Von der Sinnlosigkeit erwachsen zu werden
27.09.2003
Pro:
Ein guter Einblick in die Zeit vorm Fall der Mauer
Kontra:
Jürgen aus Eberswalde kommt erst zum Schluß vor
Empfehlenswert:
Ja
 aquarius2
Über sich:
Winter, endlich, wenn meine 3 Mitbewohner nur nicht so streitlustig wären!
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Im letzten Sneak gab es endlich Herr Lehmann, nachdem ich mit Die Mutter so eine Enttäuschung erlebt habe... Handlung: Frank geht stetig auf die 30 zu, seine Umwelt begenet dem so, dass sie ihn zwar duzt, aber statt ihn Frank zu nennen ruft man ihn Herr Lehmann. Herr Lehmann ist Zapfer in einer der zahlreichen Kreuzberger Kneipen von Erwin. Eines Morgens ist er mit einer Flasche Whisky unterwegs und teilt sie mit einem Hund, der ihn sonst nicht vorbeiläßt. Er zieht sich den Zorn der Polizei zu und geht ins Bett, wo seine Mutter ihm aus den Schlaf reißt, um ihren Besuch anzukündigen, oh Freude. Die Kneipen sind alle alternativ, es finden sich hier die typischen Vertreter der Kreuzberger Kneipenszene, solche Leute, die von der nicht existierenden Sperrstunde profitieren. Eines Tages kommt Lehman in die Kneipe, wo sein bester Freund Karl (Detlev Buck) arbeitet. Er bestellt einen Schweinebraten und legt sich mit der Köchin Kathrin (Katja Danowski) an. Er bekommt seinen Schweinebraten und später trifft er sich mit Detlev und Katrin im Freibad, wo es schon sehr herbstlich ist, doch bis ins Wasser kommt er gar nicht... Er nimmt rege am Nachtleben teil und trifft dort ziemlich schräge Typen, wie Kristall Rainer. Auf Wunsch seiner Mutter geht er nach Ost-Berlin, um einer Verwandten 500 Mark zu bringen und wird prompt beim Schmuggeln erwischt. Ohne die Kohle läßt man ihn frei, er verpasst Katrin und die zieht mit Kristall Rainer weiter. Wo findet Lehman einen Sinn fürs Leben? Wird der am 30 Geburtstag mitgeliefert, doch auch seine Freunde treiben nur so dahin in einer Existenz, wo sie zwar leben und erleben, aber nicht den typischen Karriereweg einschlagen. Lehmann hat es nicht leicht, denn der beste Freund hat einen Nervenzusammenbruch, nachdem er sein Gesammtkunstwerk kurz vor einer Vernissage in Schöneberg, das von Kreuzberg SO 36 so weit entfernt ist, wie der Südpol. Lehmann bringt ihn ins Krankenhaus, dort wird er untersucht und endlich nach Tagen schlafen gelegt, ein hervoragender Kurzauftritt für Christof Walz als Arzt und mitten in dem Trubel wird Lehmann 30. Er betrinkt sich im Elefanten und redet mit Silvio, dem Schwulen Ex-Kellner einer Schwulenkneipe gespielt von Tim Fischer. Plötzlich tönt es von überall her, die Mauer ist auf, er geht zur Mauer, alles feiert und Jürgen aus Eberswalde hat seinen ersten und letzten Auftrit und Lehmann tritt im Halbdunklen mit Hund ab...
Darsteller: Christian Ulmen spielt den ziellos in den Tag hineinlebenden Lehmann, der lebt und überlebt, aber irgendwie ohne Ambitionen, sein Leben aus diesem Trott herauszubringen. Sein Kumpel Karl hat wenigstens noch seine Kunst, Detlef seine zahlreichen Alternativkneipen, die er aber im Gegensatz zur Schöneberger Konkurrentz drogenfrei halten will. Die Leute reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, es wird gelabert, diskutiert und manchmal auch gepöbelt, man redet, um zu reden, nicht um was zu erreichen, jeder hat so seine ungelebten Träume. Die Leute hinterm Tresen und die Kellnerinnen sind mehr als nur Dienstleister, sie sind oft die einzigen Anspechpartner, seelische Mülleimer und Gestalten ohne Perspektive. Drehbuch: Sven Regner schrieb den Roman und das Drehbuch, natürlich wurde der Schluß geändert, doch wurden einige Dialoge genau übernommen, wie ich es von meiner Freundin erfahren habe, die im Gegensatz zu mir das Buch kennt. Das Buch ist noch ein bischen pessimistischer, aber auch so läßt Haussmann an den Handelnden kein gutes Haar, sieht man mal genau hin, wie und wo sie leben.
Lokalkolorit: Die Gegend ist ziemlich genau getroffen und auch die Kneipenkultur, die kurz vor der Wende dort vorzufinden war. Die Menschen passen nach Kreuzberg, so wie sie sind. Eine gute Aufarbeitung dieses Themas mit Premiere zum 2.10.03. Ein gutes zweites Werk nach halbe Treppe. Fazit: Wer wissen will, wie es in Kreuzberg vor dem Fall der Mauer zuging und wie die Kneipenkultur war ist hier richtig, es überzeugt das Drehbuch, die Darsteller, die Kamera und auch das Fehlen einer unangemessenen Schönfärberei. 105 Minuten, die sich in vieler Hinsicht lohnen, ein neuer Kultfilm gar?
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30.09.2003 16:14
Eigentlich wollte ich ja vor dem Film noch das Buch lesen. So hab ich das bei "Liegen lernen" vor kurzem auch gemacht. Aber diesmal klappt's wohl nicht mehr so kurzfristig. Na ja, eigentlich auch egal, gucke ich diesmal halt den Film zuerst. LG, Meike
29.09.2003 12:34
Was hat es denn mit diesem Jürgen aus Eberswalde auf sich?! Der kam mir schon irgendwie bekannt vor...
28.09.2003 08:44
Ich habe die Zeit vor und nach dem Mauerfall in Kreuzberg erlebt und stehe all dem im Nachhinein mit gemischten Gefühlen gegenüber. Ich könnte einiges darüber erzählen, doch das täte den Rahmen hier absolut sprengen. Nur soviel, SO 36 war nach dem Mauerfall nicht mehr das was es war, es ist viel von dem Flair und der Atmosphäre, die bis zu diesem Zeitpunkt herrschte, verloren gegangen. Gruss Aqua