenkohl. Es gab soviel davon im Garten.

Bleiernde Müdigkeit kroch an ihr hoch. Sie konnte nicht einschlafen. Die Augen taten weh. Sie drückte sie feste zu. Ohne Erfolg. Im Dunkeln lag sie mit offenen Augen.
Ihre Gedanken waren bei der Sache mit dem alten Mann, mit all dem glitzernden Glasstaub in seinen Bartstoppeln. Der kam jede Nacht und verscheuchte den Schlaf. Sie hatte ihn aus den Trümmern gezogen. Die Männer hatten, mit Stahlhelm und Gasmaske vorschriftsmäßig ausgerüstet im Bunker auf die Entwarnung gewartet. Das achtzigjährige Herz hatte nicht mehr viel Zeit zum Warten. Es hatte weitergepumpt. Was geschafft war in achtzig Jahren, wurde Schutt in Sekundenbruchteilen.
Das Werk und die Arbeit im Werk rumorten in ihrem Kopf. Und ein einzelnes Bein. Es gehörte Kalle. Aber er konnte nichts mehr mit ihm anfangen. Es kam ihm abhanden, weil der Zünder einen hatte und losging, als er nicht losgehen durfte.
Sie dachte an zu Hause. Daß sie wegmüßte von zu Hause. Das war kein Zuhause mehr. Sie verstanden nicht mehr ihre Sprache. Sie mißverstanden. Meistens jedoch hörten sie gar nicht hin.

Sie versuchte zu schlafen. Fünf Schläge. Der alte Regulator zitterte sachte nach.
Um fünf Uhr stand Omi auf. Lisa hätte noch anderthalb Stunden schlafen können. Es war ein hellhöriges Haus. Die Wände waren krumm von der Last der Geräusche. Sie tat, als ob sie schliefe, als Omi sie wecken wollte. Erst beim dritten Mal stand sie auf. Rote Ränder brannten um ihre Augen.

“Morgen”, ihre Stimmbänder waren ganz lahm.
“Guten Morgen”, sagte Omi.
Bilder von Geschichten, die das Leben schreibt
Geschichten, die das Leben schreibt Familie_Rudow_o_Datum_klein_bearbeitet2 - Geschich
hinten, v.l.n.r.: Meine Mutter ("Lisa"), mein Cousin, meine Urgroßeltern vorne v.l.n.r.: Meine Großtante, ihre Schwester Else, Elses Sohn aus 2. Ehe
Guckte vorwurfsvoll. Sie achtete immer auf gute Manieren. “War spät gestern abend. Wo warst du solange?”
“Frankfurter Allee, in der S-Bahn. Weihnachtsbäume. Weiter rauf brannte alles.”

Der Nachrichtensprecher bestritt allein die Frühstücksunterhaltung. Was er sagte, interessierte sie wenig. Sie hörten schon lange im Werk auf selbstgebastelten Apparaten Beromünster. Das Neueste erfuhr sie zwei Tage vorher. Sie sprach zu Hause nicht darüber. Es war falsch. Sie hatte es versucht. Nun redetete sie nicht mehr.

Auf dem Tisch standen viele kleine Schälchen mit noch kleinerem Inhalt. Es waren immer drei Schälchen. Drei Kleckse Butter, drei Zipfel Wurst, drei Häufchen Quark. Der war schon gelblich beschlagen. Drei Reste Harzer. In der Mitte stand eine große Schüssel Rhabarberkompott . Der war Eigenbau und es war immer genügend davon vorhanden. Wenn er nicht frisch aus dem Garten geholt werden konnte, kam er aus dem Kellern aus Gläsern. Drei Stücke Brot lagen auf dem Tisch. Jeder hatte sein bestimmtes Stück Brot. Als Krönung bekam jeder ein Schälchen mit Zucker.

“Wer war denn an meinem Brot?” fragte Opa. Er guckte Lisa über den Tisch hinweg durch die Brille scharf an. Sie bekam eine Gänsehaut bis unter die Haare.
Sie waren immer mißtrauisch, was Lisa anging.
“Ich nicht”, sagte Lisa.
“Na, ich auch nicht.” Omis Stimme klang sehr entschieden.
“Aber einer war dran. Ich hab mir ein Zeichen gemacht. Nun ist es weg.”
“Ich hab heut nacht kein Brot gegessen. Außerdem hab ich ja mein Stück Brot.”
“Vielleicht hast Du aus Versehen mein Stück erwischt?”
Das war eine goldene Brücke. Aber sie lag an der falschen Straße.
“Hab überhaupt kein Brot gegessen heut nacht.”
“Ich hab eine Kerbe reingeschnitten. Hier oben in die Rinde. Jetzt ist die Kerbe nicht mehr da.”
“Du wirst die Kerbe von vorgestern aufgegessen haben und gestern hast du vergessen, eine zu machen.”
“Ich habe eine Kerbe gemacht. Und zwar gestern! Das weiß ich ganz bestimmt.”
“Was guckst du mich so an? Ich sage doch, ich hab von deinem Stück nichts abgeschnitten! Ich hab überhaupt kein Brot gegessen heut nacht. Vielleicht waren’s die Heinzelmännchen?!”
“Du - du..., werd nicht frech, sag ich dir! Ich weiß doch, was ich tue!”
“Ich auch.”
“Dann gib’s doch zu, daß du es warst. Streite es doch nicht fortwährend ab!”
“Ich war’s nicht!”

Omi fing an zu weinen. Und wenn Omi anfing zu weinen, sagte sie tränenüberströmt mit einem sauberen Taschentuch in der Hand, das in solchen Fällen immer sofort zur Stelle war, das sie aus der Tasche ihrer sauberen Küchenschürze, die sie immer trug, nahm, immer dasselbe. Seit zehn Jahren immer dasselbe, wenn sie weinte.
“Haben wir das verdient? Ja, ja, Undank ist der Welt Lohn! Wir haben dich aufgezogen. Wir haben alles für dich getan! Opa hat alles für dich gekauft! Ich habe dich gepflegt, wenn du krank warst. Und meineWurst gebe ich dir immer und meine Butter auch. Nein, nein, nein, so was von Undank! So eine Undankbarkeit! Haben wir das verdient?! Ja, ja, Undank.....” usw.
Opa stand dann natürlich nicht zurück.
“Und dann bestiehlst du uns! Heimlich, mitten in der Nacht! Pfui, du solltest dich schämen!”

Lisa war müde und wach. Sie war wütend und traurig. Sie war alles und fühlte alles, was ein Mensch sein und fühlen kann. Sie hatte Ähnliches schon oft erlebt. Es ging ihre jedesmal bis unter die Haut.
Sie hörte dumpf, wie Opa beschwörend auf sie einredete.
“Ich will doch nur, daß du’s zugibst. Wer lügt, der stiehlt! Ich geb’s dir ja gerne, aber du sollst fragen! Heimlich ans Brot gehen und dann noch abstreiten. Gerade du müßtest uns dankbar sein!”
“Ja, ja, ich bin euch dankbar. Wenn ihr’s bloß nicht immer fordern wolltet! Ich bin euch dankbar, ich bin euch sehr dankbar. Wie oft soll ich es noch sagen? Wie oft wollt ihr es noch hören? Aber ich schöre, daß ich kein Brot abgeschnitten habe!”
“Du freche Göre du!!!” Opas Gesicht war wutverzerrt und die Augen weit aufgerissen hinter den Doppelschliffgläsern, als wollte er das, was er für die Wahrheit hielt, ihr aus dem Leib bohren.
Lisa wollte raus. Nur weg. Nichts mehr hören. Außerdem war es schon sehr spät. Sie warf sich den Mantel über und griff nach der Aktentasche. Opa hielt sie am Arm fest.
“Du wirst noch zu Kreuze kriechen, dafür werde ich sorgen!”

Sie machte sich los. Der Dauerlauf zur Straßenbahnhaltestelle durch den kühlen Morgen die Chaussee entlang war wie eine Flucht.

Der ‘Lumpensammler’ fuhr schon wieder an, als Lisa den Griff erwischte und sich auf die hinterste Plattform schwang. Ein paar Arbeitskollegen standen eingekeilt zwischen lauter Menschen. Die Bahn rüttelte alle durcheinander. Einer erzählte in Andeutungen den neuesten Witz über den dicken Hermann.

Der Tag schlich langsam und mittags kriegten sie bei Luftgefahr 15 Vollalarm. Es war, als hätte jemand in einen Ameisenbau gepiekst. 10.000 menschliche Ameisen waren auf einmal da und rannten. Erst rannten alle durcheinander, dann formierten sie sich zu Gruppen, ballten sich zu Trauben zusammen. Sie begannen in alle Richtungen auszuschwärmen. Auf’s freie Land. Auf die Äcker und Getreidefelder. Das Werk hatte ein großes Verwaltungsgebäude. In den Kellern waren Archive untergebracht. Es gab keine Luftschutzkeller. Die Lehrwerkstatt war ein Musterbetrieb und besaß stolz die ‘Goldene Fahne’. Sechshundert Lehrlinge hatten keinen Luftschutzkeller.
Manche hingen sich an Elektrokarren. Sie kamen schneller vorwärts und weiter weg vom Werk. Die vielen anderen blieben in der Nähe. Sie hatten nur ihre Beine zum Laufen. Sie warfen sich in die Ackerfurchen, suchten Deckung hinter Kartoffelstauden, preßten hinter Kohlköpfen nd Rüben das Gesicht in die Erde. Und dann kam der Segen von oben. Das Getreide zitterte. Gelbe Pilze stiegen auf, weit hinten am Horizont. Es mußte Lichtenberg sein, um’s Kraftwerk rum.

Zu Hause war Ruhe. Zuhause strahlte alles Sauberkeit und Geborgenheit aus. Zuhause, da war man zu Hause.

“Sie hatten’s auf Klingenberg abgesehen”, sagte Lisa beim Abendessen. “Wart ihr im Bunker? Ich war auf dem Feld draussen. Es sind immer noch keine Gräben da. ‘N paar Flaksplitter kamen runter. Schönefeld hat mit 8,8 wie verrückt geballert. Drei Jäger von uns sind abgetrudelt.”
Auf den Tellern klapperten die Löffel. Opa schob die Wurststücke immer beiseite, wenn er mit dem Löffel in die Kartoffelsuppe tauchte. Er füllte sich noch eine Kelle auf. Die Wurststücke aß er zuletzt hinterher.
“Heute hat’s im Werk Wirsingkohl gegeben. Schwammen lauter Läuse obendrauf.”
“Da siehst du mal, wie gut du’s zuhause hast!” ließ Opa vernehmen.
“Ja, ich weiß.”
“Das weißt du eben nicht, sonst würdest du nicht so infam lügen.”
“Wie oft soll ich es noch sagen: ich hab das Brot nicht gegessen!”
“Du verlogenes Luder, du! Mir ins Gesicht zu lügen” Und wir waren so gut zu dir! Schämen solltest du dich.”
“Laßt mich doch in Ruhe. Was ihr glaubt, ist eure Sache. Ich war’s nicht. Mehr kann ich nicht sagen.”
Lisa fühlte Übelkeit in sich hochsteigen. Sie wollte aufstehen. Opa sprang auf und schüttelte sie kräftig, daß ihr Kopf vor und zurück flog.
“Du bist wie dein Vater” Der war auch so verlogen. Du bist durch und durch verdorben. Verdreschen könnt ich dich! Windelweich schlagen! Ich schmeiß dich raus! Noch heute fahre ich zu deiner Mutter. Die ist dein Vormund. Das Eine sag ich dir, ich sorge dafür, daß du in eine Erziehungsanstalt kommst. Da werden sie dir schon beibringen, was sich gehört! Deine alten Großeltern, die’s immer so gut mit dir gemeint haben, so zu behandeln!”
Omi weinte heftig. Und laut, daß ein Stein hätte lebendig werden können.
Verfluchtes Brot. Dreimal verfluchtes, lausiges Brot!

Lisa wollte nicht in eine Erziehungsanstalt!

“ICH WAR’S.”

So mußte ein Volltreffer sein, dachte Lisa. Eisengeschmack auf der Zunge, klebrige Wärme am Hals. Widerliches Krachen auf’s Hirn.

Später wurde der Krieg totaler.
Lisas Vater lag in einem Berliner Lazarett. Er schickte Brot, manchmal auch Marmelade. Das Brot wurde in drei Teile geschnitten. Die Marmelade in drei Schälchen gefüllt. Das Rückgrat haben sie Lisa draußen im Werk und anderswo wieder zusammengenagelt. Sie hat es nicht wieder mit nach Hause genommen.

So geschehen 1943


Einige Erläuterungen zu Text und Bild:
Später aufgeschrieben von meiner Mutter (1923-2006), als eine ihrer Kriegs- und Jugenderinnerungen. Ich kannte diese Geschichte lange bevor ich das Manuskript in ihrem Nachlaß fand, an dem ich die alleinigen Rechte habe, hatte sie sie mir doch oft genug erzählt.
Oft, wenn Brot auf dem Tisch liegt, muß ich daran denken...

Bild hintere Reihe, v.l.n.r.: Meine Mutter (in der Geschichte Lisa), mein Cousin Peter, meine Urgroßmutter und mein Urgroßvater (in der Geschichte Omi und Opa)
Bild vordere Reihe v.l.n.r.: Meine Großtante Dora, daneben ihre Schwester Else (die Mutter meiner Mutter), am Tisch Elses Sohn Fritz (aus zweiter Ehe).

Aufgewachsen ist meine Mutter nach der Scheidung ihrer Mutter bei ihren Großeltern, meinen Urgroßeltern. Sie starben wenige Jahre vor meiner Geburt. Das Haus in einem Vorort Berlins, in dem die Geschichte spielt und in dem sie damals lebten, hat den Krieg unbeschadet überstanden. (Ich war oft da zu Besuch, es war winzig klein, hatte nur 2 Räume und ein Herzhäuschen im Garten. Ich hab mich immer gefragt, wie damals so viele Menschen darin wohnen konnten...) Es wurde Ende der 60er Jahre verkauft.

“Das Werk” in der Geschichte sind die Henschel Flugzeugwerke in Berlin, in denen meine Mutter als technische Zeichnerin arbeitete.
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
pinkdawn

pinkdawn

24.08.2010 03:05

eine furchtbare geschichte - aber wer hat denn nun von dem brot gegessen? eine dunkle zeit voll brutalität und elend - gut, dass sie vorbei ist. möge so etwas nie wieder kommen ... das mit dem rückgrat hab ich auch nicht ganz verstanden. wurde lisa mit den schlägen wirklich verletzt? warum ist sie denn bei diesen schrecklichen leuten geblieben?

Aletheia

Aletheia

06.08.2010 17:38

Ja, die interessantesten Geschichten schreibt das Leben. Meine Oma hat mir viel vom Krieg und ihrem Leben im Sudetenland erzählt. Liebe Grüße, Aletheia

Corbeau

Corbeau

12.07.2010 13:41

War das eine elende Zeit.......

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