Wirklichkeitsfremd
01.12.2003
Pro:
die Musik und einige Szenen
Kontra:
das Drehbuch und Interpretation
Empfehlenswert:
Nein
 Joachim2
Über sich:
Mitglied seit:22.07.2002
Erfahrungsberichte:10
Vertrauende:1
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 27 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als hilfreich bewertet
Eine detaillierte Beschreibung der Handlung erspare ich mir und euch. Ich meine, man muss nicht jeden Film in jedem Bericht en Detail schildern, wenn es ein anderer schon getan hat. Hauptkritik: Der Film spiegelt keineswegs das Kreuzberg der 1980er, sondern zeichnet ein schon fast böswilliges Zerrbild.
Das Kreuzberger Lebensgefühl des Jahres 1989 gibt der Film nur sehr eingeschränkt wieder. Jeder, der das Kreuzberg jener Zeit miterlebt hat, wird das bestätigen können. Kreuzberg umfasste damals viel mehr und all das andere fehlt auf eine schon ärgerliche Weise. Das Politische, das Alternative, das Multikulturelle, das Bunte und Schrille und überhaupt das Lebendige kommt zu kurz. Die Reduktion auf eine lethargische Trinkerszene ist zu wenig. In gewisser Weise ist sogar ein Anti-Kreuzberg-Film entstanden, der ein sehr einseitiges und polemisches Bild von Lethargie, Alkoholismus und Stagnation zeichnet. Am echtesten wirkte auf mich noch die Besetzung einer Nebenrolle, und zwar die der zweiten Kellnerin. Die, die nach Bali wollte. Besonders wenig ist Regisseur Haussmann die Verarbeitung bzw. Deutung der Wiedervereinigung aus Kreuzberger Sicht gelungen. Mit der Wirklichkeit hat das Filmende nicht viel zu tun, denn die Kreuzberger Multikultis, Autonomen, Punks – oft genug erst aus westdeutschen Dörfern nach Berlin gezogen – waren über den Fall der Mauer keineswegs erfreut. Haussmanns Konstrukt, dass der Fall der Mauer eine lähmende Stagnation aufgebrochen habe und DESHALB begrüßt wurde, ist schlichtweg falsch. Und an dieser Stelle wird auch deutlich, wieso er zuvor Lethargie und Verfall so sehr betont hat: Ohne diese (falsche) Betonung hätte er die Wiedervereinigung nicht als Problemlösung oder gar als Erlösung darstellen können. Im Gegensatz zu vielen anderen Berlinern – auch zu mir – haben sich die bunten Kreuzberger 1989 wohl mit am wenigsten gefreut. Weder die Trabbis der Ostdeutschen noch der Ausbau Berlins zur heutigen Hauptstadtform wurde von ihnen gern gesehen. Mag sein, dass es Regener als Buchautor für sich selbst so empfunden hat. Repräsentativ ist das aber nicht. Das Buch ist besser als der Film, beinhaltet auch deutlich mehr.
Ansonsten plätschert der Film eben so dahin. Nicht gänzlich ermüdend, aber doch ohne Spannung, ohne wirkliche Zentralhandlung. Episoden an immer denselben Straßen mit immer dieselben Becks Flaschen und Zigaretten. Haussmann möchte mit diesem ereignislosen Dahinplätschern eben das (seiner Meinung nach vorhanden gewesene) Kreuzberger Lebensgefühl rüberbringen. Damit langweilt er aber den Zuschauer und konstruiert gleichzeitig ein unrealistisches Bild. Wenn das Kreuzberger Leben eines nicht gewesen ist, dann ereignislos und lethargisch! Detlev Buck und Christian Ulmen machen als Schaupieler zwar eine gute Figur, aber retten können sie den Film damit nicht.
Ach ja, die Musik ist ganz gut. Gänzlich schade ums Geld wars dann doch nicht, aber viel bleibt vom Film nicht im Gedächtnis.
Eigentlich schade, denn das Thema „Kreuzberg in den 1980ern“ ist an sich schon ein interessanter Stoff für Filmemacher.
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13.12.2003 22:30
Natürlich gab es dieses Lebensgefühl in Kreuzberg. Leute, die ihr halbes Leben im Bett und in der Kneipe verbrachten, ohne politisches Engagement, also auch ohne Kontakte zu Punks und Multikulti. Regeners Roman trifft voll ins Schwarze, auch wenn die Verfilmung nicht gelungen ist. Und diese Leute gibt's auch heute noch. Um ein stimmiges Porträt des Stadtteils ging es auch schon im Roman nicht. Ansonsten stimme ich mit Deiner Kritik überein (und habe mich auch etwas geärgert über das Ende). Gruß, katapult
12.12.2003 23:23
Wer ist hier wirklichkeitsfremd?
03.12.2003 06:51
Doch es gab sie diese Lehmanns und Konsorten, sicher es gab auch die Tuerken, die Rentner, die ganz normalen Menschen aber eben auch diesen Typus, die in den Tag hinein leben und nicht wissen, was sie wollen. Der Film kann gar nicht vollstaendig sein, sonst muesste es ein Mehrteiler sein. Das du den Film nicht magst und dich vielleicht auch auf den Schlips getreten fuehlst kann ich nachvollziehen, aber du musst auch andere Meinungen gelten lassen. Toll finde ich die Schluss Szene mit Juergen aus Eberswalde und Lehmanns Abgang mit Hund, sagt mehr als 1000 Worte. Ich hoffe, ich konnte dir weiter helfen. Monika