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Die Heuchlerei besteht darin, dass der Film als scheinbarer Anti-Todesstrafenfilm daherkommt und auf hinterhältige Weise propagiert: Todesstrafe ist schon grausam (zumindest für die Unschuldigen), aber sie ist notwendig. Die Männer die sie vollziehen sind Helden der amerikanischen Gesellschaft: Sie vollbringen etwas Unangenehmes aber für die Gesellschaft Nützliches und Unverzichtbares. Unschuldige trifft es nur im Märchen (dieser Film ist selbst für den naivsten Zuschauer als solches wegen der übernatürlichen Fähigkeiten der Hauptfigur zu erkennen) und deshalb kann man die Todesstrafe weiterhin beruhigt befürworten.
Wie genau transportiert der Film seine Propagandabotschaft ? Bevorzugtes Stilmittel ist die Verharmlosung. Angesichts der brutalen Hinrichtungsszenen liegt hierin durchaus eine gewisse Rafinesse und auch ein Zynismus der Macher, die erklärungsbedürftig ist: Die besagten Szenen bedienen zum einen den Voyeurismus, die Lust am Gruseln (ja, auch ich bin deswegen in diesen Film gegangen, stehen wir dazu.), dienen zum anderen aber auch als Alibi. Die Verharmlosung der Todesstrafe macht sich an folgenden Details fest:
Die Zeit: Der Film spielt nicht in der Gegenwart, sondern in der "guten alten Zeit". Bilder a la Jack Daniels- Werbung werden da (vor allem bei den Außenaufnahmen) eingespielt. Genauer: Ein Gefühl der Menschlichkeit wird suggeriert: Der Gang der Dinge im Allgemeinen und auch im Gefängnis ist geruhsam (in dieser Zeit hatte man noch Zeit), die Aufseher kennen ihre Gefangenen persönlich, haben eine Beziehung zu ihnen. Man stelle sich vor, die Story hätte in heutigen Tagen gespielt: Kalte Fabrikhallenatmosphäre, Hektik, High-Tech, die Kühle, die Unmenschlichkeit des Alltags im Todestrakt. Keine Maus wäre da frei herumgelaufen. Und wenn doch, hätte keiner der Aufseher Zeit, sich damit zu beschäftigen. Hätte der Film in heutigen Tagen gespielt, hätte er sich sofort als unglaubwürdig erwiesen. Mein Fazit zur Wahl der Zeithintergrundes: Romantisch verklärend und deshalb verlogen.
Die Charaktere: Schwarz-weiß. Auch für 6-jährige bleibt hier kein Zweifel, wer die Guten und wer die Bösen sind. Infam: Ausgerechnet einen Schwarzen zum Engel zu machen. Zum Einen die Gewissenserleichterung für das amerikanische Publikum, das sich ja dem latenten Vorwurf einer rassistischen Justiz ausgesetzt sieht, betrachtet man die nackten Statistiken über die Hautfarbe von Todeskandidaten. Zum anderen die Botschaft: Dies hier ist nur ein Märchen (der Schwarze verfügt über übernatürliche Kräfte), wirkliche Schwarze sind anders. Damit wird kein Zuschauer zu unangenehmen gedanklichen Konsequenzen über die Realität in den USA gezwungen. Der Böse: Ein Weißer. Wie überraschend. Passt ja nun gar nicht in das Angebot der moralischen Entlastung vom Rassismusvorwurf. Aber auch hier keine Gefahr, Schlüsse für die Realität nahezulegen. So eindeutig und nur böse ist in Wahrheit niemand. Wir können uns entspannt zurücklehnen. Die übelste Propaganda steckt jedoch in der Figur des guten Wärters, den Tom Hanks spielt. Er verkörpert die obige Aussage: Ja, er verabscheut die Grausamkeiten (Genau, das tun wir doch auch oder ?). Aber: Sie sind notwendig, weil gerecht. Ein Held ist er, was er für die Gesellschaft leistet ! Und außerdem: Das alles erfährt Gottes Segen. Ständig. Mit einer Penetranz, dass einem eigentlich übel werden sollte, kann man nur halbwegs politisch denken. Wie war das noch ? Du sollst nicht töten ? Nein, das ist überholt. Eigentlich war gemeint: Du sollst nicht Unschuldige töten (wenn sich's vermeiden läßt). Nein wirklich. Machen wir uns keine Sorgen, Gott gibt ständig in diesem Film seinen Segen und der gute, reumütige Todeskandidat stimmt der Notwendigkeit seiner Hinrichtung zu (Rüdiger Hoffmanns: "Nö, er hat's dann auch gleich eingesehen." fällt mir hierzu ein.). Tom Hanks: Eine Glanzleistung. Eine solche vielschichtige Rolle fordert ja auch einen exzellenten Schauspieler!
Insgesamt besteht die Verharmlosung in der Verniedlichung der Vorgänge im Vorfeld der Hinrichtung. Keine Spur von der Grausamkeit des Wartens, von der Gnadenlosigkeit eines seelenosen, anonymen Justizapparates. Hier wird Menschlichkeit suggeriert, die es in Wirklichkeit nicht gibt und die beim Todesstrafenbefürworter ja keinen Zweifel an Sinn und Notwendigkeit aufkommen lassen soll.
Mein Fazit: Ein erschreckendes Zeugnis der Verkommenheit der amerikanischen Gesellschaft. Einfache Wahrheiten und Überzeugungen sind wieder einmal gefragt. Der Wilde Westen ist immer noch oder schon wieder da. Ein Film auf den die Republikaner stolz sein können. Mit gnadenlosem Zynismus und kommerziellem Gespür geht dieser Film auf die Stammtischbedürfnisse des Durchschnittsrepublikaners (CSU-Wählers) ein. Angesichts dieser professionellen Kaltschnäuzigkeit komme ich um eine gewisse Anerkennung nicht umhin. Wäre ich Deutschlehrer in einem Gymnasium, würde ich diesen Film in der Oberstufe zeigen. Man kann einiges über die Techniken erfolgreicher Demagogie lernen.
Zu Amerikas (republikanischen) Moralvorstellungen (den typischen CSU- oder FPÖ-Wähler habe ich immer gleich mit im Blick), die dieser Film, glaube ich, authentisch spiegelt, möchte ich mich mit den Worten von Randy Newmans Song "Sigmund Freud's Impersonation of Albert Einstein In America" anschließen: "And may all your Christmases be white!" (Amen)