Himmel über Berlin, Der

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Von Engeln und Menschen

5  19.03.2004

Pro:
Optik, Tiefgründigkeit, Anspruch

Kontra:
mag stellenweise etwas zu poetisch angehaucht sein

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Humor

Spannung

Anspruch

Action:

Romantik:

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themanwiththeplan

Über sich:

Mitglied seit:01.01.1970

Erfahrungsberichte:94

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 65 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Wim Wenders, der bereits vor 1987 wiederholt mit dem Dramatiker Peter Handke zusammen gearbeitet hat, entschließt sich in eben diesem Jahr 1987 zu einer erneuten Kollaboration mit dem in Österreich geborenen Schriftsteller. Wenders hatte sich schon längere Zeit mit dem Wunsch getragen, einen Film über Berlin, die geteilte Stadt, zu drehen. In seinem Film will er zeigen, was das Leben in der geteilten Stadt ausmacht, und warum es sich so sehr vom Leben in anderen Städten unterscheidet.
In den Jahren zuvor ist Wenders oft für längere Zeit aus Deutschland abwesend, er arbeitet in Amerika und betrachtet sich selbst als außenstehend, als einen Beobachter des Lebens in Deutschland - so wie die Engel in seinem fertigen Film, der den Titel "Himmel über Berlin" tragen wird, die Menschen und das Leben in Berlin beobachten werden.

Weders' Film handelt von Engeln, die in Berlin umherwandeln und beobachtend am Leben der Menschen teilhaben. Sie sind zum bloßen Zuschauen verdammt, in die Leben der Menschen eingreifen können sie nicht. Einer der Engel, Damiel (der wunderbare Bruno Ganz), verspürt eines Tages den Wunsch, selbst Mensch zu werden. Die Zirkusartistin Marion (die bezaubernde Solveig Dommartin) hat ihn auf eine Weise beeindruckt, die für ihn völlig neu ist - nur als Mensch wird er ergründen können, was es ist, das er für Marion empfindet.
Sein Gefährte Cassiel (der doppelt wunderbare Otto Sander) ist skeptisch, dennoch entscheidet sich Damiel für das Mensch-Sein. Und die Erfahrungen, die er als Mensch vom ersten Moment an macht, sind schier überwältigend...

Der Filmemacher wählt Berlin als Schauplatz für seinen Film, da dieser in seiner endgültigen Form an keinem anderen Ort spielen könnte. Allein die politische Situation in Berlin ist zu dieser Zeit einmalig in der Welt. Nirgendwo sonst wird das Leben der Bewohner einer Stadt durch eine Mauer beeinträchtigt, die aus einer Stadt zwei Städte macht. Nirgendwo sonst ist der Himmel das Einzige, was die Menschen in einer Stadt zu vereinen scheint, von ihrer Vergangenheit einmal abgesehen.

Diese gemeinsame Vergangenheit findet ebenso Eingang in den Film wie die Menschen, die in ihr leben - in Ost und West. In aus Dokumentarmaterial bestehenden Rückblenden wird die Vergangenheit immer wieder ins Bild gerückt. Man sieht Männer in Uniform, Trümmerfrauen und die zerstörte Stadt selbst - Bilder, die dem Zuschauer sofort verdeutlichen, daß er/sie für Sekundenbruchteile in den Zweiten Weltkrieg bzw. kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs transportiert wird. Dieser Blick zurück muss keine Rücksicht auf eine geteilte Stadt nehmen, denn die kommt erst später. Den Krieg hat Berlin als eine Stadt erlebt, und dies bedeutet: eine Stadt = eine Vergangenheit.
Doch die Menschen des Jahres 1987 leben in einer geteilten Stadt, und um diese Menschen geht es Wenders ebenfalls. Mit seinem Film versucht er eine Stellungnahme oder gar eine Beantwortung der Frage, wie man leben soll. Er zeigt Menschen, deren Probleme, Fragen und Gedanken einem jeden vertraut erscheinen, die man immer wieder auf sich selbst beziehen kann. Dies zeigt Möglichkeiten auf und gibt dem Zuschauer das Gefühl, mit seinem Problemen nicht allein zu sein.

Zu den Menschen und der Vergangenheit der Stadt gesellt sich ein dritter Komplex. Wenders betont, daß er EINE Geschichte erzählen will, und dies bedarf einer besonderen Vorgehensweise. Laut Wenders ist dazu Abstand und einen Blick von weit her, im Falle seines Films einen Blick von weit oben. Das Ergebnis: Er erzählt eine Geschichte von der Zweiheit.
Beide von ihm erwähnten Blicke, der von weit her und der von weit oben, kommen in "Himmel über Berlin" vor. Der Blick von weit her, also mit Abstand, ist Wenders' eigener Blick. Ohne Zweifel hat er durch seine permanente Abwesenheit aus Berlin bzw. Deutschland eine gewisse Distanz zu seiner Heimat gewonnen. Der Regisseur und Autor kann somit seine Geschichte mit einer Mischung aus Neutralität, Abstand und auch Verbundenheit zu Berlin erzählen. Man könnte sagen, daß Peter Falk, der im Film sich selbst, einen Amerikaner, spielt, in gewisser Weise für Wim Wenders stehen mag. Er kommt von weit her nach Berlin, um einen Film zu drehen, und schon während der Zuschauer ihn zum ersten Mal auf der Leinwand sieht wird klar, daß ihm zwar einige Schlagworte zu Berlin einfallen, er mit ihnen aber eigentlich nicht viel verbinden kann. Dies soll nicht heißen, daß auch Wenders mit ihnen nichts anfangen kann, eher im Gegenteil. In Gedanken vermischt Falk Amerikanisches mit Deutschem, wie auch Wenders dies sicherlich immer wieder tut, bedingt durch seine langen Aufenthalte in den USA. Falks Blick auf Berlin entspricht also hin und wieder sicherlich dem Blick Wenders'.
Der zweite Blick von weit oben ist durch die Engel präsent, die das Leben in der Stadt Berlin beobachten und verfolgen. Sie können in beiden Teilen der Stadt wandeln, für sie gibt es keine Mauer, keine Grenze, die zweigeteilte Stadt ist für sie in ihrer Bewegung ohne Bedeutung. Sie sind frei, können an alle Orte gehen, können zu allen Menschen gehen, alle Gedanken belauschen - dennoch gibt es auch für sie Begrenzungen und Einschränkungen. Sie können nicht fühlen. Zwar sind sie frei, jedoch wissen sie diese Freiheit mitunter gar nicht zu schätzen, da sie kein Gefühl für das Frei-Sein haben. Gleichzeitig aber spüren sie eine gewisse Hilflosigkeit immer dann, wenn sie gerne eingreifen und helfen würden, dazu jedoch nicht in der Lage sind - sie sind zum Zusehen verurteilt.

Wenders gibt an, durch verschiedene Quellen auf die Idee zu seinem Film gekommen zu sein. Er erwähnt die "Duineser Elegien" von Rainer Maria Rilke, welche aus zehn Kapiteln bestehen, und in denen es unter anderem um Engel und den Gegensatz von Mensch-Sein und Engel-Sein geht. Weiterhin nennt er die Gruppe "The Cure", den Maler Paul Klee und Walter Benjamin (welche beide explizit im Film genannt werden, wenn in der Bibliotheksszene einer der Lesenden einen Text studiert, der sich auf beide bezieht) als Einflüsse auf seinen Film. Auch der Friedensengel von Berlin scheint ihn stark beeindruckt zu haben - nicht umsonst spielt dieser im Film eine nicht unerhebliche Rolle.

Die Erzählung von "Der Himmel über Berlin" ist kompliziert und vielschichtig, selbiges trifft auch auf die Arbeit mit dem Ton zu. Wenders entwirft eine komplexe Toncollage, verschiedene Tonebenen werden immer wieder übereinander gelegt, was für eine große atmosphärische Dichte sorgt. Neben den unzähligen Gedankenströmen, die immer wieder auf den Zuschauer einströmen, tauchen auch hie und da immer wieder poetische Einschübe auf. Das Gedicht mit dem Titel "Lied vom Kindsein" ist dabei nur ein Aspekt, die Sprache selbst ist in diesem Film so poetisch und manchmal bruchstückhaft, daß ihr nur schwer zu folgen ist. Hinzu kommt eine Musik, die mal karg, mal bombastisch ist, und die manchmal auch laut und beinahe aggressiv wird.

Der Filmemacher Wim Wenders hat mit "Der Himmel über Berlin" nicht nur einen der optisch schönsten Filme der Filmgeschichte gemacht, sondern auch einen der komplexesten. Wenders erhielt 1987 in Cannes den Regiepreis für sein Kunstwerk in schwarz-weiss.

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
MHAW

MHAW

27.09.2006 17:30

Schlag mich;-), aber mir gefiel die Hollywood-Version viel besser. Als ich Wenders' Film (die Vorlage, ich weiß) sah, hatte ich immer "Stadt der Engel" im Sinn. Mein persönlicher Eindruck vom "Himmel über Berlin": strotzt vor Intelligenz und Kultiviertheit - auf der Strecke bleiben Verständlichkeit und Emotion.

truckerschmidt

truckerschmidt

09.01.2005 18:14

klasse bericht,mfg

Apicula

Apicula

03.06.2004 21:37

Ich gestehe! Das war vor ca. 10 Jahren einer meiner Lieblings-Einschlaf-Filme! :-))))) Ne, mal ohne Quatsch. Ich hab den Film damals auf VHS aufgenommen und wollte ihn UNBEDINGT (Ich liebe und bewundere Bruno Ganz' und Otto Sanders Stimmen alleine schon so sehr!) sehen und auch "verstehen". Aber das gelang nie. Nach 3 Anläufen hab ich's sein gelassen. (Kurz danach habe ich den Fernseher im Schlafzimmer auch wieder abgeschafft. Da ist hauptsächlich "Stadt der Engel" daran schuld. :-) Du aber hast mich hiermit auf eine neue Idee gebracht ... *smile* - Schönegrüsse! Api :)

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