Erfahrungsbericht über

Homo faber / Max Frisch

Gesamtbewertung (133): Gesamtbewertung Homo faber / Max Frisch

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Vom Vollbluttechniker zum Gefühlsmensch

5  22.02.2004

Pro:
viel Inhalt auf kleinem Raum

Kontra:
???

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau

Unterhaltungswert

Spannung

Wie ergreifend ist die Story?

mehr


zena

Über sich:

Mitglied seit:01.01.1970

Erfahrungsberichte:59

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 72 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

„Der Bürger verlässt das Gefängnis seiner Wohlanständigkeit, versinkt im Anonymen und kehrt anders zurück, als er aufbrach. Dort, wo das Ich sich in der Namenlosigkeit verliert und seine Vergangenheit preisgibt, entfernt sich das Individuum von allem Vertrauen“
(Walter Jens, Schriftsteller und Literaturkritiker)

Auch ich gehöre zu denen, die - aus Liebe zur Bequemlichkeit – oft eher zur trivialen Belletristik greifen, um sich, langgestreckt auf der heimischen Couch, in andere, meist bessere Welten entführen zu lassen. Doch auch ich kam nicht immer in meinem Leben als Bücherwurm an deutscher Literatur vorbei. Zu meinem eigenen Erstaunen musste ich eines Tages feststellen, dass ausgerechnet Max Frisch ein Buch geschrieben hat, dass zu einem meiner liebsten werden sollte. Und dabei habe ich sein “Andorra“, als ich es damals in der Schule lesen musste, so sehr gehasst, dass ich mir niemals hätte vorstellen können, dass ausgerechnet er ein Buch heraus gebracht haben könnte, das ich mögen würde. Aber...

HOMO FABER

...steht heute ganz oben auf der Liste meiner Lieblingsbücher.


`°º¤ø,¸¸,ø¤º° Inhalt º¤ø,¸¸,ø¤º°

Der Titel des Buches charakterisiert bereits die Hauptfigur des Romans: Walter Faber, ein rational denkender, diesseitsorientierter Mensch, dessen naturwissenschaftliches Weltverständnis ihn blind macht für die Erkenntnis, dass sich das Leben mit all seinen Zufällen manchmal einfach jeder Logik entzieht. Die Tragik seines Lebens, die sich in wenigen Monaten des Jahres 1957 abspielt, entsteht dadurch, dass er, der die schicksalhaften Ereignisse des menschlichen Lebens als „Mystifikation“ und „Spinnerei“ bezeichnet, selbst Opfer unkalkulierbarer Zufälle wird.

Auf einem Flug nach Caracas beginnt er von seinem Leben und den revolutionären Ereignissen der vergangenen Zeit zu berichten. In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts war er Assistent an der Züricher Technischen Hochschule. Zu dieser Zeit hatte er eine Beziehung mit der Halbjüdin und Kunststudentin Johanna, genannt Hanna. Als die politische Lage für die gefährlich wird, entschließt er sich, seine - mittlerweile von ihm schwangere - Freundin zu heiraten. Da er sich aber gleichzeitig für ein Berufsangebot in Bagdad entscheidet, verweigert Hanna die Hochzeit. Sie einigen sich gemeinsam auf einen Abbruch der Schwangerschaft.

Nach zwanzig Jahren erfährt er, dass sein Freund Joachim Hanna geheiratet, sie aber inzwischen verlassen hat. Die totgeglaubte Hanna lebt als Archivarin in Athen. Seinen Freund Joachim hingegen findet er tot auf einer Plantage im mexikanischen Dschungel. Zurück in seiner Wahlheimat New York, beendet er sein Verhältnis zu Ivy, einer jungen verheirateten Frau, um nach Paris zu gehen und dort ein neues Leben anzufangen.

Auf der Schiffsreise nach Europa lernt er ein Mädchen kennen, dass ihn aufgrund ihres „Hanna-Mädchen-Gesichts“ an seine frühere Freundin Hanna erinnert: Elisabeth (Sabeth) Piper. Er begleitet die 20jährige Studentin auf ihrer Heimreise durch Italien nach Griechenland, beginnt ein Verhältnis mit ihr, will sie heiraten. Und das, obwohl er inzwischen weiß, dass Sabeth tatsächlich Hannas Tochter ist. Er ahnt die Wirklichkeit. Dennoch schafft er es, Daten und Fakten so lange hin und her zu wenden, bis ihm – rein rechnerisch – klar ist, dass Sabeth nicht auch seine Tochter sein kann.

Kurz vor Ende ihrer gemeinsamen Reise, die Faber bereits als „Hochzeitsreise“ bezeichnet, hat Sabeth einen Unfall, den Faber zunächst für einen Schlangenbiss hält. Er bringt sie in nach Athen in ein Krankenhaus – und trifft dort auf Hanna. Die bestätigt ihm seine geheimsten Ahnungen: Sabeth ist seine Tochter, das Kind, das er hatte abtreiben wollen, das Hanna aber dennoch behalten hat. Ihre gemeinsame Tochter stirbt an den Folgen eines nicht diagnostizierten Schädel-Basis-Bruchs.

Daraufhin macht Faber sich noch einmal auf den Weg, die wichtigsten Stationen der letzten Wochen und Monate aufzusuchen: New York, Caracas, Cuba. Aufgrund immer stärker werdender gesundheitlicher Probleme, wird auch er am Ende in das Krankenhaus in Athen eingeliefert. Und wieder reflektiert er die letzte Zeit, sein zweite Amerika-Reise. Dann die Diagnose der Ärzte: unheilbarer Magenkrebs.

Kurz vor seinem Tod erkennt er, dass er das Leben seiner Tochter, sein Glück und das Hannas zerstört hat, ohne es zu wissen.


`°º¤ø,¸¸,ø¤º° Die wichtigsten Personen º¤ø,¸¸,ø¤º°

SABETH

Elisabeth Piper. Faber findet diesen Namen unmöglich und lehnt in deshalb ab. Sabeth ist Studentin, jung und schön, intelligent, natürlich, gefühlsbetont – Ivys vollkommendes Gegenteil.

HANNA

Hanna Landsberg, Halbjüdin aus München, studierte Kunstgeschichte in Deutschland bis sie 1938 nach Paris emigrieren musste. Ab 1942 arbeitete sie in London beim BBC, wird britische Staatsbürgerin. Als gebildete, unabhängige und selbstbewusste Frau mit Doktortitel arbeitet sie inzwischen im archäologischen Institut Athens, ist ernster und sachlicher geworden als sie es zu ihrer Zeit mit Faber war. Dieser sieht in ihr jedoch die Hanna von früher: empfindsam, sprunghaft, temperamentvoll.

IVY

Ivy ist Amerikanerin, Ende zwanzig, verheiratet und Fabers Geliebte in New York. Sie trägt weniger zu eigentlichen Handling bei, mehr zu Charakterisierung Fabers. Sie entspricht Fabers Frauenbild, ist gefühlsbetont, hysterisch, unberechenbar, anhänglich, lästig, abergläubig, ohne jeden Verständnis für Technik. Entsprechend diesem Bild behandelt Faber sie, empfindet ihr Verhältnis als unverbindlich. Ivy passt in seinen New Yorker Lebensraum, sein Apartment in einem Wolkenkratzer und zu seinem matieriell-ausschweifenden Lebensstil: anonym und bindungslos.


`°º¤ø,¸¸,ø¤º° Thema / Problematik º¤ø,¸¸,ø¤º°

Hanna nannte ihn „Homo Faber“. Homo heißt Mensch, Faber steht für Schmied, Techniker, Handelnder. Mit dieser Aussage Hannas, also auch dem Titel des Romans, wird bereits das ganze Wesen Walter Fabers charakterisiert: Er ist ein Mann, der an naturwissenschaftlich Belegbares glaubt. Festgefahren in seinem technologisch-mathematischen Weltverständnis verdeckt und verdrängt er jegliche Gefühle. Sein Selbstbildnis wird zur Scheinidentität. Er hat sich ein Konzept aufgebaut, von dem er sich in seinem Handeln und Verhalten leiten lässt. Er glaubt die Welt, die er sieht, als objektiv gültige Wirklichkeit erfassen zu können.

Zum Techniker gehören also Realitätsbezug, rationales Denken und damit das Beherrschen der Umwelt. Der „Nicht-Techniker“ zeichnet sich danach aus durch Angst und bloße Phantasie. Als Ideal jeglicher Lebensform sieht Faber den Roboter. In ihm findet er Eigenschaften, die er sich für sich selbst wünscht: „die Maschine erlebt nichts, sie hat keine Angst und keine Hoffnung (...) sie arbeitet nach der reinen Logik der Wahrscheinlichkeit.“
Obwohl er selbst bereit ist, sich als „Homo Faber“ zu bezeichnen, gelingt es im letztendlich nicht, dieses Ideal kompromisslos zu verkörpern. Sein Weltbild zeigt Schwachpunkte.
Doch er besetzt diese Rolle und will auch von seinen Mitmenschen so gesehen werden: als berechnend, kalt, gefühllos – um nicht für das einstehen zu müssen, was geschehen ist: Die Trennung von Hanna vor zwanzig Jahren, das Verhältnis mit der eignen Tochter, sowie deren Tod.


`°º¤ø,¸¸,ø¤º° Der Wandel Fabers º¤ø,¸¸,ø¤º°

Anhand von Sprache und Aufbau macht Frisch auf eine interessante Art und Weise die Zwiespältigkeit Fabers deutlich, weist er auf die Brüchigkeit dessen Charakters hin. Zu Beginn verwendet Walter Falber kurze einfache Sätze, während er sich am Ende oft in ausschmückenden Beschreibungen verliert.


`°º¤ø,¸¸,ø¤º° Der Autor º¤ø,¸¸,ø¤º°

Max Frisch wird am 15.05.1911 in Zürich geboren. Ein Germanistikstudium in Zürich bricht er nach zwei Jahren ab (1931-33), sein Architekturstudium beendet er jedoch mit dem Diplom (1936-41). Bis 1952 arbeitet er gleichzeitig als Architekt und freier Schriftsteller. Nach seinem Buch-Erfolg mit „Stiller“ löst er sein Architekturbüro auf um sich ganz der Schriftstellerei zu widmen. Er gilt (neben Dürrenmatt) als bedeutendster Schriftsteller unserer Zeit. Als Dramatiker und Lyriker zeigt er die Zwiespältigkeit und innere Zerrissenheit der menschlichen Existenz. Seine wichtigsten Werke sind „Stiller“ (’54), „Homo Faber“ (’57), „Andorra“ (’62). Am 04.04.1991 stirbt Max Frisch in Zürich


`°º¤ø,¸¸,ø¤º° Fazit º¤ø,¸¸,ø¤º°

Deutsche Literatur zum „An-einem-Sonntag-auf-der-Couch-durchelesen“ geeignet. Wer hätte das gedacht? „Deutsch-Leistungskurs-geschädigt“ hätte ich nie gedacht, dass so etwas möglich ist. Und doch musste ich - unfreiwillig und zu meiner eigenen Überraschung – feststellen, dass es wirklich Sprache und Stilmerkmale sind, die Fabers Charakter in diesem Buch darstellen und dem Leser so klar, deutlich und unmissverständlich vor Augen führen.
Es ist weniger die Geschichte selbst, die mich fasziniert hat, als mehr das „Wie“ des Wandels eines Menschen vom Vollbluttechniker zum Gefühlsmensch.

Ich habe das Buch nach ungefähr acht Jahren noch einmal gelesen – und dass ich ein Buch mehrmals lese, passiert nicht oft. Es ist mal etwas anderes als immer nur Belletristik von den aktuellen Bestsellerlisten. Ich kann „Homo Faber“ absolut empfehlen. Auch - oder vor allem - denen, die, geschädigt von diverser Pflicht-Lektüre im Deutsch-Unterricht, das Lesen komplett aus ihrer Freizeit verbannt haben.


Auch wenn dieser Bericht vielleicht etwas anders ist als die, die ich bisher geschrieben habe, hoffe ich, dass er Euch gefällt.

Ich freue mich auf jeden Fall auf Eure Lesungen, Bewertungen und Kommentare und sag Euch allen schon jetzt ein fettes DANKESCHÖN dafür!

Liebe Grüße, Eure Zena :o)

Zu den Punkten unten: Wie beschrieben, wechselt Frisch seinen Erzählstil, um den Wandel Fabers besser darzustellen.


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Judokid

Judokid

28.03.2006 22:43

Zur Zeit lesen und arbeiten wir mit dem Buch "Homo Faber". Ich finde, dass es im Gegensatz zu anderen Romanen mal sehr gut geschrieben ist. Der Autor verstand sein Handwerk, als er dies geschrieben hat. Weiterhin muss ich sagen, dass mir dein Erfahrungsbericht sehr gut gefällt, da du das wirklich wesentliche gut herausgestellt hast, aber andersherum nicht zu viel verraten hast. Und ausserdem half mir dein Beitrag dabei, meine Deutsch-Hausaufgaben zumindest ein wenig gemacht zu haben. ~~~ Vielen Danke ~~~ *GRINS* Deine Judokid.

willibald-1

willibald-1

12.09.2005 14:01

Das habe ich auch in der Schule gelesen. Eine der wenigen Schullektüren, die ich auch später noch mal gelesen habe! Und der Film war auch sehr gut.

SQUIRREL88

SQUIRREL88

03.07.2004 22:04

das Buch musste ich dieses Jahr in der Schule lesen und ein referat darüber halten. also ich fand das buch damals eigentlich ziemlich spannend. dein Bericht ist auch sehr gut gelungen, war echt klasse. :-) SQUIRREL88 Ich hoff man liest von einander noch!!!!

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