Ästetik, Kampfkunst, Meditation
09.06.2003
Pro:
Verschachtelungen, Kampfszenen, Landschaftsaufnahmen,
Kontra:
Übertriebene kämperische Fähigkeiten der Darsteller
Empfehlenswert:
Ja
 Anjee
Über sich:
+++NEWS+++NEWS+++NEWS+++
Mein neues Foto!! Sieht ja schrecklich aus! Total zusammengestaucht und ü...
Mitglied seit:18.04.2000
Erfahrungsberichte:42
Vertrauende:9
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 134 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Kleine Vorwarnung als Prolog Der Film ist extrem vielschichtig, komplex und paradox. Ihn zufriedenstellend wiederzugeben und zu beurteilen ist meiner Meinung nach schlichtweg unmöglich. Deswegen soll dies auch eher ein Versuch sein, die verschiedenen Aspekte des Films zu beleuchten. Viel Spaß beim Lesen! Ausgangspunkt und Vorgeschichte Das alte China, drittes Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Ein Land, das von Uneinigkeit, Aufständen und Krieg zermürbt ist. Sieben Herrscher, einer kälter und barbarischer als der andere, kämpfen um den Titel des alleinigen Tyrannen. Allen voran der König Qin, der aus Angst vor Attentätern in einem leeren Raum thront, umgeben von Leibwächtern und hinter dem ständigen Schutz einer Rüstung. Niemand, den er empfängt, darf ihm näher als 100 Schritte kommen, und niemals legt er seine Rüstung ab. Drei gefährliche Attentäter, zwei Männer und eine Frau, alle Meister des Schwertkampfes, wollten ihn umbringen, aber einem besonderen Helden, dem „Namenlosen“, ist es gelungen, sie zu töten. Als er zum Palast des Königs zurückkehrt, wird er zum König gebeten, wo er als Beweis seines Erfolgs die Schwerter der Getöteten vorlegt.
Die folgende Handlung wird aus drei Perspektiven dargestellt. Wer „Lola rennt“ gesehen hat, dem wird dieses Prinzip bekannt vorkommen, doch sind die Ebenen in „Hero“ wesentlich subtiler und stilistisch feiner ausgearbeitet. Handlung (erste Perspektive) Der Namenlose wird vom König nach seiner Vorgehensweise gefragt. Wie konnte ihm gelingen, was keinem gelang? Dieser schildert nun sein Handeln. Den ersten tötete er im Zweikampf, die beiden anderen, die ein Liebespaar sind, durch eine Eifersuchtsintrige. Als er mit seiner Schilderung fertig ist, wird er reichlich durch Gold und Landbesitz entloht und darf sich dem König bis auf 10 Schritt nähern.
Handlung (zweite Perspektive) Der König stutzt über die Schilderung des Kriegers. Er vermutet in ihm einen vierten Attentäter, der mit den anderen drei in Verbindung stand und letztlich ein Attentat auf ihn ausüben wollen. Der Namenlose und die anderen drei Kämpfer, so ist sich der König sicher, hätten berechnet, wer von ihnen sterben müsste, damit sich einer von ihnen auf 10 Schritt nähern könne und dann den König umbringen. Da der Namenlose seit Jahren an einer einzigen Technik, nämlich Töten auf 10 Schritt, trainierte, fiel die Wahl auf die anderen drei Attentäter, und so sitzt der Namenlose jetzt vor ihm, bereit, ihn umzubringen. Der Namenlose ist im ersten Moment erzürnt über die Verdächtigung, gibt dann aber das Vorhaben bereitwillig zu und schildert erneut die Umstände aus einer zweiten Perspektive. Handlung (dritte Perspektive) Schließlich verschwimmen die Perspektiven ineinander. Die Todesszenen der drei Attentäter werden wiederholt und auf eine andere Art und Weise und an anderen Schauplätzen dargestellt. Einer der Attentäter boykottiert in dieser Variante das Vorhaben und legt dem Namenlosen nahe, den König nicht umzubringen, gibt ihm aber dennnoch sein Schwert als Beweis seines Todes und stirbt später durch die Hand der dritten Attentäterin im Zweikampf. Diese, den toten Geliebten im Arm, wählt den Freitod. Der Namenlose aber, ergreift die Gelegenheit, König Qin zu töten, nicht, sondern rät ihm nur, seine grausame Vorgehensweise mit der (an und für sich positiven) Absicht, China zu einen, nicht fortzusetzen. Noch bevor er das Tor erreicht hat, stirbt er im Pfeilhagel der königlichen Garden.
Ende Am Ende sterben, soviel ist sicher, alle drei Attentäter, und auch der Namenlose wird, nachdem er den König nicht umgebracht hat, erschossen. König Qin, der nur auf Drängen seiner Minister den Namenlosen erschießen ließ, griff, so ist im Abspann zu lesen, wenig später die anderen Reiche an, gründete die erste Dynastie und einte China, dessen Kaiser er lange Zeit war. Kampfszenen und kämpferische Elemente Fesselnde Schwertduelle stellen das wesentliche Kämpferische Element dar. Dem gegenüber stehen immer wieder der Einsatz der königlichen Armee, die mit ihren Pfeilattacken mehr als einmal den Himmel verdunkeln. Anders wie bei reinen Action- oder Martial-Art -Filmen wie Matrix oder Bruce Lee, deren Qualität in meinen Augen eindeutig unter der teilweise aggressiven kämpferischen Reizüberflutung litt, überzeugen die Kampfszenen in Hero durch eine gelungene Abwechslung von schnellen Schwertduellen und einer langsamen, fast besinnlichen Inszenierung rein geistiger Kämpfe, die im übrigen vor dem Hintergrund einer atemberaubenden Landschaft ausgetragen werden. Blut wird übrigens nicht sichtbar vergossen, was das zarte Bild des Films getrübt hätte, allerdings auch auf Kosten der Glaubwürdigkeit geht.
Glaubhaftigkeit der Kampfchoreographien Die Schwertkämpfe sind, wie man unschwer feststellen kann, eine reine Choreographie, aber mit umwerfender Überzeugungskraft dargestellt Lediglich die Fähigkeit der Kämpfer, hier und da ein paar Meter weit zu fliegen, erinnert leicht an japanische (nennt man das so?) Mangas. Perspektivenwechsel und subtile Elemente Drei Darstellungsperspektiven wählt der Regisseur, die er mit drei Farbtönen bekleidet. Rot, Blau und Weiß. Nicht nur die Kostüme der Darsteller tragen die Farben der jeweiligen Perspektive, auch die Kulisse ist vom jeweiligen Farbton geprägt oder hebt sich besonders deutlich durch ihren Gegensatz hervor. Zum zarten Weiss der letzten Einstellung wählt er landschaftlich eine wüstenartige Einöde, zum kräftigen Blau die dschungelartige Wildnis der Guilin-Berge.
Die Rolle der Kalligraphie Besonders beeindruckend fand ich den Dreh- und Angelpunkt der Handlung, der in der Kalligraphie begraben liegt. Bereits in der ersten Schilderung tritt das Element Kalligraphie zum ersten mal in Erscheinung, der Held trifft zwei der Attentäter in einer Kalligraphieschule und überlistet sie durch eine Intrige, wobei der Attentäter vor seinem Tod das zentrale Zeichen und Thema des Film „Schwert“ schreibt. Später, in einer anderen Perspektive, widmet derselbe Attentäter dem Namenlosen Helden zwei weitere Zeichen: „alle unter dem Himmel“, was ebenfalls eine zentrale Figur des Filmes ist. Zentrales Thema Schwierig, sich auf ein zentrales Thema zu einigen. Ist es nun die Tatsache, dass jede Angelegenheit mindestens zwei Seiten hat, und daher die Handlung gleich aus drei Perspektiven geschildert wird? Oder ist es die hohe Kunst der Kalligraphie und die Interpretation ihrer Zeichen, die dem Zuschauer das „Streben nach der Einheit als höchstes Letztes“ mit auf den Weg geben möchte? Oder ist es der Schwertkampf, dessen Endziel die Aufgabe des Schwertes ist, und die Rückkehr zu einer rein geistigen (Kampf-) Ebene? Viele Aspekte kommen in Frage, viele bleiben an dieser Stelle ungenannt, da sie den Rahmen dieses Berichts eindeutig sprengen würden.
Landschaftsaufnahmen Besonders hervorheben möchte ich an dieser Stelle die brillanten Landschaftsaufnahmen. Chinas landschaftliche Höhepunkte wie zB die Kegelberge in Guilin geben dem Zuschauer emotionale Nähe zum Geschehen, zu den Protagonisten und letztlich zur Geschichte Chinas. Ein ganz besonderes Meisterwerk innerhalb des Filmes ist zweifelsohne das Wasserkampf am Sterbebett der Attentäterin, der eher einem Ballett als einem harten Schwertkampf ähnelt. Geräuschkulisse/Geräuscheffekte Gekonnt unterlegt ist der Film mit minimalistischer traditioneller Musik, dominierend sind aber eher direkt verursachte Geräusche der Darsteller, wie etwa ungedämpftes Aufeinanderprallen der Schwertklingen, die Schlachtrufe der Armee oder das Heulen des Windes in den Bergen. Eindrucksvoll auch das Tropfen des Regens im ersten Kampf zwischen dem Namenlosen und dem ersten Attentäter.
Meinung/Fazit Diesem hervorragenden Meisterwerk spreche ich meine uneingeschränkte Empfehlung aus. Allerdings mit Vorsicht zu genießen: dieser Film ist hoch anspruchsvoll und nichts für den Kinogänger, der gerne abschalten und unterhalten werden möchte. Auch Freunden harter Kampfszenen und anspruchsvoller Kung-Fu Schrittfolgen im Film ist vom Besuch dieses Filmes abzuraten. Zum Nachdenken regen die vielen subtilen Botschaften an, die die verschiedenen Ebenen an den Zuschauer senden, auch wenn beim ersten Kinobesuch sicherlich nur die Hälfte hängen geblieben ist und ich vieles auch noch nicht gedanklich durchdringen konnte.
Ungewöhnlich sind die Perspektivenwechsel und die anschließende Verschmelzung der einzelnen Ebenen. Beides hat mich tief beeindruckt. Gewöhnungsbedürftig und für mich einziges Manko des Filmes sind die teilweise übernatürlichen Kräfte der Kämpfer. An ein oder zwei Stellen können sie fliegen, an einer anderen Stelle wehrt eine Attentäterin einen Pfeilhagel mit bloßen Händen ab. Sehr unrealistisch. Der Film wurde zurecht bereits für den Oscar 2003 nominiert.
Abschließend möchte ich noch kurz erwähnen, dass ich bewusst nicht auf Schauspieler und Regisseur eingegangen bin, da mir keiner der Darsteller (bis jetzt) etwas sagt oder ich ihn, weil ich ihn mit seiner Leistung in anderen Projekten vergleichen könnte, in diesem Film beurteilen könnte. Was für mich zählt, ist die schauspielerische Gesamtleistung der Darsteller, die in meinen Augen herausragend ist. Viel Spass im Kino wünscht Euch Anjee, am 09.06.2003 copyright für ciao.com
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22.10.2003 16:33
ich stimme dir in allen detailen deines berichtes zu! ich bin sehr sehr begeistert von dem film! und nach chackie chan ist lee meine liebster aktion-schauspieler! toller bericht! mfg viper
29.07.2003 12:17
Oh je, ein verschiedene-Perspektiven-Film ist absolut nichts für mich, das hab ich schon bei Lola rennt bemerkt.
15.07.2003 20:04
schönes ding ;) greetz mik0r