Heidi

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1880 veröffentliche Johanny Spyri ihr Buch »Heidi«, das 17mal verfilmt wurde, meistens kitschig, brav und anständig. Nun versuchte sich Markus Imboden an der Vorlage, verlegte die Geschichte in die Gegenwart und versuchte, sie von einigen verstaubten Aussagen zu befreien und Heidi ein modernes ... Bericht lesen





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Heidi räumt auf ...
Erfahrungsbericht von Posdole über Heidi
10.03.2002


Produktbewertung des Autors:   


Pro: Zumeist realistische Darstellung von Konflikten
Kontra: Etwa zu sehr simplifizierende psychologische Muster

Empfehlenswert? ja 

Kompletter Erfahrungsbericht

1880 veröffentliche Johanny Spyri ihr Buch »Heidi«, das 17mal verfilmt wurde, meistens kitschig, brav und anständig. Nun versuchte sich Markus Imboden an der Vorlage, verlegte die Geschichte in die Gegenwart und versuchte, sie von einigen verstaubten Aussagen zu befreien und Heidi ein modernes Image zu geben. Gelungen?


I N H A L T

Heidi (Cornelia Gröschel) lebt zusammen mit ihrer Mutter in Graubünden. Eines Tages lernt sie Peter (Aaron Arens) kennen, der mit seinen Eltern zwei Jahre in den USA gelebt hat und überhaupt nicht erfreut darüber ist, jetzt auf dem Dorf wohnen zu müssen, wo es nicht einmal ein Kino gibt. Als er mit dem Fahrrad fährt und Heidi auf dem Traktor nicht vorbeilassen will, stürzt er und fällt kopfüber auf eine Weide; Kühe schlecken ihn ab. Heidi hilft ihm auf, und langsam freunden sich die beiden an.

Doch dann wird Heidis Mutter, die eine kleine Pension betreibt, bei einem schweren Unwetter vom Blitz erschlagen. Heidi ist allein. Ihre Tante Dete (Marianne Denicourt), die in Berlin mit ihrer Tochter Clara (Nadine Fano) lebt und ein Modestudio betreibt, bringt sie vorläufig bei Heidis Großvater (Paolo Villagio), der allein auf einer Alm lebt, unter. Der scheint ein starrsinniger Kauz zu sein und Heidi hat alle Mühe, sich dem Alpöhi, wie er allgemein genannt wird, zu nähern. Als dies schließlich gelingt und der Großvater auftaut, holt Dete Heidi gegen deren Willen nach Berlin. Die nächste Katastrophe ist Clara, die ihre Mutter für sich allein haben will, und Heidi als Bedrohung sieht, zumal Dete kaum Zeit für ihre Tochter aufbringt. Clara versucht mit allen Mitteln, Heidi wieder los zu werden. Bis Heidi eines Tages beschließt, heimlich abzuhauen, um wieder bei ihrem Großvater zu leben ...


I N S Z E N I E R U N G

Gegenüber der Romanvorlage und so manch anderen Verfilmungen des Klassikers hat Markus Imboden die Geschichte nicht nur in die Gegenwart verlegt, sondern auch stark verändert. Vor allem aber wird die sie ausschließlich aus der Perspektive von Heidi erzählt. Imboden verzichtete auf die Inszenierung einer Herz-Schmerz-Schnulze; er erzählt von Trennungsprozessen eines Kindes.

Heidi stürzt von einer Trennung in die andere: An ihren Vater kann sie sich nicht erinnern; er ist beim Bergsteigen verunglückt, als sie noch sehr klein war. Mit ihrer Mutter führt sie ein liebevolles Leben, hilft ihr bei der Bewirtschaftung der Pension. Sonntag ist regelmäßig »Heiditag«! Dann stirbt die Mutter, nächste Trennung. Ihr Großvater lehnt sie zumindest zunächst ab und tut nichts dafür, dass dies anders wird. Das muss Heidi selbst besorgen. Gegen ihren Willen wird sie dann wiederum getrennt, diesmal von ihrem Großvater gerade in dem Moment, als beide zueinander gefunden haben. In Berlin, wo sie sich überhaupt nicht wohl fühlen kann, trifft sie auf Clara, die sie von vorne bis hinten schikaniert. Claras Vater war eine Urlaubsbekanntschaft von Dete, die nie wieder etwas von ihm gehört hat. Dete stürzt sich in ihre Arbeit und hat viel zu wenig Zeit für Clara, aus deren Perspektive Heidi eine ernsthafte Bedrohung sein muss.

Heidi räumt auf. Das kann sie nur, weil sie von ihrer Mutter gelernt hat, nicht nur auf Menschen unbekümmert zuzugehen, sondern auch praktische Lösungen für Probleme zu suchen und dabei nicht so schnell aufzugeben. Heidi erfährt von ihrem Großvater, dass er, als Dete noch jung war, seine Familie verlassen hatte, um seinem Traum zu verwirklichen: In den USA zu leben. Als er dann Jahre später – enttäuscht von Amerika – nach Graubünden zurückgekehrt war, mieden ihn alle, konnten ihm nicht verzeihen, schon gar nicht seine Kinder. Daher lebt er auf der Alm.

Auch hier räumt Heidi auf: Sie bringt letztlich nicht nur Dete dazu, sich endlich mehr um Clara zu kümmern, sondern schafft auch die Voraussetzungen, dass Dete sich mit ihrem Vater aussöhnt.

Es mag sein, dass Imboden die psychologisch in der Wirklichkeit oft verwickelteren Trennungsprozesse und das damit verbundene seelische Leid allzu sehr simplifiziert. Es mag auch sehr übertrieben sein, einem Kind wie Heidi die Kraft zuzusprechen, in all diesen ungelösten Konflikten – von denen sie ja vor allem selbst auch direkt betroffen ist – den entscheidenden Impuls zu geben, um sie zu entspannen oder zu lösen. Andererseits weiß man, dass gerade Kinder eine derartige Kraft manchmal entwickeln können.

Doch diese Simplifizierung spricht aus zweierlei Gründen manchmal sogar für den Film. Denn er erzählt aus der Perspektive eines Kindes. Durch die sicherlich übertrieben dargestellte Kraft dieses Kindes, das im ganzen Film nie am Boden liegt und nicht mehr weiter weiß, gerät jedoch etwas anderes in den Blick: Der Kontrast zwischen denjenigen, die diese Konflikte lösen müssten – den Erwachsenen – und denjenigen, die sie tatsächlich zu einer Lösung treiben – den Kindern. Denn auch Clara macht eine Entwicklung durch, in der sie in der Konfrontation mit Heidi erkennt, wie sie mit ihrem Konflikt umgehen muss. Insofern ist »Heidi« auch eine leichte, aber dennoch nicht zu überhörende Ohrfeige für Erwachsene, die ihre eigene seelische Not über Kinder austragen und Kinder darunter leiden lassen.


S C H A U S P I E L E R

Cornelia Gröschel war eine optimale Wahl für die Hauptrolle. Sie spielt ein schon fast erwachsenes Kind, was sicherlich nicht unbedingt einfach ist, in einer äußerst sympathischen, liebevollen Art und Weise. Paolo Villagio als Alpöhi kann als starrsinniger Großvater, der zum einen mit einem furchtbar schlechten Gewissen lebt und zum andern sein Herz nicht auf Dauer verbergen kann, überzeugen. Auch Nadine Fano spielt die rebellierende und zu Heidi gehässige Clara sehenswert.


F A Z I T

Ein Film für Erwachsene und Kinder und trotz seiner etwas simplifizierenden Psychologie eine – vor allem im Vergleich mit anderen Heidi-Filmen – überzeugende Geschichte, die ohne Zeigefinger ein paar Leviten liest, sanft, ohne triefende dramaturgische Effekte. Ein bisschen mehr Tiefe und ein bisschen mehr Realismus in der Darstellung der Figur der Heidi hätten dem Film sicherlich volle Punktzahl gebracht.

Ich gebe ihm acht von zehn Punkten.

Heidi
Schweiz 2001, 100 Minuten
Regie: Markus Imboden
Hauptdarsteller: Cornelia Gröschel (Heidi), Paolo Villagio (Alpöhi), Marianne Denicourt (Dete), Aaron Arens (Peter), Nadine Fano (Clara), Julia Hummer (Doris), Robert Stadlober (Student), Valentine Varela (Adelheid)

© Ulrich Behrens

   

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