Auf der halben Treppe des Lebens
22.10.2002
Pro:
hervorragende Schauspieler & leichtfüßige Inszenierung
Kontra:
aufgesetzt schwermütige Bilder
Empfehlenswert:
Ja
 T-Shirt
Über sich:
Schöne Grüße an alle CIAO-Mitglieder, die ab und zu noch vorbeischauen, obwohl ich schon seit Ewigke...
Mitglied seit:16.11.2000
Erfahrungsberichte:65
Vertrauende:16
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Die Kino-Welt ist wieder etwas größer geworden. Meist spielen deutsche Filme in bekannten Großstädten wie Berlin, München oder Hamburg, aber Ausnahmen bestätigen immer wieder die Regel. Tom Tykwer beispielsweise hatte einst seinen Film „Der Krieger und die Kaiserin“ ins beschauliche Wuppertal verlegt – und dank Andreas Dresens Tragikomödie „Halbe Treppe“ findet sich mit Frankfurt (Oder) eine weitere neue Stadt auf der deutschen Kino-Landkarte. „Halbe Treppe“ nennt sich ein Kiosk in der Frankfurter Innenstadt, in dem Uwe (gespielt vom neuen „Tatort“-Kommisar Axel Prahl) tagein, tagaus Currywürste und Buletten brät. Da er oft bis spät in die Nacht arbeitet, bleibt für die beiden Kinder und seine Frau, die Parfüm-Verkäuferin Ellen (Steffi Kühnert), nur wenig Zeit – und ein Großteil der wenigen verbliebenen Minuten wird durch Streitereien über entflogene Wellensittiche und in der Badewanne gelagerte Schweinshaxen verschwendet. Während Uwe sich mit dieser Lebensweise abgefunden hatt, wirkt Ellen von Tag zu Tag unzufriedener.
Auch bei Radiomoderator „Magic Chris“ (Thorsten Merten) und der Polizistin Katrin (Gabriela Maria Schmeide), einem befreundeten Pärchen, kriselt es seit geraumer Zeit. Chris verbreitet zwar allmorgendlich mit „Dauer-Power vom Power-Tower“ gute Laune, doch diese gute Laune ist nur aufgesetzt und wird sofort ausgeknipst, sobald das Mikro ausgeschaltet ist. Eines Tages kommen sich Ellen und Chris, die beiden Unzufriedenen, näher – und als ihre Affäre auffliegt, entsteht innerhalb weniger Tage mehr Bewegung im Leben der vier Protagonisten als in all den Jahren zuvor ... Dass die Geschichte so mitten aus dem Leben gegriffen und absolut glaubwürdig wirkt, liegt vor allem daran, dass sich Regisseur Dresen („Nachtgestalten“) nur einen Grund-Plot ausgedacht hat, in dem sich seine Hauptdarsteller befreit von jedweden Drehbuch-Zwängen nach Lust und Laune austoben dürfen. Kein Text, den ein verkopfter Drehbuch-Autor zu Papier bringt, könnte so glaubwürdig sein wie die Sätze, die den zur Improvisation gezwungenen Schauspielern über die Lippen kommen. Dass das absolut problemlos funktioniert, ist dabei in erster Linie der Verdienst des ausgezeichneten Darsteller-Ensembles, aus dem vor allem Axel Prahl mit beeindruckender Mimik und Körpersprache herausragt. Er spielt Uwe nicht, er ist Uwe – und wie er als sympathischer Trampel mit einem leeren Vogelkäfig den verschwundenen Wellensittich der Kinder sucht, ist ebenso rührend wie seine hilflosen Versuche, seine Frau zurückzugewinnen.
Das Überraschendste an „Halbe Treppe“ ist aber die Tatsache, dass die eigentlich traurige Geschichte mit unglaublich viel Humor und einer für deutsche Verhältnisse überraschenden Leichtigkeit erzählt wird. Auch der Humor entsteht hierbei meist nicht durch konstruierte Pointen, sondern in vielen Fällen durch Situationskomik. Alltägliche Szenen wie ein gemeinsamer Bummel durchs Küchen-Studio ist ebenso witzig inszeniert wie der fast schon groteske Versuch, nach der „Enttarnung“ von Chris und Ellen bei Kaffee und Kuchen eine Lösung für die gemeinsamen Probleme zu finden. So leichtfüßig wie die Texte hätte man sich auch die Bildsprache gewünscht – doch hier hat der Film seine Schwäche. Der Einsatz einer Handkamera wirkt bei weitem nicht so virtuos, wie man es aus den Filmen der „Dogma“-Reihe kennt. Die wackligen und grobkörnigen Bilder sind weniger innovativ als vielmehr gewöhnungsbedürftig und zeitweise nervig.
Zudem scheint Dresen darauf bedacht, dem humoristischen Grundton des Films mit seinen Bildern entgegenzuwirken – doch leider wirkt das sehr gewollt. Die Tristesse der Frankfurter Plattenbauten (die schon für sich genommen etwas übertrieben wirkt) soll offenbar noch dadurch gesteigert werden, dass es Herbst und dadurch abwechselnd kalt, neblig oder dunkel ist, dass es entweder regnet oder schneit – oder am besten noch alles zusammen. Hier wird so viel optische Schwermut angerührt, dass es für drei Filme reichen würde. Auch die Story von Beziehungkrisen und einer Affäre mit dem besten Freund wirkt banal – allrdings nur auf en ersten Blick. „Halbe Treppe“ ist nämlich nicht nur der Name einer Imbissbude, sondern auch symptomatisch für die Lebenssituation der Hauptfiguren. Alle vier sind Ende dreißig bis Anfang vierzig, stehen also gewissermaßen auf halber Treppe zwischen Geburt und Tod. Hier haben sie die vielleicht letzte Chance, über den Rest ihres Lebens zu entscheiden: Wollen sie bis ans Lebensende weitermachen wie bisher, oder wagen sie noch einmal einen Neuanfang? Vor dem Hintergrund derart existenzieller Grundfragen ist „Halbe Treppe“ trotz seiner humorvollen Grundhaltung daher auch ein Film, der zum Nachdenken anregt – und das ganz ohne erhobenen Zeigefinger.
Dank dieser interessanten Ausgangsposition, der leichtfüßigen Inszenierung und der hervorragenden Darsteller hat der Streifen völlig zurecht den Deutschen Filmpreis in Silber gewonnen. Wenn die angestrengte Bildersprache nicht wäre, hätte „Halbe Treppe“ sogar Gold verdient.
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14.12.2004 12:05
Ich habe den Film mittlerweile auch gesehen, und er hat mir gut gefallen: Sehr schön gespielt, auf passende Weise fast schon naturalistisch umgesetzt; die Auflockerungen mit dem entfleuchten Vogel und den Spielleuten fand ich auch ganz gelungen. Was mas ich manchmal geringfügig störend fand war diese mitunter etwas zu dick aufgetragene Radio-Horoskop-Geschichte.
16.04.2003 00:06
Eine interessante Berschreibung, werde mir den Film mal ansehen.
20.11.2002 16:12
Irgendwie komisch, ich gehe 100 m von hier und bin am Drehort des Filmes ;-)