Hutschenreuther Alfabia

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Requiem für Alfabia

5  17.01.2005

Pro:
Wunderschön und sehr praktisch

Kontra:
aussterbende Art

Empfehlenswert: Ja 

dahmane

Über sich: "Viele Opfer wurden nach ersten Angaben von Ärzten totgetrampelt." Kölner Stadt-Anzeiger ...

Mitglied seit:07.03.2000

Erfahrungsberichte:679

Vertrauende:146

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 54 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet


I. Introitus

Da geht es hin, nicht unbeweint, aber wohl unwiderruflich. In diesen Tagen wird es in den Kaufhäusern ausverkauft und in den Fachgeschäften: sic transit gloria mundi. Ich lege „The Shadow of the Duke“ von John Harle auf und greife zur Feder, metaphorisch gesprochen, um alle meine Leser an die dahingegangene Alfabia* zu erinnern.

[Caravan – (6:21]


II. Kyrie

Nun ist ein bestimmtes Porzellan nicht für die Unsterblichkeit bestimmt, es sei denn auf solche Weise, wie der vorzügliche Clive Staples Lewis es einmal beschrieben hat, indem es nämlich uns, Dich und mich, erfreut und erheitert und solcherart uns verändert, denn wir bleiben ewig. Die beste Art, ihm Unsterblichkeit zu schenken, wäre also, es zu kaufen und zu genießen. Für dieses hier, wollte ich sagen, lohnt es sich allemal.
Wenige Dinge sind unumgänglich. Auch Porzellan muß sterben, wie wir. Niemand weiß, wie jung eine Tasse umkommt, wie alt ein Unterteller wird; manche werden weit vor der Zeit auseinander- und von uns gerissen. Aber wir können uns über ihre Seelen erbarmen, die bleiben, solange wir uns an sie erinnern, sollte auch der Dessertteller schon lange auf einer stinkenden Halde liegen.

[Sucrier Velours – (4:47)]

Es ist sonderbar, denke ich manchmal, daß so ein blödes Porzellan wirklich unser Leben so sehr bereichern kann; aber hat nicht Oscar Wilde, als er noch in Oxford studierte, einmal bekannt, „that he finds it difficult to live up to the level of his blue china“? Ja, das hat er, und er hat es auch später nicht geschafft, auf dem Niveau seines Porzellans zu leben. Möge das wenigstens uns vergönnt sein.

[The Mooche – (5:52)]


III. Graduale

Es steht also gerade jetzt in den unscheinbaren Ecken der seriösen Geschäfte – einer Art von Limbo womöglich – oder in den kreischenden Auslagen der weniger seriösen; so oder so ist es eine Schmach. Wir aber, die wir die edle Herkunft auch noch unter Lumpen und Kohleruß erkennen, sollten zugreifen, solange es noch geht, und den gar nicht so vereinzelten Tassen und Tellerchen und Milchkännchen ewige Ruhe geben. Bei uns. Billiger wird es nicht, also, um der Wahrheit zu geben, preiswerter.

[Sultry Sunset – (4:20)]


IV. Tractus

Hören wir den Nachruf der Leute, die dieses Porzellan schon seit Jahren mit Freude benutzen:

MEDLEY ALFABIA ist ein Geschirr in Grün, Orange und Gelb. "Die alten malerischen Gärten von Alfabia mit ihren Zitronen-, Feigen- und Mandelbäumen geben diesem neuen Medley-Programm ihren Namen", schreibt Hutschenreuther und lenkt damit unsere Gedanken gleich auf das Mittelmeer, seinen besonderen Sonnenglanz, die Heiterkeit seines Himmels und die unendliche Tiefe der Sterne in seinen Nächten. Es gibt drei Muster, die sich (darum "Medley") beliebig kombinieren lassen: ein saftig dunkelgelber Rand (wie ein feiner Kompott aus Aprikosen) ["Tierra"], ein samtig mittelgrüner Rand (wie Moos und Farne in der Mittagssonne) ["Verde"], ein weißer Rand, auf dem ein stilisierter grüner Zweig mit Mandeln oder Zitronen und Mandel- oder Zitronenblüten umläuft [Finca]; allen gemeinsam ist eine geflochtene Brodüre in Gelb und dunklerem Grün. (Dieses Dekor hat der Künstler Rudolf Pastor entworfen.)
Das Geschirr ist schwungvoll, heiter und ein wenig gemütlich gerundet, und es strahlt - so merkwürdig das in diesem Zusammenhang auch anmuten mag - eine warme Zuwendung aus, die uns sofort gefangen nimmt.
Das mag daran liegen, daß es so perfekt unseren natürlichen Bedürfnissen zu entsprechen scheint: endlich einmal ordentlich große Kaffeetassen, an denen man sich richtig die Hände wärmen kann, mit anständigen Henkeln, die sich sicher um unsere Finger schmiegen, in großen Untertellern mit hinreichender Tiefe (Sie müssen das einfach gesehen haben, um es glauben zu können: in diese herrlichen Untertassen paßt bestimmt nochmal eine ganze Tasse Kaffee hinein!), oder die wunderbare Suppenterrine, aus der man am liebsten gleich behaglich die Gemüsesuppe mit Scampi löffeln möchte, oder die unvergleichlich geschwungene Salatschüssel mit dem anheimelnden gelben Rand an der Außenseite und dem Mandelmuster innen, vor dem sich gelber Paprika, Lauch, Wintersalat und Schafskäse so appetitlich abheben, dazu die aggressive Sauciere für das Dressing...
Und dazu gibt es feste Rotwein- und Weißweingläser (ohne Stiel) und ein anständig geräumiges Wasserglas und natürlich eine große Karaffe - und überhaupt alles, was wir brauchen könnten, um uns eine ganz eigene Welt zu schaffen, eine Oase, nein, ein Universum abgeschiedener Behaglichkeit.“
Soweit ein unverdächtiger Zeuge.

[Minnihaha – (4:25)]

Ohne jeden Zweifel hat schon die Form der Tassen und der Teller und alles, was davon abgeleitet ist, etwas behaglich Mediterranes, aber dann doch weder die zärtliche Eleganz unbefangener schlanker Schönheit noch die mütterliche Zuwendung, die wir angesichts der Formen vielleicht erwarten können. Sie sind auch kein bißchen verspielt.
Eher ist es eine seltene Verbindung von Grandezza, wie sie sich in Tomasi di Lampedusas einzigem Roman mit dem unübersetzbaren Titel „Il Gattopardo“ ausdrückt (ironische Melancholie vom Feinsten), und sinnenfroher Gelassenheit, die das ganze Leben und die ganze Welt als etwas Weibliches begreift wie Corelli seine Mandoline.

[Isfahan – (6:34)]


V. Sequenz – Dies irae

Ein gutes Porzellan ist eine strenge Erzieherin. Nehmen wir nur das wunderschöne Porzellan mit dem weißen Rand – ja, ich werde unten ein paar besonders gelungene Bilder liefern – und stellen uns die richtige Tischdecke dazu vor, und Plastikmöbel wären eigentlich auch zu profan. Wenigstens ein schlichter Holztisch sollte es sein, Stühle aus Holz vielleicht, oder wir essen gleich im Bett, wo das keinen interessiert, wo die Sonne zum Fenster hineinscheint…
Wir wissen nicht genau, was eher zu Staub zerfällt, unsere alte Welt, die nicht auf dem Niveau dieses vorzüglichen Porzellans lebte, oder das Porzellan selbst. Wer es kauft, wird sich auf Veränderungen einstellen müssen.

[Sonnet for Caesar – (4:34) – Das schönste Stück auf der CD]


VI. Offertorium

„Stellen Sie sich das alles vor in einem ruhigen, sonnendurchfluteten Zimmer mit Parkett- oder Steinfußboden, die Möbel sind aus Olivenholz oder dunklem Nußbaum oder verwitterter Kirsche oder aus dunklem Ahorn; Sie haben nur die kleine Mitteldecke aufgelegt, mit dem passenden Muster, die auch zu kaufen gibt. Die Fenster sind geöffnet, von draußen strömt der Duft von Sommergras herein, ein wenig salzige Meeresluft, das Zwitschern ferner Vögel, die einen heiteren Kontrapunkt bilden zu der somnabulen Musik von Keith Jarrett ("The Melody at Night, With You") oder zu dem unglaublichen Klaviertrio von Maurice Ravel. Auf dem Tisch steht eine Flasche Brunello, weil Sie alle Zeit der Welt haben (oder ein nicht zu junger Chianti, wenn Sie sich weniger Zeit nehmen möchten), Salat, frisches duftendes Brot...
Und Sie blicken Ihrer Liebsten, Ihrem Liebsten in das heitere offene Gesicht und spüren das Verlangen, mal eben, einfach so, ihre, seine Wange zu streicheln...
Das ist doch gesundes Essen, oder?“

[Star-crossed Lovers – (3:55)]


VII. Sanctus

Das Porzellan ist aber zum Glück ziemlich robust. Es hat bei uns etliche Jahre gehalten inzwischen, und das in einem kinderreichen Haushalt. Andererseits bleibt es etwas Besonderes, daraus zu trinken und darauf zu essen. Das machen wir nicht alle Tage.
Zum Frühstück im Arbeitszimmer, das nach Osten und Süden sieht, abends spät im Sommer auf dem großen Balkon, nach Westen, während oben, hoch über uns, die Düsenjäger kryptische Zeichen auf den Himmel malen, die von der untergehenden Sonne von unten angestrahlt werden und unvermittelt tiefgolden aufleuchten unter einem schnell in Dunkle sich verwandelnde Blau; oder wir packen es in den Jaguar und fahren einfach irgendwo hin, zu zweit, in den Wald, auf eine Wiese, für ein improvisiertes Picknick…

[In A Mellotone – (5:14)]


VIII Agnus Dei

Das Wüten der Spülmaschine übersteht es gut, es trocknet leicht, es sieht überhaupt nicht empfindlich aus. Gar nicht wie die feinste Scherbe eines distinguierten China Bone. Die Oberfläche wirkt manchmal ein klein wenig wellig, eine Andeutung nur. Aber es ist, wie es in der Bibel heißt, „eines Menschen Maß, das ist des Engels“.¹
Auf das Niveau eines solchen Porzellans, wenigstens, uns zu erheben sollten wir uns die Freude machen.
Finde ich.

[The Shadow of the Duke – (4:59)]


* Alfabia liegt auf Mallorca

¹ Offenbarung, Kap. 21. Vers 18 (die Beschreibung der himmlischen Stadt)

Preisliste ohne aktuelle Nachlässe

http://www.rautmann.de/php_scripts/english/choice.php?cat=Hutschenreuther&sub_cat=Alfabia&t=t_gruppe

Bilder von Hutschenreuther Alfabia
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Lily

Lily

19.01.2007 20:17

Trotzdem ist mir, als hätte ich kürzlich das Design erst wieder gesehen......

Lily

Lily

15.03.2005 14:49

Auch das soll es bald nicht mehr geben? Welch ein Jammer......

utophilea

utophilea

23.01.2005 11:05

alfa-männchen, alfa-tia, alfa-bia? okeh, auf malle.

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