Erfahrungsbericht über "Gibson Les Paul Tradional Pro"

veröffentlicht 01.04.2010 | Ciaobock
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Über sich :
Bin ein manchmal netter aber immer ehrlicher Zeitgenosse... - ich bitte auf JEGLICHE Bewertung meiner Berichte ohne sinnvollen Kommentar zu verzichten und es gibt KEINE Gegenlesungen! "Beam me up Scotty... - there is no intelligent life down here..."
Ausgezeichnet
Pro Extrem variable Sounds, vergleichsweise günstiger Preis, gute Hölzer und Hardware
Kontra Verarbeitung teils kritisch und mangelhafte Qualitätskontrolle - ist halt "Made in USA"
besonders hilfreich
Klangqualität:
Verarbeitung
Design
Bedienkomfort:
Zuverlässigkeit

"Die Tradition öffnet sich der Moderne..."

Gibson Les Paul Tradional Pro im Studio

Gibson Les Paul Tradional Pro im Studio

Okay, ich gebe zu dass es langsam Überhand nimmt mit meinen Instrumentenberichten, aber es gibt da halt noch so viele Gitarren in meiner Sammlung, über die ich noch nicht geschrieben habe...
Na gut, versprochen... - der nächste Bericht dreht sich nicht um Musik!!!

Prelude:

Vor vier Wochen war ich nach langer Zeit mal wieder bei Thomann Musik in Burgebrach, dem größten Musikhändler Europas, um mal wieder nach Neuheiten, Schnäppchen und Kuriositäten zu shoppen, auch wenn ich eigentlich nur ein Digitalkabel und ein spezielles Netzteil brauchte, was ich mir auch bequem per Post hätte schicken lassen können...

Beim studieren der Angebote stolperte ich über ein Gitarren-Angebot, dass ich erst für einen Druckfehler hielt: Eine neue Gibson LesPaul Traditional Pro Serie mit splitbaren Tonabnehmern, Grover Locking Tunern, komplett aus A-Grade Hölzern (d.h. etwas hochwertigeren Hölzern) gebaut, mit einem Hals im 60er Jahre Profil und Hals und Body in Satin-Lackierung. Das Ganze für 1598€ in Burstlackierung (in einfarbig schwarz sogar nur 1498€).

Diese Kombination aus Gibson, Features und Preis passte einfach nicht zusammen! Nachdem ich endlich einen freien Verkäufer gefunden hatte den ich befragen konnte, stutze selbiger auch erst einmal, bestätigte dann aber nach Konsultation mit seinem Computer dieses Angebot.

Kaum zu glauben: statt immer nur wieder sich selbst zu wiederholen und bei jeder weiteren Wiederholung überflüssiger zu werden, scheint Gibson auf ein Mal mit Schwung wach zu werden und hat der altbekannten Les Paul gleich eine ganze Ladung moderner Feautures mitgegeben und dabei auch etlich alte Zöpfe abgeschnitten.
Auch wenn die Konservativen sicher mit der Nase rümpfen werden, alle aktiven Gitarristen werden sich über die unerwartete Aufwertung der Les Paul und dem erheblichen Mehrwert zu reduziertem Preis sicher sehr freuen.

Wer schreibt diesen Bericht?

Bevor ich mich dieser Gibson Les Paul Standard Traditional Pro widme, möchte ich ein paar Worte zu meiner Person schreiben damit ihr euch auch ein Bild davon machen könnt, in welchem Kontext die Bewertung dieser Gitarre erfolgt.

Ich spiele seit meinem 16 Lebensjahr mit einigen Unterbrechungen Gitarre, das sind also schon gut über 30 Jahre in der Zwischenzeit. Ich bin kein Profi-Musiker und spiele auch schon seit Jahren nicht mehr in Bands, trotzdem habe ich mein Hobby Musik nie ganz aufgegeben, im Gegenteil. In den letzten 10 Jahren habe ich mich wieder intensiver damit beschäftigt, ein eigenes kleines Homestudio eingerichtet und meine Instrumentensammlung inzwischen auf 27 Gitarren, zwei Bässe und vier Keyboards ausgebaut, dazu das übliche Equipment an Verstärkern, Effekten, Mischpulten, etc.

Musikalisch gibt es fast keine Richtung, die ich nicht höre, aktiv ist meine Bandbreite da schon deutlich eingeschränkter, da kreist das allermeiste um die Eckpfeiler Jazz und Blues und genehmigt sich gelegentlich Ausreißer in die Richtungen Hardrock oder ChillOut, das war's dann auch. Aktiv bin ich eher ein Freund der leisen als der zu lauten Töne...

Insgesamt besitze ich aktuell fünf Les Paul Gitarren:
Eine Gibson Les Paul Studio, eine Epiphone Les Paul Ultra-II, eine Epiphone Les Paul Standard Plus, eine Gibson Les Paul Standard Faded Honeyburst und halt diese Gibson Les Paul Traditional Pro mit schlankem 60er Halsprofil und schicker Heritage Cherryburst Lackierung.

Ich bin ein recht kritischer Mensch und bewerte so rational wie möglich, d.h. auch eine meiner teuren und eigentlich guten Gitarren kann bei mir mit nur 3 Sternen bewertet werden, wenn ich preisbezogen zu viele Nachteile finde. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere Gitarrenfan ja noch an früher von mir unter dem Namen "Almstedt" verfasste Berichte...

Okay, genug der Vorrede, hier nun mein Bericht über meine inzwischen dritte Gibson Les Paul die ich mir geleistet habe:

Wer ist Gibson und was ist eine Les Paul?

Nun, Gibson ist einer der ältesten noch existierenden Gitarrenbauer der Welt. Gibson wurde 1902 in Nashville gegründet und baute (und baut auch immer noch) neben Akustikgitarren auch Banjos, Mandolinen, Verstärker, Bassgitarren und seit 1936 halt auch E-Gitarren. Das war damals zwar noch nicht die Les Paul, sondern die ES-150, aber es war die erste serienmäßige Gitarre mit einem Tonabnehmer.
Die Les Paul kam erst 1952 als zweite serienmäßige Solid-Body E-Gitarre nach der Fender Telecaster auf den Markt. Der Name stammt vom legendären amerikanischen Gitarristen und Hobby-Erfinder Les Paul (bürgerlicher Name: Lester William Polfus).
Das Interessante daran ist, das Mr. Les Paul diese Bauweise bereits in den 40er Jahren erfunden und Gibson vorgestellt hatte, allerdings wurden die Gibson Bosse erst wach als Leo Fender mit seiner Telecaster Gitarre begann, Gibson das Wasser abzugraben… Trotz dieses Fehlstarts erwies sich die Gibson Les Paul letztlich als Siegertyp – fast alle Guitar-Heros haben irgendwann in ihrer Karriere mal eine Les Paul gespielt oder sogar nie etwas anderes. Selbst heute für ihre Saitenkünste auf der Fender Stratocaster berühmten Ausnahmegitarristen wie Eric Clapton, Mark Knopfler oder Jeff Beck spielten lange oder spielen wieder Gibson Les Paul Gitarren und so ist es kein Wunder, das die Gibson Les Paul zusammen mit ihrer härtesten Konkurrenz, der Fender Stratocaster auf den Wunschzetteln von Gitarristen immer sehr weit oben angesiedelt war.

Natürlich weckt soviel Erfolg auch die Nachahmer und so gibt es ähnliche Gitarren von dutzenden von Herstellern wobei die besten und preiswertesten Kopien im eigenen Hause unter dem Namen Epiphone gebaut und verkauft werden.
Nach etlichen Jahren eher zweifelhafter Qualität werden die meisten Epiphone Les Pauls heutzutage in durchaus hochwertiger Qualität in Gibson eigenen Fabriken in Fernost gebaut, wobei die Qualität bezüglich Fertigung, Einstellung und Gesamtergebnis häufig genug schon an die viel teureren und mit hochwertigeren Hölzern und Hardware ausgestatteten US-Modelle von Gibson heranreichen. Deshalb kann man heutzutage auch bei Epiphone den einen oder anderen Glücksgriff landen und dabei sehr viel Geld sparen…

Technische Daten:
  • Korpus: einteiliger A-Grade Mahagoni-Korpus mit klassischen 9-Loch Bohrungen zur Gewichtsreduktion (keine Tone-Chambers!)
  • Decke: A-Grade Ahorn, bookmatched, gewölbt
  • Hals: A-Grade Mahagoni, einteilig inkl. Kopfplatte
  • Lackierung: Decke Nitro-Hochglanz, Body und Hals satin-matt lackiert
  • Griffbrett: Palisander, 12" Radius, 22 Medium Jumbo Bünde
  • Mechaniken: Grover locking tuners, verchromt, 14:1 Untersetzung
  • Mensur: 628mm (24,75")
  • Hals-Tonabnehmer: 57 Classic mit Alnico II Magneten ohne Abdeckkappe in Zebra-Design, splitbar, gewachst, Kabel kunststoffummantelt
  • Steg-Tonabnehmer: Burstbucker 3 mit Alnico V Magneten ohne Abdeckkappe in Zebra-Design, splitbar,m gewachst, Kabel kunststoffummantelt
  • Brücke und Saitenhalter: Tune-O-Matic, Zinkguss verchromt
  • Regler: 2 Lautstärkeregler mit "Push-Pull" Splitfunktion und 2 Tonregler, Gold-Top Hat Style von CTS, jeweils 500kOhm
  • Schalter: 3-Weg: Rhythm, Treble und beide Tonabnehmer zusammen
  • Binding: Antique (dunkle Creme-Farbe)
  • Anschlüsse: 1 x 6,35mm Klinkenbuchse (Mono), Aluminium, von Switchcraft
  • Pickguard: einlagig Kunstoff, cremefarbig
  • Zubehör: USA Gitarrenkoffer einfach (ohne Zahlenschloß), Tool für Trussrod-Einstellung

Gebaut in Nashville USA, 2010

Optik und Bauweise:

Die Gibson Les Paul Traditional Pro ist im Prinzip eine angenehm 'schräge' Mischung aus älteren klassischen Les Paul Elementen und für Gibson ungewöhnlich modernen und hochwertigen Lösungen, die bisher eher von der Konkurrenz oder der eigenen Schwesterfirma Epiphone angeboten wurden. Genauso ungewöhnlich wie der sofort auffallende Verzicht auf die traditionellen Gibson Kluson-Tuner mit ihren grünlich schimmernden Kunstoff-Köpfen, die hier durch sehr hochwertige und stimmstabile verchromte Grover Locking Tuner ersetzt wurden, ist die beim zweiten Blick auffallende matte Satin-Lackierung von Hals und Mahagony-Body, während die gewölbt geschnitzte A-Grade Ahorndecke wie gewohnt auf Hochglanz lackiert ist. Vor allem aber die splitbaren Tonabnehmer habe ich noch nie zuvor in einer Serien-"Paula" gesehen, bestenfalls in teuren Einzelstücken aus dem Custom-Shop.

Der matte satin-lackierte und für eine Gibson Gitarre eher schlanke und auch für kleinere Hände ideal geformte A-Grade Mahagoni-Hals beschert ein sehr angenehmes holziges Griffgefühl, was insbesonders für Gitarristen mir Schweißfingern sehr angenehm ist weil die Finger nicht so am Hochglanzlack festkleben.

Das normalbreite Palisander-Griffbrett der Les Paul Standard Serien wird durch sogenannte Trapez-Inlays (Nomen est omen) aus Perlmutt-Imitat aus Kunstoff verziert, während die teureren Custom Modelle mit rechteckigen Block-Inlays verziert sind. Nur noch die "Gibson" Inlays in der Kopfplatte werden heute bei den "nicht Custom-Shop" Gitarren aus echtem Perlmutt gefertigt.
Bei meiner Gitarre gefällt das Griffbrett durch eine optisch sehr interessante Maserung, die allerdings wohl eher eine Ausnahme darstellt, die anderen Gitarren aus dieser Serie die ich mir dort anschauen konnte hatten jedenfalls leider keine derartige Maserung.

Die Bünde (english: Frets) sind sehr präzise eingelassen und die gesamte Gitarre ist sehr bundrein, jedenfalls nachdem ich die Intonation erstmal korrekt justiert hatte. Ab Werk war die Gitarre alles andere als perfekt eingestellt, da habe ich selbst bei Billiggitarren schon viel besseres gesehen habe.
Wie üblich bei Gibson ist das Hals-Bindung mit über die Bundkanten gezogen, was zwar etwaige Rauigkeiten an den Griffbrettkanten vermeidet, nach jahrelangem Dauergebrauch aber eine eventuell notwendige Neubundierung aufwändiger und damit teurer macht.

Seit neuestem verwendet Gibson bei den meisten seiner Gitarren eine aus Deutschland stammende Maschine, um den Sattel und die Bünde auf den Bruchteil eines Millimeters genau einzustellen und abzuschleifen. Dieses "Plekken" genannte Verfahren sorgt für eine wirklich auffallend geschmeidige Bespielbarkeit, ein sehr freies Schwingverhalten der Saiten und vermeidet sowohl das Saitenschnarren als auch die gefürchteten "Dead-Spots" auf dem Griffbrett, d.h. bestimmte Lagen in denen der Ton sich nicht entfalten kann und fast wie abgedämpft klingt. Die Plek-Maschinen, von denen Gibson schon zwei im Einsatz hat, erledigen binnen 10 bis 15 Minuten eine Arbeit, für die ein geübter Gitarrenbauer Tage brauchen würde.

Wer seine eigene Gitarre nachträglich auch per Plek-Maschine optimieren möchte, kann das auch schon in einigen großen Gitarrenläden machen lassen, sollte dafür aber Kosten von ca. 250€ einkalkulieren!

Wie üblich bei Les Paul Modellen ist der einteilige Mahagoni-Hals fest mit dem Korpus verleimt, wenn auch noch nicht mit der 2008 wieder eingeführten "Long-Tenon" Bauweise mit der die aktuelle Les Paul Standard Serie ausgestattet ist. Diese Konstruktion ist zwar nicht so „reparaturfreundlich“ wie bei den geschraubten Hälsen preiswerterer Gitarren, dafür sorgt aber diese aufwändigere Bauweise für ein längeres Sustain und eine lebendigere Obertonentfaltung.

Der A-Grade Mahagoni-Korpus ist ein eher schweres "Brett" und verfügt nicht über die heute oft verwendeten "Tone-Chambers" genannten Ausfräsungen zur Gewichtsreduktion, sondern wird von Gibson noch nach dem alten "9-Hole-Relief" System behandelt. Hierzu werden an bestimmten Stellen des Korpus insgesamt 9 Löcher gebohrt, wobei die Gewichtsreduktion eher sparsam ist. Meine Les Paul Traditional Pro bringt jedenfalls ca. 4.400 Gramm auf die Waage, fast ein Kilo mehr als meine extra-leichte Les Paul Standard Faded.

Das für mich interessanteste Feature dieser neuen Les Paul Traditional Pro Gitarre sind die splittbaren Tonabnehmer, d.h. man kann mit Hilfe des Push-Pull-Lautstärkereglers die Humbucker Tonabnehmer vom normalen zweispuligen Betrieb auf einspuligen Betrieb (Single-Coil) umschalten. Dadurch wird der Ton heller, klarer und "schnappiger", wobei allerdings die Ausgangsleistung sinkt und auch die Gefahr von Brummeinstreuungen und anderer Nebengeräusche wächst.
Allerdings kann ich für meine Les Paul Traditional Pro Entwarnung geben, auch im SingleCoil-Betrieb ist sie überrschend immun für Nebengeräusche, selbst wenn man mit sehr viel Gain (Vorverstärkung) am Verstärker arbeitet.Bei der Les Paul Tradional Pro werden zwei beliebte und bekannte Tonabnehmer eingesetzt.
Als Hals-Pickup kommt der 57er Classic mit Alnico II Magneten zum Einsatz, der weitestgehend der berühmten PAF (Patent Applied For) Tonabnehmerserie entspricht, wobei allerdings die Kabel nicht mehr nur lackiert sondern kunststoffummantelt sind und die Tonabnehmer zur Vermeidung von Feedback mit Wachs ausgegossen sind.
Als Steg-Pickup kommt ein modernerer Burstbucker 3 zum Einsatz, der nicht nur ein paar Extra-Wicklungen Draht auf den Spulen hat und damit mehr Ausgangsleistung erzielt als ein klassischer PAF, sondern auch noch durch die ungleiche Wicklungszahl auf den beiden Spulenreihen etwas bissiger und rauer klingt als ein klassischer PAF oder der 57er Classic.
Beide Pickups kommen ohne Abdeckkappe aus und werden im optisch gut zur Gitarre passenden Zebra-Design verbaut.

Jeder Tonabnemer wird über ein eigenes Lautstärke-Poti (Volume) sowie eine eigene Höhenblende (Tone) gesteuert und per Drei-Weg-Schalter lassen sich die Tonabnehmer sowohl individuell als auch zusammen anwählen. Der Clou bei dieser Gitarre ist, dass jeder Lautstärke-Regler als Push-Pull Poti ausgeführt ist, d.h. ich kann durch Ziehen und Drücken des zugehörigen Lautstärkereglers jeden Tonabnehmer individuell umschalten zwischen Humbucker (zweispulig) oder SingleCoil (einspulig) Betrieb. Insgesamt stehen mir hierdurch nicht nur die traditionellen drei Grundsounds einer normalen LesPaul zur Verfügung, sondern durch die verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten insgesamt 8 (acht!) verschiedene Grundsounds:

  • Hals-Humbucker (normal)
  • Hals-SingleCoil
  • Hals-Humbucker plus Steg-Humbucker (normal)
  • Hals-Humbucker plus Steg-SingleCoil
  • Hals-SingleCoil plus Steg-Humbucker
  • Hals-SingleCoil plus Steg-SingleCoil
  • Steg-Humbucker (normal)
  • Steg-SingleCoil

Die bekannten Grundsounds habe ich oben durch (normal) gekennzeichnet.
Handhabung und Klang:

Kommen wir zu den wichtigsten Elementen einer Gitarre – der Handhabung und dem Klang.

Bei der Handhabung kann sich die Gitarre noch nicht deutlich von einer traditionellen Les Paul absetzen, hier spielen der persönliche Geschmack und der direkte Vergleich eher ein Rolle. Das Gewicht jedenfalls gibt jedenfalls keinen Ausschlag, mit ca. 4,4kg ist die Les Paul Traditional Pro so schwer wie eine durchschnittliche Les Paul Standard auch. Klanglich muss das hohe Gewicht kein Nachteil sein, die leichten Nachteile bei der schnellen Ansprache und im Impulsverhalten wird durch ein verbessertes Sustainverhalten ersetzt.

Die Satin-Lackierung wird den einen ob ihres holzigen Griffgefühls erfreuen, ein anderer mag angesichts der schlichteren Optik (die man auf der Bühne jedoch nicht sieht) die Nase rümpfen. Auch die sehr präzisen und stimmstabilen Grover Locking-Tuner werden bei konservativen Les Paul Fans wohl eher für Stirnrunzeln sorgen. Schließlich erduldet man die bekannten Probleme mit der Stimmstabilität schon seit 50 Jahren und hat sich an die Kluson-Mechaniken so gewöhnt, das die neuen Mechaniken einfach fremd aussehen. Das mit den neuen Mechaniken ein Saitenwechsel in einem Bruchteil der Zeit erledigt werden kann (quasi on-the-fly) die es mit den alten Kluson-Mechaniken dauert zählt da so wenig wie die ungewohnte Stimmstabilität. Das einzige Argument wäre, das seit 2008 auch alle normalen Gibson Les Paul Standard mit eben diesen Grover Locking Tunern ausgestattet werden...

Was ist eigentlich ein "Locking-Tuner?
Der Begriff ist nun ein paar Mal gefallen und ich kann mir vorstellen, dass der eine oder andere damit vielleicht noch nichts anfangen kann. Nun, bei einer traditionellen Stimm-Mechanik wird die Saite durch ein Loch in der Wickelachse gesteckt, anschließend teils sogar 'verknotet" und dann wird durch 2-4 komplette Drehungen der Achse die Saite auf die korrekte Tonhöhe gebracht. Je nach Übersetzung (normalerweise 12:1 oder 14:1) braucht man also 24 bis 56 (!) Umdrehungen der Stimmwirbel, um die Saite in die gewünschte Stimmung zu bringen.
Bei einem Locking-Tuner wird die Saite auch durch ein Loch in der Stimmachse gesteckt, dann aber durch eine unter der Kopfplatte liegende Rändelmutter in der Stimmachse verklemmt. Dadurch kann dann die korrekte Stimmung schon nach 1-2 Umdrehungen des Stimmwirbels eingestellt werden. Eine echte Arbeitserleichterung und gleichzeitige Verbesserung der Stimmstabilität.

Bezüglich der Handhabung würde ich es als Geschmackssache ansehen, ob man der Traditional Pro oder einer 'normalen' Les Paul Standard den Vorzug gibt.
Wer einfach nur eine sehr gute Gitarre sucht, wird die Traditional Pro definitiv lieben und nur unter Gewaltandrohung zu einer Les Paul Standard zurückkehren, wer jedoch speziell Wert auf eine traditionell gebaute, lackierte und aussehende Les Paul legt, der wird hier wohl durch zu viele Innovationen eher abgeschreckt, obwohl seit 2008 auch die Les Paul Standard zumindest auch mit diesen Grover Locking-Tunern bestückt sind.

Wo allerdings jede Diskussion aufhört, ist das Thema Klang, oder besser Klangflexibilität. Schon mit den normalen traditionellen drei Grundsounds tönt die Traditional Pro derart überzeugend, wie das nur ein Top-Instrument kann. Beide Humbucker klingen überaus dynamisch, akzentuiert, tonal ausgewogen mit einer guten Balance aus klaren Höhen und voluminösen und dennoch festen Bässen.

Der 57er Classic in der Halsposition glänzt durch besonders sahnig-cremigen Ton, singt betörend schön und unterstützt das ohnehin nahezu endlose Sustain dieser Gitarre optimal. Vor allem bei cleanen Verstärker-Einstellungen ist das ganz großes Kino, mit zurückgedrehtem Höhenregler kommt Jazz-Stimmung pur auf. Nur mit höheren Gain-Einsetellungen mag sich der 57er Classic nicht so ganz anfreunden. Hier wird, selbst wenn man am Amp die Bässe zurückdreht, der Sound doch manchmal minimal mumpfig und verliert leicht die Konturen.

Der Burstbucker 3 in der Stegposition kommt so derart luftig, kratzbürstig und temperamentvoll daher, dass es nur so eine Lust ist. Auch im Clean-Betrieb klingt der Pickup keineswegs lustlos und grell, wie es viele Steg-Humbucker tun, sondern hat durchaus Saft und Körper und klingt schon sehr lebendig und unglaublich wach. Aber auch im Zerrbetrieb behält er lange seine dynamischen Qualitäten und komprimiert weniger als fast alle Konkurrenten. Muss er aber auch gar nicht... - meine Les Paul Standard Pro hat ein derartiges akustisches Sustain, das eine Kompression gar nicht notwendig ist, im Gegenteil! Wenn meine Gibson Les Paul Standard Faded schon nur noch auf "Posaune" macht, klingt meine Traditional Pro immer noch dynamisch akzentuiert, ohne jedoch weniger lange nachzuschwingen...
Allerdings sollte der Verstärkereingang über ausreichend Headroom (Übersteuerungsreserven) verfügen, da der doch recht heiße Burstbucker 3 sonst die Vorstufe überfährt und in die Kompression zwingt.

Auch beide Tonabnehmer zusammengeschaltet klingen sehr ausgewogen und glockig beschwingt. Prima für akzentreiche Akkordarbeit!

Was aber diese Gitarre extrem variabel macht sind die splitbaren Tonabnehmer. Im SingleCoil-Betrieb behalten beide Tonabnehmer ansatzweise ihre Klangcharakteristik, wenn sie auch etwas leiser und vor allem heller, glockiger und leichtgewichtiger klingen - herrlich! Zwar klingt es immer noch nicht nach Fender Stratocaster, diesen Twang-Sound bekommt die Traditional Pro auch mit SingleCoils nicht hin, eher geht der Sound in Richtung sehnig-trainierte P-90 Sounds, allerdings ohne ganz deren Bauch und Wucht. Dadurch klingen die Pickups im SingleCoil Betrieb ziemlich straff, fast tänzelnd und sehr musikalisch.

Wenn man den Tonabnehmer-Wahlschalter in der Mittenposition läßt und damit beide Pickups zusammenmischt, kann man seinen Spieltrieb wochenlang austoben! Was hier an Sounds möglich ist, schlägt dem Fass den Boden aus. Wahlweise beide Pickups als Humbucker oder SingleCoils oder nur je einen als Humbucker und den anderen als SingleCoil, dazu noch ein wenig individuell mit Lautstärke und Tonregler ergibt so unendlich viele Klangfarben wie ein Sonnenuntergang in Pastellfarben gemalt. SCHÖÖÖÖÖÖN!!!!
Dagegen benimmt sich eine normale Standard Les Paul brutal gesagt wie ein Trampeltier, ungelenk und burschikos.

Getestet habe ich die Les Paul Traditional Pro mit meinem Fender Princeton 65 Vintage Reissue und meinem Laney LC15R (beides Vollröhren-Combos) sowie im Studio mit Boss GT-Pro, Native Instruments Guitar-Rig 3 und Line6 POD xt.
Als Effekte habe ich einen Ibanez TS-880 Tubescreamer Reissue, einen Damage Control Womanizer und ein Boss ME-70 Multieffekt ausprobiert, auch wenn ich überwiegend ohne Effekte getestet habe.

Exkurs: Klang

In den letzten beiden Wochen bin ich von drei jungen Gitarristen angesprochen worden, wie ich "meinen Sound" hinkriegen würde.
Anfangs war ich perplex, irritiert und ratlos.... - was wollten die von mir?!
Nach kurzer Zeit und einigen Diskussionen dämmerte es mir aber... Hier waren weder Verstärker, Pickups oder Gitarre gemeint - und auch nicht die "Magie der Finger" - sondern der Unterschied im Klang lag 'lediglich' im Plektrum. Den "Youngstern" war offensichtlich noch nicht klar, welchen entscheidenden Klang das Plektrum (Härte, Dicke, Form, Griffigkeit,...) am Klang einer Gitarre hat.
Wohl dem, der mit gesunden Fingernägeln gesegnet ist, für alle sollte die Aufmerksamkeit umso mehr dem Plektrum gelten!

Je dicker das Plektrum, desto satter und lauter wird der Ton, spitze Pickups erzeugen auch eher "spitze" (höhenlastige) Töne, abgerundete Pickups entsprechend auch rundere, jazzigere Töne. Aber auch das Material (inklusive der Farbe) beeinflussen den Ton: harte Materialien erzeugen eher spitze und höhenlastige Töne, elastische Materialien einen runderen und mehr akustischen Ton.
Letzteres wird manchmal sogar über die Farbe definiert! Das bekannte und beliebte Dunlop Jazz II Plektrum klingt in rot (weil flexibler?) runder und harmonischer als das schwarze Plektum, das genauso dick und genauso geformt ist, aber wohl auf Grund der verwendeten Farbe etwas "spröder" ist.
Wer also trotz Top-Gitarre und Amp an "seinem Ton" (ver)zweifelt, sollte vielleicht nur mal unterschiedliche Plektren ausprobieren - die Klangunterschiede sind in der Tat gigantisch!

Kritikpunkte:
  • Die Oktavreinheit war völlig vermurkst, die Saitenreiter der A-Seite waren weiter vorne als die der H-Saite, die hohe E-Saite am vorderen Anschlag des Stegs, etc. Sowas kann zwar von jedem besseren Gitarrenladen oder erfahrenen Spielern selber eingestellt werden, aber ich erwarte für das Geld trotzdem eine gut eingestellte Gitarre, wenn ich sie aus dem Karton hole.
  • Die Lautstärkeregler haben beide Spiel und sind trotzdem recht schwergängig, was zwar widersinnig klingen mag trotzdem aber leider zutrifft. Da die Knöpfe zudem noch recht glatt sind, ist ein Einblenden des Tons mit dem kleinen Finger (Violining) quasi unmöglich. Auch sonst machen die Reglerknöpfe optisch eher einen billigen Eindruck. Die Lautstärkeregler funktionieren zwar ansonsten präzise und geräuschfrei, für den Preis ist die haptische Qualität dennoch mies.
  • Die Bindings waren nicht sauber von Farbe befreit worden sondern wiesen teils größere rote Farbspuren auf. Das läßt sich zwar wegpolieren, ich erwarte von einer Gitarre in dieser Preislage dennoch mehr Liebe zum Detail.
  • Die Abdeckung des Truss-Rod (Halseinstellstab) ist eine nackte unbeschriftete Platte die einfach schäbig und billig ausschaut. Selbst meine simple Epiphone Les Paul Standard Plus hat hier eine gravierte Typ-Einschrift.
Fazit:

Wer bis hierher gelesen hat wird sicher schon verstanden haben, dass ich von dieser Gitarre echt begeistert bin. Meine Les Paul Studio, die ich bisher sehr gemocht habe klingt vergleichsweise farblos neben der Tradional Pro und meine Les Paul Standard Faded von 2007 wirkt im Vergleich wie ein Holzfäller neben einer Ballerina. Okay, auch Holzfäller werden mal gebraucht aber lieber schaue ich doch einer Ballerina bei ihrem Vergnügen zu und Vergnügen ist das richtige Stichwort:

Die Les Paul Traditional Pro bereitet nicht nur mir allerhöchstes Vergnügen wenn ich darauf spiele, nein, mehr noch scheint auch die Gitarre dabei selber Vergnügen zu haben, so beschwingt klingt sie.
Ehrlich, ich habe die letzten beiden Tage vor der Veröffentlichung dieses Berichts noch einmal extra viel Zeit mit dem Vergleichen mit meinen anderen 4 Les Pauls sowie ähnlich konzipierten Gitarren wie meiner ebenfalls sehr guten Schecter Diamond Classic oder meiner 77er Ibanez Artist verbracht aber diese Traditional Pro spielt wirklich in einer eigenen Liga.

Zwar ist auch die Les Paul Standard Pro in der Verarbeitung und Einstellung nicht optimal, selbst die Potentiometer-Kappen wirken hier bei genauem Hinschauen billig und unpräzise gegossen, trotzdem einigermaßen akzeptabel und ohne die ganz große Macken.

Trotz aller hier aufgeführten Mängel und Nachteile bewerte ich meine Gibson Les Paul Traditional Pro deshalb mit 5 von 5 Sternen. Hier stimmen Design, Preis und vor allem das sensationelle Klangvermögen einfach, was ich über meine Gibson Les Paul Standard Faded schon nicht mehr sagen konnte.
Trotzdem möchte ich sicherheitshalber betonen, dass sich diese Bewertung nur auf meine Gitarre bezieht, zwei der drei begutachteten Traditional Pro hätte ich dann wohl doch nur mit 4 Sternen bewertet (gröbere Lackfehler, Leimreste auf dem Griffbrett).

Mit der Standard Pro hat Gibson einen überraschenden Schritt aus dem eigenen Grab geschafft und einen ersten Schritt in Richtung alter Glorie gemacht. Bitte weiter so!

Nachwort:

Woran Gibson weiter dringend arbeiten muss, ist die Verarbeitung und Qualitäts-Kontrolle seiner Gitarren. Hier ist Gibson seit Jahren negativ führend und es wird nicht besser. Inzwischen sind (seit Mitte 2009) selbst die von mir begutachteten Gitarren der Billig-Schwester Epiphone im Schnitt besser verarbeitet und eingestellt als die teils sauteuren neuen Gibson Gitarren.

Wirklich verwunderlich ist das allerdings nicht, immerhin wurde Gibson 2009 laut einer Erhebung der Nachrichtenagentur Reuters (veröffentlich am 16.12.2009) von den Arbeitnehmern zum miesesten (!!!) Arbeitgeber der gesamten USA gewählt, was Bezahlung, Motivation, Arbeitsbedingungen und Weiterbildung angeht.
Dazu kommt, dass in den letzten Jahren etliche hochqualifizierte Mitarbeiter (inzwischen sogar aus dem Custom-Shop!) die Firma verlassen haben und bei der Konkurrenz ihre Erfahrung und Kompetenz einbringen!

Wenn man seine Arbeitnehmer so mies behandelt wie Gibson das offensichtlich macht, kann man kaum erwarten dass die einen guten Job machen, geschweige denn in einer Qualität die Premium-Ansprüche erfüllt. Da nutzt Gibson auch die hervorragende Hardware (Pickups) und eines der besten Holzlager der Welt nichts.

Also Augen auf wer eine Gibson Gitarre kaufen will! Die Chance eine gute neue Gitarre zu erwischen ist inzwischen leider gering.

© 2010 Bernd Almstedt

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht

  • jan_eilert veröffentlicht 09.12.2010
    Wirklich sehr guter und informativer Test! Alle Informationen gut begründet.
  • picassoweiblich veröffentlicht 26.09.2010
    Nun schenke ich dir endlich mein bh! LG
  • picassoweiblich veröffentlicht 19.09.2010
    Ich habe keinen BH mehr, leider... Aber ich komme wieder, versprochen. Ich wollte, ich könnte auch ein Instrument spielen :-(
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Produktdaten : Gibson Les Paul Tradional Pro

Produktbeschreibung des Herstellers

Haupteigenschaften

Hersteller: Gibson

Typ: E-Gitarre

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