Good Bye, Lenin!

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Die DDR lebt weiter

5  04.03.2003 (05.03.2003)

Pro:
Ein ehrlicher, gefühlvoller, intelligent gemachter deutscher Film mit Starbesetzung

Kontra:
Nichts

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Humor

Spannung

Anspruch

Action:

Romantik:

mehr


Ebener

Über sich: Ich bin ein vielseitig interessierter Geistesarbeiter und Wortwerker mit Neugier auf Menschen, auf n...

Mitglied seit:28.07.2001

Erfahrungsberichte:19

Vertrauende:9

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 49 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Seit länger als einem Jahrzehnt gehe ich sehr selten ins Kino, denn ich entschließe mich nur dann zum Kauf einer der teuren Eintrittskarten, wenn ich einigermaßen sicher sein kann, daß der Film es wert ist, und das kommt nicht oft vor. Bei "Good Bye, Lenin!" habe ich – nach dem, was ich darüber gelesen und gehört hatte - nicht lange gezögert, und ich habe die Entscheidung nicht bereut. Dieser Film gehört zu den besten und eindrucksstärksten, die ich in den letzten Jahren gesehen habe.


<<<Die Handlung>>>

In den wirren Oktobertagen des Jahres 1989 fällt in Berlin (Hauptstadt der DDR) Christiane Kerner, die Mutter des 21jährigen Alex, nach einem Herzinfarkt ins Koma, aus dem sie erst acht Monate später wieder erwacht. Sie weiß also nicht, daß in Berlin keine Staatsgrenze mehr gesichert wird, daß der Kapitalismus mit seinem Geld, seinen schnellen Autos, seiner aggressiven Produktwerbung, seinen großen Supermarkt- und Fast-Food-Ketten die Hauptstadt inzwischen überschwemmt hat, daß die in vierzig Jahren mit Herzblut und Schweiß errichteten Fundamente der Deutschen Demokratischen Republik zu Tode erschüttert sind und damit auch der reale Sozialismus, dem Alex' Mutter sich eng verbunden fühlt. Da der Arzt dringend empfiehlt, jede Art von Aufregung von der Patientin, die noch nicht ganz außer Lebensgefahr sei, unbedingt fernzuhalten, beschließt Alex, die Mutter - entgegen der ärztlichen Warnung - nach Hause zu holen, damit sie im Krankenhaus nicht unvorbereitet und schonungslos mit jenen unglaublichen Ereignissen konfrontiert werde, die für sie die folgenschwersten aller möglichen Aufregungen wären. So soll wenigstens innerhalb der Wohnung auf 79 Quadratmetern die in den letzten Zügen liegende DDR so lange noch einmal in alter Souveränität erstehen, bis man eines Tages der Mutter die Wahrheit würde zumuten können.

Dieses löbliche Vorhaben erweist sich schwieriger als zuerst gedacht. Es kostet Alex endloses Mühen bei der Suche nach DDR-Produkten, die plötzlich wie weggekehrt sind aus den Geschäften; bei der Organisation von Mutters Geburtstagsfeier, zu der sie sich den Parteisekretär und Pioniere von der Schule zu Gast wünscht, in der sie als Lehrerin gearbeitet hat; bei der Bewältigung solcher Probleme wie die, daß Mutters ganzes in Scheinen irgendwo verstecktes Geld in die neue Währung umgetauscht werden soll, daß die riesenhafte Reklame am Haus gegenüber durchs Fenster zu sehen ist und daß Mutter fernsehen möchte. Mit Hilfe von Schwester Ariane, Freunden, Arbeitskollegen, Hausbewohnern und oft auch nicht ganz ohne Einsatz finanzieller Mittel gelingt es Alex durch ideenreiche Findigkeit erstaunlicherweise immer wieder, brenzlige Situationen auf dem Wege der Schaffung und Erhaltung einer gespenstischen Trugwelt zu retten.


<<<Die Schauspieler>>>

Der Film gewinnt seine besondere Eindrucksstärke vor allem durch die Besetzung aller Rollen, selbst der kleineren, mit ausgezeichneten, hochrangigen Schauspielern.

Daniel Brühl, der Darsteller des Alex, ist zweifellos ein vielversprechendes junges Talent unter den deutschen Schauspielen. Für seine außerordentliche Leistung in den Filmen "Nichts bereuen", "Vaya con dios" und vor allem "Das weiße Rauschen" (2001) ist er in diesem Jahr mit dem Deutschen Filmpreis als "Bester Hauptdarsteller" geehrt worden. Brühl gibt der Rolle des Alex Ehrlichkeit und Empfindsamkeit. Sein leises Spiel und die schlichte Natürlichkeit der Mutterliebe eines erwachsenen Sohnes hat mich überzeugt. Seine Betroffenheit von der Lebensgefahr, in der seine Mutter schwebt; sein einfühlsamer Umgang mit ihr, als sie im Koma liegt und dann zu Hause; sein rückhaltloser Einsatz bei der Überwindung von Schwierigkeiten – alles das fand ich in jeder Szene glaubhaft gespielt. Ich halte diese Besetzung für sehr gelungen.

Frau Kerner wird in überzeugendem Spiel von Katrin Saß verkörpert, einer der bedeutendsten und beliebtesten Charakterdarstellerinnen der DDR. Schon mit ihrem Debut im DEFA-Film "Bis daß der Tod euch scheidet" (1979) war sie über die Grenzen der Republik hinaus bekannt geworden. Durch unvergessene Rollen in vielen Filmen (z.B. "Die Verlobte", "Das Haus am Fluß, "Der Traum vom Elch", "Heute sterben immer nur die anderen", "Härtetest" u.a.) hat sie sich einen großen Namen gemacht. Für ihre herausragende Leistung in "Heidi M." (2001) ist sie mit dem Deutschen Filmpreis als "Beste Hauptdarstellerin" ausgezeichnet worden. Katrin Saß beweist für mich in der Rolle von Christiane Kerner erneut ihre große Wandlungsfähigkeit und Überzeugungskraft, sie spielt sie mit Glaubwürdigkeit und tiefer menschlicher Wärme.

Die russische Schauspielerin Tschulpan Chamatowa, die Alex' Freundin Lara, die Krankenschwester, verkörpert, wurde für ihre bemerkenswerte Darstellungskunst in "Luna Papa" (1998) beim "Festival du Cinema Russe à Honfleur" im Jahre 2000 als "Beste Hauptdarstellerin" ausgezeichnet. Danach erhielt sie einen Preis in der gleichen Kategorie beim Filmfestival Nantes für ihre Leistung im Film "Tuvalu" (1999). Die Chamatowa spielt auch in diesem Film ihre Stärken, die vor allem in der Verkörperung von Gefühlen und in der Formgebung des mehrschichtigen Charakters der Lara liegen, voll aus.

Ebenso ist die Darstellerin von Alex' Schwester Ariane, Maria Simon, mehrfache Preisträgerin: Für ihre Rolle in "Zornige Küsse" (1999) erhielt sie beim Filmfestival von Moskau 2000 einen Preis als "Beste Darstellerin", und für den Film "Erste Ehe" wurde sie mit dem "First Steps Award 2002" ausgezeichnet. Maria Simon gibt dem – im Unterschied zu Alex ganz anderen – Wesen von Ariane Echtheit und eine stimmige Kongruenz zur Figur.

Florian Lukas, ein weiterer hoffnungsvoller Nachwuchsschauspieler, konnte mich mit seinen darstellerischen Erfahrungen, die er bei verschiedenen Bühnenproduktionen - u.a. beim Berliner Ensemble und am Deutschen Theater - sowie bei ersten Filmarbeiten gesammelt hat, überzeugen. Er spielt Denis, den trickreichen Arbeitskollegen von Alex in einer Weise, die der Figur in ihrer Mischung von ehrgeizigem Stolz und selbstlos treuer Hilfsbereitschaft eine glaubwürdige Verkörperung gibt.

Für die Besetzung selbst von Nebenrollen mit hervorragenden Schauspielern zeugen beispielsweise Michael Gwisdek, seit den sechziger Jahren einer der bedeutendsten Schauspieler und Regisseure aus der DDR, in der Rolle des ehemaligen Schulparteisekretärs Klapproth, und Burghart Klaußner, bekannt an den berühmtesten Bühnen des deutschen Sprachraums, als Alex' Vater.

(Quelle der Angaben zu den Schauspielern: http://www.79qmddr.de)


<<<Die Dramaturgie>>>

Es stellt sich die Frage, was dieser Film eigentlich sein soll: Eine Groteske? Ein Schwank? Eine Komödie? Eine Tragikömödie? Eine lyrische Reminiszenz? Ein ernsthaftes Stück Geschichtsaufarbeitung mit ungewöhnlichen Mitteln? Ein modernes Märchen? Ich meine, er ist das alles nicht und hat doch von all dem ein bißchen.

Der Film beruht auf einem klaren Konzept, das ohne stilistische Brüche von Anfang bis Ende konsequent durchgehalten wird. Von Alex als Erzähler wird anfangs in kurzen Rückblenden, die als solche leicht erkennbar sind, die biografische Vorgeschichte und das Schicksal der Familie nachgeliefert, die bis in seine frühen Kindertage zurückreicht. Sie ist der Schlüssel zur Erklärung der Gegenwartshandlung und des Verhaltens der einzelnen Figuren. So wird das Geschehen verständlich und nachvollziehbar. Abgesehen von dieser eingeblendeten Vergangenheitsebene ereignen sich die Geschehnisse des Films auf zwei Gegenwartsebenen: einer Hauptebene und – was die Geschichte mit Alex' Vater betrifft – einer Nebenenebe.

Die Szenen bauen logisch aufeinander auf und führen die Handlung in Ausführlichkeit und Tempo angemessen voran. Der ästhetisch anspruchsvollen Bildsprache und -führung wird eine zusätzliche rationale und emotionale Vermittlungsfunktion zugeordnet. Das zeigt sich zum Beispiel an der Sequenz, wo das oberste Teil des vom Sockel gestoßenen Berliner Lenin-Standbildes, von einem Flugzeug herabhängend, an Christiane Kerner vorbeischwebt und, sich langsam nähernd, ihr im Fluge gleichsam die Hand zum Abschied zu reichen scheint. Diese Szene, die dem Film wohl auch den Titel gab, ist für mich eine der stärksten des Films.

Ein Spannungsbogen, der sich vom Beginn bis zur allerletzten Szene erstreckt, umfaßt die gesamte Handlung und läßt über ihr den Zuschauer sich immer wieder die Frage stellen, wie der abenteuerliche Versuch, die gesellschaftlich-politischen Ereignisse vor Alex' Mutter geheimzuhalten, wohl ausgehen wird, und diese Frage bleibt bis zu den letzten Minuten offen.

<<<Meine Bewertung>>>

Heute in Deutschland einen Spielfilm über die Deutsche Demokratische Republik zu produzieren, ist ein schwieriges Unterfangen, das sich auf schmalem Grat bewegt: Einerseits droht der Absturz in die Seichtheit grotesker Übertreibung, die den Stoff der Lächerlichkeit preisgibt, weil sie im provokanten Widerspruch zur historischen Realität ein Zerrbild von jenem Lande zeichnet, das nur noch die älteren unter den ehemaligen DDR-Bürgern wirklich kennen. Das ist zum Beispiel beim Film "Sonnenallee" passiert. Andererseits droht der Absturz in die Hölle der pauschalen Verteufelung des politischen Systems und der gesellschaftlichen Realität der DDR und einer ebenso einseitigen und damit der Wirklichkeit nicht gerecht werdenden Verzeichnung des Alltagslebens in diesem Lande mit überwiegenden Grau- und Schwarztönen, allüberall bedrückend eingeengt von schmerzhaft grellem Rot. Das kennen wir aus mehreren tendenziösen Filmen mit eindeutiger DDR-Aversion.

"Good Bye, Lenin!" ist beiden Gefahren gekonnt ausgewichen. Ich finde, daß dieser Film mit seinem Rückblick auf ein untergegangenes Land Würde und Respekt bewahrt gegenüber den Menschen, deren Heimat es war und die in ihm - trotz aller Schwächen, die es hatte - eine wirkliche Alternative gesehen haben zu einem Leben in Konsumwahn, Geldvergötzung und Profitgier, sozialer Ungerechtigkeit, Konkurrenzkampf und menschlicher Kälte. Damit spreche ich den Vätern des Films (Bernd Lichtenberg – Drehbuchautor, Wolfgang Becker – Regisseur und Co-Autor, Stefan Arndt – Produzent) eine ganz besondere Anerkennung aus, denn sie haben nie in der DDR gelebt, und dennoch ist es ihnen gelungen, bis ins kleinste Detail die Realität des DDR-Alltags stimmig darzustellen!

Christiane Kerner ist keine komische und auch keine tragische Figur, man hat Achtung vor ihr. Es gibt auch keinen Grund, etwa ihre "Systemtreue" zu kritisieren, weil sie in der DDR ein erfülltes und glückliches Leben führen konnte und weil sie eine engagierte und gerade deshalb geachtete Persönlichkeit war. Der Film stellt sie als eine sympathische Frau vor, deren Gefühle man verstehen und nachempfinden kann. Ebenso überzeugt mich das Schicksal des entlassenen Pädagogen, der sein ganzes Leben der sozialistischen Schule gewidmet hat und nun vor einem Scherbenhaufen steht. Auch für den alten Nachbarn, der bei jeder Gelegenheit verbittert auf "die vierzig Jahre" zurückschaut, die nun nichts mehr wert sind, zeigt der Film Verständnis. Er enthält nirgendwo auch nur die Spur jener heutzutage gelegentlich zu beobachtenden Tendenz, solchen Menschen mit herablassender Überlegenheit oder mit Kopfschütteln zu begegnen. Im Gegenteil: Er gibt den ehemaligen DDR-Bürgern etwas von dem Selbstbewußtsein wieder, das sie im Jahre 1990 verloren hatten und das sie sich inzwischen Schritt für Schritt zurückerobern. Er bietet eine inhaltlich und künstlerisch ehrliche und einfühlsame Darstellung eines Stücks Wirklichkeit. Das rechne ich dem Film sehr hoch an.

Gelacht habe ich nicht während der zwei Stunden. Hin und wieder habe ich geschmunzelt, ab und zu huschte auch ein wiedererkennend-wehmütiges Lächeln nostalgischer Erinnerung über mein Gesicht. Am meisten jedoch empfand ich die Ergriffenheit und das Mitgefühl dessen, der sich in diesem Film gemeint und erkannt fühlt. Vor allem spürte ich da in mir wieder dieses tiefsitzende Gefühl der Enttäuschung und der Trauer, daß man damals die beiden deutschen Staaten, bestehend aus zwei Stoffen, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten, mit heißer Nadel zusammengeflickt hat, oberflächlich und mit sehr unsauberer Naht, mit Verwerfungen und Fehlstichen und ungeachtet dessen, wo etwas paßt und wo nicht, als demütigend empfunden von vielen Menschen im "Beitrittsgebiet". Beim Verlassen des Kinos bewegte mich der Gedanke, wie schön es gewesen wäre, wenn die Historie einen ähnlichen Verlauf genommen hätte, wie das Ende des Films sie liebevoll und sehr bewegend erzählt...

Ganz gleich, in welchem deutschen Staat man seine Heimat hatte: Dieser Film kann einen wichtigen Beitrag zur gegenseitigen Verständigung leisten. Man sollte ihn sich nicht entgehen lassen.


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Wolle0509

Wolle0509

08.05.2004 19:08

ich finde, der Bericht gibt einen sehr guten Überblick über den Film. Kompliment!

IlkaSehnert

IlkaSehnert

01.08.2003 20:22

Bei mir war damals der Entschluß, den Film sehen zu wollen, wesentlich wackliger als bei Dir, ich hatte nämlich Angst vor einer erneuten"Sonnenallee"-Erfahrung, aber natürlich bin ich froh, daß ich mich dafür entschieden habe. Ohne zu wissen, ob die Reihenfolge, in der Du die Schauspieler auflistest, eine Bedeutung in Deiner Einschätzung hat - das wäre das Einzige, wo ich mit dir nicht konform ginge, wenn das so wäre: Bei mir konkurrenzlos ganz weit vorn die Sass, dann käme Florian Lukas und dann erstmal ein (kleines) Weilchen nix...den Brühl finde ich bissel überschätzt in der deutschen Filmlandschaft, wenn ich ehrlich sein soll, irgendwie fällt mir zu ihm meist nur "nett" ein...Ilka

redel99

redel99

02.05.2003 16:34

Toller Bericht zu einem tollen Film. Vielleicht hilft es der mentalen Wiedervereinigung in Deutschland. Gruss!

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