Mit dem Herzen lernen...
29.05.2003
Pro:
super Story, brilliante Schauspieler
Kontra:
manchmal etwas langatmig
Empfehlenswert:
Ja
 SeptemberSun
Über sich:
Mitglied seit:01.01.1970
Erfahrungsberichte:429
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 73 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Das ist mein erster Filmbericht und ich bitte euch, das bei eurer Bewertung zu berücksichtigen *lach*. Nein, nein, bewertet fair, ohne Mitleid *lachnochmal*. Bevor ich mich der Story widme, möchte ich euch kurz die trockenen Fakten des Filmes mitteilen.
Good Will Hunting erschien 1997, Regie hatte Gus Van Sant (nicht, daß mir das was sagen würde). Der Film fährt gleich mit mehreren Stars auf, so Robin Williams, der für seine Rolle als Sean McGuire den Oscar als Best Supporting Actor gewann, Matt Damon als Will Hunting, Ben Affleck als Wills Freund Chuckie, die den Oscar für das beste Drehbuch erhielten, sowie Minnie Driver als Wills Freundin Skylar, Stellan Skarsgard als Professor Lambeau und Casey Affleck als Morgan. Will Hunting führt ein trostloses, graues Leben: Tagsüber arbeitet er an einer technischen Universität - als Putzkraft, abends trifft er sich mit Freunden, mit denen er sich desöfteren sinnlos betrinkt und mit ebenso wenig Grund prügelt.
Doch der junge Mann, der im Ghetto lebt, verfügt über einen brillianten Geist. Selbständig löst er die schwierigsten Mathematikaufgaben, die er an den Wandtafeln der Universität vorfindet. Einfach so zwischen Boden wienern und Feierabend - woran sich die Professoren jahrelang die Zähne ausbeißen. Er tut dies im Verborgenen und als ihn Professor Lambeau, dessen Aufmerksamkeit geweckt wird, als er feststellen muß, daß das Genie, das seine Aufgaben löst, nicht aus seinem Kurs stammt, entdeckt, flüchtet er verärgert. Professor Lambeau, immer auf der Suche nach einem Genie gewesen, dessen Stern heller leuchtet als sein eigener, jedoch gleichzeitig diesen fürchtend, macht sich auf die Suche nach Will, der seinen Job aus Angst vor Entdeckung geschmissen hat.
Derweil landet Will zum xten Male vor Gericht. Dieses Mal bringt ihn auch seine geniale Taktik, mit der er sich selbst verteidigt, nicht weiter. Er muß ins Gefängnis, weil er aus nichtigem Grund zusammen mit seinen Freunden einen anderen brutal verprügelt hat. Auffallend ist, wie Will hier die Besinnung und die Kontrolle verliert - ausgerechnet jemand, der seine Gefühle sonst so ausgezeichnet hinter einer Fassade aus Arroganz und Gleichgültigkeit versteckt. Seine neue Freundin Skylar, eine reiche Studentin, die er mit seiner Schlagfertigkeit und seinem Wissen beeindruckt hat, kann ihm nicht weiterhelfen - nicht, daß er ihre Hilfe angenommen hätte.
Hier kommt wieder Professor Lambeau ins Spiel. Glücklich, den Wunderknaben endlich aufgespürt zu haben, erwirkt er Milde bei dem Richter. Will darf zurück in die Freiheit, wenn er zwei Bedingungen einhält: Zum einen muß er mit Professor Lambeau arbeiten - an seinen oder den Kenntnissen des Professors stellt sich ein wenig in Frage. Zum anderen muß er eine Therapie absolvieren, um seine Agressionen und sein Leben in den Griff zu bekommen. Will stimmt zu, schafft es aber, innerhalb kürzester Zeit fünf Psychologen halb in den Wahnsinn zu treiben, indem er sich über sie lustig macht, ihre Methoden erkennt und sie ins Lächerliche zieht. Auch Professor Lambeau hat sein Päckchen mit dem unwilligen "Schüler" zu tragen: Will ist ein Genie in vielerlei Hinsicht, doch ein gefühlsmäßiger Krüppel. Ohne Mitgefühl stößt er die Menschen um sich, die ihm helfen wollen, immer und immer wieder brutal vor den Kopf.
Letzte Rettung scheint Professor Lambeau für Will Sean McGuire zu sein, ein Psychologe, der mit ihm zusammen studierte und nach dem Tod seiner Frau zurückgezogen und einsam lebt. Sein Plan geht auf, nach anfänglichen Problemen und nachdem Sean Will in seine Schranken verwiesen hat, entwickelt sich ein beinahe freundschaftliches Verhältnis. Sean und Will scheinen sich beinahe gefunden zu haben, schoß es mir durch den Kopf. Sie fordern einander heraus, zwei brilliante Köpfe, wenn auch jeder auf einem anderen Gebiet. Sean findet heraus, daß Will Waise ist, in seiner Kindheit von Pflegefamilie zu Pflegefamilie geschoben und dort schwer mißhandelt wurde.
Seine Flucht in die Bücher, in das Wissen, war eine Flucht vor seinen Gefühlen. Obwohl der Film hier wirklich vorhersehbar ist, begeisterte er mich. Zu sehen, wie Will die Oberflächlichkeit seiner Beziehungen erkennt und Sean sich durch Wills langjährig aufgebauten Panzer kämpft, ist faszinierend. Die "Diagnose" ist klar und selbst auch ohne psychologische Kenntnisse zu durchschauen: Will läßt keine Gefühle zu, weil er Angst hat, verletzt zu werden, er stößt die Leute vor den Kopf, ehe sie das tun. Angriff ist der beste Weg zur Verteidigung, sozusagen. Sean bringt Will dazu, sein Leben zu hinterfragen und vor allem dazu, herauszufinden, was er wirklich will. Das Leben eines Genies, erfolgreich und berühmt, das Professor Lambeau für ihn vorgesehen hat, dem die wirkliche Leidenschaft, die Will für die Mathematik empfindet, stets versagt blieb oder das Leben eines "Versagers", der sein Leben lebt und sein Können verkümmern läßt?
Will entscheidet sich letztendlich für keines von beiden. Er lehnt die Stelle ab, die Professor Lambeau für ihn arrangiert hat, läßt alles hinter sich und beginnt ein neues Leben, offen aller Möglichkeiten, mit seiner Freundin, die er mit seiner Gefühlskälte vergrault hatte. Was aus Wills Leben letztendlich wird, bleibt unklar und eigentlich ist es auch egal, denn was zählt, ist das es das sein wird, was Will wollte und das Will fühlt - und damit endlich lebt und nicht nur existiert. Ein sehr bewegender, anrührender Film über die Menschlichkeit und über Gefühle. Über all' das Wissen, das man nicht aus Büchern lernen kann, das aber das Leben erst lebenswert macht. Der Film bringt noch viel mehr solcher kleinen Erkenntnisse, sie aufzuzählen, würde den Rahmen des sowieso schon langen Berichts endgültig sprengen.
Unbedingt empfehlenswert für alle, die sich auch mit einem eher leisen Film anfreunden können. Die Schauspieler bilden eine perfekte Symbiose und Robin Williams zeigt sich in einer neuen, eher ungewohnten Rolle, die er aber mit ebensoviel Bravour beherrscht. Nicht des Komikers, sondern des vom Leben gebeutelten, aber mit einem feinen Humor und einer Prise Optimismus in aller Traurigkeit ausgestatteten Psychologen.
Der Film überzeugt nicht trotz, daß er mit sanften Tönen arbeitet, sondern weil er mit sanften Tönen arbeitet und so zum Mitdenken und vor allem Mitfühlen anregt. Er erinnert an das Potential, das in uns allen steckt und nur darauf wartet, geweckt zu werden - nicht das immense Wissen, sondern Menschlichkeit, Freundschaft, Liebe.
Ganz kurz möchte ich noch auf das Wortspiel "Good Will Hunting" eingehen. Anfangs dachte ich "Wer wird denn gejagt? Das Wissen? Das Gefühl?" Aber das englische Wortspiel erschloß sich meinem deutschen Hirn nicht gleich: Gemeint ist der gute Wille. Der gute Wille, den Sean braucht, nicht aufzugeben bei Wills "Therapie". Einen schönen Vatertag noch! SeptemberSun
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08.10.2003 22:46
Der beste Bericht, den ich bisher gesehn hab! Du hast unheimlich viel Hintergrundinformationen reingebaut und auch an Fakten steht alles drin. Außerdem is deine Meinung klar zu erkennen. Hab zwar gedacht, ich kenn den Film, doch du hast noch ein paar Puzzle Teile hinzugefügt. Super!
02.06.2003 21:26
ein wunderbarer film :) lg @}--}---
29.05.2003 12:16
Zu sagen wäre noch, dass Matt Damon und Ben Affleck damals noch keine Stars, aber die Autoren des Drehbuchs waren und darauf bestanden bei der Verfilmung die Hauptcharaktere zu spielen- und so zu Stars wurden.