Ein Allrounder aus Spezialistensicht
15.01.2004
Pro:
Kann (fast) alles
Kontra:
Kann nichts perfekt
Empfehlenswert:
Ja
 howie_
Über sich:
Mitglied seit:02.12.2003
Erfahrungsberichte:4
Vertrauende:1
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 22 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Eine Honda VFR genießt den Ruf eine eierlegende Wollmilchsau zu sein und sich, trotz kurzfristigen Anfällen von Wahnsinn seitens ihres Treibers, eines langen Lebens zu erfreuen. Kurz: ein Mopped für alle Fälle. Nach drei Jahren betens des "nicht unter 8000 Touren" Mantras auf einer 600er Bandit suchte ich nach einem Mopped was meine Ansprüche an ein Zweirad besser unterstützt. Um es kurz zu machen: Die Probefahrt war nur pro forma, nach dem anlassen des V4 war meine Entscheidung gefällt. Mittlerweile hat meine 98er VFR (rc46B) 87.000km auf dem Buckel und ich werde nun versuchen ihre Tauglichkeit in ein paar, für einen Kradisten, wichtigen Bereichen zu beschreiben: Für den Poser: Sportlich sieht sie aus, der optische Schwerpunkt liegt auf dem Vorderrad, sie ist im Stand schon auf dem Sprung. Der Klang des V4-Motors ist einzigartig aber durch den Serientopf doch arg zugeschnührt, Abhilfe schaffen diverse, teils hochgezogene Zubehörtöpfe. Man wird schnell Mittelpunkt wenn man den Endtopf einfach komplett abmontiert und die Maschiene startet, dank großzügigem Vorschalldämpfer erhält man einen extrem satten, nicht unangenehmen Sound. Wheelies funktionieren nur im ersten Gang ohne Kupplung. Das Vorderrad hebt sich dabei allerdings nur um wenige centimeter, fein für den Dragstrip, schlecht für´s Posen. Stoppies sind machbar, aber durch das kombimierte Bremssystem benötigt man eine höhere Ausgangsgeschwindigkeit als bei konventionellen Bremsanlagen. CBS erschwert weiterhin einen zünftigen Burnout da die Vorderrad-Bremse auch auf das Hinterrad wirkt. Man kann das System aber überlisten indem man einen Stock oder ähnliches zwischen Gabel und den drehbar gelagerten Bremssattel steckt und das CBS damit deaktiviert.
Für den Racer: Mit 98PS und einer Höchstgeschwindigkeit von gerade mal 240km/h ist die VFR natürlich kein konkurenzfähiges Material, vor allem da sie dank ihrer 800cm^3 bei den Großen mitspielen muß. Die Bremsanlage ist zwar gut zu dosieren, ist aber weit von einer bissigen Wirkung endfernt. Wenn man die mühsam auf Geschwindigkeit gebrachte Maschine in der Nächsten Kurve ebenso mühsam in Schräglage zusammengebremst hat wird man mit der arg eingeschränkten Schräglagenfreiheit konfrontiert. Trotz der selbstverständlicherweise abmontierten Angstnippel muß man nach ein paar Runden mit einem fulminanten Abrieb an der Rastenanlage Rechnen. Aber einen Vorteil hat sie: So schnell wird von ihr wenigstens niemand überfordert... Für den Streetsurfer: Die VFR reagiert nur auf deutliche Signale ihres Besitzers, keine nervöse Kippeligkeit die einem bei einer nicht völlig sauber angefahrenen Kurve oder zucken im Ellenbogen die Linie verhagelt. Die Strassenlage ist auf guten Strassen äußerst satt und jeder überfahrene Kiesel wird über die Rasten ins Steuerzentrum des Fahres geleitet. Gemütliches Kurvenswingen macht bei mittleren Drehzahlen am meisten Spaß. Kurz die Kurve anbremsen, runterschalten ohne stempelndes Hinterrad und mit feinem V4 Klang aus der Kurve rausbeschleunigen. Perfekt! Sollte man aber gezwungen werden die ganz harte Gangart anzulegen, z.B. wenn sich auf der Hausstrecke eine R1 befindet, erkennt man die waren Qualitäten der VFR. Wärend der Supersporttreiber mit einem Mopped kämpft, das schon bei dem Gedanken an eine Linienkorrektur nach Timbuktu und nicht durch die Kurve vor einem fahren will und ihm beim rausbeschleunigen aus eben dieser die Gabelbrücke ins Gesicht schlägt, muß man bei der VFR nur wie ein Irrer in den Gängen rühren. Für die wilde Hatz sollte man am Kurvenausgang tunlichst 9000/min anliegen haben, sonst hat man den Anschluß unwiederbringlich verloren. Macht ja nichts, man hat ja nur einen Tourer und mit einem solchen von einem Supersportler hergebrannt zu werden ist keine Schande. Anders rum jedoch... Um eben nach Feierabend auf die Hausstrecke oder am Wochenende auf unbekannten Strecken den Frust aus der Seele zu brennen ist die VFR ein ideales Mopped. Man kann mit den meisten Wilden mithalten, wenn man sich von Strecken fernhält die 150km/h und mehr vertragen, dort sieht man gegen R1, Balde Gixer und co. kein Land mehr.
Für den Geländefahrer: Auf dem recht ebenem Kalkschotter auf manchen slovenischen Pässen war die VFR erstaunlich gut kontrollierbar. Zum Anbremsen kann man mit der Hinterradbremse dank CBS gefahrlos ein annehmbare Verzögerung erreichen ohne durch ein ausbrechendes Vorderrad gestresst zu werden. Der Gripp der selbst mit Strassenreifen zu erreichen ist hat mich dabei positiv überrascht. Glücklicherweise ist mir dort keine Enduro begegnet;-) Trifft man jedoch auf Wasserrinnen oder fährt gleich auf grobem Schotter, wie z.B. auf der Südseite der Sierra Nevada, fragt man sich spätestens nach ein paar Minuten ob man nicht furchtbar einen an der Waffel hat. Da man natürlich furchtbar einen an der Waffel hat läßt man sich nichts anmerken und fährt weiter, sollte aber ein wachsames Auge auf die Temperaturanzeige werfen. Da die VFR sich im Strassensetup (hart) bockig wie ein frisch gebranntmarkter Bulle aufführt, erreichen nur äußerst schmerzfreihe Naturen Geschwindigkeiten jenseits der 30km/h. Da helfen dann nur kurze Abkühlpausen oder Augen zu und auf der nächsten Graden mal zumindest 40km/h fahren. Was Schlamm angeht, naja, auf Schlamm fährt man mit Strassenreifen eh nur einmal. Wenn man einen hang zum Trial hat kommt man mit jedem Strassenmopped auch auf Schotter recht weit, die VFR ist dort weder besser noch schlechter als andere. Für den Eisenarsch: Morgens aufs Mopped und mal eben 700+km abspulen? Mit Einschränkungen kein Problem. Je nach Größe kann man auch bei höheren Geschwindigkeiten noch aufrecht sitzen. Meine Schmerzgrenze (1.85m) liegt bei etwa 180km/h. Für Höchstgeschwindigkeiten kann man es sich auf dem Tankrucksack bequem machen und seine Ellenbogen auf den Knien aufstützen, paßt prima ist aber auf Dauer zu teuer (Sprit/Reifen). Die Sitzbank ist aber leider für langes stupides Plattsitzen nicht hart genug. Nach ca. 3 Stunden merkt man die ersten Nähte in Unterwäsche oder Lederkombi. Besser fährt man, wenn man Autobahnen meidet und sich eine Route über Landstrassen aussucht. Durch den (leichten) Hang-Off, den man sich auch bei diesem Sporttourer angewöhnen sollte, ist man mehr in Bewegung und bekommt keine unschönen Druckstellen. ;-) Reichweite des 21l Tanks liegt etwa zwischen 200 und 350km.
Für den Urlauber: Für Solofahrer bietet die VFR ein großes Angebot an Verzurrmöglichkeiten. Mein Gepäck besteht maximal aus einem doppelstöckigen Bagster Tankrucksack, Polo Satteltaschen und einer Gepäckrolle. Das sind dann, äh, rechne, naja, zumindest gut über 150l Packvolumen. Hat man sein System dann einmal gefunden ist das ganze Gelumpe in 2-3min aufgerödelt. Worauf man bei der Urlaubsvorbereitung besonders acht geben muß ist die hintere Bremsanlage und die hinteren Bremslichter. Durch das CBS verbrauchen sich die Beläge hinten ähnlich schnell wie vorne und die Bremslichter gibt es nur bei Honda (Dafür hat sind sie aber auch redundant ausgelegt) Für den Stadtfahrer: Den Choke kann man auch bei minus Graden nach 500m reinstellen, Gaswarm ist sie bei mittleren Temperaturen nach 1-2km. Die Übersetzung ist ideal für angeschärftes Spurspringen oder Einschlagszonenflüchten. Im 2. Gang ist man bei 50km/h noch nicht arg laut unterwegs, hat aber schon 5k/min anliegen, bei 70km/h im 3. Gang ebenso. Schaltet man in den 5. und läßt bei 80km/h rollen stehen die Chancen recht gut, das der Beamte in seinem Blitzmobil einen zu spät hört um den Griffel zu zücken.
Für den Schrauber: Die VFR ist verbaut. V-Motor und seitlich liegende Kühler lassen auf einen harten Schrauberalltag schließen. Gerade deswegen macht das Basteln an diesem Mopped so viel Spaß. Die Jungs bei Honda haben sich nämlich viele Gedanken gemacht und einige feine Details eingebaut. Der Luftfilterdeckel besitzt zum Beispiel seitliche Haltenasen, damit man die Befestigungsschrauben nicht in den Tiefen des Motors versengt. Der vordere Ölkühler muß abgeschraubt werden damit man an die Zündkerzen gelangt, also haben die Zu- und Ableitungen eine Art Schanier und er stützt sich nach dem Lösen auf dem Krümmer ab. Der Tank ist klappbar und läßt sich mit dem, qualitativ leider eher schlechtem, Bordwerkzeug "Aufbocken". Die Verkleidung läßt sich mit *einem* Imbus komplett lösen. Leider hat Honda ein paar Plastikverschlüsse verbaut, die angedreckt nicht immer zerstörungsfrei zu lösen sind. Kettenspannen ist dank Einarmschwinge und Excenter so einfach, das man schonmal gerne auf einem Treffen nur mal so nebenbei... Ach, das gehört eher zu "Für den Poser" Der Bremsbelagwechsel ist ohne Ausbau der Backen zu schaffen, für das Lösen der Konterschrauben sollte man einen guten Schraubenzieher mit einer Aufnahme für einen Schlüssel besitzen, da sie ab Werk geklebt sind und gerne abnudeln... Für den Käufer: Gekostet hat sie 98 ca. 20k DM, mit Glück (mein Händler hatte im Dezember 98 noch 3 98er Maschinen) auch für 17,5kDM zu haben. Preisstabilität für ein japanisches Mopped sehr gut. Schwacke Preis für meine werde ich versuchen nachzuliefern.
Mehr Themen fallen mir jetzt nicht mehr ein, Marc
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14.08.2009 02:29
Klasse, das ist mal wirklich mehr als man in den Zeitschriften-Test oder auch den meisten Erfahrungsberichten hier lesen kann!
15.01.2004 11:49
Der Bericht kann was! Muss mir wohl gleich die anderen Berichte von Dir gönnen!!! Kornti
15.01.2004 10:48
Genialer Bericht. Den V4-Sound kenn' ich leider nur vom vorbei fahren. Viele Grüße, Thomas