Gesundheitsreform 2003

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Gesundheitsreform 2003

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Erfahrungsbericht über "Gesundheitsreform 2003"

veröffentlicht 10.02.2004 | LeaofRafiki
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Neues unter leamom.blogspot.de - Füchschen ist am 08.03.11 morgens um 4:30 Uhr bei meiner Tierärztin zuhause gestorben. :-( LiebeNgruß, Lea
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Kontra "sozialverträgliches Frühableben" garantiert...
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"Wahr oder falsch? Oder ungeklärt?"

Gut einen Monat ist sie alt, die Umsetzung der sogenannten Gesundheits"reform" und nach dem Chaos der Unwissenheit, besser gesagt, Uninformiertheit aufgrund von Falschinformationen bzw. Nicht-Information auf Seiten der Krankenkassen und Patienten lichtet sich zumindest in einigen Punkten zwar nicht der Paragraphendschungel, aber zumindest erscheint wieder ein Lichtschimmer am Horizont. Jedenfalls erstmal...

In meinem Bericht „Gesundheitsreform? Das war wohl niX :-(((", den ich im Cafe unter „Alles mit X..:" gepostet hatte, hab ich bereits lang und ausführlich über die (damals noch geplanten) Änderungen berichtet, daher zur Erinnerung, oder Aufklärung, für die, dieses gewaltige Reformwerk bislang freiwillig oder unfreiwillig verschlafen haben, erstmal ein kurzer Überblick über die wichtigsten Punkte, die bereits modifiziert, oder „nachgebessert" wurden.

Von den Versicherten sind demnach folgende Zuzahlungen zu leisten:

10,00 € Zuzahlung bei Arztbesuch pro Quartal
Hieß es ursprünglich, daß pro Besuch und Behandlungsfall beim Haus-, (eigenmächtigen, d.h. ohne Überweisung getätigten) Fach- oder Notarzt sowie beim Zahnarzt einmalig pro Quartal eine Gebühr von 10,00 € anfällt, so wurde hier bereits „nachgebessert".
Frauen, die die Pille verschrieben bekommen, dürfen oder müssen nur zweimal im Jahr die Praxisgebühr entrichten, sofern sie sich nicht auf Nebenwirkungen der Pille untersuchen lassen...
Beim Zahnarzt sind die jährlichenVorsorgeuntersuchungen gebührenfrei, solange sich während der Vorsorgeuntersuchung kein Behandlungsbedarf ergibt. „Mutti, Mutti - er hat überhaupt nicht gebohrt" bleibt also kostenfrei, wohingegen der Einsatz des Bohrers auch im Portemonnaie schmerzhaft zu spüren ist.

Zuzahlungen zu Arzneimitteln
Die Zuzahlung bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln wurde angehoben, auf 10 % des Preises, mindestens aber € 5,00, maximal € 10,00 pro Packung. Nicht verschreibungspflichtige Medikamente müssen grundsätzlich selbst bezahlt werden.
Hier findet sich übrigens der erste Fall von eklatanter Fehlinformation der Bevölkerung, denn es wird unterschieden in „verschreibungspflichtige" und „verschreibungsfähige" Arzneimittel!
Bislang sind alle nicht verschreibungspflichtigen Medikamente weiterhin verschreibungsfähig!
„Eine Auswahlliste soll für die Zeit ab April festlegen, welche rezeptfreien Medikamente noch vom Arzt verordnet werden dürfen. Was nicht mehr auf der Liste steht, wird auch nicht mehr von der Kasse bezahlt. Noch ist die Liste allerdings nicht fertig. Deswegen gilt bis April eine Übergangsregelung. Das heißt: Es darf bis dahin weiter verschrieben werden."
(Quelle: http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/29/0,1872,2099197,00.html
Dort auch eine .pdf-Datei zum herunterladen, die den aktuellen Gesetzestext enthält http://www.zdf.de/ZDFde/download/0,1896,2001158,00.pdf).
Diese Liste soll am 12. März 2004 verabschiedet werden und ab dem 01.04.2004 gelten.
„Thomas Isenberg vom Bundesverband der Verbraucherzentralen: "Rezeptfreie Präparate, die zur Standard-Therapie gehören, dürfen eindeutig bis Ende März weiter verordnet werden. Erst danach gibt es eine neue Regelung, die dann greift. Insofern ist es skandalös, wenn hier eine Körperschaft des öffentlichen Rechtes, die auch fürs Allgemeinwohl zuständig ist, ihre Mitglieder eindeutig interessengeleitet falsch berät, dafür sorgt, dass Milliarden dem einzelnen Patienten aufgebürdet werden, für Medikamente, die Ärzte durchaus weiter auf Kassenkosten verordnen dürfen." (Quelle: http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/21/0,1872,2100149,00.html)

Wahr ist also, daß demnächst weniger Medikamente von den Kassen bezahlt werden.
Falsch ist, daß dies ab dem 01.01.2004 so ist.
Ungeklärt ist, welche Medikamente in Zukunft von den Kassen übernommen werden...

Versicherungsfremde Leistungen wie das Sterbegeld und Entbindungsgeld sind gestrichen, Sterilisationen werden nur noch bei medizinischer Indikation bezahlt, bei künstlicher Befruchtung fällt ein Eigenanteil von 50 % an.

Fahrtkosten
wurden als versicherungsfremde Leistungen radikal gekürzt. Aber auch hier wurde bereits „nachgebessert".
Generell beträgt die Eigenbeteiligung bei Krankenfahrten € 10,00 pro Fahrt. Dies gilt für alle, die mit dem Notarzt- oder Krankenwagen (sogenannte liegende Krankentransporte) zum Arzt oder Krankenhaus gebracht werden müssen. Alle anderen Fahrten wurden ersatzlos gestrichen...
Aber auch hier wurde bereits am 22.01.2004 im Rahmen der Chronikerregelung und der Krankentransportrichtlinien „nachgebessert":
Inhalt der Krankentransportrichtlinien ist, dass Fahrten zur ambulanten Behandlung für Versicherte verordnet und genehmigt werden, die einen Schwerbehindertenausweis mit dem Merkzeichen „aG" (außergewöhnliche Gehbehinderung), „Bl" (blind) oder H (hilflos) haben, oder die die Pflegestufe 2 oder 3 nachweisen können.
Weiterhin sind die Voraussetzungen für eine Verordnung und eine Genehmigung: Der Patient leidet an einer Grunderkrankung, die eine bestimmte Therapie erfordert, die häufig und über einen längeren Zeitraum erfolgen muss. Die Behandlung oder der zu dieser Behandlung führende Krankheitsverlauf beeinträchtigen den Patienten in einer Weise, dass eine Beförderung zur Vermeidung von Schaden an Leib und Leben unerlässlich ist.
Fahrten zur ambulanten Dialyse, onkologischen Strahlentherapie oder onkologischen Chemotherapie können als Ausnahmefall weiterhin verordnet werden. Diese Liste ist nicht abschließend. Die Krankenkassen genehmigen auf ärztliche Verordnung Fahrten zur ambulanten
Behandlung von Versicherten in vergleichbaren Fällen auch ohne amtlichen Nachweis.
(Quelle: Pressemitteilung des Gemeinsamen Bundesausschusses nach § 91 SGB V, mir vorliegende pdf-Datei)
Nach Rückfrage bei meiner Krankenkasse erhielt ich die Auskunft, daß noch nicht geklärt sei, ob dies nun nur für Arzt- oder auch für Behandlungsfahrten im Rahmen einer Physiotherapie gilt.

Wahr ist also, daß demnächst weniger Fahrten von den Kassen bezahlt werden.
Falsch ist, daß generell keine Fahrtkosten mehr übernommen werden.
Ungeklärt ist, ob auch weiterhin bei den Anspruchsberechtigten Fahrtkostenzuschüsse bei Fahrten mit dem eigenen PKW von den Kassen übernommen werden...


All diese Zuzahlungen sollen natürlich in einem gewissen Rahmen bleiben, weswegen es nach wie vor Obergrenzen für die Zuzahlungen gibt.
Diese betragen 2 % vom Bruttojahreseinkommen bzw. 1 % für chronisch Kranke. Wer allerdings als chronisch krank gilt, stand zum 01.01.2004 nicht fest, so daß auch Kleinstrentner, Sozialhilfeempfänger und Heimbewohner an die Grenzen ihrer finanziellen Möglichkeiten gebracht, teilweise sogar darüber hinaus geschubst wurden.

„Die sogenannte Chronikerregelung, die der erst seit dem 1. Januar 2004 kraft Gesetzes eingesetzte und am 13.Januar 2004 konstituierte Gemeinsame Bundesausschuss aufgrund der politischen Vorgaben jetzt unter erheblichem Zeitdruck neu beschlossen hat, sieht vor, dass als schwerwiegend chronisch krank gilt, wer sich in ärztlicher Dauerbehandlung befindet (nachgewiesen durch einen Arztbesuch wegen derselben Krankheit pro Quartal wenigstens ein Jahr lang) und außerdem eines der folgenden Kriterien erfüllt:
- Es liegt eine Pflegebedürftigkeit der Pflegestufe 2 oder 3 nach dem zweiten Kapitel SGB XI vor.
- Es liegt ein Grad der Behinderung (GdB) von mindestens 60 % nach § 30 BVG oder eine Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE) von mindestens 60 % nach § 56 Abs. 2 SGB VII vor.
- Es ist eine kontinuierliche medizinische Versorgung (ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung, Arzneimitteltherapie, Versorgung mit Heil- und Hilfsmitteln) erforderlich, ohne die nach ärztlicher Einschätzung eine lebensbedrohliche Verschlimmerung der Erkrankung, eine Verminderung der Lebenserwartung oder eine dauerhafte Beeinträchtigung der Lebensqualität durch die aufgrund der Krankheit nach Satz 1 (wer sich in ärztlicher Dauerbehandlung befindet nachgewiesen durch einen Arztbesuch wegen derselben Krankheit pro Quartal wenigstens ein Jahr lang) verursachten Gesundheitsstörung zu erwarten ist.
(Quelle: Pressemitteilung des Gemeinsamen Bundesausschusses nach § 91 SGB V
http://www.gemeinsamer-bundesausschuss.de/pdf/pm/2004-01-22-gba-PM3
unter http://www.kbv.de/5225.htm#infos gibt es weitere diverse pdf Datein zum Download)


Wahr ist also, daß demnächst höhere Zuzahlungen geleistet werden müssen.
Falsch ist, daß ---.
Ungeklärt ist nach wie vor die Zuzahlungsgrenze für Chronisch Kranke, die nicht die o.g. Bedingungen erfüllen, bis die Liste der Chroniker erstellt ist.
Ungeklärt ist auch weiterhin die Lage von Heimbewohnern, da deren Zuzahlungsgrenze auf der Grundlage des Bruttoeinkommens (evtl. Sozialhilfesatz) berechnet wird, nicht aber von dem, was ihnen als Taschengeld davon ausgezahlt wird...


Aber, es kommt ja noch schlimmer...
Nicht nur, daß die Zuzahlungen zugenommen haben und die versprochene Absenkung der Krankenkassenbeiträge wohl Zukunftsmusik bleiben wird, nein, nun wird auch weiter an der Leistungskürzungsschraube gedreht!

Zusätzlich zu den bereits angehobenen Zuzahlungen für Heilmittel auf € 10,00 Verordnungsgebühr UND 10 % der Kosten (für krankengymnastische, ergotherapeutische Behandlungen, Bäder, Fango und Massagen, Logotherapie etc.) ist parallel dazu eine Leistungskürzung geplant! Klammheimlich und von der Öffentlichkeit weitestgehend unbemerkt wurde nämlich bereits im vergangenen Jahr vom Bundesausschuss Ärzte/Krankenkassen die Heilmittel-Richtlinie/der Heilmittelkatalog überarbeitet, und soll zum 01.04.2004 in Kraft treten.
Die darin vorgesehen Leistungskürzungen sind, gerade für Chroniker, aber auch für Akutpatienten gravierend!
So sollen statt bislang maximal 14 Behandlungen bei akuten Erkrankungen z.B. der Wirbelsäule und/oder der Gelenke (z.B. Osteoporose, Skoliose oder Arthrose) oder auch postoperativ bei künstlichen Gelenken, schweren und komplizierten Frakturen usw. nur noch 6 Behandlungen verordnet werden dürfen - bei anschließender 12 wöchiger Therapiepause!
Da frag ich mich, warum überhaupt operiert wird, wenn die Nachsorge derart zusammengestrichen wird, daß der Erfolg der OP damit mindestens in Frage gestellt, wenn nicht sogar hinfällig ist.

War es bislang möglich, und Usus, daß einer Erstverordnung zwei weitere nachfolgen durften bzw. chronisch Kranke eine Langzeitverordnung bekamen, so soll das also in Zukunft nicht mehr geben.
Was eine solche „Therapiepause" (ich nenne es eher unterlassene Hilfeleistung) in der Physiotherapie für chronisch Kranke (Schlaganfallpatienten, Multiple Sklerose Kranke, Rheumatiker, Spastiker oder auch Kinder mit frühkindlichen Hirnschädigungen) bedeutet, kann man sich leicht vorstellen! Das, was während einer zugestandenen Serie krankengymnastischer Behandlungen erreicht bzw. an Mobilität erhalten wurde, wird durch die „Therapiepause" zunichte gemacht und kann in vielen Fällen auch nicht wieder aufgeholt werden. (Siehe auch http://www.abendblatt.de/daten/2004/02/07/259806.html)
Ganz zu schweigen von z.B. den unerträglichen Schmerzen eines sogenannten „Ballonarmes" brustkrebsamputierter Frauen, denen die notwendige Lymphdrainage verweigert wird oder Nervenlähmungen aufgrund schmerzhafter Muskelkontrakturen/-verspannungen... Fraglich ist auch, ob ein Mukoviszidosekranker, der ständiges Atemtraining braucht, eine solche „Therapiepause" überhaupt überleben würde...

Fraglich ist auch, wieweit der jetzt endlich angelaufene Protest der Bundesarbeitsgemeinschaft der Heilmittelverbände (BHV) die im Eilverfahren beschlossene Heilmittelrichtlinie, die am 16. 02.2004 verabschiedet werden soll, kippen könnte. Meine Vermutung ist, daß erst, wenn die ersten irreparablen Schädigungen bei Patienten eingetreten sind, ähnlich wie bei anderen Grausamkeiten der Gesundheits"reform", zurückgerudert wird, da die Folgekosten dieser Kürzungen in keinem Verhältnis zu den dadurch erreichten Einsparungen stehen...


Wahr ist also, daß sich die medizinisch notwendige Versorgung gravierend verschlechtert hat und weiterhin verschlechtern wird.
Falsch ist, daß durch die bereits beschlossenen „Reformen" und Änderungen letztendlich und langfristig Geld einsparen läßt, denn was an medizinisch notwendigen Behandlungen bei den Patienten eingespart wird, wird an Pflegekosten ansteigen, wenn Menschen durch verweigerte Behandlungen (oder Medikamente) zum Pflegefall werden.
Ungeklärt ist, wer diese Reformitits überlebt. Oder, falls er sie überlebt, nicht zumindest schwerwiegende Einbußen der Lebensqualität und Mobilität hinnehmen muß.


© LeaofRafiki 10.02.2004

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ACHTUNG FAKERSCHUTZ: Ich poste meine Berichte lieber selber und unter gleichem Nick regelmäßig bei Ciao, häufig bei Yopi, nach dem Relaunch selten Dooyoo, und noch seltener auf irgendwelchen anderen Plattformen, aber dafür vielleicht auf meiner Homepage www.leaofrafiki.de *grins*

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht

  • OW53 veröffentlicht 26.02.2004
    Hallo, diese "Reform" wird letztendlich in weiten Teilen mehr kosten, als vordergündig eingespart wird. Im Bereich der Behandlungspausen bei ambulanter Therapie werden die Kosten um ein vielfaches ansteigen. Sehr guter Bericht!
  • Critics veröffentlicht 22.02.2004
    Mal wieder so ein realitätsfernes Reförmchen, für das diese von uns gewählte Regierung (hätte ich DAS damals gewußt ....!!!! Ich hätte sie nie im Leben gewählt. Pfeifenverein, das!!!!! :o(((((( ) das Patentrezept hat und die immer von Sesselpupsern geplant werden, die von der Praxis an der Basis der Betroffenen ABSOLUT KEINEN BLASSEN DUNST HABEN! Ich bin so stinkesauer und werde keine Gelegenheit auslassen, dieses blöde System auf jede nur mögliche Weise so wenig wie möglich zu bereichern! Seh ich ja gar nicht ein. Krankenhäuser werden zusammengelgt, Leistungen gestrichen. Ich hab Grippe, aber mein HNO hat mich nur 1 Tag krank geschrieben. (Freitag). Am Montag muss ich nochmal zu meiner Hausärztin, um weiter krank geschrieben zu werden. Stell sich das einer vor!
  • muscle veröffentlicht 19.02.2004
    Deutschland Deine Menschen - humpelnd, zahnlos und schmerzverzerrt. Jedenfalls in Zukunft...
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Produktdaten : Gesundheitsreform 2003

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