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Daten:
Uwe Timm "Halbschatten"
Kiepenheuer und Witsch Verlag 2008
ISBN: 9783462040432
272 Seiten
18,90 €
Autor
Uwe Timm kam 1940 in Hamburg auf die Welt. Nachdem er eine Lehre als Kürschner absolviert hatte, holte er auf dem 2. Bildungsweg das Abitur nach. Anschließend studierte ... Bericht lesen
nach einer Bruchlandung. Sie ist 25 Jahre alt. Ihr Grab liegt auf dem Berliner Invalidenfriedhof. Was hat sie hier, zwischen den Toten der preußischen Militärgeschichte, NS-Größen und zivilen Opfern der letzten Kriegstage, zu suchen? Gibt es eine Erklärung für ihren gewaltsamen Tod?
Erfahrungsbericht von Die_Buchhaendlerin über Halbschatten / Timm, Uwe 7. September 2008
Produktbewertung des Autors:
Niveau:
anspruchsvoll
Unterhaltungswert:
recht gering
Spannung:
wenig spannend
Humor:
wenig humorvoll
Aufmachung:
ok
Pro:
ein Buch von Uwe Timm
Kontra:
eines der schlechteren Bücher von Uwe Timm
Empfehlenswert?
ja
Kompletter Erfahrungsbericht
Uwe Timm ist ein Autor, den ich über die Jahre hinweg sehr schätzen gelernt habe. Was hat er nicht alles geschrieben! Das reicht vom hochamüsanten (leider vom Verkauf her eher mäßigen) "Der Mann auf dem Hochrad" über "Die Entdeckung der Currywurst" (demnächst im Kino) und den Kinderbuchbestsellern "Rennschwein Rudi Rüssel" und "Der Schatz auf Pagensand" bis zu den eher politisch und zeitgeschichtlich inspirierten Romanen wie "Morenga" (spielt im damaligen Deutsch-Südwestafrika) " Heißer Sommer" (68er) , "Am Beispiel meines Bruders" (autobiografische Auseinandersetzung mit seinem Bruder der bei der SS war) und "Der Freund und der Fremde" (Benno Ohnesorg).
Das ist nur eine ganz kleine Auswahl an der Vielzahl der Titel, die Uwe Timm seit vielen Jahren fleißig auf den Markt bringt. Ich habe nicht alle, aber sehr viele von ihm gelesen. Alle fand ich sehr gut bis gut. Deshalb freute ich mich sehr auf den neuesten Roman von ihm. Leider entspricht er nicht ganz meinen Erwartungen.
Uwe Timm kam 1940 in Hamburg auf die Welt. Nachdem er eine Lehre als Kürschner absolviert hatte, holte er auf dem 2. Bildungsweg das Abitur nach. Anschließend studierte er in München und Paris Germanistik und Philosophie. Während der 68er Zeit war er politisch im SDS aktiv. 1971 promovierte er, studierte aber weiter und zwar Soziologie und Volkswirtschaft. Seit dieser Zeit (1971) ist er als freier Schriftsteller tätig. Er ist Mitglied im PEN und in der Akademie der Künste ebenso wie in der Deutschen Akademie für Sprache. Wie man sieht nicht nur von der Zahl seiner Veröffentlichungen gesehen, sondern auch im sonstigen Leben ein aktiver Mensch! Er lebt heute in München und in Berlin.
===Inhalt===
In diesem neuen Roman von Uwe Timm geht es um ein fiktives Treffen auf dem Berliner Invalidenfriedhof. Die dort Begrabenen sprechen zum Besucher. Ein Stadtführer erklärt, wer wohl da gerade spräche. Offiziere, NS Größen, Tote aus den zwei Weltkriegen, Opfer und Täter erheben ihre Stimme. Im Mittelpunkt steht die Fliegerin Marga von Etzdorf, die mit knapp 26 Jahren nach einer Bruchlandung in Syrien Selbstmord beging. Eine Geschichte um Liebe, Verrat und Politik.
Marga von Etzdorf war neben Elly Beinhorn Deutschlands berühmteste Fliegerin. Weltweit gesehen gab es ja auch nicht viele zur damaligen Zeit. Nachdem sie zum dritten Mal eine Bruchlandung hingelegt hatte (allerdings nach vielen Bahn brechenden gelungenen Flügen) und in Syrien notlanden musste, beging sie - mit gerade mal 25 Jahren - Selbstmord.
Im Zentrum des Romans steht die Frage, was Marga zu diesem Schritt getrieben haben mag. Ein Treffen mit dem jungen Christian von Dahlem, ebenfalls ein Flieger (nebenbei aber auch Waffenhändler) gerät zu einer schicksalhaften Begegnung. Bei einer Landung in Tokio teilen die beiden sich ein Zimmer in einem japanischen Haus, ihre Bereiche werden durch einen Vorhang abgetrennt. So liegen sie - jeder auf seiner Seite - und erzählen sich ihr Leben. Womöglich geht das gerade weil sie sich nicht sehen können dabei um so leichter. Für Marga ist diese Nacht eine der wichtigsten ihres Lebens.
Sie erzählt einer dritten sehr wichtigen Figur - dem Schauspieler Möller, der während des 2. Weltkriegs die Truppen als Unterhaltungskünstler betreute. Möller wiederum erzählt uns - dem Leser - die Geschichte.
Es geht jedoch nicht nur um persönlichen Ehrgeiz, verunglückte Lieben, die Faszination des Fliegens und um Freundschaft, sondern um Nazis und damit auch um Marga von Etzdorfs Rolle als Repräsentantin des 3. Reiches.
Neben diesen besonders hervorgehobenen Romanfiguren tummeln sich noch viele viele andere auf dem Berliner Invalidenfriedhof: Scharnhorst und Heydrich, ein unbekannter japanischer Soldat, namenlose Tote aus früheren Kriegen. So viele Stimmen, so viele angedeutete - manchmal auch ganz erzählte - Schicksale und Geschichten! Die Toten bleiben nicht stumm, auch wenn sie nur als Halbschatten umherwandeln können, manchmal versuchen sie sich geradezu zu übertönen.
Am Ende des Romans mag der Selbstmord Frau von Etzdorfs verständlicher geworden sein, doch vieles bleibt offen.
Stil:
Durch die Konstruktion des Romans als eine Art Stimmengewirr setzt Timm sich diesmal sehr hohe Ziele. Nichts ist hier geradlinig, nichts eindeutig, sondern sehr viel Geraune, sehr viel vage Angedeutetes. Die Menschen werden oft nicht mit Namen genannt, sondern mit Bezeichnungen wie "der Graue" und fast nie - zumindest sehr selten - bekommt man als Leser einfach erzählt, wer denn jetzt gerade spricht, murmelt, stöhnt oder weint.
Ein höchst kompliziertes Hüpfen nicht nur zwischen den Zeiten, den Romanfiguren und dem übergeordneten Erzähler lassen das Lesen zu einer Art Rätselraten werden. Da das Ganze auch noch auf einem Militärfriedhof spielt, kann man sich denken, dass die Sätze oft sehr markig, kurz und knallig klingen. Wenn dann hingegen wieder mal Gedanken über die Natur des Fliegens und das Glücksgefühl dabei eingesponnen werden oder aber man einiges z.B. über japanische Traditionen lernt, dann weiß man als Leser immerhin, das kann jetzt kein alter Soldat sein, sondern vielleicht Marga, vielleicht aber auch Möller oder sonst jemand Interessanteres.
Eine gewisse Spannung erzeugt Timm durchaus, man möchte gerne wissen, wie und warum die junge Fliegerin so endet wie sie es tut, es gibt auch einige Nebenhandlungsstränge (so eine "Unberührbare" die sich dann doch berühren ließ von einem Obernazi), die durchaus Interesse wecken. Doch verzettelt sich der Autor ziemlich stark, was er vielleicht als retardierendes Moment beabsichtigt hat, gerät eher zu einem stagnierenden Moment, damit will ich sagen: es tut sich oft seitenlang überhaupt nichts und man kapiert einfach nicht, wer einem nun eigentlich was genau sagen will.
Hoch kompliziert, streckenweise sehr poetisch, sehr berührend und in gewohnt gutem Timm - Stil, aber insgesamt zu ausgefranst, ohne inneren Zusammenhalt und nicht stringent.
Meine Meinung:
Immer wieder beschlich mich beim Lesen das Gefühl, dass sich Uwe Timm in höhere Gefilde der Literatur hineinschreiben möchte, dass ihm sein doch so schönes bisheriges Werk nicht mehr reicht: er möchte aufsteigen in die Garde der wenigen, die Hochliteratur schreiben. Auch wähnte ich mich manchmal in einem Roman von Lobo Antunes, dem portugiesischen Großmeister. Doch während Antunes das Spiel mit den vielen Stimmen, die fast nie benannt werden, virtuos beherrscht (als Leser kann, muss man anhand von bestimmten Assoziationen, die geweckt werden und anhand einer besonderen Tonlage erkennen, wer gerade die handelnde bzw. sprechende Figur ist), mangelt es Timm leider genau daran.
Es ist möglich, dass ich - wenn ich absolut konzentriert gelesen hätte, nicht abends, nicht ein wenig müde von der anstrengenden Tagesarbeit - den Roman eher für mich zugänglich gefunden hätte. Ich hätte mir auch eine kurze Erkennungsliste anlegen können (wer ist der Graue, wer ist die Unberührbare, mit wem hatte sie wann was zu tun…) um besser durch zu steigen. Doch mal ganz ehrlich: lohnt sich diese Mühe, diese Art des ganz intensiven Lesens denn wirklich? Bei Antunes hatte ich bisher immer den Eindruck: ja, es hat sich gelohnt, es ist zwar echte Arbeit, dafür bekomme ich aber einen Lesegenuss, den mir sonst kein anderer bietet. Diesen Eindruck hatte ich bei "Halbschatten" leider nicht.
Ich möchte nicht falsch verstanden werden: "Halbschatten" ist beileibe kein schlechtes Buch! Der Autor hat nur die Meßlatte, die er an sein Schaffen gelegt hat, ein wenig zu hoch gesteckt. Mir ist das Buch einfach - gemessen an dem "Gewinn" (Vergnügen, Spannung, Lerneffekt, literarischer Genuss) zu anstrengend. Ich wünsche mir, dass Uwe Timm bei seinem nächsten Buch wieder zurückkehrt zu dem was er wirklich gut kann: gute, berührende, kluge und mitfühlende Romane schreiben in einem leicht lesbaren, deshalb nicht weniger intelligentem Stil.
Fazit:
Für Fans von Uwe Timm natürlich eine Empfehlung, um eine weitere Facette seines Schaffens kennen zu lernen. Jedem anderen würde ich als Einstieg unbedingt davon abraten: Timm hat noch so viele andere sehr schöne Bücher geschrieben, die sich viel besser eignen, diesen guten deutschen Schriftsteller kennen zu lernen.
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