Erfahrungsbericht über

Hard Times / Charles Dickens

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Harte Zeiten auch für Leser

4  15.01.2004

Pro:
Offene Sozialkritik

Kontra:
Offensichtliche Vorurteile

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau

Stil

Spannung

Wie ergreifend ist die Story?

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uweBeelitz39

Über sich: CARPE DIEM !!

Mitglied seit:14.06.2003

Erfahrungsberichte:74

Vertrauende:61

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 115 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Dies ist nach „Oliver Twist“ der zweite Bericht, den ich über einen der Romane von Charles Dickens schreibe. Ich wiederhole daher nicht meine Sicht auf den Autor und sein Leben, da dies den Bericht ungebührlich verlängern würde. Nur so viel:
Dickens wurde 1812 in der Nähe von Portsmouth geboren und starb 1870 in Gad´s Hill bei Rochester. Er war als Schriftsteller und Dozent tätig und veröffentlichte zahlreiche Werke. Der vorliegende Roman „Hard Times. For these Times“ erschien 1962 im Verlag Collins, London and Glasgow; General Editor G.F.Maine. Da ich das Buch etwa zu dieser Zeit erworben habe, kann ich über den Preis nichts mehr sagen.

HINTERGRUND DES ROMANS

„Hard Times. For these Times“
“Harte Zeiten. Für diese Zeiten” wurde 1854 geschrieben. Absatzschwierigkeiten der von Dickens herausgegebenen Wochenzeitschrift „Household Words“ machten es erforderlich, einen neuen Fortsetzungsroman zu schreiben. Dickens griff darin eine für ihn ganz neue Thematik auf: den nordenglischen Industriekapitalismus, das Verhältnis von Kapitalisten und Arbeitern und das Nützlichkeitsprinzip (Utilitarismus). Nach dieser aufklärerischen Weltanschauung ist der Nutzen des Einzelnen automatisch auch der Nutzen der Gesamtheit, womit sich die frühkapitalistische Ausbeutung legalisiert, ebenso wie die Unterdrückung all dessen, was „unnütz“ ist, wie Unterhaltung, Phantasie, Lebensfreude, Kunst.

Auf einer zu Beginn des Jahres durchgeführten Reise in die Industriestadt Preston konnte Dickens die Auswirkungen des ungebremsten Kapitalismus unmittelbar erleben. Ein wenig kannte er schon die nordenglischen Industriestädte und hatte seit einiger Zeit einen Roman darüber geplant. Als er nun die Zustände in Preston mitkriegte, wo seit 23 Wochen gestreikt wurde (was zu riesiger Not, aber auch zu sauberer Luft im Ort führte, weil die Hochöfen kalt waren), begann er, seinen geplanten Roman zu schreiben. Dazu „erfand“ er die Stadt Coketown (coke = Koks), und dies könnte ebenso gut Preston oder Manchester oder Liverpool gewesen sein.

Er schrieb (Leseprobe): „Es war eine Stadt aus roten Ziegeln oder aus Ziegeln, die rot gewesen wären, wenn es Rauch und Ruß erlaubt hätten; aber wie die Dinge lagen, war es eine Stadt, die unnatürlich rot und schwarz gefärbt war .. Sie besaß einen schwarzen Kanal und einen Fluß, der rot war von übelriechender Farbe .. Sie enthielt mehrere große Straßen, die einander sehr ähnlich sahen, bewohnt von Menschen, die einander ebenfalls sehr glichen, die alle zu denselben Stunden im selben Takt auf dem selben Pflaster aus den Häusern kamen .. um dieselbe Arbeit zu verrichten .. jedes Jahr ebenso wie das vorige und das nächste“.

DER ROMAN

„Harte Zeiten“ ist also ein Roman über die Industrie und über Probleme, die den Menschen entstanden, die mit der Industrialisierung und daraus entstandenen sozialen Problemen leben mußten. Schauplatz, wie gesagt, ist die fiktive Stadt Coketown, irgendwo im Industriegebiet der Midlands, eine Stadt der Schornsteine, Spinnereien, Webereien, der endlosen Arbeitersiedlungen. Der Roman ist geteilt in drei Bücher, die wiederum in 16, 12 bzw. 9 Kapitel geteilt sind. Die drei Hauptteile (Books) heißen: „Aussaat“, „Ernte“ und „Sammeln in die Scheuer“.

Wir lesen von zwei Männern, die auf ihre Art diese Form des Frühkapitalismus repräsentieren: Sir Thomas Gradgrind (to grind = schärfen, mahlen, abschinden), ein rationaler politischer Ökonom, der nur an Statistiken und Tabellen denkt, und Josia Bounderby, der brutale, selbstsüchtige Ausbeuter ohne auch nur dem Hauch sozialen Verantwortungsgefühls. Gleich zu Beginn sagt er dem neuen Schullehrer, Mr. M´Choakumchild (to choke = würgen, ersticken; child = Kind):
(Leseprobe): „Was ich verlange, sind Tatsachen. Lehren Sie diese Knaben und Mädchen nichts als Tatsachen. Nur Tatsachen braucht man im Leben. Pflanzen Sie weiter nichts, und rotten Sie alles andere aus. Sie können den Geist denkender Lebewesen nur durch Tatsachen bilden; nichts sonst wird ihnen je vom geringsten Nutzen sein. Nach diesem Grundsatz erziehe ich meine Kinder, und nach diesem Grundsatz erziehe ich diese Kinder. Halten Sie sich an Tatsachen, Sir!“
Und etwas später heißt es: „Ihr müßt euch in allen Dingen von Tatsachen bestimmen und leiten lassen … Das Wort Einbildung müßt ihr ausrotten …“

Stellt euch einmal ein solches Leben vor, dem diese armen Kinder ausgesetzt waren! In einem Schulsaal mit über 100 Kindern unter der strengsten Aufsicht eines Lehrers, der von „Monitoren“ unterstützt wurde, ein oder zwei Jahre älteren Schülern, die für ihre Arbeit aber natürlich keinerlei Bezahlung erhielten. Das würde sich – zum Glück – heute kein Lehrer, kein Schüler, keine Eltern mehr auch nur annähernd gefallen lassen! Mir waren 30 Schüler in einer Klasse schon zu viel, um jeden Einzelnen effektiv erreichen und individuell ansprechen zu können.

Allerdings wurde dort (in Coketown) bei aller militärischer Ordnung die körperliche Züchtigung abgelehnt und durch ein ausgeklügeltes System von Belohnungen und Strafen ersetzt.

Nun ist „Harte Zeiten“ aber nicht ausschließlich Darstellung des damaligen Schulwesens, sondern ein Roman voll unverhüllter Sozialkritik und deutlicher Parteinahme des Autors gegen Anschauungen und Praktiken, die zu den Grundpfeilern der englischen Gesellschaftsordnung gehörten, und genau dies wurde Charles Dickens von vielen seiner Leser übelgenommen. So gingen die Meinungen zu diesem Roman weit auseinander. Hier ist der zynische Vernunftmensch und Unternehmer, dort, als Gegenpol, der ehrliche, hart arbeitende Weber Stephen Blackpool, der sich durch seine Standhaftigkeit und Ehrlichkeit sowohl seine Kollegen als auch den oben erwähnten Bounderby zu Feinden macht.

FAZIT

„Hard Times“ wurde als das am „wenigsten Dickenssche“ Werk angesehen, weil ihm der Humor, die Vitalität, die liebenswerten und skurrilen Figuren fehlen, weil es nur lehrreich und langweilig sei. Andere Meinungen allerdings besagen, daß es Dickens´Meisterwerk sei, weil es in seiner Sozialkritik weitaus strikter geplant und die gewünschte Aussage dadurch sehr deutlich geworden sei. Ich selbst hatte beim Lesen (früher zunächst in der englischen Originalsprache, später auch auf Deutsch) nicht so viel Spaß wie etwa beim Lesen von „David Copperfield“ oder gar dem berühmten „Christmas Carol“, welches ich für Dickens`Meisterwerk halte. Aber dieser Roman ist bzw. war zu seiner Zeit äußerst wichtig und sehr berechtigt; und gerade als Lehrer zittere ich bei dem Gedanken, Thomas Gradgrind hätte sich mit seiner Form des Schulunterrichtes durchgesetzt.

„Hard Times“ ist unübersehbar von starken Vorurteilen geprägt, schon weil der Fabrikherr ein dramatisches Monster ist und der Arbeiter eine dramatische Perfektion – aber es ist trotzdem einer der Klassiker des sozialen Romans des 19.Jahrhunderts und nimmt dort einen festen Platz ein. Die Kritik war damals berechtigt, heute lese ich das Buch mit einem leisen Schauder – meine Einbildung wurde zum Glück in der Schule nicht abgetötet, so daß ich mir Schauplatz und Personen gut vorstellen kann.


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Uwe
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
meinemiamaria

meinemiamaria

08.02.2013 11:15

Den kenne ich zwar, hab´ auch noch nie etwas von ihm gelesen !

mozarteum

mozarteum

06.11.2005 18:51

ups ... *schäm ... den kenne ich ja gar nicht .... *grübel ... lg mozarteum

Jvlivsz

Jvlivsz

16.05.2005 23:48

Erzählt das Buch auch irgendeine Geschichte, oder was geschieht denn nun in diesem Buch? Aus dem Bericht kann ich das leider nicht schließen, es könnte sich genausogut um ein Sachbuch handeln.

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