Das zwanzigste Zeichen für "Schwert"
21.02.2005
Pro:
Traumhaft schön und dennoch anrührend
Kontra:
Video teuer
Empfehlenswert:
Ja
 dahmane
Über sich:
„Es ist Unsinn, dass Männer immer nur an Sex denken. Nur wenn sie denken, denken sie an Sex.“ Geri H...
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…ειδοτες οτι η θλιψις υπομονην κατεργαζεται η δε υπομονη δοκιμην η δε δοκιμη ελπιδα η δε ελπις ου καταισχυνει οτι η αγαπη του θεου εκκεχυται εν ταις καρδιαις ημων
I.
Ein grauer Palast. den eines Tages ein namenloser Ronin* betritt, um König Qin Shihuang vom Tod dreier steckbrieflich gesuchter Attentäter zu berichten, wohl wissend, daß einer, der zum Beweis solcher Heldentaten die Waffen der drei – Zerbrochenes Schwert, Fliegender Schnee und Weiter Himmel – vorweist, sich bis auf zehn Schritte dem mißtrauischen Herrscher nähern darf, um mit ihm zu trinken. Zehn Schritte, das ist nah genug für ein letztes Attentat. Die drei Attentäter, deren Waffen der Namenlose vorweist, bilden ein Dreieck: eine Frau, ihr ehemaliger und ihr aktueller Liebhaber. Alle drei hatten unter König Qin zu leiden, der etwa 230 v. Chr. versuchte, die einander bekriegenden sieben Königreiche von China durch Intrigen und brutalen Terror zu einen und sich selbst zum ersten Kaiser von China zu machen. Jeder Chinese weiß, daß ihm das gelang und daß er daraufhin mit dem Bau der Großen Mauer begann. Das ist nicht nur einigermaßen verbürgte Geschichte, sondern auch eine mystische Konstellation, wie w i r sie in einer klassischen Tragödie empfinden würden, sagen wir, bei „Julius Caesar“. Es gibt zwei Verfilmungen dieses Stoffes aus jüngerer Zeit. Diese, von Zhang Yimou, ist die mystische, die andere, von Chen Kaige („Der Kaiser und sein Attentäter“), bietet dafür die unerbittliche Wucht einer klassischen Tragödie. Aber auch eine Darstellung, die sich konzentriert auf die inneren Abläufe, kann eine ungeahnte Dynamik entfalten. Um etwas davon deutlich zu machen, habe ich den kurzen Abschnitt auf Griechisch zitiert. Er stammt von einem gewissen Paulus und läßt sich so übersetzen: „…dieweil wir wissen, daß Bedrängnis Durchhalten bringt; Durchhalten aber bringt Erfahrung; Erfahrung aber bringt Hoffnung; Hoffnung aber läßt nicht zu Schanden werden. Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unser Herz…“ II
θλιψις - Bedrängnis Wir werden begreifen, daß alle Attentate auf den Herrscher in seinem grauen Palast der Verzweiflung darüber entspringen, was er der Familie angetan hat und was er den Bewohnern der anderen Königreiche noch antun wird. Die Farbe der Bedrängnis konzentriert sich in der Umgebung des Herrschers. Sein Palast, er selbst, eine Untertanen und Heere, alle sind grau wie Schiefer, wie Stein. Wie der Regen, der während des ersten Zweikampfs auf die Go-Steine fällt.¹
υπομονη- Durchhalten Jahre um Jahre hat der Herrscher versucht, seine Attentäter zu fangen, bis ein kleiner namenloser Beamter ihm ihre Waffen bringt; bald aber wird offensichtlich, wer am längsten aushält in diesem Kampf, der im Inneren stattfindet und der entschieden wird durch Entschlüsse. Die Farbe des Durchhaltens ist das helle Grün des ersten großen Attentats, das Fliegender Schnee und Weiter Himmel gemeinsam ausführen und das scheitert aus Gründen, die wir erst spät in der Geschichte erfahren
δοκιμη- Erfahrung Erfahrung erlangen heißt, wissen, was man vermag. Dies sind die zentralen Szenen des Films, sorgfältig choreographiert und von traumhafter Schönheit. Der Ort ist die Schule der Kalligraphen, wo der Namenlose in zwei Sequenzen beweist – einmal, was er auf eine Entfernung von zehn Schritten zu tun vermag; sodann, wie unfaßbar präzise er arbeitet. Die Farbe der Erfahrung ist eine menschliche Farbe: das warme Braun von Holz und Schriftrollen und von dampfendem Tee.
ελπις- Hoffnung Die Hoffnung ist in diesem Film zerstörerisch. Sie führt zu wahnwitzigen, albtraumhaft schönen Tänzen des Todes, in denen Wassertropfen zu Geschossen werden, in denen zwei Frauen sich in rauschenden Gestöbern aus Laub duellieren, in denen alle Gesetze der Physik aufgehoben sind in der Logik von Visionen, die sich immer langsamer entfalten, bis der Tod eine eigene Ästhetik der Schönheit entwickelt, in der wir ahnen, bevor wir es wissen, daß diese Geschichte aus vielen Versionen besteht und daß der Namenlose noch viel geschickter mit seiner Waffe umgeht, als wir das zuerst annehmen konnten. Die Farbe der Hoffnung ist Rot.
αγαπη - Liebe Ein Kampf auf einem kleinen See, auf dem die Kämpfer umherspringen, als könnten sie auf dem Wasser wandeln; und sinnlose Leidenschaft in weißen Gewändern² ebenso wie duldende Weisheit. Dieser Film findet das zwanzigste Zeichen für „Schwert“, dunkelrot auf weiß kalligraphiert von Weiter Himmel: Wenn wir das Schwert in uns selbst tragen, sind wir selbst eine unbesiegbare Waffe. Aber überdauern werden wir nur, wenn wir uns selbst entwaffnen.
III. Wir können in diesem farbberauschten Film die Kampfszenen genießen (sie haben mit „Martial Arts“ nicht mehr zu tun als ein Bentley mit einem Leiterwagen) als Kunst um der Kunst willen. Wir können sie aber, wenn wir wollen, auch begreifen als Ausdruck innerer Not, die sich in Frieden und Zielstrebigkeit verwandelt hat und in Stolz und Hingabe. Solche Begriffe laden das, was wir sehen, nicht mit künstlicher Bedeutung auf. Nie. Nicht einmal mehr die berühmten Masseszenen, die sich entladen zum Beispiel in den Pfeilhageln der königlichen Bogenschützen. Die Welt ist ein Ort, in dem selbst der Schrecken und der Tod eine einzigartige Schönheit besitzen. Diese Schönheit kann uns, die wir darin leben und umkommen, eine besondere Würde verleihen. Wir erwerben sie uns dadurch, daß wir die Schönheit wahrnehmen und unser Verhalten danach einrichten. In gewisser Weise kehrt sich, indem wir diesen Film genießen, die Betrachtungsweise um und also auch unser Leben. Wir erkennen, was wir sehen, in anderen, und verstehen so, was wir sehen. Der Mut meiner Frau, ihr Stolz, ihre Hingabe, ihre Unbedingtheit, ihr Durchhalten, hat mich diesen Film besser begreifen gelehrt. Und umgekehrt. Vielleicht können wir so den Weg zurückgehen, von der Liebe bis zu den Bedrängnissen des Alltags. Sonderbar, nicht wahr, auf welche Gedanken uns ein Film wie HERO bringen kann.
HERO – Ein Film von Zhang Yimou • FSK: Freigegeben ab 12 Jahren • Darsteller: Maggie Cheung, Tony Leung Chiu-wai • Regie: Zhang Yimou • Musik: Tan Dun • Format: Dolby, Surround Sound • Sprachen: Deutsch (Dolby Digital 5.1, DTS 5.1) • DVD Erscheinungstermin: 5. Februar 2004 • Produktion: 2002 • ASIN: B00014W1ZM • DVD Features: o Bildformat: 16:9 o Dolby Digital 5.1: Chinesisch (Mandarin) o Interviews und Biografien von Darstellern und Crew o Making Of; Hero-Special; Textinformationen o Historischer Hintergrund; Produktionsnotizen; Der Hintergrund • Andere Formate: VHS (Deutsch) Preis ca. € 17,00
Website: http://www.hero-movie.jp/phase2/
* siehe Kommentar von peregrinus ¹ In der deutschen Synchronisation mit „Schach“ wiedergegeben. (*grummel*)
² Weiß ist in der chinesischen Kultur die Farbe des Todes.
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14.02.2007 21:10
Ich bin begeistert. Über den ganzen Bericht, die Paulus-Worte, die sehr ungewöhnliche Verbindung, die du herstellst. Grüße! Lily
26.09.2006 13:09
Ein bemerkenswerter Bericht zu einem bemerkenswerten Film. Very nice. Ein großartiger Film. Sehr kreativ mal wieder, die Art dieses Erfahrungsberichtes.
26.02.2006 22:35
Genialer anspruchsvoller Bericht zu einem schönem, bildgewaltigem Film. Das Einbeziehen des griechischen Zitats macht den Bericht interessant. Jedoch bleibt mir ein Rätsel, wie dich der Film deine Frau besser erkennen lässt. Ich freue mich darauf weitere derartig hervorragende Berichte von dir zu lesen.