... Zum Vorschein kam "Himmelskörper" von Tanja Dückers, das ich sofort anfing mit lesen. Bis ich es ausgelesen hatte, verging zwar etwas Zeit, doch nun bin ich fertig und werde euch mitteilen, wie es mir gefallen hat.
Paul und Freia sind Zwillinge und wachsen mit ihrem Vater, einem Orthopäden, ... Bericht lesen
Erfahrungsbericht von alteSchwedin über Himmelskörper - Roman / Tanja Dückers 17.05.2005
Produktbewertung des Autors:
Niveau
anspruchsvoll
Unterhaltungswert
hoch
Spannung
durchschnittlich spannend
Wie ergreifend ist die Story?
sehr ergreifend
Pro:
Wenn man sich drauf ein lässt . . .
Kontra:
Man muss sich drauf einlassen !
Empfehlenswert?
ja
Kompletter Erfahrungsbericht
Vor einigen Tagen griff ich mal wieder in meine große Bücherkiste, um mir meine tägliche literarische Infusion zu geben. Zum Vorschein kam "Himmelskörper" von Tanja Dückers, das ich sofort anfing mit lesen. Bis ich es ausgelesen hatte, verging zwar etwas Zeit, doch nun bin ich fertig und werde euch mitteilen, wie es mir gefallen hat.
Paul und Freia sind Zwillinge und wachsen mit ihrem Vater, einem Orthopäden, und ihrer Mutter, einer recht verschlossenen Hausfrau, am Stadtrand auf. Die beiden sind ständig zusammen, es gibt bei ihnen keinen Unterschied zwischen Junge und Mädchen, sie sind völlig gleichberechtigt und sehen auch selbst keinen Grund, warum das anders sein sollte. Ihr Vater ist ständig gut gelaunt und immer zu einem Witz aufgelegt, was Paul und Freia in ihrer Kindheit gut gefällt, doch später mangelt es ihnen an Ernsthaftigkeit seitens ihres Vaters. Ihre Mutter ist sehr verschlossen, starrt oft einfach so aus dem Fenster und scheint nur in wenigen Momenten, in denen sie über ihre Kindheit in Polen und ihre Vertreibung von dort sprechen kann, wirklich lebendig zu werden. In ihrer Kindheit tollen die Geschwister durch den Wald, bis sich in der Pubertät alles verändert. Plötzlich scheint es mit der Gleichbehandlung vorbei, plötzlich werden sie nicht mehr nur als Geschwister behandelt, sondern als Junge und Mädchen. Das entzweit sie, entfernt sie voneinander. Und so können sie auch nicht miteinander reden, als Freia einen Freund hat. Schließlich lernt Paul Wieland, Freias Freund, doch kennen. Die beiden fühlen sich auf eigenartige Weise voneinander angezogen, bis Freia die beiden zusammen im Wald erwischt. Freia ist tief enttäuscht und zieht sich einige Zeit zurück. Das Leben geht weiter... Freia beginnt Meteorologie zu studieren, fühlt sich wohl, setzt sich das Ziel einen großen Wolkenatlas, eine Sammlung möglichst aller Wolkenformen, anzufertigen. Sie lernt Christian kennen, wird schließlich schwanger und stellt sich die Frage, was in ihrer Familie verheimlicht wird, denn irgendetwas ist da, irgendetwas, das totgeschwiegen werden soll. Nun macht sie sich auf die Suche, befragt ihre schweigsame Mutter und ihre eher geschwätzige Großmutter, die doch immer nur das selbe sagt. Freia will Bescheid wissen, bevor sie ihr Kind zur Welt bringt, doch die Mauer aus Schweigen scheint nicht zu durchdringen.
Wie schon erwähnt, habe ich den Roman eher zufällig zur Hand genommen. Das schlichte, blass blaugraue Cover sah ziemlich schick aus und der Klappentext versprach eine ungewöhnliche Geschichte über die Ursprünge und die Vergangenheit der Familie einer jungen Frau. Außerdem versprach es Tanja Dückers als vielseitige junge Autorin, die mehrere Preise und Stipendien erhielt.
Von "Himmelskörper" kann man keinesfalls ein umfassendes Familienporträt erwarten. Vielmehr konzentriert sich die Story auf ausgewählte Probleme, auf ausgesuchte Details, die prägende Ausschnitte aus dem Familienleben beschreiben. Dabei erhielt ich vielleicht auch ein recht einseitiges Bild von Freias Familie. Doch das ist nur natürlich, denn der Roman ist gänzlich aus Freias Sicht verfasst, so dass auch die wichtigsten Aspekte des Familienlebens sehr subjektiv ausgewählt wurden. Insofern blieb mir beim Lesen viel Spielraum, in dem ich die Figuren ausschmücken, ihren Charakter in Gedanken erweitern konnte. Tanja Dückers gibt nämlich nur die wirklich nötigen Informationen, die für die Weiterentwicklung ihrer Geschichte von Bedeutung sind. Alles andere überlässt sie gänzlich der Fantasie des Lesers, so dass sich dieser in gewissem Maße seine Geschichte selbst schafft. Das ist faszinierend, denn so steckt ein beinah beliebig großes Potential in "Himmelskörper", das immer vom Leser abhängt. Es herrscht so eine unglaubliche Gedankenfreiheit, die mich zwar langsamer, aber dafür auch sehr viel intensiver lesen ließ.
Was jedoch für manche Leser an der für mich so fesselnden Freiheit stören könnte, ist, dass man sich erst vollständig darauf einlassen muss. "Himmelskörper" ist nicht einfach so als Zweitlektüre geeignet. Es ist sogar unerlässlich, sich mit dem Roman auseinander zu setzen, was ihn zwar nicht unbedingt zu anstrengender, aber auch nicht zu entspannender Literatur macht. Es ist also kein Buch, das ich einfach mal so schnell weglese.
Noch ungewöhnlicher und faszinierender waren für mich die Wolkenbeschreibungen. Die Grobeinteilung habe ich ja in der Schule gelernt und so konnte ich mir unter den meisten Bezeichnungen grob etwas vorstellen, aber gerade die spezielleren Wolkenformen dürften den meisten Menschen unbekannt sein. Das ist aber überhaupt nicht tragisch, denn die Autorin beschreibt in kurzen, aber prägnanten Worten, wie diese Wolken aussehen und was ihre Besonderheiten sind, die in wundersamer Weise immer gerade zur Stimmung des Romans passen.
Eine Schlüsselstellung unter den vielen Wolkenarten nimmt die Cirrus Perludicus ein: "Eine Wolke, wie aus Seide, aus unendlich fein verschütteter Milch, durchsichtig wie der so eigenartig fleischlose Körper von Quallen und doch deutlich erkennbar ihre Ränder, dort oben, in ich schätzte 15000 Metern Höhe, leicht bewegt." Freia sucht nach dieser Wolke, denn ihr Wolkenatlas, den sie als Doktorarbeit anfertigt, soll möglichst vollständig werden. Doch sie ist selten, die Cirrus Perludicus, fast unmöglich anders als durch Zufall zu finden. Diese Wolke - ich weiß nicht, ob sie tatsächlich existiert, nehme es aber an - und die Suche nach ihr zeigen jedoch auch wundersame Verbindungen zur Geschichte von "Himmelskörper". Sie scheint ein Symbol für die Suche nach der Vergangenheit von Freias Familie, die nie deutlich zu erkennen ist, die so durchscheinend, allgegenwärtig und trotzdem unauffindbar bleibt.
Um all dies auch wirklich auf den Leser wirken zu lassen, ist der subjektive Erzählstil, den Tanja Dückers wählt, perfekt geeignet. Freia erzählt die ganze Geschichte vollkommen aus ihrer Sicht, so dass ihre Eindrücke, ihre Empfindungen und Erlebnisse im Vordergrund stehen. So erhielt ich beim Lesen einen ganz besonderen Blick auf Freias Familie, der sehr subjektiv und oft konzentriert auf aussagekräftige Details ist. Ich konnte mir nie ein wirklich eigenes Bild der Figuren und Ereignisse machen, aber die Autorin legte mir auch nie eine gänzlich vorgefertigte Szenerie vor. Vielmehr gibt sie stets die Richtung vor, überlässt den Rest aber dem Leser. Tanja Dückers' Stil schwankt dagegen zwischen großem Detailreichtum und fast grob gezeichneten Umrissen. Je nach Situation hatte ich als Leser so mehr oder weniger Gelegenheit seine Phantasie spielen zu lassen. Die Wortwahl bleibt jedenfalls immer abwechslungsreich und damit interessant, so dass das Lesen auch in dieser Hinsicht nie langweilig wird.
Insgesamt möchte ich euch "Himmelskörper" von Tanja Dückers empfehlen. Der Roman birgt je nach Leser ein großes Potential, das sich erst beim Lesen entfaltet und das jeder anders empfinden wird. Mir hat er jedenfalls sehr gut gefallen, nachdem ich am Anfang ein wenig Probleme hatte, mich auf Freias Geschichte einzulassen. Ich vergebe somit vier Sterne, übernehme aber keinerlei Garantie dafür, dass euch dieser Roman gefallen wird, falls ihr ihn lest. "Himmelskörper" ist wohl einer der Romane, die ich am subjektivsten empfand.
"Himmelskörper" von Tanja Dückers erschien erstmalig 2003. Meine gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag aus diesem Jahr, trägt die ISBN 3-351-02963-2, stammt aus dem Aufbau-Verlag und kostet 16,90 €.
Pro: Schnell zu Lesen,Preislich gut, gute Geschichte Kontra: Aufmachung vielleicht
...Geschichte, hat mich wirklich fasziniert. Wie man mit wenigen Worten eine doch so große Aussage treffen kann. Mich erinnert die Geschichte an meine eigene furchtbare Familienfede und lässt mich über vielerlei Kleinigkeiten räsonieren.
Ich denke das ist auch der Sinn dieser kleinen Literatur Quickies, anhand von kleinen einfachen Geschichten den Leser zum Nachdenken zu bringen.
(¯`*?~. Autor
Tanja Dückers, *1968 in Berlin, Schriftstellerin und Publizistin. Zu ihren Veröffentlichungen zählen die Romane »Spielzone «, »Himmelskörper«, »Der Längste Tag des Jahres« sowie die Essaybände »Morgen nach Utopia«, »Über das Erinnern« und der Lyrikband »Luftpost«. Sie schreibt regelmäßig für Zeitungen, ist Kolumnistin der ZEIT (online) für Innen- und Gesellschaftspolitik. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin und isst gern beim Schreiben Schokolade...
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