Wallander: verliebter Bulle mit Stress-Symptomen
18. Apr 2004
Pro:
Sehr spannend, eigentlich fast schon mehr ein Thriller als ein Krimi !
Kontra:
Bei Mankell gibts kein Kontra
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau:
Unterhaltungswert:
Spannung:
mehr
 luckynina
Über sich:
Mitglied seit:05.11.2003
Erfahrungsberichte:66
Vertrauende:19
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 92 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Vorgestern kam endlich das langersehnte Paket mit den Büchern, die ich mir bestellt hatte – und natürlich schnappte ich mir als erstes Wallanders zweiten Fall – „Hunde von Riga“. Da mein Mann ausnahmsweise übers Wochenende auf Geschäftsreise ist, konnte ich gleich loslegen und ungestört schmökern. ° Inhalt
Inmitten einer persönlichen Krise, die Kommissar Wallander gerade durchmacht, muss er sich um einen äußerst seltsamen Mordfall kümmern: zwei tote Männer werden in einem Rettungsboot gefunden, das nach vermutlich mehreren Tagen auf hoher See am Strand von Ystad angeschwemmt wurde. Eines steht fest: die Männer wurden vor dem Tod brutal gefoltert, dann erschossen, und mit dem Rettungsboot ausgesetzt. Umfangreiche Recherchen mit der Hilfe von Interpol ergeben, dass die Männer lettische Ganoven waren, und so reist wenige Tage später Major Liepa aus Lettland an. Obwohl sich die Verständigung nicht ganz einfach gestaltet, da weder Wallander noch Liepa besonders gut englisch sprechen, empfindet Wallander die Zusammenarbeit doch als produktiv und entwickelt gewisse Sympathien für den ständig kettenrauchenden Major aus Riga. Als der Fall schließlich von der lettischen Polizei übernommen werden soll, sind alle in Ystad erleichtert.
Doch einen Tag nach der Abreise Major Liepas erreicht Wallander die dringende
Bitte, nach Riga zu reisen. Major Liepa wurde einen Tag nach seiner Heimkehr ermordet aufgefunden. Wallander findet sich bald in einem Netz aus politischen Intrigen und Korruption wieder. Dass er sich ausgerechnet in die hübsche Witwe Major Liepas verliebt, erweist sich nicht gerade hilfreich für die Aufklärung dieses immer gefährlicher werdenden Falles… ° Autor
Der 1948 geborene Henning Mankell arbeitete als Schriftsteller und Regisseur in Schweden, bis er sich 1972 den Traum erfüllte, Afrika zu bereisen. Seither lebt er zur Häfte in Schweden, zur Hälfte in Mosambik. Die Wallander-Fälle chronologisch: „Mörder ohne Gesicht“, „Hunde von Riga“, „Die weiße Löwin“, „Der Mann, der lächelte“, „Die falsche Fährte“, „Die fünfte Frau“, „Mittsommermond“, „Die Brandmauer“ und „Wallanders erster Fall“ – dieser Band mit Erzählungen schließt die Wallander-Reihe ab. In „Vor dem Frost“ debütiert Wallanders Tochter Linda als Polizeianwärterin. „Die Rückkehr des Tanzlehrers“ wurde erfolgreich verfilmt. Die Romane „Der Chronist der Winde“ und „Die rote Antilope“ spielen in Afrika. Henning Mankell erhielt zahlreiche Preise, unter anderem wurde er als „Autor des Jahres 2002“ ausgezeichnet.
° Meine Meinung In jeder Hinsicht schließt dieser Roman an den ersten Teil, „Mörder ohne Gesicht“ an, daher ist es auf jeden Fall empfehlenswert, die Krimis in der richtigen Reihenfolge zu lesen. Teil zwei der Wallander-Serie hat mir noch besser gefallen als der erste. Er ist düsterer, grauer, brutaler: irgendwie scheint im ganzen Roman nie die Sonne zu scheinen. Vor allem auf den letzten 100 Seiten, wenn es in Riga zum Showdown kommt, ist es eher ein Thriller als ein Krimi.
Der Leser erhält auch hier wieder einen detaillierten Einblick in Wallanders Gedanken und Gefühle. Wie ich in der Inhaltsangabe zu Beginn erwähnte, scheint sich Wallander sowohl physisch als auch psychisch in einer Krise zu befinden. Zum einen hat ihn, was seine Arbeit betrifft, große Unsicherheit befallen, zum anderen wirkt sich der ständige Stress und die Belastung negativ auf seine Gesundheit aus: Zum ersten Mal in seinem Leben erleidet er, was er zunächst für einen Herzanfall hält, sich dann aber als harmlose Stresssymptome herausstellt.
Seine große Unsicherheit, was seine Ermittlungstätigkeiten betrifft, hängt vor allem mit dem Tod seines Kollegen und Mentors Rydberg zusammen, der am Ende von „Mörder ohne Gesicht“ an Krebs stirbt. Wallander fühlt sich unzulänglich und fragt sich daher ständig, wie Rydberg wohl an die Sache herangegangen wäre – ein Charakterzug, der Wallander für mich aufs Neue unheimlich plastisch und sympathisch macht. Ein weiterer Grund, weshalb sich Mankells Krimis von der Masse der abertausenden Krimis am Markt abheben, ist, dass Mankell seine spannende Handlung stets vor einem aktuellen politischen Hintergrund ablaufen lässt. 1992, als der Roman in Schweden erstmals erschien, war die Öffnung des ehemaligen Ostblocks und damit der stets weiterschreitende Verfall des „sowjetischen Reiches“ brandaktuell, und mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs ergaben sich ganz neue kriminaltechnische Probleme, vor allem in den angrenzenden Ländern wie Schweden. Anfang der Neunziger kam es ja im Baltikum zu großen politischen Umwälzungen, was Mankell in diesem Roman thematisiert.
Nie mit erhobenem Zeigefinger oder gar schulmeisterlich, aber doch für den aufmerksamen Leser spürbar bringt Mankell auch im zweiten Teil das zum Ausdruck, was ich für seine innerste Überzeugung und sein größtes Anliegen halte: dass die Menschen jeder Nationalität, Rasse und Volkszugehörigkeit mehr Respekt, Toleranz und Verständnis füreinander entwickeln. Übrigens gibt es für alle Wallander- und Mankellfans auch einige deutschsprachige Websites mit News über Bücher und Filme, Foren, Quiz, virtuellem Rundgang durch Ystad usw.
www.mankell.de www.wallander.ch www.wallander-web.de ° Fazit
Ein gewöhnlicher Krimi? Auf keinen Fall. Aber doch mit allem ausgestattet, was ein spannender, unterhaltsamer Krimi braucht!
Erschienen ua. bei dtv. ISBN 3423202947 350 Seiten Gesehen bei amazon um € 9,50 Ein weiterer Buchbericht im Rahmen des Bücherfrühlings 2004…
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04.12.2005 09:31
Ein wirklich sehr schöner Bericht von dir!!!
13.07.2004 15:42
Grummel ... als ich gestern Abend (oder war es heute früh?) die Hunde von Riga aus der Hand legte freute ich mich schon drauf, darüber einen Bericht zu schreiben. Nun sehe ich, daß es schon 49 gibt :-( und werde nicht noch einen 50. dazustellen. Im Prinzip teile ich Deine Ansichten. Insbesondere nicht nur was den Hintergrund betrifft sondern auch Mankells (nicht die von Wallander) sondern auch seine Recherchen. Denn als Ossi, der nahe einer russischen Garnison in der DDR aufgewachsen ist, kann ich mich recht gut reinversetzen. Weniger glaubwürdig ist für mich allerdings seine problemlose Verständigung. Normalerweise tät ich drüber wegsehen, aber Mankell läßt seinen Protagonisten an verschiedenen Stellen selbst drauf anspielen. Weniger gefiel mir auch Walanders erster Besuch in Riga, ich fand das recht wenig spannend und einiges auch dramaturgisch nicht ganz okay. Der erste Besuch, den er im Hotelzimmer von Vera (?) erhielt, war mehr als unglaubwürdig. Finde ich jedenfalls. Alles in allem aber ein Buch, das ich gerne gelesen habe. Wenn auch in der verkehrten Reihenfolge. Weiße Löwin, dann Brandmauer, dann die Hunde und als nächstes???? LG - Scigy
30.04.2004 19:11
Deine Berichte zu Lesen ist ein Genuss. Gruss Dieter