Erfahrungsbericht über

Guru - Roman / Andrea De Carlo

Gesamtbewertung (2): Gesamtbewertung Guru - Roman / Andrea De Carlo

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neuer Guru, alter Guru ...

5  24.05.2005

Pro:
urkomisch, bitterböse

Kontra:
?

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau

Unterhaltungswert

Spannung

Wie ergreifend ist die Story?

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La_Livia

Über sich: Ich glaube, ich sollte mal wieder aktiv werden, oder?

Mitglied seit:10.10.2004

Erfahrungsberichte:132

Vertrauende:80

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 118 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

***Neuer Guru, alter Guru***

Nachdem meine letzte Buchbesprechung des Erstlings von Andrea de Carlo so gut bei Euch angekommen ist, möchte ich Euch heute ein weiteres sehr amüsantes, wenn auch ein wenig anspruchvolleres Buch ans Herz legen.
Es handelt sich um "Guru" (oder "Uto"), das 1995 zum ersten Mal in Mailand erschienen ist und in Italien einen schönen Achtungserfolg verbuchen konnte.
"Guru" erscheint in den Neunzigern, als viele Europäer vom Konsumrausch der Neunziger entnervt sich der Esoterik und anderen lebenssinnversprechenden Strömungen zu wenden. De Carlo hat die Hinwendung zum Öko-Konsum und zu verlogenen Spiritualismus kritisch aufgezeichnet und in eine brüllendkomische und sehr ironische Geschichte gefasst. Aber lest doch selbst...


***unerlässliche Infos***

ISBN: 3257-23011-7
9,90 €
438 Seiten
bei Diogenes erschienen


****über Andrea De Carlo***

Andrea De Carlo wurde am 11.12.1952 in Mailand geboren. Nach dem Abitur schloss ein Geschichtsstudium ab. Danach lebte er lange in den Staaten, wo er als Fotograf, Musiker und Lehrer an verschiedenen Sprachschulen arbeitete.
Sein erster Roman "Creamtrain" wurde 1981 mit einem Vorwort seines großen Gönners Italo Calvino veröffentlicht und wurde danach sogar verfilmt wurde.
De Carlo arbeitete als Regisseur von Dokumentarfilmen, arbeitete an der Seite Fellinis und schrieb mit Ludovico Einaudi Ballettmusik.

Seine Bücher wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt; unter anderem:

- Vögel in Käfigen und Volieren
- Macno
- Yucatan
- Techniken der Verführung
- Wir Drei ......


***Uto, mein Held***
Der mehr als 400 Seiten umfassende Roman eröffnet mit einem Brief der Italienerin Lidia an Ihre deutsche Freundin Marianne, welche mit ihrem italienischen Ehemann und ihren Kindern in einer spirituellen Kommune in Peaceville (Nomen es Omen?!)/USA lebt.
Lidia berichtet in ihrem aufrührenden Brief von traurigen Ereignissen: Ihr Ehemann hat sich und den gesamten Wohnblock in die Luft gesprengt. Ihr neunzehnjähriger Sohn Uto ist verständlicherweise von dem plötzlichen Tod seines Stiefvaters traumatisiert und verstört. Lidia ist sehr besorgt um ihren empfindlichen und schwierigen Sohn und ist verzweifelt, da sie nicht weiß, wie sie Utos Verhalten auffangen könnte.
Marianne lädt Uto großherzig nach Amerika ein, denn dort könnte sie, die Spiritualität der Kommune und der Gurus ihn von seinen Traumata heilen. Uto könnte in der Mariannes heilen Familiensituation und in der Abgeschiedenheit Conneticuts wieder zu sich finden.
Mit großen Widerwillen reist Uto zum Jahreswechsel nach Amerika und wird von der ihm unbekannten Familie mehr als herzlich empfangen. Mariannes Familie entspringt auf dem ersten Blick einem Bilderbuch: Ihr Ehemann Vittorio ist ein bekannter Künstler, der seiner Frau lammfromm jeden Wunsch von den Augen abliest, ihre Tochter Nina ist hübsch und brav, der Sohn Giuseppe ist wohlerzogen. Das Haus der Familie entstammt einer Einrichtungszeitung und man ernährt sich mehr als gesund und ausgeglichen. Die Familie lebt in einem spirituellen Dorf, in dem jeder jedem hilft. Die Welt scheint hier in Ordnung zu sein, Harmonie bestimmt den Alltag ...
bis Uto kommt....
Uto entspricht keiner Konvention. Er trägt Lederklamotten (im Gegensatz zu den Jünger der Kommune, die alle Pastellfarben tragen.), trägt eine Punkfrisur, ist dickköpfig, stur, ironisch, sarkastisch, hochintelligent und ein Einzelgänger.
Uto ist in der heilen Welt der Kommune schlicht fehl am Platz. Abgesondert und am Meditieren nicht im Geringsten interessiert, beobachtet er seine Umwelt ganz genau und entdeckt, dass hinter der pastellfarbenen Fassade Verlogenheit und Egoismus vorherrscht: Vittorio nimmt an der verqueren Esoterik seiner Ehefrau nur halbherzig teil und sehnt sich nach den Annehmlichkeiten (Alkohol, Fleisch, Frauen) seines früheren Lebens , Nina erträgt die familiäre Situation nicht und ist auffallend magersüchtig, Giuseppe ist eine fade Marionette seiner Eltern. Langsam beginnt Uto die ekelerregend heile Welt aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sarkastisch legt er den Finger auf die wunden Stellen der scheinbar friedlichen Jüngerseelen.
Ohne Lebenssinn und Ziel lebt Uto in den Tag hinein und schirmt sich von der Kommune ab, bis er eines Tages den Guru der Jüngergemeinschaft kennen lernt. Der Guru erkennt in Uto etwas, was zur Mitte des Buches noch unerreichbar scheint. Die Aufmerksamkeit, die der Guru Uto zukommen lässt, schürt in Vittorio rasende Eifersucht, die sich noch verstärkt wird als Uto zudem mit seiner Frau flirtet und eine intensive Affäre mit seiner noch minderjährigen Tochter Nina beginnt.
Eines Tages kommt der Guru zu Besuch, um den jungen Italiener besser kennen zu lernen. Uto, der hochtalentiert Klavier spielt, wird nach einem ergreifenden Heimkonzert, in dem Uto seinen Frustrationen freien Lauf lässt, vom Guru zur Offenbarung Gottes stilisiert. Vittorios Eifersucht ist am Siedepunkt angelangt, da seine eigenen künstlerischen Arbeiten von den Jüngern nur belächelt werden.
Vittorio versucht seine Eifersucht und seinen Hass gemäß den spirituellen Lebensregeln Peacevilles zu bekämpfen. Er fährt mit Uto in den Wald, um ein wenig Holz für die Gemeinschaft zu schlagen. Hier möchte er sein Verhältnis zu dem traumatisierten Uto bereinigen, aber im Wald kommt es zur Katastrophe. Eine elektrische Säge trennt Uto einen Arm ab. Seine Pianistenkarriere scheint beendet. Während Uto im Krankenhaus liegt, eskaliert die Situation. Giuseppe beginnt die hausinterne Revolution, das scheinbar perfekte Ehepaar beginnt zu streiten und endet mit Vittorios Auszug aus dem perfekten Heim. Marianne schiebt die Schuld an dem Unglück auf Vittorio und verfrachtet ihre sämtliche Liebe auf Uto. Die heile Welt ist aus den Angel geraten.
An einem Meditationsabend im Tempel der Jüngergemeinschaft, wird Uto wundersam geheilt (wie und warum werde ich an dieser Stelle natürlich nicht verraten! Es ist der Höhepunkt des Buches und wirklich lesenswert) und steigt nach dem Tod des Gurus zum neuen Guru auf!
Der Roman ist fast ausschließlich auf die Entwicklung des narzistischen und hochintelligenten Protagonisten Uto ausgerichtet. Uto lebt in seiner eigenen Welt aus der er die amerikanische "Wirklichkeit" scharf beobachtet. Sein scharfer Blick enthüllt gnadenlos die Verlogenheit der Sinnsucher Peacevilles. Alle Beteiligten leiden unter der Scheinheiligkeit, aber keiner wagt es aufzubegehren, bis Uto einen Befreiungsschlag wagt. Die so mühsam erarbeitete Glückseligkeit zerplatzt letztlich wie eine Seifenblase.

De Carlo hat einen sehr amüsanten Roman geschrieben, dessen unerwartetes Ende seine Leser überrascht.


***Was sagt die Presse***

-"Eine brillante Komödie, die nach einer Verfilmung schreit. Eine ironische Liebeserklärung an eine Jugend, die sich um verlogene Konventionen nicht kümmert. Und eine Absage an die Generation, deren politisches Aufbegehren in Geldscheffeln und Ökospießertum geendet ist" Der Tagesspiegel

-"Spannend, spritzig und cool wird aus der Perspektive des Postpunks Uto ein Paradies dekonstruiert: eine Sektierer-Kommune in Connecticut. Italiens Kommentar zu Sinnkrise und New-Age-Neurose" Vogue


***Mein Kommentar***


Ich habe die Lektüre sehr genossen, auch wenn De Carlo die ersten 150 Seiten etwas kürzer gestalten könnte. Auf den ersten 100 Seiten habe ich mir ein wenig schwer getan, da ungewöhnlich oft die Perspektive des Erzählers wechselt. Wenn es für Uto unangenehm wird, flieht er in seine Welt und berichtet über sich als wäre er der Held eines US-Westerns. Ich habe nichts gegen Perspektivenwechseln (im Gegenteil), in diesem Fall ist es jedoch ein wenig störend und gekünselt.

Ich habe mich bei der Lektüre königlich amüsiert und ein teuflisches Vergnügen bei der Enttarnung der verlogenen Seifenoper-Welt der friedliebenden, weltfremden Jünger gehabt. Auch wenn die ersten Seiten wegen der Gewöhnung an die wechselnden Perspektiven etwas schleppend voranging, habe ich die letzten Seiten in einem Rutsch gelesen.

Uto ist ein Held, den ich wegen seiner scharfen Kommentare und seiner Provokationen lieben gelernt habe. Wie schon in "Creamtrain" schaut Andrea de Carlo auch hier durch die Augen eines ungewöhnlichen und isolierten Helden auf unsere Welt. Sein Blick ist böse, ironisch und bissig.

De Carlo schreibt flüssig, witzig und pointiert, wenn er seinen Blick auf die Sinnsucher in Conneticut lenkt. Bei der Beschreibung der ersten erotischen Erlebnisse zwischen Uto und Nina, wird seine Stil erstaunlich zärtlich und poetisch.

Ich kann dieses Buch allen empfehlen, die bissiger Zeitkritik etwas abgewinnen können und denen neurotische und scheinheilige New-Ager auf die Nerven fallen.
Trotz der recht anspruchsvollen Schreibweise und meiner anfänglicher Schwierigkeit, vergebe ich sehr gern volle 5 Sterne für eine sehr, sehr witzige Lektüre, bei der ich oftmals laut aufgelacht habe!

Volle 5 Sterne für Andrea DE Carlo, der nicht zu Unrecht in Italien ein Kultautor ist!

PS: Ich freue mich auf Eure Kommentare und Anmerkungen ...

PPS: Vergnügliche Lektüre
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
dayya

dayya

12.06.2005 14:50

das liest sich sehr interessant!

Lupenglas

Lupenglas

07.06.2005 13:48

Prima Schreibe! Freundlich grüßt das Lupenglas

elguwi

elguwi

31.05.2005 20:19

Was soll ich denn noch alles lesen? Jeden Tag schauen mich einige jungfreuliche Bücher an und wollen endlich genommen werden. Im Winter ist wieder mehr Zeit. BG elguwi

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