Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
aktuell, informativ, lehrreich,lesenswert |
| Kontra: |
zu kurz für die aufgeworfenen Themen |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
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Nachdenken und Bilanzieren am Jahresende hat noch niemanden geschadet und der "Erfahrungsaustasch ist die billigste Investition" wie ein Verstorbener der deutsche Geschichte gern von sich gab und so habe ich den Beitrag wieder einmal nach vorn geholt.
Oertels Buch ist aktueller den je ist man doch dabei die Ost-West-Auseinandersetzungen auf hohem Niveau zu forcieren und da wir die Oympischen Spiele von Athen hinter uns haben könnte man auch hier einige Denkanstöße finden.
Tatsache ist ,daß 2 Ex-DDR Veteraninnen die einzigen Medaillen in der Leichtathletik holten. Tatsache ist, das man die Leistungsziele in kaum einer Sportart erfüllt hat, trotz mancher schöner Erfolge von deutschen Sportlerinnen und Sportler.
Tatsache ist und bleibt, das der Fisch immer am Kopf an zu stinken beginnt .
Athen hat es mehr als deutlich bewiesen und erstaunlicherweise sieht man wenig öffentliche Zuckungen etwas zu verändern.
Heinz Florian Oertel, Schauspieler, Lehrer, Journalist für Sport und Unterhaltung, wurde am 11. Dezember 2002 75 Jahre alt.
Viele aus den Osten gratulierten, wenige aus dem Westen, obwohl er bekannt war rund um den Erdball, als Reporter bei 17 Olympischen Spielen, 8 Fußballweltmeisterschaften, 25 Eiskunstlauf- EM und- WM, Skiweltmeisterschaften, 17 x Friedensfahrt, Leichtathletik EM und -WM.
Er moderierte, als es im Westen noch keine Talkshow-Manie gab und Gaus an seine Porträtsendung sicher noch gar nicht gedacht hatte, schon 250x " Porträt per Telefon" .
Schlager waren " Schlager aus Berlin", " Schlager einer kleinen Stadt", " Schlager einer großen Stadt", " Ein Kessel Buntes" und 25 Jahre lang im Rundfunk" 7-10, Sonntagmorgen in Spreeathen" und er war 17x Fernsehliebling der DDR.
Er machte seinen Doktor, schrieb Bücher, bildete mit den Nachwuchs für Funk und Fernsehen aus und manche/r, die heute im Fernsehen die Einschaltquoten bringen, wissen welche Rolle Heinz Florian Oertel, in ihrer Entwicklung spielte.
Und natürlich ist auch, daß so einer mit der Wende abgewickelt werden mußte.
Es konnte ja nicht sein, was nicht sein sollte.
Ich selbst hatte mehrfach die Gelegenheit ihn auf der Bühne live zu erleben und ihm bei Vorträgen zu betreuen.
Ein netter, hochgebildeter, offener, die Gerechtigkeit liebender Mensch, vor dem man nur den Hut ziehen muß.
Sein Buch " Höchste Zeit"
Es erschien 1997 im Verlag, Das Neue Berlin, Verlagsgesellschaft mbh, Rosa -Luxemburg-Str. 16 in 10178 Berlin, ISBN 3-360-00914-2 zum Preis von 14,90.
Das Buch hat 238 Seiten und mehrere anschauliche schwarz/weiß Fotos und ist in 68 Abschnitte gegliedert.
Auf dem Umschlag ist der lächelnde, immer optimistische Oertel, ein wahrer Blickfang.
Und da beginnt das Problem der Rezension.
Fast jeder Abschnitt ist ein Hammer, keinen möchte man weglassen. "Was tun" hat schon einmal ein großer Prophet über eine Arbeit geschrieben- ich wähle einfach aus, was ich als Empfehlung zum Lesen vermitteln will.
Heinz Florian Oertel hat wenig Grund die " Errungenschaften des Westens über den grünen Klee zu loben und die DDR- Erfahrungen zu verdammen", wie es bei manchen gewendeten Zeitgenossen üblich ist.
Zum Unterschied setzt er immer noch auf den unverdorbenen menschlichen Verstand und mahnt an, positive Erfahrungen und Strukturen der EX-DDR unter den Bedingungen des wiedervereinigten Deutschlands im Interesse der Menschen im Westen wie im Osten zu nutzen.
Wie Oertel den Tag beginnt: (eine Kostprobe leicht geändert und gekürzt)
Er ist ja nicht mehr der Jüngste und so verkündet er die Philosophie " Wenn du früh aufwachst und dir tut noch etwas weh, jubel, freue dich, denn dann lebst du. Noch ist also vieles möglich. Gutes und Schlechtes. Der Ball ist rund"
Dann hat er für sich ein Spiel erfunden " Ost ärgere dich nicht" und das geht so.
Er liest nach Stoppuhr 3 Minuten in seinen Tageszeitungen und kreuzt alle Adjektive über Ossis an.
Das sind: undankbar, wehleidig, nörgelig, jammernd, klagend, rückwärtsblickend, trottelig. ewiggestrig,, graumäusig, rotsockig, unfleißig, inaktiv, ideenarm, unbedarft, nostalgisch, ost-talgisch, -für`s letztere gibt es zwei Punkte - macht 17 Punkte, heute nicht schlecht- sein Rekord steht bei 22.
Danach geht es auf Toilette zur Dopingselbstkontrolle, denn Ordnung muß sein. Dann schaut er in den Spiegel und denkt: " So sieht also ein Ostler aus" und da er an die neuen Politpfarrer denkt, beginnt er seine Entschuldigungslitanei.
Die läuft so:
-Entschuldigung, daß ich geboren bin.
-Entschuldigung, daß mich der Storch nicht über Garmisch- Partenkirchen, sondern nur über Cottbus fallen lies.
-Entschuldigung, daß ich die Jalta-Beschlüsse ( da hatten Großbritannien, die USA und die Sowjetunion die Nachkriegsordnung im wesentlichen festgelegt) nicht verhinderte.
-Entschuldigung, daß ich mich gegen die Ost-Reparationszahlungen und- leistungen nicht auf die Schienen legte.
-Entschuldigung, daß ich den Marshallplan nicht wenigstens für die Lausitz reklamieren konnte...
An manchen Tagen schaffte er schon 24 solcher Entschuldigungen.
Sicher war der Gang nach Canossa von Heinrich IV. , weniger problematisch, wie das, was man manchen gelernten Ossis zu mutete und noch immer zu mutet.
Aber nun zum Text:
Oertel stammt aus ärmlichsten Verhältnis der Stadt Cottbus in der Lausitz, Vater einfacher schlechtbezahlter Arbeiter, Mutter Reinemachefrau. Er sollte es besser haben und so sparte man sich seine Schule vom Mund ab, er trieb aktiv und erfolgreich Leichtathletik, spielte Fußball, war aktiver Pimpf und Hitlerjunge, Ostwallmiterbauer, 1944 Reichsarbeitsdienst und Marinesoldat in Stralsund, Flensburg und auf Sylt bis zum bitteren Ende.
Nach der Rückkehr aus Kriegsgefangenschaft Neulehrerstudium, über einer damals üblichen Förderung Schauspielstudium, Anstellung am Cottbuser Theater und durch Zufall 1949 Reporter eines Frauenfeldhandballspiels um die Landesmeisterschaft Brandenburg beim neugebildeten Landesender Brandenburg.
Oertel war in der Masurenallee und später in der Nalepastraße ,den renommierten Medienstandorten in Berlin zu Hause, hauptsächlich beim Berliner Rundfunk, dort stand über 20 Jahre sein Schreibtisch, auch wenn er oft für Radio-DDR und das Fernsehen arbeitete.
Eine Geschichte ist Täve Schur und eine der Friedensfahrt gewidmet- Radsportreportagen gehörten mit zu Oertels Sternenstunden.
Oertel kam von der Leichtathletik und so gehört er mit zu den Vätern des Berliner Neujahrslaufes und sein Beitrag über Emil Zatopek zeugt von einer lebenslangen persönlichen Freundschaft.
Interessant seine Berichte über Helsinki, Bern, Cortina, Melbourne, Sydney, Rom, Lousville, Tokio, Mexiko, Hamburg, Montreal, Los Angeles, Athen - immer hat Oertel sich über die Erfolge der DDR- Sportlerinnen und Sportler gefreut, gleichzeitig aber auch anderen Sportlerinnen und Sportlern- einschließlich den westdeutschen- Achtung und Respekt gezollt. Nie kamen von ihm solche, gestern und heute von deutschen Reportern üblichen verbalen Verdächtigungen von Doping u.a. bei ausländischen Aktiven über die Lippen, nie wurde eine Sportlerin oder Sportler in irgendeine Weise diskriminiert und deutsche Großmannssucht, war ihm trotz oft bombastischer Erfolge der DDR- Sportler fremd.
Oertel erinnert sich nicht nur an Täve und Emil, er schreibt über Pele, Recknagel, Abebe, Spitz, Rosemarie Ackermann, Waldemar Cierpinski, Jens Weißflog, Katarina Witt, er zersägte in der " Nacht der Prominenten" Gaby Seiffert . Hunderte andere Sportlerinnen und Sportler aus dem In- und Ausland werden erwähnt, wie viele er interviewt hat, weiß er sicher selbst nicht.Ähnlich ist seiner Bekanntschaft mit Künstlern, Wissenschaftlern u.a.
Wie jeder anständige Sportbuchschreiber heute, widmet auch Oertel dem Doping eine Geschichte.
Er weiß wovon er schreibt, wenn er sich dagegen wendet, das die Erfolge der DDR nur durch Doping erzielt worden sind:
"Erstens: Jedes Doping kann nur einen Punkt aufs i setzen. Kein Faulpelz wird per Doping Meister. Trainingsfleiß, Trainingssystematik auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse, Trainerkönnen, vorbildliche Betreuung, gesellschaftliche Förderung, alles zusammen bildet die entscheidende Basis für erstrangige Resultate.
Zweitens: In einigen Sportarten brächten Doping eher Nachteile- Eiskunstlaufen, rhythmische Sportgymnastik, Wasserspringen,, Kunstschwimmen...
Drittens: Drogenkonsum, mithin Doping ist so alt wie die Menschheit. Auch im Sport wird es seit zig Generationen benutzt. Deshalb ist es die nächste Heuchelei, den DDR-Sport als Erfinder dieser miserablen Sache an den Pranger zu stellen. Seit sieben (heute schon 13 Jahren- der Autor) existiert die DDR nicht mehr, und überall wird weiter gedopt."
Das kann man noch ergänzen, wenn berichtet wird, nachdem man Millionen in Ermittlungsverfahren gesteckt hat, das man nun endlich 31 Dopinggeschädigte, sicher jeder einer zu viel, gefunden hat, die entschädigt werden müssen.
Fazit:
Ein lesenswertes Buch, besonders für Menschen in den alten Bundesländern und ein Buch zum Nachdenken, wenn Oertel auf S. 204 einen Urwessi, Theodor Sturm aus einen Brief von 1867 zitiert, nachdem sich Preußen die Herzogtümer Schleswig und Holstein mit viel nationalem Getue unter den Nagel gerissen hat.
Er schreibt": Wir können nicht verkennen, daß wir unter Gewalt leben. Das ist desto einschneidender, da sie von jenen kommt, die wir gegen die dänische Gewalt zu Hülfe riefen und die uns jetzt, nachdem sie jene bewältigen geholfen, wie einen besiegten Stamm behandeln; indem sie wichtige Einrichtungen, ohne uns zu fragen, hier über den Haufen werfen und andere dafür nach Gutdünken oktroyieren. Oberan ihr schlechtes Strafgesetzbuch, wo rin eine Reihe von Paragraphen- längst der juristischen wie der Moralkritik verfallen- ehrlichen Leuten gefährlicher sind als den Spitzbuben, die sie angeblich treffen sollen. Und obwohl Preußen- sowohl wegen der Art, wie sie das Land gewonnen, als auch, als auch, weil wir zum geistigen Leben der Nation ein großes Kontingent gestellt haben- alle Ursache zu bescheidenem Auftreten bei uns hat, kommt doch jeder Kerl von dort mit der Miene des kleinen persönlichen Eroberers, und als müsse er uns erst die höhere Weisheit bringen... Die unglaublich naive Rohheit dieser Leute vertieft die Furche des Hasses... Auf diese Weise einigt man Deutschland nicht"
Ich kann das Buch nur empfehlen.