Good Bye, Lenin!

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Prämierter Erfahrungsbericht

DDR-Revival auf 79 qm

5  22.02.2003

Pro:
witzig - rührende Story / erstklassige Darsteller / herausragender Score / stimmungsvoll inszeniert

Kontra:
absolut gar nichts

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Humor

Spannung

Anspruch

Action:

Romantik:

mehr


Espionne

Über sich:

Mitglied seit:03.01.2001

Erfahrungsberichte:182

Vertrauende:176

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 206 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Es gibt Filme, da weiß man schon, dass man sie unbedingt gucken muss, bevor man viel darüber gehört oder gelesen hat. Genauso erging es mir bei "Good Bye, Lenin!". Kaum hatte ich gehört, dass in dem Film ein Sohn seiner Mutter vorgegaukelt, die Mauer wäre gar nicht gefallen und die DDR würde immer noch in voller Blüte stehen, hatte ich gleich das Gefühl, dass sich dieser Film lohnen könnte. Als ich dann auch noch hörte, dass Daniel Brühl die Hauptrolle spielt und Wolfgang Becker Regie führt (der schon mit "Das Leben ist eine Baustelle" einen ganz respektablen Film abgeliefert hat), stand entgültig fest, dass an diesem Film für mich kein Weg vorbeiführt.

Zwei Auszeichnungen auf der Berlinale taten da ihr übriges, um mich ungeduldig diesem Film entgegenfiebern zu lassen: Der blaue Engel als bester europäischer Film und die Auszeichnung von Daniel Brühl als European Shooting Star. Da waren die Erwartungen an den Film natürlich relativ hoch, zumal ich in den Kritiken bislang auch nur positive Stimmen gehört hatte...


[ DER SOZIALISMUS LEBT! ]

Der Vorabend der Wende – Die DDR feiert ihren 40. Geburtstag und ist dennoch ihrem Verfall näher als jemals zuvor. Auch an Familie Kerner zieht das nicht spurlos vorüber. Während die Mutter sich im Sozialismus verdient macht, marschiert Sohn Alex bei einer der ersten Demonstrationen mit, die schließlich zum Fall der Mauer beitragen. Als Mutter Kerner zufällig sieht, wie ihr Sohn auf der Straße verhaftet wird, erleidet sie einen Herzinfarkt und fällt ins Koma.

Als sie nach 8 Monaten aufwacht, ist die Welt nicht mehr dieselbe. Die DDR, für die sie sich so hingebungsvoll aufgeopfert hat, existiert nicht mehr. Doch wie soll Sohn Alex ihr das klar machen, wo der Arzt ihr doch jegliche Aufregung verboten hat? Alex beschließt, die Mutter zurück in die kleine Plattenbauwohnung zu holen, um sie vor der bedrohlichen Welt des Kapitalismus zu schützen und sie so vor einem weiteren Herzinfarkt zu bewahren.

Doch wie soll man inmitten der Wende ein Stück DDR auf 79 qm am Leben halten? Keine leichte Aufgabe für Alex, doch er lässt sich einiges einfallen, um seiner Mutter eine heile Welt vorzugaukeln. Liebevoll inszeniert er ein Stück DDR mit vielen kleinen Details. Doch wie lange kann er diese Lüge aufrechterhalten...?


[ FIGUREN & SCHAUSPIELER ]

ALEX – Daniel Brühl
Daniel Brühl war der Name, der mich aufhorchen ließ, als ich zum ersten Mal von dem Film hörte. Er hat in letzter Zeit vielfach sein Talent unter Beweis gestellt und sich vor allem durch Filme wie "Vaya con dios" und "Das weiße Rauschen" einen Ruf als erstklassiger Schauspieler aufgebaut. Auch in "Good Bye, Lenin!" liefert er eine respektable Leistung ab. Alex wirkt vom ersten Augenblick an so sympathisch, dass man ihn gleich ins Herz schließt. Obwohl er mit der DDR und dem Sozialismus nicht viel am Hut hat, entwickelt er eine große Portion Ostalgie, allein aus Liebe zu seiner Mutter. Ein gewisses Schuldgefühl schwingt da sicherlich auch mit, denn schließlich bekam seine Mutter den Herzinfarkt in dem Moment, als er verhaftet wurde. Alex ist ein Typ, dem man seine DDR-Lüge gar nicht krumm nehmen kann, da man weiß, dass er es nur gut meint. Eine Figur zum Mitfühlen, brillant verkörpert von Daniel Brühl.

ALEX' MUTTER – Katrin Saß
Alex' Mutter, überzeugend dargestellt von Katrin Saß, ist ganz die fürsorgliche Mutter, die sich immer tatkräftig in die sozialistische Gesellschaft eingebracht hat. Eine Aufgabe, auf die sie sich voll und ganz konzentriert hat, nachdem ihr Ehemann in den Westen floh. Sie betreut junge Pioniere und ist Ansprechpartnerin für den Kummer ihrer Mitmenschen. Diese Sache macht sie mit Leib und Seele. Zur überzeugenden Wirkung von Daniel Brühl als sympathischem Lügner trägt Katrin Saß nicht unwesentlich bei, indem sie als die bedauernswerte Belogene den perfekten Gegenpart verkörpert. Eine absolut glaubwürdige und brillante Leistung.

ALEX' FREUNDIN LARA - Chulpan Khamatova
Alex lernt die russische Schwesternschülerin Lara auf einer Demonstration kennen, trifft sie später im Krankenhaus wieder und verliebt sich in sie. Die beiden geben ein wirklich feines Paar ab. Zu Beginn unterstützt Lara Alex' Scheinwelt noch, weil sie weiß, dass es für die Mutter das beste ist. Doch je mehr sich diese Lüge verselbstständigt, desto mehr wünscht sie sich, Alex würde endlich die Wahrheit sagen. Chulpan Khamatova mimt die russische Schwesternschülerin überzeugend und durch und durch natürlich. Eine lobenswerte Leistung.

ALEX' SCHWESTER ARIANE – Maria Simon
Während Alex immer noch in seiner selbsterschaffenen DDR lebt, hat sich seine Schwester Ariane schon längst dem Westen geöffnet. Ihr Studium hat sie zu Gunsten einer Anstellung bei Burger King an den Nagel gehängt und verliebt sich in einen Wessi, der ebenfalls in die kleine Plattenbauwohnung zieht. Alex' liebevolle Inszenierung sieht sie zunächst skeptisch. Sie belächelt ihren Bruder und wird im Laufe der Zeit im Angesicht des Stücks DDR in der eigenen Wohnung immer zynischer. Auch Maria Simon verkörpert ihre Rolle absolut überzeugend. Wie die gesamte Familie Kerner, strahlt auch sie eine gewisse Natürlichkeit aus, die den Film liebenswert macht.

DENIS – Florian Lukas
Florian Lukas, der machen vielleicht noch aus "Absolute Giganten" bekannt ist, liefert in der Rolle von Alex' Freund und Kollegen Denis eine respektable Leistung ab. Zusammen verkaufen die beiden für eine Firma Satellitenschüsseln in den Plattenbausiedlungen Ost-Berlins. Denis ist nebenbei Hobby-Regisseur und schon dadurch ein Retter in der Not für Alex. Er versorgt seinen Freund mit allen Spezialitäten des Ostfernsehen und sorgt so dafür, dass Alex' Mutter zunächst gar keinen Grund hat misstrauisch zu werden. Als das alleine nicht mehr reicht, dreht er sogar zusammen Alex neue Nachrichten für die Aktuelle Kamera. Auf die Weise krempeln die beiden die deutsche Geschichte um. Auch Florian Lukas wirkt in seiner Rolle absolut glaubwürdig und überzeugend. Eine wirklich liebenswerte Figur mit einer großen Portion sympathischer Natürlichkeit.


[ SPREEWALDER GURKEN, JUNGE PIONIERE UND COCA-COLA ]

Ich muss gestehen, "Good Bye, Lenin!" hat mich begeistert, wie lange kein Film mehr. Zum ersten mal seit einer halben Ewigkeit überkam mich mit Beginn des Abspanns das Bedürfnis, mal wieder einem Film Applaus klatschen zu müssen und daran, dass im Kino hier und da tatsächlich Applaus aufkam zeigt sich, dass ich damit nicht alleine stehe.

In meinen Augen stimmt an diesem Film einfach alles: Schauspieler, Drehbuch, Inszenierung, Requisiten, Musik. Alles wirkt bis ins Detail überzeugend. Der Film beginnt, indem er die Kindheit von Alex Revue passieren lässt, stimmungsvoll umgesetzt im Stil einer alten Super-8 Kamera. Ein wirklich passender und schöner Einstieg in die Geschichte, die dann kurz vor der Wende am 40sten Jahrestag der DDR wieder einsetzt.

Regisseur Wolfgang Becker bringt dabei nicht nur die Geschichte um die im Koma liegende Mutter voran, sondern dokumentiert auch ein Stück deutsche Geschichte, was eine ganz interessante Mischung ergibt und dem Film eine gewisse Authentizität verleiht. Und wenn man mal genauer drüber nachdenkt, so abwegig ist die Geschichte gar nicht. Schließlich ist es durchaus vorstellbar, dass jemand im Koma denkwürdige Momente wie den Fall der Mauer verpennt und dann in einer völlig neuen Welt aufwacht. Und wenn man dann als Angehöriger vom Arzt dazu angehalten wird, der aus dem Koma erwachten Person jegliche Aufregung zu ersparen, was soll man dann machen? Alex' DDR-Inszenierung wirkt vor diesem Hintergrund gar nicht so abwegig und durchaus nachvollziehbar, auch wenn sie noch so irrsinnig komisch erscheinen mag.

Apropos komisch. Anfangs dachte ich zunächst, "Good Bye, Lenin!" wäre eine astreine Komödie, die vielleicht auch etwas Ähnlichkeit mit "Sonnenallee" hat. Doch als ein Bekannter etwas enttäuscht aus dem Kino kam und erzählte, es gäbe in diesem Film gar nicht so viel zu lachen, war ich vorgewarnt. Ein Stück weit ist "Good Bye, Lenin!" sicherlich auch eine Komödie, dennoch trifft der Begriff Tragikkomödie es wohl etwas genauer. In vielen Augenblicken geht es einfach nur um das Schicksal einer Familie mit einer schwerkranken Mutter. Dass ihre Kinder ihr allerdings die Wende verheimlichen, ergänzt das ganze um eine komische Komponente. In gewisser Hinsicht knüpft Becker damit vielleicht auch an die Tradition der großartigen englischen Tragikkomödien im Stil von "Brassed Off" oder "Grasgeflüster" an. Zumindest hatte ich ein wenig diesen Eindruck.

Einfach köstlich ist beispielsweise die Geburtstagsfeier von Alex' Mutter zu der Alex zwei junge Pioniere anheuert, die für 20,- DM ein sozialistisches Ständchen singen, während draußen vorm Fenster eine Coca-Cola-Reklame ausgerollt wird. Oder Ariane's Wessifreund, der sichtbare Mühe damit hat, seiner Schwiegermutter in spe den Ostdeutschen vorzuspielen. Auch Alex' Eifer, mit dem er Westprodukte in ostdeutsche Verpackungen umfüllt ist immer wieder schön anzusehen. Und nicht zu vergessen natürlich, der Einsatz mit dem Alex' Freund Denis neue Folgen für die Aktuelle Kamera dreht und mit Alex ganz nebenbei die DDR-Geschichte (und auch die der BRD...) umschreibt. Auch die Szenen, in denen einfach nur die deutsche Geschichte aufgerollt wird, sind durch die ironischen Hintergrundkommentare von Alex schön anzusehen.

Der Film hat viele irrsinnig komische Momente, die vor allem deswegen so genial sind, weil sie zu keiner Zeit übertrieben und gekünstelt wirken. Dazu tragen sicherlich auch die Schauspieler ihr positives bei, die von sich aus sehr natürlich wirken. Der Humor des Films ist absolut nicht platt, sondern durchaus tiefsinnig und feinfühlig. "Good Bye, Lenin!" ist daher auch eher eine leise und liebenswerte Tragikkomödie mit Tiefgang und wohl akzentuierten Gags, die ohne viel Klamauk auskommt.

Dass der Film so zu überzeugen vermag liegt aber nicht nur am Humor und den Schauspielern, sondern auch an der durch und durch stimmigen Inszenierung und der überzeugenden Geschichte. Man fragt sich natürlich, wie der Film enden mag und ob Alex es schafft seiner Mutter weiterhin die heile DDR-Welt vorzugaukeln. Dazu sage ich jetzt natürlich nichts, aber ich fand das Ende des Films auf jeden Fall überzeugend und es hat einen stimmigen Film perfekt abgerundet. Der Film hat mich wirklich von der ersten Minute bis zum Abspann begeistert.

Allein die Requisiten wirken schon faszinierend authentisch. Gut, ich kenne die Ostprodukte nicht wirklich, aber die Art der Wohnungseinrichtung und der Bekleidung spiegelt auf jeden Fall die Zeit sehr überzeugend wider. Hier lässt der Film auf jeden Fall eine große Liebe zum Detail erkennen. Auch die Bilder des Films können über die ganze Länge überzeugen. Dies triff sowohl auf Farben und Ausleuchtung zu, die ziemlich realitätsnah erscheinen, als auch auf die insgesamt eher ruhige Kameraführung, die immer wieder durch interessante Perspektiven aufzulockern versteht.

Doch das wahre Highlight ist für mich die Musik. Für den Score zeichnet sich kein geringerer als Yann Tiersen verantwortlich, der mich schon mit seiner wundervollen musikalischen Untermalung der fabelhaften Welt der Amélie verzaubert hat. Auch bei "Good Bye, Lenin!" leistet er wieder hervorragende Arbeit. Die Hintergrundmusik, die meist nur von einem Klavier getragen wird, unterstreicht die Stimmung des Films sehr stark und ist damit das Tüpfelchen auf dem I. Absolut verzaubernd. Besser hätte man die Stimmung des Films musikalisch nicht unterstreichen können. Respekt, Herr Tiersen.

Um mit der Filmkritik so langsam dem Ende entgegenzustreben, "Good Bye, Lenin!" ist einfach ein fantastischer und liebenswürdiger Film: Berührend menschlich und irrsinnig komisch zur gleichen Zeit und die Inszenierung ist so gut gelungen, dass ich gleich heute am liebsten wieder ins Kino rennen würde, um mir den Film noch einmal anzusehen. Für mein DVD-Regal ist "Good Bye, Lenin!" auf jeden Fall schon ein heißer Anwärter...


[ FAZIT ]

Beim Fazit kann es eigentlich keine Missverständnisse geben. Unbedingt angucken, lautet die Devise. Wer meint es gäbe keine guten deutschen Filme mehr, der sollte einmal seine Vorurteile an der Kinokasse abgeben und sich diesen Film anschauen. Wer dann immer noch nicht vom Gegenteil überzeugt ist, dem ist wohl nicht mehr zu helfen...

"Good Bye, Lenin!" überzeugt auf der ganzen Linie: brillante Darsteller, eine schöne Geschichte, die besser kaum hätte inszeniert werden können und ein Score, der Bilder und Stimmung nicht besser unterstreichen könnte. An diesem Film stimmt einfach alles, von der ersten bis zur letzten Minute. Mal ernst und mal irrsinnig komisch und immer absolut liebenswert, bietet der Film eine gelungene Mischung und ein unterhaltsam aufbereitetes Stück deutscher Geschichte. Für mich der bislang beste Film in diesem Jahr und der beste deutsche Film seit langem.

Bewertung: 10 von 10 ostalgischen Punkten


Mit sozialistischem Gruß,
Meike

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
mikestr24

mikestr24

03.09.2003 03:15

Ich hab schon viel über den Film gehört, aber ihn persönlich noch nicht sehen. Ich denk auch, dass er gut ist. Aber ich glaub nicht mehr, dass Sozialismus gut ist. Da gabs genau so viele wie Faschisten auf der Welt. Manche mehr, manche weniger.

redhotchilipepper1506

redhotchilipepper1506

18.07.2003 13:57

Ich fand den Film nicht sooo toll. Er war gut aber er hat mich nicht vom Hocker (oder besser vom Kinostuhl) gerissen. Egal, trotzdem toller Bericht der zurecht einen Brillianten bekam.

scotty75

scotty75

12.04.2003 19:30

Wirklich ein prima Film, habe den gerade vor zwei Wochen gesehen und war begeistert! Dein Bericht wird dem sehr gerecht, Hut ab ... und der Brilli ist mehr als verdient!

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