Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
Feelgood - Queer - Crossover - Komödie mit nachdenklichen Momenten |
| Kontra: |
nicht so tiefsinnig wie der Ozean, eher so wie ein Goldfischglas ;o) |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
|
***Inhalt***
Glaubt man einem modernen Mythos, ist es mit dem Gedächtnis eines Goldfisches nicht besonders weit her. Nach drei Sekunden hat er alles wieder vergessen. Er schwimmt einmal durchs Aquarium und schwupps ist alles neu.
So ist das auch mit der Liebe: Wenn wir uns verlieben, sind alle schlechten Erfahrungen futsch und alles fühlt sich neu und frisch und einzigartig an. Und irgendwie ist es das wohl auch.
Tom ist ein typischer Schürzenjäger der alten Schule. Als Literaturdozent sucht er sich ca. alle drei Monate Frischfleisch aus den ihn anhimmelnden Studentinnen heraus und übt sich in serieller Goldfisch-Monogamie. Als er mit der Rilke-Masche und seinen schmachtenden Blicken und leeren Worthülsen nicht mehr so recht ankommt, befindet er sich in einer echten Sinnkrise.
Auch Clara hatte mal ein Faible für Toms graue Schläfen, doch als sie bemerkt, dass er sie mit der superblonden Isolde betrügt, verlässt sie den ohnehin langweilig gewordenen Lover und flirtet mit der charmanten Fernsehmoderatorin Angie.
Die allerdings will eine feste Beziehung und toleriert Claras gelegentliche Techtelmechtel mit einem männlichen Lover ganz und gar nicht. Sie verliebt sich unsterblich in Kate und die beiden stürzen sich binnen kürzester Zeit in die gemeinsame Familienplanung.
Angie bester Freund Red ist Fahrradkurier und lebt auf einem Hausboot. Er fungiert als Tröster in all ihren Lebenslagen und schwul ist er natürlich auch.
David denkt, dass er nicht schwul ist, aber er fühlt sich unwiderstehlich zu Red hingezogen und verlässt für ihn seine Freundin Rosie. Die verlobt sich schließlich mit Toms Arbeitskollegen Larry, doch so ganz das Wahre ist das auch nicht.
Ja, und das ist nur ein Bruchteil der amourösen Verwicklungen, die dieser moderne Liebesreigen aus Irland für uns bereithält. Es ist eine Art Episodenfilm, allerdings hängen alle Geschichte miteinander zusammen und die Lebenswelten sämtlicher Figuren berühren sich immer wieder, zum Beispiel dadurch, dass sie in den gleichen Cafés und Bars herumsitzen oder aber früher oder später etwas miteinander anfangen.
***Lob und Kritik***
Sämtliche Spielarten sexueller Orientierung und unterschiedlichste Lebenskonzepte prallen aufs Vergnüglichste aufeinander und ein und dieselbe Person lebt mit einem neuen Partner eine ganz andere Seite seiner selbst. Das hat die irische Regisseurin und Drehbuchautorin Liz Gill äußerst charmant und lebensklug in Szene gesetzt.
Zunächst war "Goldfish Memory" eine Kurzgeschichte, die Gill auf Anraten eines Produzenten zu einem Drehbuch umschrieb. Es ist ein Low Budget-Film, der ganz bewusst an realen Orten stattfinden sollte, nicht in künstlichen Kulissen. Ähnlich wie bei den Dogma-Filmen sollte alles so realistisch und natürlich wie möglich wirken. Und in der Tat: Die Stadt Dublin spielt eine wichtige Nebenrolle in diesem Film. Tolle Bilder, die Lust darauf machen, mal nach Irland zu fahren.
Hinzu kommt noch eine weitere "Dogma"-Regel, die das Filmteam unter der Leitung von Liz Gill aufstellte: Die Goldfisch-Metapher aufgreifend, ist der gesamte Film in Blau-, Grün- und Orangetönen gehalten. Das hört sich jetzt künstlicher an als es ist. Beim ersten Mal, als ich den Film im Kino gesehen habe, ist es mir nicht aufgefallen, und denke auch nicht, dass es mir jemals aufgefallen wäre, hätte ich nicht in die DVD-Extras geschaut. Dort steht unter Produktionsnotizen diese Bemerkung, über die ich nicht schlecht staunte. Denn es stimmt. Und wenn man sich den Film dann noch mal anschaut, staunt man, dass es einem nicht sofort aufgefallen ist.
(Ich würde Euch das gerne anhand einiger Bilder demonstrieren, aber das Hochladen will heute nicht gelingen. Ich bitte um Geduld...).
Trotzdem braucht niemand zu denken, "Goldfish Memory" sei ein abgehobener, intellektueller Kunstfilm. Eher im Gegenteil. In der Kürze eines Spielfilms von gut 80 Minuten sind so viele kurz angerissene Biographien enthalten, dass die Personen manchmal etwas oberflächlich bleiben. Und die Frage, weshalb diese zwei Personen jetzt auf einmal schon kurz vor der Hochzeit stehen, obwohl sie doch gerade erst ein Bier miteinander getrunken haben, kann man eigentlich auch nur beantworten, wenn man sich den Zwischenteil dazu denkt. Und ach ja, Angie hat eigentlich auch nie einen Bauch, obwohl sie beinahe den kompletten Film über schwanger ist und später ein Baby in den Armen hält.
Daran habe ich mich aber wenig gestört, weil ich Episodenfilme mag (eigentlich ist "Goldfish Memory" gar kein richtiger Episodenfilm, weil es keine Übergänge gibt, aber mir fällt gerade kein besserer Begriff dafür ein) und sämtliche Figuren als sehr natürlich und glaubwürdig empfunden habe. Gut finde ich auch, dass Liz Gill ihren Figuren Entwicklungsspielraum lässt. Sogar der alternde Gigolo hat bei ihr noch die Chance, sich zu wandeln. Doch erst muss er zwei seiner Ex-Freundinnen miteinander knutschen sehen…
Gecastet wurden für den Film vor allem irische Theater- und Fernsehschauspieler. Hierzulande natürlich komplett unbekannte Gesichter. Besonders Angie und Clara fand ich sehr gut besetzt mit Fiona O'Shaugnessy und Flora Montgomery, außerdem hat mich Sean Campion als "armer Gigolo" Tom begeistert.
Toll an "Goldfish Memory" ist auch der Soundtrack. Man kann ihn übrigens zurzeit bei Amazon gemeinsam mit der DVD käuflich erwerben. Im Wesentlichen sind es Lieder aus der irischen Independentszene (u.a. Sinéad Lohan, Nina Hynes, Little Drummer Boy) sowie eigens für den Film komponierte Lieder von Antonio Carlos Jobim, die brasilianisch inspiriert und für meine Ohren sehr schön klingen.
Dabei herausgekommen ist kein Meisterwerk, sondern ein kleiner, feiner, leiser Film, den man sich aufgrund der vielen Verwicklungen und Details und der schönen Optik durchaus mehrmals anschauen kann. Er ist gut gespielt und flott erzählt, außerdem ist es kein Schwulen- oder Lesbenfilm im klassischen Sinne, obwohl er natürlich viel auf Festivals gezeigt wurde und in eher wenigen "normalen" Kinos gelaufen sein dürfte. "Goldfish Memory" ist ein Film, der über den Tellerrand schaut. In alle Richtungen.
Wichtig ist noch die Information, dass der Film nicht synchronisiert ist. Man hat die Wahl zwischen Englisch mit oder ohne Untertitel - da jedoch der Dubliner Akzent bei manchen Darstellern heftig durchkommt, empfehle ich die Version MIT Untertiteln ;o).
***Wo kriegt man den Film zu sehen?***
Da er noch recht aktuell ist, wird der Film noch immer gelegentlich auf schwul-lesbischen Veranstaltungen/ Festivals gezeigt. Immer mal Ausschau halten!
Zu kaufen gibt es das gute Stück derzeit bei amazon inklusive Soundtrack-CD für 22,99 €. Nicht gerade ein Schnäppchen, aber da der Soundtrack sehr empfehlenswert und vielleicht später nicht mehr preisgünstig zu haben ist, geht das schon in Ordnung. Ansonsten werden DVDs ja permanent billiger, und diese DVD, die im März 2005 erschienen ist, ist vielleicht auch mal etwas preisgünstiger zu haben, wenn man denn noch ein paar Monate wartet. Oder sie in der Videothek ausleiht.
***DVD-Extras: nicht nennenswert***
Dieser Film hat ein paar Extras, die man aber beinahe vernachlässigen kann. Zwar sind Produktionsnotizen und Kurzbiographien ganz interessant, aber hier verbergen sich keine bewegten Bilder, sondern lediglich ein paar Seiten zum Nachlesen. Ein paar Trailer sind auch zu sehen, aber wirkliche Extras zum Film gibt es nicht. Ist halt eine Low-Budget-Produktion.
Wer an Extras interessiert ist, sollte "Goldfish Memory" lieber links liegen lassen. Dafür spricht auch das simpel gehaltene Haupt- und Kapitelmenü. In meine Bewertung eingeflossen ist dies aber nicht, denn mir ist das herzlich egal.
***Fazit***
"Goldfish Memory" ist ein wunderschöner, luftig leichter Film für einen DVD-Abend mit guten Freundinnen. Und Freunden. Weil er gleichermaßen ein Augen- und ein Ohrenschmaus ist, finde ich kleine inhaltliche Mankos verzeihlich. Vielleicht wäre eine Episode weniger mehr gewesen, aber was soll's: Der Film hat so einen Touch von diesen typischen romantischen Komödien, allerdings ist hier im wahrsten Sinne des Wortes mehr Spielraum zwischen den Klischees, den Möglichkeiten, den Geschlechtern.
Ja, und die Goldfische? Vielleicht haben wir Menschen ihnen doch etwas voraus. Seht selbst…