Good Bye, Lenin!

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Niemals geht man so ganz...

5  29.05.2004

Pro:
hervorragende Mischung aus Tragik & Humor, Schauspieler, Regie,  .  .  .  einfach alles !

Kontra:
evtl .  die falschen Erwartungen

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Humor

Spannung

Anspruch

Action:

Romantik:

mehr


23Skeebob

Über sich:

Mitglied seit:01.01.1970

Erfahrungsberichte:194

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 87 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Deutsche Filme sind schlecht. Ich weiß leider nicht, wer diese Verallgemeinerung zuerst ausgesprochen hat, aber ich weiß ganz sicher, dass dieser Satz nicht stimmt. Natürlich gibt es schlechte deutsche Filme, aber es gibt auch genügend Beispiele, die diese These entkräften. Wenn man zum Beispiel an den Klassiker „Das Boot“, den aufwühlenden Thriller „Das Experiment“ oder an die Fussball-Familientragödie „Das Wunder von Bern“ denkt, muss man zugeben: das ist großes Kino, made in Germany. Ihr seht vielleicht: ich will eine Brücke schlagen für den deutschen Film, der oftmals mit vielen – unberechtigten – Vorurteilen behaftet ist....und genau aus diesem Grund schreibe ich nun diesen Bericht.

GOOD BYE LENIN

STORY

Zunächst beginnt alles mit einem Rückblick in die Geschichte der Familie Kerner, bestehend aus Mama, Papa und den beiden Kindern Alex und Ariane. Die Kerners leben in Ost-Berlin, sind also gefangen im Sozialismus der DDR. Dem Vater ist das genug, irgendwann setzt er sich in den Westen ab, in eine bessere Zukunft und lässt seine Familie zurück.
Mutter Christiane reagiert apathisch: sie spricht wochenlang kein Wort, und als sie dann letztlich doch wieder zur Normalität zurückkehrt, sucht sie sich eine Art Ersatzehemann: ihr kleines, sozialistisches Heimatland. Sie betätigt sich sozial, wo sie nur kann, und versucht durch Eingaben (in der ciao-Terminologie bedeutet das so etwas wie „Produktvorschlag“), den Lebensstandard ihrer Genossen zu verbessern.

Schnitt. Wir finden uns nun plötzlich 12 Jahre später am selben Schauplatz wieder. Die DDR feiert ihren 40. Geburtstag, aber das Regime bröckelt schon. Auch Alex ist gegen das System und nimmt am gleichen Abend an einer Friedensdemonstration teil, die in Straßenschlachten mit der Polizei ausartet. Während er von zwei Beamten abgeführt wird, entdeckt Alex seine Mutter – sie bricht zusammen, der Anblick hat sie zutiefst geschockt.

Herzinfarkt. Christiane im Koma. Ein schwerer Schlag für Alex und Ariane. Und noch ist nicht sicher, ob sie jemals wieder aufwachen wird. Doch während Mutter Kerner um ihr Leben kämpft und Alex die Hilfsschwester Lara lieben lernt, gehen weltpolitisch unglaublich wichtige Veränderungen von sich: die Mauer fällt, die Grenzen sind offen. Ost und West werden vereint, die DDR zerfällt und wird Teil der Bundesrepublik – und somit stehen den „Ossis“ plötzlich alle Türen offen – nur Mutter Kerner nicht.

Die wacht plötzlich und unerwartet auf. Große Freude bei ihren Kindern, doch sofort die Ernüchterung: wie wird sie, die so überzeugt vom sozialistischen System und seinen Idealen war, damit zurechtkommen, dass dies plötzlich verschwunden ist? Dass die DDR plötzlich dem Kapitalismus Tür und Tor geöffnet hat. Für ihren angeschlagenen Gesundheitszustand wäre diese Aufregung wohl zu groß, die Gefahr eines zweiten Infarktes immens.
Für Alex gibt es nur eine Möglichkeit: seine Mutter muss raus aus dem Krankenhaus, zurück in die 79m²-Wohnung der Kerners. Hier soll für sie die DDR bestehen bleiben. Die Ärzte stimmen dem Plan – wenn auch widerwillig – zu. Und so lebt die DDR weiter – doch das ist gar nicht so einfach....

Ein nur grober Storyüberblick, den ich euch hier gegeben habe. Denn während des Filmes wird noch viel mehr passieren, unter anderem taucht plötzlich der verschollen geglaubte Ehemann von Christiane wieder auf. Aber ich will natürlich nicht zu viel verraten, schließlich gibt es immer noch genügend Leute, die den Film noch nicht gesehen haben.

SCHAUSPIELER

Daniel Brühl spielt Alex und der „Youngster“ zeigt auch hier, weshalb er einer der gefragtesten Jungschauspieler unseres Landes ist. Mit einer beachtlichen Natürlichkeit gibt er den Alex und kümmert sich gleichzeitig so rührend um seine Mutter, dass man ihn als Zuschauer einfach sympathisch finden muss. Seine Mimik und Gestik sind passend und man sieht ihn wirklich gerne in diesem Film. Ein hervorragender Schauspieler, der sicher erst am Anfang einer langen Karriere steht...

Allerdings kommt er nicht ganz an seine Filmmutter, gespielt von Kathrin Sass, heran. Sie liefert eine hervorragende Leistung ab, spielt die kranke, aber dennoch starke Frau hervorragend. Obgleich sie fast immer, wenn sie im Film zu sehen ist, ans Bett gefesselt ist, übt sie eine unheimlich starke Präsenz aus. Denkwürdig ist wohl die Szene, in der Christiane zum ersten Mal nach ihrem Infarkt ihr Bett verlässt und erste Schritte in das „neue“ Berlin wagt. Ihre Mimiken in dieser Szene sind grandios; sie bringt den Unglauben und die Verwirrung, die die überzeugte Sozialistin bei diesem Anblick (West-Autos oder die große Lenin-Statue, die gerade per Hubschrauber abtransportiert wird) befallen, perfekt rüber.

In den Nebenrollen sind unter anderem Maria Simon als Ariane, Chulpan Khamatova, die sehr natürlich und sympathisch Alex’ Freundin Lara spielt, der aufstrebende Florian Lukas als Alex’ bester Freund Denis, Burghart Klaußner als Vater Kerner und Michael Gwisdek, der herrlich Christianes ehemaligen Vorgesetzten Direktor Klapprath gibt, zu sehen.

Eine Schauspieltruppe, die sich sehen lassen kann und die Erwartungen auch in jeder Weise erfüllt. Man schaut den Mimen sehr gerne zu – allerdings haben die natürlich ein leichtes Spiel, verkörpern sie doch ehrliche und realistische Charaktere.

INSZENIERUNG

Die ersten Einblendungen, in denen Alex die Vorgeschichte erzählt, sind schön verwackelt mit der Handkamera aufgenommen, sollen aber die einzigen Überraschungen in der ansonsten eher biederen Inszenierung bleiben.
Der letzte Satz soll jetzt allerdings keinen Kritikpunkt darstellen – die Inszenierung ist ruhig und passt sich damit hervorragend dem Erzähltempo an.
Unterstützt von der stets passend gewählten Filmmusik wissen die Bilder allesamt zu gefallen. Mit viel Liebe zum Detail wurde von Wolfgang Becker und seiner Crew die DDR wieder zum Leben erweckt: seien es die Ost-Produkte, die realistischen Kostüme oder der obligatorische Trabant (und das sind nur die offensichtlichsten Beispiele): hier wurde viel Arbeit investiert, die sich sehen lassen kann!

Erwähnenswert wäre hier vielleicht noch, dass Alex nicht nur zu Beginn des Films, sondern auch während des Werks immer wieder als Erzähler auftritt: mehrmals erklingt seine Stimme aus dem Off, die manchmal in einem herrlich ironischen Gegensatz zu den gerade gezeigten Bildern stehen.

KRITIK

Ich hatte mir natürlich vor dem Kinobesuch schon viel versprochen. Der Trailer hatte schon, als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe, eine unglaubliche Faszination auf mich ausgewirkt und die vielen Reportagen und Berichte, die man vorher in den Medien lesen, sehen und hören durfte, taten ihr Übriges: meine Erwartungen waren riesig groß, als ich mich damals kurz nach Bundesstart in meinem Kinosessel niederließ. Eigentlich ist es gefährlich, wenn man die eigenen Erwartungen an einen Film so hoch schraubt, da die Gefahr dann groß ist, dass der Film die Erwartungen nicht erfüllen kann und man enttäuscht das Kino verlässt.

Aber nein. GOOD BYE LENIN hat mit Leichtigkeit all meine Erwartungen erfüllen, ja sogar übertreffen können! Das liegt vor allem daran, dass der Trailer eine reine Komödie suggeriert – dabei ist der Film weit mehr als das! Ich war nach dem Kinobesuch völlig begeistert; so begeistert, dass dieser Film nach „Crazy“ der erste Film ist, den ich mir zweimal im Kino angesehen habe. Die Gründe meiner Begeisterung könnt ihr hier nachlesen...

Einiges habe ich ja schon angesprochen: die Schauspielerriege spielt absolut überzeugend und weiß bis in die kleinsten Nebenrollen zu gefallen. Das liegt aber auch an den Charakteren: diese sind so realistisch und auch sympathisch gezeichnet, dass man sie alle lieb gewinnt. Es gibt ja in fast jedem Film einen Charakter, der nervig ist oder der so negativ dargestellt wird, dass man keinerlei Sympathie für ihn empfinden kann. Hier ist das ganz anders: man leidet als Zuschauer richtig mit Alex mit, wenn der feststellen muss, dass der Supermarkt plötzlich alle Ost-Marken aus dem Sortiment gestrichen hat oder wenn die Ersparnisse der Kerners nicht mehr in D-Mark umgetauscht werden können, weil die Umtauschfrist abgelaufen ist.
Selbst dem Vater von Alex und Ariane, der gegen Ende des Films eine wichtige Rolle spielt, kann man keineswegs böse sein, obwohl sein Charakter vorher ausschließlich negativ besetzt ist: was soll man von einem Vater halten, der einfach seine Frau und die Kinder verlässt, um selbst ein angenehmeres Leben zu führen, sich danach aber nicht mehr bei seiner Familie meldet? Aber spätestens, wenn man den betroffenen Gesichtsausdruck von – von Burghart Klaußner dargestellten – Vater Kerner sieht, als er erfährt, was mit seiner Frau geschehen ist, kann man diesem Mann nicht mehr böse sein.

Wie auch schon kurz angesprochen, lässt der Trailer eine eher seichte Komödie vermuten. Zugegeben, der Film hat seine witzigen Momente, und mehr als einmal muss man schmunzeln: beispielsweise, wenn Christianes ehemaliger Chef sturzbetrunken auf der inszenierten Geburtstagsfeier auftaucht und versucht, eine Rede für Christiane zu halten: köstlich, auch durch das in dieser Szene grandiose Spiel von Michael Gwisdek.
Aber vielleicht war es falsch, den Trailer fast nur auf die komischen Szenen des Filmes zu reduzieren; ich glaube, dass viele Kinogänger mit einer verzerrten Erwartungshaltung ins Kino gegangen sind und hinterher enttäuscht waren, weil sie seltener lachen durfte als erhofft.

Doch was diese Kinogänger dem Film als Nachteil ankreiden, lässt sich gleichzeitig als großer Vorteil ausmachen: der Film ist weit mehr als eine Komödie, er ist gleichzeitig Drama, Romanze & Tragödie. Viele unterschiedliche Emotionen werden vom Film hervorgerufen.
Nach wenigen Filmminuten wird ein Protestmarsch gegen das sozialistische Regime gezeigt, bei dem auch Alex teilnimmt. Irgendwann treffen die Protestierenden auf die Polizei und die folgenden Sekunden sind nicht leicht verdaulich: schonungslos wird gezeigt, wie die Polizisten auf die Protestierenden einprügeln, auch wenn sie schon am Boden liegen. Ähnlich gefühlsbetont geht es weiter, wenn Alex’ Mutter auf der Straße zusammenbricht.
Diese Szenen gehen ans Herz, weil sie so ehrlich inszeniert sind.

Die Geschichte – obgleich zunächst recht abstrus – ist glaubwürdig. Eigentlich wird nur die ungewöhnliche Geschichte einer Familie, die direkt von der Maueröffnung und der Wiedervereinigung betroffen ist. Das alles ist eine absolut perfekte Mischung aus lustigen und emotionalen Szenen – ganz große Klasse, wie Becker den Film aufgebaut hat. Das von ihm zusammen mit Bernd Lichtenberg verfasste Drehbuch ist perfekt ausbalanciert. Jedes Mal, wenn Gefahr bestehen könnte, dass der Film zu emotional oder zu langatmig werden würde, wird er wieder aufgelockert. Es ist ganz einfach die Mischung, die diesen Film ausmacht und ihm gleichzeitig Anspruch verleiht.
Obgleich die Grundstory recht einfach ist, gibt es viele Nebenplots, die allesamt zu einem harmonischen Ganzen zusammengeführt werden. Da wäre zum Beispiel Sigmund Jähn, der erste DDR-Bürger im All, der Alex’ großes Vorbild war, als dieser noch ein kleiner Junge war und den Alex plötzlich persönlich trifft – als Taxifahrer. Oder die Liebesgeschichte zwischen Alex und Hilfsschwester Lara. Selbst die ist so glaubwürdig dargestellt, dass sie keinesfalls nervig oder gezwungen wirkt, wie das in so vielen Filmen der Fall ist. Gleichzeitig wirkt der Film aber auch nicht mit Nebenplots überladen – eben die ausgewogene Mischung, die ich schon ansprach.

Sehr positiv ist, dass Beckers Film die DDR nicht ins Lächerliche zieht; ein heikles Thema, das leicht in die Hose gehen kann: Witze über die DDR werden kritisch beäugt, daher muss man den schmalen Grad zwischen Satire & Ernsthaftigkeit meistern, was Becker außerordentlich gelingt. Mit recht einfachen Mitteln: er zeigt auch die guten Seiten der DDR, er lässt die DDR-Bürger in einem guten Licht erscheinen und er zeigt auch, dass nach der Wende nicht alle Probleme mit einem Schlag beseitigt wurden. Dass kleine Seitenhiebe da nicht ausbleiben (Beispiel: Trabant), ist logisch. Becker nimmt sein Thema dennoch ernst – was den Effekt hat, dass der Film sowohl von „Ossis“ und „Wessis“ gesehen und genossen werden kann.

Gleichzeitig aber muss man auch feststellen, dass es im Film natürlich um mehr geht als die Wiedervereinigung. Es geht allgemein um das Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Kerners halten auch im wiedervereinten Deutschland trotz schwerer Schicksalsschläge zusammen wie Pech und Schwefel. Auch dieses tiefe Gefühl der Fürsorge und Zuneigung macht den Film liebens- und absolut sehenswert.

FAZIT

So sehr ich auch überlege, mir fällt kein gravierender Kritikpunkt ein, den ich dem Film ankreiden könnte. Wolfgang Becker ist der wohl qualitativ hochwertige deutsche Film der letzten Jahre gelungen. Der Erfolg im In- und Ausland ist ein deutlicher Hinweis darauf.

Alles an diesem Film scheint perfekt zu sein: die wohlbalancierte Story, die trotz zahlreicher Nebenplots nie überladen wirkt und niemals ins Langatmige abdriftet, die herausragende Schauspielerriege, in der sowohl unbekannte als auch bekannte deutsche Schauspieler ihr Talent eindrucksvoll unter Beweis stellen, oder die vielen echten Emotionen, die der Film nicht nur zeigt, sondern auch beim Zuschauer hervorruft.

Wolfgang Beckers Beitrag zur Wiedervereinigung ist ein Pflichtfilm. Ein Film, der bewegt. Ein Film, der aber auch bestens unterhält. Und wohl gerade deshalb so gut.
Daher – ohne jeden Zweifel – fünf Sterne für dieses absolute Meisterwerk aus deutschen Landen. Und eine eindringliche Empfehlung an all die, denen dieser Film bisher – aus welchen Gründen auch immer – entgangen ist: Anschauen!

Viele Grüße, Holger.

Kurzer Nachtrag:
Es ist ja inzwischen schon eine ganze Weile her, dass der Film in unseren Kinos lief. Daher ist es inzwischen auch möglich, den Film auf DVD oder VHS ins heimische Wohnzimmer zu holen. Eine „normale“ DVD-Version für ca. 20€ (die aber auch schon über einige sehenswerte Extras verfügt) ist ebenso erhältlich wie eine umfassende Box, bestehend aus drei DVDs, die mit allerhand Extras und Zusatzinformationen zum Film vollgepackt sind. Die Kosten für diese „Special Edition“ dürften bei etwa 30 € liegen.


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Baschtel18

Baschtel18

06.02.2006 01:14

Ich komme aus der DDR und habe diesen Film gesehen. Ich muss sagen, dass der Film mich wirklich stark berührt hat, warum auch immer. Er ist sehr realitätnah, bodenständig und gefühlvoll .. Ich kann mich auch sehr gut in den Jungen hinversetzten. Mir gingen insbesondere die emotionalen Stellen sehr nahe. Ich seh den Film im übrigen weniger als Kömodie für mich ist es eher ein Drama, selbst bei lustigen Stellen habe ich eher verhaltender gelacht. Stellen wie diese, als die noch recht junge Mutter bedauerlicherweise in eine Anstalt musste, gingen mir extrem nahe, genauso wie z. B. das Ende, in der meine Tränendrüse fast aktiv wurde. :) Der Film schafft es, dass man nachdenklich über die DDR sein Urteil fällt. Ich war tief beeindruckt vom Film. Dein Beitrag gefällt mir, auch wenns schon ne Weile her. EIn SH von mir. LG Basti

Thisbe

Thisbe

04.10.2004 14:09

Dein Bericht hat mir gut gefallen.

kasikrul

kasikrul

13.09.2004 14:34

kann deinem super bericht nur zustimmen - ich gehe nicht oft ins kino, aber für diesen hat sich´s auf alle fälle gelohnt!

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