In diesen Höhlen findet man nie Faultiere...
20.02.2005
Pro:
gut recherchiert, Autor ist Experte
Kontra:
lückenhaft, etwas langatmig
Empfehlenswert:
Ja
 Haramis
Über sich:
Mitglied seit:14.01.2001
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Vertrauende:74
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 151 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
In Vorbereitung auf die Zwischenprüfung wurde mir das Buch "Höhlenmalerei" von Michel Lorblanchet empfohlen. Es gilt allgemeinhin als DAS Standardwerk zum Thema. =0=0=0=0=0=0= Kurz zum Autor =0=0=0=0=0=0= Michel Lorblanchet ist Archäologie und Experte für Höhlenkunst. In seinem Buch beschreibt er u. a. sehr anschaulich einige Experimente, die er an Höhlenwänden angestellt hat. Kurz: Es handelt sich hier um ein wirkliches Fachbuch, das von einem Kenner der Materie geschrieben wurde. Biographische Daten konnte ich leider keine finden. =0=0=0=0= Zum Inhalt =0=0=0=0= Der Titel sagt schon kurz und knapp aus, worum es in dem Buch geht: um Höhlenmalerei. Allerdings sei bereits hier erwähnt, daß es sich dabei lediglich um die Höhlenmalerei des Paläolithikums, also der Altsteinzeit, handelt. Sehr anschaulich und lebendig wird erzählt, was an den Höhlenwänden dargestellt wird und wo die jeweilige Problematik liegt. Auch stellt Lorblanchet die wichtigsten Höhlenforscher und deren Thesen vor und bewertet sie nach eigenen Kriterien. Die einzelnen Kapitel werden immer wieder anhand mehrerer Seiten Farbfotos illustriert. =0=0=0= Kritik =0=0=0= Gleich in der Einleitung lernt man sehr viele, wichtige Aussagen kennen, z. B. daß es die Höhlenmalereien nicht nur in Frankreich und Spanien (frankokantabrischer Raum), sondern bis zum Ural gibt. Da Lorblanchet Franzose ist, kann man es ihm wohl nicht verdenken, daß er alle Höhlen außerhalb des frankokantabrischen Raumes fast völlig außen vor läßt. Zu den italienischen Höhlen schreibt er denn fast gar nichts und auch die beiden Höhlen im Ural werden nur am Rande erwähnt. Vermißt habe ich außerdem die Höhlen der spanischen Levante (allen voran die "Cueva de la Araña" mit den berühmten Honigsammlern und die "Cueva de los Caballos" mit diversen Jagdszenen). Diese Höhlen tauchen fast überall auf, wo es um Höhlenmalerei geht. Allerdings sind sie jünger als die meisten anderen Darstellungen (Azilienzeitlich, also ausgehende Altsteinzeit) und wurden von Lorblanchet vermutlich nicht mehr dazugerechnet. Eine seiner ersten Aussagen beinhaltet, daß man nicht einfach nur Farbe an die Wand gekleistert hat, sondern durchaus sehr kunstfertige Methoden angewandt hat. Zum Beispiel hat man des öfteren den Felsuntergrund in die Bilder mit einbezogen, hat eine Felskante als Rückenlinie für ein Wisent benutzt usw. Lorblanchet führt diverse anschauliche Beipiele auf, versäumt es aber dennoch nicht, bis zum Ende des Buches praktisch auf jeder Seite darauf hinzuweisen, daß der Untergrund einbezogen wurde – als ob sich der Leser diese Tatsache keine zwei Seiten lang merken könnte. Ebenso verhält es sich mit dem Hinweis, man dürfe sich nicht nur die Bilder ansehen, sondern müsse sämtliche Faktoren in die Untersuchung mit einfließen lassen, wie etwa die verwendeten Techniken (Malerei, Zeichnung oder Gravur)
Bilder von Höhlenmalerei - Ein Handbuch / Michel Lorblanchet
oder evtl. zugehörige Siedlungsschichten (vor vielen Höhlen fanden sich Reste von Siedlungsplätzen, die jedoch zeitlich nicht sicher mit den Höhlenbildern in Verbindung gebracht werden können). Trotz der vielen Wiederholungen gibt es auch sehr schöne Ausführungen, z. B. über die Datierung derartiger Kunstdenkmäler. In den meisten (pseudo-)archäologischen Büchern und Filmen gibt es für solche Fälle immer ein Allheilmittel mit dem schönen Namen "C14-Datierung" oder "Radiocarbon-Methode". Tatsächlich habe ich erst vor kurzem in einem Buch gelesen, daß eine Steinmauer angeblich C14-datiert sei. Nun sollte man aber wissen, daß gerade C14 alles andere als universal verwendbar ist. C14 läßt sich ausschließlich auf organische Sachen anwenden. Die bestens Chancen hat man also, wenn man Kohle findet, Knochen, Holzreste (wobei hier die Dendrochronologie um einiges genauer ist) usw. Ich möchte an dieser Stelle nicht weiter darauf eingehen. Wenn Lorblanchet nun aber schreibt, daß man die Höhlenbilder zu einem noch recht kleinen Teil C14-datiert hat, so beruht das in diesem Falle darauf, daß in manchen Bildern für die schwarze Farbe Kohle verwendet wurde. Die roten oder gelben Malereien lassen sich normalerweise nicht datieren, da sie aus Ocker und Eisenoxid bestehen. Eine Ausnahme bilden Farben, die mit organischen Bindemitteln behandelt wurden (z. B. so besonders appetitliche Dinge wie Spucke). Durch solche Datierungen kommt es oft zu überraschenden Ergebnissen, die den Laien staunen lassen: Viele Bilder, von denen man ursprünglich dachte, daß sie zusammengehören, liegen oft zeitlich mehrere tausend (!) Jahre auseinander, können also nicht von der gleichen Person, ja noch nicht einmal vom gleichen Volk gemalt worden sein. Auf die Frage, warum Menschen 8.000 Jahre später dasselbe an die Wand gepinselt haben wie ihre Vorfahren, weiß aber auch Lorblanchet keine Antwort. Die Motive sind recht einheitlich über die Jahrtausende hinweg. Es ist kaum vorstellbar, daß man rund 20.000 Jahre lang immer wieder dieselben Tiere gemalt hat: Pferde, Wisente, Mammuts, Nashörner und vereinzelt sogar Tiere wie Uhus oder Schneeeulen (Hinweis an eine ganz bestimmte Person: das ist die neue Rechtschreibung und keine Übertreibung für "Schneule" ;-) ).Zu den jeweiligen Theorien schreibt Lorblanchet ein ganzes Kapitel und stellt dabei im Vorfeld auch berühmte Höhlenforscher wie André Leroi-Gourhan oder Annette Laming-Emperaire oder Henri Breuil vor. In Dokumentarfilmen stolpere ich immer wieder über "magische" Deutungen, Schamanismus, Totemismus, Jagdmagie usw. Das spricht die Leute an, aber hat es auch realistische Grundlagen? Lorblanchet nimmt Abstand von den meisten dieser Deutungen. Vor allem die Jagdmagie dürfte eine sehr kleine Rolle gespielt haben, da gerade die Tiere, die man gejagt hat (z. b. Rentiere) eher selten dargestellt wurden (und bevor jemand fragt: Nein, Knochen von Schneeeulen wurden bisher meines Wissens nach noch nicht unter den Essensresten gefunden). Schamanismus und Totemismus lassen sich nun nicht so leicht von der Hand weisen. Es gibt Darstellungen, die auf keinen natürlichen Vorbildern beruhen wie z. B. Mischwesen (berühmtestes ist der sog. "Sorciere" aus der Höhle Les Trois Frères). Lorblanchet vermutet in diesen Mischwesen das Ergebnis schamanistischer Trance. Zu diesem Ergebnis kommt er auf recht eigentümliche Art und Weise. Er experimentiert im Selbstversuch und nimmt als Vorlage den "Fries der gefleckten Pferde" in Pech Merle (Frankreich). Die Farbpigmente vermischt er im Mund mit Spucke und "bläst" die Bilder an die Wand. Die Beschreibung dazu ist zwar nicht allzu ansprechend, aber doch sehr aufschlußreich. Seine Nachbildung sieht dem Original sehr ähnlich und es wäre durchaus möglich, daß man früher dieselbe Technik angewandt hat. Es gibt dabei nur ein Problem: Manche Pigmente, wie z. B. Manganoxid, sind giftig! Hat man sie zu oft oder in zu großen Mengen in den Mund genommen, konnte es zu Vergiftungserscheinungen kommen, die letztendlich auch zum Tod führen konnten. Eine Vergiftung durch Manganoxid äußert sich allerdings zuerst in Halluzinationen. Dabei überlappen sich Bilder und es wäre möglich, daß auf diese Weise die Mischwesen entstanden sind. Es erklärt aber nicht, wieso viele "Nicht-Mischwesen" an die Wände gemalt wurden, und diese bilden immerhin den weit größten Teil der paläolithischen Höhlenkunst. Sehr ausführlich dargestellt wurde die gesamte Problematik bei der Auswertung der Höhlenmalereien. Nicht nur Datierung und Interpretation spielen eine Rolle. Um zu einer Interpretation zu gelangen braucht man erst einmal genügend Material. Lorblanchet betont immer wieder, daß man, um eine Höhle richtig "deuten" zu können, diese im Original kennen muß. Die meisten Umzeichnungen und Fotos sind nur zum Teil verwertbar. Gerade Details wie die Oberflächenbeschaffenheit oder kleinere Farbnuancen können mit graphischen Dokumenten oft nicht wiedergegeben werden. Abgüsse dagegen würden zwar etwas über die Oberfläche aussagen, werden heute aber nur noch sehr selten verwendet, da sie die Oberfläche beschädigen. Umgekehrt fallen einem Details oft erst in der Umzeichnung bzw. während des Zeichnens auf oder man erkennt sie erst auf Fotos, da man damit die gesamte Wand und nicht nur einen Ausschnitt betrachten kann. Gerade in engen Räumen klebt man förmlich mit der Nase an der Wand und hat keine Möglichkeit, sich die Malereien aus einer gewissen Distanz anzusehen. Gerade Zeichnungen stellen noch ein weiteres Problem dar: die persönliche Arbeitsweise. Wenn man fünf Menschen ein und dasselbe Bild abmalen läßt, wird man unweigerlich zu fünf verschiedenen Ergebnissen gelangen. Jeder hat seine eigene Technik, jeder sieht ein Bild womöglich aus einem anderen Blickwinkel. Daher ist es notwendig, daß man zu Forschungszwecken seine Zeichnungen selbst anfertigt, sofern man Zugang zu den jeweiligen Höhlen hat. Und das wäre bereits ein weiteres Problem: Viele Höhlen sind heute gesperrt. Durch den Tourismus sind inzwischen viele Höhlenmalereien so stark beschädigt worden, daß man die Höhlen für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich machen kann. Bei manchen Höhlen, etwa Altamira, muß man sich zwei Jahre vorher anmelden, in andere kommt man nur nach aufwendigen Ämtergängen. Durch die Besucher entstanden in den Höhlen die sog. "grüne" und "weiße Krankheit", das heißt es wurden Bakterien und Viren eingeschleppt, es kam zu Algenbildung usw. Viele Höhlen überlebten die Jahrtausende nur deshalb, weil sie lange Zeit unentdeckt blieben, weil ihre Eingänge verschüttet waren oder die Höhlen, wie z. B. Cosquer, vom Meer überflutet wurden. Kaum wurden sie entdeckt, mußte man auch schon Rettungsmaßnahmen einleiten. Eine Kopie der Höhlendecke von Altamira z. B. findet sich im Deutschen Museum in München und ist für den interessierten Laien sicher ausreichend. =0=0=0=0= Zum Buch =0=0=0=0=Das Buch ist gebunden und hat 350 Seiten mit vielen Abbildungen. Bei amazon gibt es das Buch derzeit für satte 34 Euro. Da es ein Standardwerk ist, sollte es aber in jeder (Universitäts-)Bibliothek zu finden sein. ISBN 3799590250 Die Ausgabe enthält zudem ein Vorwort von Gerhard Bosinski. Im Anhang findet sich außerdem ein Glossar mit den wichtigsten Begriffen und zahlreiche Literaturhinweise. =0=0=0= FAZIT =0=0=0= Das Buch ist sehr gut zu lesen, wenn auch durch die vielen Wiederholungen etwas langatmig. Für Einsteiger in die Thematik ist es auf jeden Fall empfehlenswert, um sich allerdings umfassend über Höhlenmalerei zu informieren braucht es noch diverser ergänzender Bücher. Hier empfehle ich vor allem die mehrbändige Thorbecke-Speläo-Reihe, bei der jeder Band eine spezielle Höhle behandelt. Wer keine 350 Seiten lesen will, dem kann ich auch von Hans Biedermann "Höhlenkunst der Eiszeit" ans Herz legen, denn in diesem (leider nicht mehr im Handel erhältlichen) kleinen Büchlein steht auf wenigen Seiten das, was Lorblanchet auf 350 Seiten breittritt, kurz und knapp zusammengefaßt. Danke für's Lesen einer wohl diesmal etwas trockenen Meinung,Eure Haramis PS: Ach ja – die Überschrift bezieht sich selbstverständlich auf einen meiner absoluten Lieblingsfilme: Ice Age. Und es stimmt wirklich: Bisher bin ich noch über kein einziges Faultier gestolpert, dafür über Uhus, Lachse, Mammuts mit Afterklappen, Bären (die auch Löwen sein könnten), Nashörner und was weiß ich noch alles... Abbildungen: Bild 1: Zeichnung eines Mammuts aus Pech Merle (Frankreich) Bild 2: Ausschnitt aus dem "Fries der gefleckten Pferde", Pech Merle (Frankreich) Bild 3: diverse Gravuren, Grotte Cosquer (Frankreich) Bild 4: Bison-Relief, Tuc d'Audoubert (Frankreich) Bild 5: Jagdszene (?), Lascaux (Frankreich) Bild 6: polychromes Pferd, Lascaux (Frankreich) Bild 7: "Le Sorcière", Mischwesen, Original (oben links) und ungenaue Umzeichnung nach Henri Breuil, Le Trois Frères (Frankreich)
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03.03.2005 10:55
da ist ein "b. h." verdient ! Ciao, Thomas
28.02.2005 22:16
sehr schöner bericht über ein wahrscheinlich sehr interessantes buch... lg stef
28.02.2005 14:35
Sehr schöner Bericht, interessantes Thema, bh