Fast wie im richtigen Leben
04.11.2002
Pro:
absolut realistische Dialoge, exzellente DarstellerInnen
Kontra:
ziemlich wackelige und grobkörnige Bilder
Empfehlenswert:
Ja
 Dr.Ed
Über sich:
Merkwürdig, irgendwie scheinen meine CIS-Abonennten keine Mitteilung darüber bekommen zu haben, dass...
Mitglied seit:02.03.2001
Erfahrungsberichte:506
Vertrauende:89
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 51 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Hallo Zielgruppe! Es gibt noch deutsche Filme, die einen tatsächlich überraschen können und das durchaus im positiven Sinne! Nachdem dieser Film schon auf der Berlinale ausgezeichnet wurde und so für Aufsehen sorgte, ist er nun endlich auch in unseren Kinos gelandet. DER INHALT:
Frankfurt/Oder: Ein Diaabend mit zwei Ehepaaren in den End-Dreißigern. Es wird viel gelacht, ein wenig gelästert und einiges an Alkohol getrunken. Eigentlich alles ganz normal, alles irgendwie auch Routine. Als Radiomoderator Chris (Thorsten Merten) und Grenzbeamtin Kathrin (Gabriela Maria Schmeide) nach Hause fahren wird noch ein wenig über Imbissbesitzer Uwe (Axel Prahl, zuletzt als Kommissar im Münster-Tatort zu sehen) und Ellen (Steffi Kühnert) gelästert, während die beiden zuhause über die anderen auch wenig lästern. Schnell wird deutlich, dass die Ehe beider Paare mittlerweile zur völligen Routine geworden ist. Ellen meckert über die unpraktische Küche zuhause und regt sich darüber auf, dass Uwe die Eisbeine für den Imbiss (der übrigens "Halbe Treppe" heißt) in der heimischen Badewanne auftaut. Uwe dagegen lamentiert, dass er sich im Imbiss "den Arsch aufreißt", um der Familie ein Auskommen zu sichern, wobei Ellen auch noch als Verkäuferin in einer Parfümerie arbeitet. Chris versucht, als Radiomoderator früh morgens gute Laune zu verbreiten, indem er die üblichen Format-Radio-Sprüche absondert ("Die Dauer-Power vom Power-Tower; die besten Hits der letzten 24 Jahre von Radio 24!") und quasi als running-gag ständig irgendwelche zusammengefaselten Horoskope zum Besten gibt. Aber er hat sofort den Griesgram drauf, sobald er das Mikro ausschaltet. Kathrin hat an ihrem Job auch nicht gerade die Mega-Freude und ist dementsprechend unglücklich darüber, dass Chris sie fast wie einen Gegenstand der Wohnungseinrichtung behandelt.
Allmählich kommt aber Bewegung in dieses starre Gefüge als sich nämlich Ellen und Chris durch eine Verkettung von Zufällen näher kommen und eine Affäre beginnen. Ellen blüht richtig auf, weil sie sich endlich wieder als begehrendwerte Frau fühlt, da Uwe sich nicht gerade als Rosenkavalier gibt, sondern eher als kodderschnäuziger, bärbeißiger und etwas wortfauler Kerl, der aber im Grunde das Herzam rechten Fleck hat. Natürlich kommt es wie es kommen muss: Als Kathrin eines Tages früher von der Arbeit nach Hause kommt, entdeckt sie Chris und Ellen in der Badewanne und ist geschockt. Uwe versucht anschließend in einer Aussprache alles wieder gerade zu rücken, wirkt dabei aber noch hilfloser und unbeholfener als sonst; zugleich eine der rührendsten und tragikomischtsten Szenen des Films. Alle stehen vor den Trümern ihrer Beziehungen und wissen nicht, wie sie die Scherben kitten sollen. Uwe versucht alles, um seine Ellen wieder zu bekommen, agiert dabei aber genauso unbeholfen wie bei der Aussprache, während Kathrin genauso hilflos dasteht und sich einfach nur leer fühlt, weil ihr nur noch zum Heulen zumute ist. Wie sich die Geschichte nun auflöst, erfahrt Ihr im Kino!
MEINE MEINUNG: Zeitweise kam mir der Film so vor, als hätte Aki Kaurismäki einen deutschen Dogma-Film gedreht. Einerseits hat der Film einige tragischen Momente, in denen die Figuren gnadenlos ihrem Schicksal ausgesetzt werden. Dann gibt es aber auch Momente, in denen staubtrockene Dialoge einem ein Lächeln ins Gesicht zaubern können. Der Film wurde größtenteils mit einer wackeligen Digital-Kamera gedreht und entsprechen grobkörnig und ungefiltert sind die Bilder, die zudem überwiegend in sehr tristen und kalten Farben gehalten sind, so dass eine doch eher trübe Grund-Stimmung entsteht.
Die Dialoge wirken alle sehr ungekünstelt und wie direkt aus dem Leben gegriffen, was sicherlich auch daran lag, dass Regisseur Andreas Dresen seiner Darsteller-Riege nur einen groben Handlungsrahmen vorgab und sie sonst weitestgehend improvisieren ließ. Die DarstellerInnen wissen diesen Freiraum auch entsprechend zu nutzen und bringen ihre Rollen absolut überzeugend rüber. Teilweise hat man sogar das Gefühl einer Art Doku-Soap beizuwohnen, weil alles absolut authentisch wirkt! Auch wenn der Film zwischenzeitlich einige Längen hatte, war mir trotzdem nie langweilig, denn man hatte immer das Gefühl "Das ist hier das Leben pur und ungeschminkt"!
FAZIT: Für alle, die Aki Kaurismäki oder Dogma-Filme mögen, kann ich hier eine uneingeschränkte Guck-Empfehlung geben, während für andere dieser Film eher wie eine Sättigungs-Beilage rüberkommt, die aber zumindest das Niveau von "Big-Brother" um Längen übertrifft. Von mir gibt es eine knappe 2- und den Rat, nicht allzulange mit dem Filmbesuch zu warten, da dieser Film wahrscheinlich nur in einigen ausgesuchten Programm-Kinos laufen dürfte.
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20.11.2002 16:14
Für mir is dit wie richtijed Lebn ...Irgendwie komisch, ich gehe 100 m geradeaus von hier und bin am Drehort des Filmes ;-)
10.11.2002 19:32
Klingt eigentlich nach einer lustigen bzw. tragikkomischen Story. Und Kaurismäki ist ja auch kein unbekannter...! Grüße Pandoolio
05.11.2002 12:57
jepp, solche Filme mag ich, auch wenn ich sie meist in irgendwelchen "Szene-Kinos" schauen muss, weil unser geliebtes CineStar sich an sowas selten heran wagt... gruss Bastian