Mit Hartz 4 - Schicksalen zu Einschaltquoten!

2  14.04.2010

Pro:
die Baustellen unserer Gesellschaft werden zumindest sichtbar gemacht !

Kontra:
Ausschlachtung menschlicher Not für Einschaltquoten

Empfehlenswert: Nein 

Details:

Moderation:

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Mausimausmaus

Über sich: *** Immer im Herzen *** 26.07.2010 *** "Du mußt Dein Ändern leben" (Rainer Maria Rilke * 1...

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Willkommen bei Mausimausmaus

Wenn ich abends vor dem PC sitze, läuft manchmal parallel im Hintergrund das TV-Gerät und ab und an verfolge ich sogar das Geschehen auf der Mattscheibe. Am Sonntag lief eine neue Doku-Soap an, für die im Vorfeld schon ein bisschen Werbung gemacht wurde. Der Titel lautet

Helena Fürst – Awältin der Armen

Diese möchte ich Euch vorstellen.

Sendezeit

Die neue Doku-Soap „Helena Fürst – Awältin der Armen“ läuft auf RTL und zwar erstmalig am 13.04.2010 um 19.05 Uhr.
Thematik

In der ersten Folge wird das Schicksal von Janine Rother geschildert, die TV-Coach Helena Fürst um Hilfe gebeten hat. Die 25jährige ist alleinerziehend, lebt mit ihren beiden kleinen Kindern Dominik und Johanna in einer viel zu kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung in Berlin und weiß seit vier Monaten, dass sie erneut schwanger ist. Die junge Frau ist arbeitslos, bezieht Hartz 4 und die Sanktionen vom Job Center nehmen kein Ende – man möchte sie trotz Schwangerschaft zwingen einen 1-€uro Job auszüben. Das wenige Geld, das sie vom Amt erhält, führt dazu, dass die Versorgung der Kinder nicht mehr sichergestellt ist und das Jugendamt damit droht ihr das Sorgerecht zu entziehen und die Geschwister in eine Pflegefamilie zu geben. Doch Janine Rother hat noch andere Probleme, die an ihren Nerven zehren: Die Krankenkasse hat ihren Antrag auf eine Haushaltshilfe für die Zeit der Entbindung abgelehnt, die Vaterschaft für ihre Tochter Johanna ist ungeklärt und ein Inkasso-Dienst droht ihr, obwohl angeblich nicht sie sondern ihre Mutter die Schulden verursacht hat...

Test und Bewertung

Bevor ich auf die Doku-Soap ansich eingehen möchte, ein paar Worte zur Armut vieler Familien im Allgemeinen: Hartz 4, ein Synonym für das Arbeitslosengeld II - zusammengelegt aus Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe - ist und bleibt seit seiner Einführung zum 01. Januar 2005 ein Reizthema in Deutschland. Immer wieder wird geklagt, dass die Hartz 4 Leistungen nicht ausreichen, um ein menschenwürdiges Dasein zu führen, immer wieder wird Hartz 4 Empfängern vorgeworfen, dass sie sich vor dem Arbeitengehen drücken möchten und unseren Sozialstaat ausnutzen, immer wieder wird werden Rufe laut, man solle Hartz 4 wieder abschaffen. Jeder von uns kann durch Jobverlust, Krankheit, Trennung/Scheidung usw. in die unangenehme Situation geraten Hartz 4 beantragen zu müssen, das sollte man sich immer vor Augen halten. So schwierig das Leben von Hartz 4 vielleicht im Einzelfall sein mag - man muss dankbar sein, dass wir überhaupt in einem Land leben, in dem aus Steuergeldern jenen unter die Arme gegriffen wird, die ihren Lebensunterhalt nicht oder nicht allein aus eigener Kraft bestreiten können. Eine Selbstverständlichkeit scheint das nicht zu sein.

Die Doku-Soap „Helena Fürst – Anwältin der Arme“ funktioniert nach dem selben Prinzip wie z.B. „Raus aus den Schulden“ oder „Die Super Nanny“: Menschen geben gegen ein kleines Honorar die unschönen Seiten ihres Privatlebens vor laufender Kamera preis und lassen sich von selbst ernannten Experten helfen. Die Macher möchte das reale Leben, die ungeschönte Wahrheit auf die Mattscheibe bringen und Themen aufbringen, die die Zuschauer zu Hause berühren. Hartz 4 Empfänger sind offensichtlich immer dankbare Opfer, besonders wenn sie alleinerziehend sind und von niemandem sonst Unterstützung erhalten. Das Leid dieser Menschen wird noch ausgeschlachtet und das, was am Ende dieser „Hilfsmaßnahme“ für sie an Positivem herausspringt, ist der Preis, den sie zahlen müssen, wenn man das Honorar mal ausser Acht läßt. Helena Fürst besucht ihre „Klienten“ mehrfach zu Hause, führt intensive Gespräche, stellt einen Plan auf, wie die Probleme dieser zu lösen sind. So begleitete sie in der ersten Folge die junge Janine Rother zur Krankenkasse, zur vermeintlichen Großmutter ihrer Tochter, zu einer Wohnungsgesellschaft, zu einem Inkasso-Unternehmen und schliesslich zum Job Center. Während Janine völlig überfordert ist und regelmäßig im Gespräch mit den Behörden die Fassung verliert, liefert Frau Fürst stets eine souveräne Leistung ab und erreicht durch Hartnäckigkeit und Verhandlungsgeschick das Gewünschte, wen wundert's?

Sie ist von ihrer Art her vergleichbar mit „Super-Nanny“ Katja Saalfrank und prinzipiell nicht unsympathisch. Was man jedoch nicht vergisst: Helena Fürst war von November 2005 bis Mai 2009 bei Sat 1 für die „andere Seite“ tätig und zwar als knallharte Sozialfahnderin. Die staatlich geprüfte Betriebswirtin kennt sich also bestens mit den Hartz 4 Gesetzen aus, soviel steht fest und die verzweifelte Janine Rother profitierte davon, denn sie war selbst nicht in der Lage das durchzusetzen, was ihr und ihren beiden Kindern zusteht. Die Einschaltquoten der neuen Doku-Soap waren hoch, so erfolgreich war RTL auf diesem Sendeplatz schon eine ganze Zeit lang nicht mehr, hieß es. Auch das ist nicht verwunderlich, denn es gibt so viele Hartz 4 Empfänger in Deutschland, das eine Identifiktion nicht schwer fällt. Die Job Center können nur eine Massenabfertigung leisten statt einer individuellen intensiven Betreuung, da wächst verständlicherweise die Wut und der Frust jener Hartz 4 Empfänger, die sich tatsächlich bemühen wieder einen Job zu finden. Wer aufgrund von Behinderung, Krankenheit oder der Betreuung kleiner Kinder keiner Arbeit nachgehen kann, der landet erst recht auf dem Abstellgleis und wird vergessen – leider! Die Sendung weist trotz aller genannten Nachteile zumindest auf objektiv vorhandene Baustellen in unserer Gesellschaft hin und hinterließ bei mir das Gefühl, dass es mir bzw. uns doch verdammt gut geht und dass ich mich glücklich schätzen kann einer Arbeit nachgehen zu dürfen.

In der Gesamtbilanz vergebe ich allerdings nur zwei von fünf möglichen Sternen und rate dazu ab - statt einzuschalten.

Vielen Dank für Eure Lesungen, Bewertungen und Kommentare!

Eure Mausimausmaus

Bilder von Helena Fürst - Anwältin der Armen
Helena Fürst - Anwältin der Armen Helena Fürst
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nessi44

nessi44

19.06.2010 10:33

ich habe zu diesen ganzen Reality-Shows die Meinung, das das alles grottenschlechte Schauspielereien sind..eben Trash-TV LG von Andreas

Dr.Anne

Dr.Anne

25.04.2010 12:03

Das sie zuerst die andere Seite vertrat, damit habe ich kein Problem und die Seite darf sie wechseln, sie muss ja auch sehen, dass sie selbst einen Job hat und nicht selbst arbeitslos wird. Das Mitarbeiter der ARGE überfordert sind und die Leistungsempfänger oft überfordert sind ist leider nicht zu ändern. Schlimm ist es, dass so viele Kinder in die Armut rutschen, die keine Chance haben einen vernünftigen Abschluss und eine gute Ausbildung zu machen.

Janny18

Janny18

24.04.2010 21:53

Die Sendung ist nicht nur unglaublich uninteressant, sondern dermaßen schlecht geschauspielert meiner Meinung nach...

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