Erfahrungsbericht über "Heyne SF Jahresband 1999 / Wolfgang Jeschke"

veröffentlicht 16.11.2000 | mima17
Mitglied seit : 12.11.1999
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Bitte keine Leserunden. +++ Bericht Nr. 4948 online : "Der Zeitsprung" (eBuch). +++ LG
Ausgezeichnet
Pro hohe Qualität, viel Abwechslung, Gelegenheit für Entdeckungen
Kontra alle Stories sind etwas länger, hoher Preis, nur noch bei Booklooker & Co.
sehr hilfreich
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Niveau
Stil
Unterhaltungswert
Spannung

"SF-Erzählungen: Haut den Dino auf die Rübe!"

Heyne SF Jahresband 1999 / Das deutsche Cover

Heyne SF Jahresband 1999 / Das deutsche Cover

Der SF-Jahresband 1999 enthält fünf Novellen mit Umfängen zwischen 69 und 95 Seiten. Unter diesen Erzählungen ragt die erste in mehrfacher Hinsicht heraus.

Der Herausgeber
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Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe "Science Fiction für Kenner" im Lichtenberg Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Science Fiction Reihe Deutschlands beim Heyne Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien - insgesamt über 400 - heraus, darunter die einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.

Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z.T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter "Sibyllen im Herkules oder Instant Biester" (1986). Seine erster Roman ist "Der letzte Tag der Schöpfung" (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle "Osiris Land" (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel "Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan". Jeschke verstarb im Juli 2015.

Die Erzählungen
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1) "Die Dechronisation von Sam Magruder" wurde von George Gaylord Simpson verfasst, einem der führenden Paläontologen des 20. Jahrhunderts. Er war eine Koryphäe in Sachen Dinosaurier. Kaum ist sein Zeitreisender Sam Magruder in der Kreidezeit - ohne jede Hoffnung auf Rückkehr - gestrandet, begutachtet er daher auch schon die beherrschende Tierart: Dinosaurier in allen Größen und Farben, mit denen er seine liebe Not hat. Natürlich sind seine Beobachtungen Sprachrohr seines Schöpfers Simpson. Magruder, der sich als eine Art Robinson Crusoe durchschlägt, überliefert seine Geschichte der Nachwelt 80 Mio. Jahre später per Hardcopy: als Ausgrabungsstück. - Bemerkenswert, daß Herausgeber Jeschke den Wissenschaftler Stephen Jay Gould für das Nachwort gewinnen konnte und - man lese und staune - Arthur C. Clarke für das Vorwort. Die Story selbst ist recht lebendig und farbig erzählt.

2) Alan Brennert schildert in seiner Novelle "Das Refugium" das Leben in einer winzigen Enklave, nachdem eine globale ökologische Katastrophe, verursacht durch Bakterien im Wasser, fast die gesamte Menschheit dahingerafft hat. Im eingeschneiten Florida gerät Ray Bava in einen kleinen Kreis von Leuten, die überleben konnten. Es entspinnt sich ein psychosoziales Drama, in dessen Verlauf Ray sich in die hübsche Gina verliebt, aber unter den Bann des Machtmenschen Valle gerät. Ray hat einen Blackout - und erwacht in der Klinik für Kälteschlaf. War alles Erinnerung oder Traum? Wie auch immer: Ray findet heraus, daß es eine Gina und einen Valle wirklich gab, sie aber nun ebenfalls in der Kryogenik-Klinik untergebracht sind. Als sich Ray wieder einfrieren läßt, begegnet er Valle und Gina wieder, doch kann er diesmal den Kampf für sich entscheiden - so scheint es zumindest...

3) In Michael Bishops Novelle "Cri de coeur" sind drei Kolonistenschiffe unterwegs zu ihrer Siedlungswelt im System Epsilon Eridani. Nach über 100 Jahren erreichen sie endlich ihr Zielsystem, doch schon wird die erste Arche durch Steintrümmer zerstört. Der Erzähler, ein Geologe, hat einen Sohn, Dean, der unter dem Down-Syndrom (Mongolismus) leidet. Diese Andersartigkeit erweist sich als Fluch und Segen zugleich: Er wird stark von seinen Gefühlen bestimmt. Und als sich die Möchtegernsiedler vor die Wahl gestellt sehen, entweder bei der auserwählten Welt noch weitere 100 Jahre auf bessere Bedingungen zu warten oder lieber 50 Jahre weiter zur nächsten Welt zu fliegen, da spielt Dean das Zünglein an der Waage: Er will weiterfliegen, denn an Bord des Schiffes gefällt es ihm am besten. Deans Stimme ist der "cri de coeur" des Titels. - Die stimmungsvoll erzählte Handlung nimmt das ur-amerikanische Thema der "Eroberung" neuer Welten auf, doch mit einem philosophischen Touch. Sehr schön sind die zahlreichen Gedichte.

4) Ein französischer Autor mit dem Pseudonym "Ayerdhal" hat mit der Novelle "Mozart revividus" ein lebendiges Drama über die Bedingungen genialer Kunst im Zeitalter ihrer Reproduzierbarkeit durch Klonen geschrieben. Eine Nobelpreisträgerin der Physik mit dem unseligen Namen Lya Salieri (Salieri war in dem Film "Amadeus" der Widersacher Mozarts) erschafft im 31. Jahrhundert den Komponisten neu, komplett mit Körper und Geistesinhalten. Durch diesen Akt erhebt sie sich zu seiner Schöpferin, der er fortan in Haßliebe verbunden ist. Als die Regierung die Technik dieser Kloning-Technik haben will, tötet sie sich - scheinbar. Nachdem "Madé" die höchsten Auszeichnungen für seine Kunst erhalten hat, taucht sie wieder auf - und tötet ihn: In ihm sei ein anderer versteckt, den sie nun benötige. Doch dem abgemeldeten Genie bleibt ein letzter Akt der Rache. - Die existenzialistische Novelle - übrigens hervorragend übersetzt - glänzt durch tiefe philosophische und menschliche Einsichten sowie durch geschliffene Sprache. Leider nervt der Autor stellenweise durch hohes, wenn nicht gar zu hohes Pathos.

5) Die satirische Story von SF-Altmeister Robert Sheckley "Im Labyrinth des Minotaurus" liest sich wie Terry Pratchett im modernen Amerika, aber mit dem Personal der klassischen Antike. Frauenheld und Monsterkiller Theseus übernimmt den Auftrag, das Monster Minotaurus im Labyrinth zu killen. Das Problem dabei ist, daß Theseus nicht besonders helle und das Labyrinth so groß ist, daß es das ganze Universum in allen vier Richtungen des Raumes und der Zeit umfaßt. Schuld daran ist mal wieder der verrückte Erfinder Dädalus!

Der Autor, der am Schluß der Story gar persönlich auftaucht, erlaubt sich etliche kauzige Späße in der Art von Kurt Vonnegut in seinem Quasi-Roman "Zeitbeben". Wie auch immer, dieser vergnügliche Irrsinn ist kurzweilig zu lesen.

Unterm Strich
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Dieser Jahresband bietet Science Fiction auf höchstem Niveau, sowohl was Ideen, als auch Sprache und Stil anbelangt. Ein guter, anspruchsvoller Einstieg in das Genre, aber auch eine BEreicherung für die Sammlung von kennern. Allerdings ist der Preis von rund 20 D-Mark doch recht happig.

Michael Matzer (c) 2015ff

Info: Heyne, 4/1999, Nr. 06/6301; 477 Seiten, DM 19,90; diverse Übersetzer; ISBN 3-453-14899-1


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht

  • Ciaochsi veröffentlicht 29.12.2015
    sh
  • RubyRubin veröffentlicht 07.12.2015
    Sh & liebe Grüße, Ruby.
  • Die_Buchhaendlerin veröffentlicht 06.12.2015
    sh
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