Hilflos / Barbara Gowdy

Hilflos / Barbara Gowdy

ISBN: 9783453352377 - Verlag: Diana Taschenbuch mehr

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Die neunjährige Rachel ist das große Glück in Celia Fox





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Erdrückende Liebe
Erfahrungsbericht von Hyby über Hilflos / Barbara Gowdy
04.01.2008


Produktbewertung des Autors:   

Niveau anspruchsvoll 
Unterhaltungswert recht gering 
Spannung sehr spannend 
Wie ergreifend ist die Story? ergreifend 

Pro: differenzierte Behandlung eines heiklen Themas
Kontra: der letzte Satz des Buches  -  darüber kann man streiten

Empfehlenswert? ja 

Kompletter Erfahrungsbericht

Wenn Pädolphile in Krimis auftauchen, sind sie meist schmierig-geil, extrem hinterhältig und versehen mit einer gradezu satanischen Intelligenz, die ausschließlich dazu dient, ihre dunkle Gier zu befriedigen. Sie geben also wahrlich kein gutes Bild ab, und jeder von uns würde sie nur zu gerne in den Hintern treten.
Im realen Leben ist es leider nicht so einfach, denn da leben sie unter uns - meist als unauffällige, freundliche Mitmenschen. Wir grüßen sie als Nachbarn, wir quatschen mit ihnen als Kollegen in der Mittagspause - und wir sind ahnungslos.
Und das ist das Problem.

********* Action *********

Eigentlich hatte es Ron schon länger geahnt, aber erst nachdem er zufällig die achtjährige Rachel zufällig auf dem Schulhof entdeckt hatte, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: er liebte Kinder - und ganz besonders so ein bildhübsches und schützenswertes Mädchen wie Rachel.
Ron ist noch nicht alt, aber er ist feist geworden in seinem Job als Mechaniker für Elektro-Kleingeräte und Haushaltswaren im kanadischen Toronto. Seine Aufträge erledigt er ohne Leidenschaft - die hebt er sich auf für die Pflege seines ganzen Stolzes: eine Sammlung verschiedener alter Staubsaugermodelle.
Für eine Familie hat es bei Ron nie gereicht. Zwar ist er mit Nancy zusammen, einer etwas haltlosen, jointschmauchenden jungen Frau mit einem empfindlichen Nervenleiden im linken Bein, doch so recht leidenschaftlich ist es von seiner Seite aus nie geworden mit ihr - ganz im Gegensatz zu ihr, die einen Narren an diesem Typen gefressen hat und eine ganze Menge für ihn tun würde.
Und das kann sie dann auch schon sehr bald unter Beweis stellen - nach tagelanger Beobachtung nutzt Ron spontan das Chaos eines unerwarteten Stromausfalls und bringt die kleine Rachel in seine Gewalt. Geplant und vorbereitet hatte er die Entführung schon länger - im Keller unter seiner Werkstatt hatte er klammheimlich ein Kinderzimmer eingerichtet, dass jeder Jugendpfleger als "schnuckeliges Mädchenzimmer" empfunden hätte. Und hier findet sich Rachel wieder inmitten einer Halde von Spielzeug, Puppen und Stofftieren, Himmelbett und rosa Tapeten. Hier soll es Rachel nach Rons Ansicht endlich gut haben, besser als bei ihrer alleinerziehenden, haltlosen Mutter ohne geregelte Beschäftigung, die ihre Tochter zu ihren späten Auftritten als Barpianistin mitschleift.
Rachels Verschwinden bleibt nicht lange unentdeckt. Während die Mutter Celia noch unter Schockstarre steht, rollt die Maschinerie polizeilicher Ermittlungsarbeit an und die Medien berichten nonstop.
Von alldem bekommt die kleine Rachel nichts mit - rundum versorgt, doch isoliert und eingesperrt sitzt sie in ihrem neuen goldenen Käfig und hat Angst - Angst vor allem vor ihrem Entführer Ron, der so linkisch und tapsich um ihre Zuneigung buhlt. Nancy, die früh von Ron eingeweiht wurde und die sich sehnlichst immer ein Kind gewünscht hatte, gelingt es immerhin, Rachel ihren neuen Aufenthaltsort mit einer Geschichte über gefährliche Sklavenjäger plausibel zu machen. Schließlich glaubt Rachel tatsächlich, dass sie nur vorübergehend in ihrem neuen Paradies bleiben wird und beginnt sich, ein bischen an ihre neue Umgebung zugewöhnen. Zudem gelingt es Nancy, Rachels Angst vor Ron allmählich zu verringern, sodaß sich im Zusammenleben der drei fast so etwas wie Strukturen einer durchschnittlichen Kleinfamilie herausbilden. Nur ist Ron eben kein normaler Familienvater - und das fällt sogar der ansonsten gutgläubigen Nancy auf. Sie beginnt zu ahnen, dass es in ihm eine bisher nicht wahrgenommene dunkle Seite gibt - und die kleine, hübsche Rachel mutiert in ihren Augen vom ersehnten Wunschkind zu einer ernsthaften Konkurrentin…..


Barbara Gowdy ist hier ein wirklich außerordentliches Buch gelungen. Auf den ersten Blick ist es ein Krimi: beschrieben wird der Verlauf einer Kindesentführung. Doch der Autorin geht es um mehr: ihr geht es um ein Psychogramm eines Pädophilen.
Jeder von uns hasst Pädophile - oder verabscheut sie zumindest. Ihre Lustobjekte sind Wesen, die noch keine Chance auf Vorsicht oder Gegenwehr haben. Sie leben unerkannt unter uns und sind allgegenwärtig - für Eltern kleiner Kinder eine stets präsente Bedrohung. Doch in diesem Buch geht es nicht um extreme Grausamkeiten, um missbrauchte und abgeschlachtete Kinder und es geht noch weniger um die gewissenlose Zulieferersyndikate, die diese Begierden mit frischer "Ware" bedient - im Focus dieses Buches steht ein einzelner Mensch, der seine dunklen Begierden zwar spürt, sie aber zunächst mal verdrängt. Wenn man so will, ist Ron ein "guter" Pädophiler. Er ist ein Mensch, der fest davon überzeugt ist, dass er besser für das Objekt seiner Liebe sorgen kann als dessen leibliche Mutter. Er ist sich zudem völlig sicher, dass er diesem angebeteten kleinen Geschöpf nicht ein Haar krümmen könnte.
Also haben wir hier vielleicht ein Buch vor uns, das Verständnis für Pädophile wecken, möglicherweise kuriserenden Kopf-ab-Phantasien mutig entgegen treten möchte ?
Nein, haben wir nicht.
Gowdy verurteilt nicht und entschuldigt nicht. Kühl und konsequent entwickelt sie die Geschichte einer Obsession, die zunehmend an Eigendynamik gewinnt und ihren Träger immer weiter aus seinem bürgerlichen Leben hinausdrängt. Aber auch die anderen Personen verliert Gowdy nicht aus dem Blick - die etwas schusselige Mutter, die sich nach der Entführung mit Selbstvorwürfen quält. Oder Nancy, die den Spagat zwischen ihrer Gefolgschaftstreue für den geliebten Ron und ihrem zunehmenden bohrendem Gewissen kaum mehr aushält - und nicht zuletzt die kleine Rachel, die sich nach einer Phase panischer Angst von Nancy und später auch Ron beruhigen lässt und ihrem Zwangsexil allmählich fast so etwas wie Normalität abgewinnen kann.

Ist Pädophilie eine Krankheit, ein angeborener mentaler oder genetischer Defekt ? Ich bin da kein Experte - ich habe keine Ahnung. Barbara Gowdy dürfte da etwas mehr haben, aber auch ihr geht es nicht um die psychisch-medizinische Aufarbeitung dieses Verhaltens - sie zeigt lediglich eines: eine solche Obsession mag zu Beginn harmlos erscheinen, doch das wird sie nicht bleiben. Gowdy zeigt weiter, dass der Träger einer solchen dunklen Leidenschaft durchaus unter ihr leiden kann, nur - dem Opfer nützt das nichts. Ein Mensch, der mit einer derartigen Veranlagung geschlagen ist, mag zu bedauern sein, dennoch bleibt er eine Gefahr für seine Mitmenschen.
Zartbesaitete Leser machen normalerweise einen großen Kreis um Splatterkrimis über Pädophilennetzwerke. Das vorliegende Buch können sie dagegen bedenkenlos zur Hand nehmen: hier wird nicht an Körpern herumgeschnetzelt - es fließt überhaupt kein Blut. Wenn man will, kann man sagen, die Geschichte geht glimpflich aus - aber eben nicht gut. Das kann sie nicht.   



Hilflos / Barbara Gowdy

Haupteigenschaften

EAN: 9783453352377

Autor: Barbara Gowdy

Autor Nachname: Gowdy

Autor Vorname: Barbara

Autor Name invertiert: Gowdy, Barbara

Titel: Hilflos

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