Erfahrungsbericht über "Ibanez AEG10"

veröffentlicht 04.10.2005 | Almstedt
Mitglied seit : 12.07.2004
Erfahrungsberichte : 81
Vertrauende : 1
Über sich :
Sehr gut
Pro Hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis, schöne Optik
Kontra Im Detail leichte Verarbeitungsmängel
sehr hilfreich
Klangqualität:
Verarbeitung
Design
Bedienkomfort:
Zuverlässigkeit

"Schicke Stage-Konzertgitarre für wenig Geld"

Heute möchte ich allen interessierten Gitarristen eine meiner "elektrifizierten" Konzertgitarren, genauer gesagt meine Ibanez AEG10NGB-BK-14-01 vorstellen.

Irgendwie verstehe ich die Japaner genauso wenig wie Ciao - die ersteren, weil sie so wunderschönen Gitarren so technisch-nüchterne Namen geben (anstatt diese Gitarre zum Beispiel "Black Rose" oder "Dark Mystery" zu nennen) und Ciao, weil sie trotz funktionierender Links immer wieder die Produkt-Bilder des Herstellers NICHT in der Produktbeschreibung zeigen und bis heute auch keine Funktion eingebaut haben, solche Thumbnails selber einzubauen.... *seufz*

Für alle Interessierten werde ich also ein paar Fotos meiner Gitarre anhängen, damit sich jeder selber ein Bild machen kann...

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Los geht's: ;o)
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Jedes Jahr im Herbst findet zwischen der holländischen Grenze und Osnabrück eine Feier der besonderen Art statt - die jährliche Musikmesse von Musik Produktiv, einem der größten Musikhäuser in Europa. Die norddeutsche Tiefebene neben der Autobahn nach Amsterdam verwandelt sich dann in einen riesigen internationalen Parkplatz und Tausende von Musikfans laben sich an den neuesten Verlockungen der Musikindustrie, extrem preiswerten Snacks und Getränken und kostenlosen Konzerten internationaler Top-Acts.
Ratet mal, wo ich an so einem Wochenende im November zu finden bin??? ;o)

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Vorgeschichte:
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An diesem diesigen Sonntag im November 2002 befand auch ich mich also wieder auf diesem Volksfest, um mir meinen ersten E-Bass zuzulegen. Als ich über den Ibanez Stand streifte, erspähten meine Augen allerdings etwas anderes - eine noble, schwarze Elektro-Akustikgitarre, deren hochglänzender Klavierlack meine Augen betörte. Eine nähere Inspektion förderte neben dem noblen Finish mit Abalone-Einlagen um das Schalloch und mehrstreifigen Bindings an der Vorder- und Rückseite des Korpus einen hochwertigen Fishman Sonicore Piezo-Pickup und einen Ibanez AEQ SS PreAmp zu Tage.
Leider gestaltete sich das akustische Antesten der Gitarre in dem dort herrschenden Lärm als aussichtsloses Unterfangen. Glücklicherweise hatten die Mannen von Ibanez aber auch einen Akustik-Verstärker an Bord und schnell konnte ich der Gitarre zumindest elektrisch verstärkt auf den Zahn fühlen. Das Ergebnis bezauberte anscheinend nicht nur mich, denn binnen Minuten bildete sich eine Menschentraube um die Gitarre und mich.... Örrrgs, das war soooo nicht geplant! So gut wie die Gitarre elektrisch verstärkt klang, konnte sie akustisch nicht wirklich schlecht sein!
Also stellte ich die übliche zaghafte Frage nach dem Preis und litt wohl schon unter fortgeschrittenem Tinitus aber auch die Wiederholung der Antwort klang nach 349€ inklusive Gigbag (Transport-Tasche für Gitarren). Ich zahlte und verschwand blitzartig, bevor es sich jemand mit dem Preis noch einmal anders überlegte.

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Bauweise:
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Die Gitarre ist eher klein und zierlich gebaut, der Korpus ist nicht nur weniger ausladend, sondern vor allem weniger tief als bei einer klassischen Konzertgitarre. An der tiefsten Stelle mißt er gerade mal knappe 9cm. Durch diese kompakte Bauweise werden Feedbacks, wie sie bei hoher Bühnenlautstärke schnell entstehen, wirkungsvoll unterbunden. Zusammen mit dem erst am 14 Bund (normalerweise am 12 Bund) in den Korpus eingeleimten Hals und dem tiefen Cutaway ermöglicht die Gitarre sowohl im sitzen wie auch im stehen eine hervorragende Bespielbarkeit. Der recht schmale (46mm am Sattel und 52mm am 12. Bund) und flache Hals erleichtert vor allem E-Gitarristen den fließenden Übergang auf diese Gitarre.

Geübte Klassik-Gitarristen werden mit dieser Gitarre wohl eher weniger glücklich. Zu leicht bricht man sich auf dem ungewohnt "filigranen" Hals mit großen austrainierten Händen bei komplizierteren Fingersätzen die selbigen... ;o)

Der Korpus besteht aus Mahagoni, die Decke aus (gesperrter) Fichte - ein aus massiven Hölzern gebautes Instrument ist zu diesem Preis offensichtlich nicht einmal in China zu bauen! Der Hals besteht ebenfalls aus Mahagoni, das Griffbrett aus leider recht grobporigem Palisander. Die Bünde sind super hochglanzpoliert und sehr sauber eingesetzt. Die klassischen Mechaniken sind vergoldet und mit feinen Intarsien ziseliert - sehr schön.

Der Nachteil der kompakten Bauweise tritt im rein akustischen Betrieb überdeutlich zu Tage, überrascht aber nicht wirklich. Verglichen mit einer "echten" Konzertgitarre sind Dynamik und Lautstärke doch recht eingeschränkt und auch in den hohen Lagen gespielte Töne stumpfen rein akustisch doch schnell ab. Verglichen mit den unzähligen unverstärkten Einsteigerinstrumenten für nicht weniger Geld schlägt sich die kleine AEG10N aber überaus tapfer! Immerhin klingt sie weder nach Zigarrenkiste noch unterschlägt sie wichtige Frequenzbereiche, selbst der Bass kommt überraschend gut hörbar und konturiert aus dem zierlichen Korpus.

Das Bild einer guten Gitarre unter vielen ändert sich aber im verstärkten Betrieb umgehend. Der hochwertige Fishman Sonicore Piezo-Pickup macht seinen Job hervorragend, perfekt unterstützt vom Ibanez AEQ SS PreAmp, einer Eigenentwicklung von Ibanez, die ohrenscheinlich perfekt auf den Piezo-Pickup von Fishman abgestimmt wurde, einem der weltweit größten, erfahrensten und angesehensten Pickup-Hersteller für akustische Instrumente aller Art.
Ein besonderer Clou neben der Phase-Shift Taste, die eventuellen Feedback Resten sehr effizient den Garaus macht, ist der "Shape" Regler. Eine Art "Loudness" Funktion, die eine stufenlose Definition der Frequenzgangkurve ermöglicht. Ansonsten sind wie gewohnt Bass, Mitten, Höhen und die Lautstärke per leichtgängiger und präzise agierender Schiebe- und Drehregler "al Gusto" einstellbar.
Mit der in einem kleinen Kästchen untergebrachten 9V-Blockzelle als Stromversorgung geht der PreAmp überaus sparsam um. Bei mir hält eine Batterie locker ein halbes Jahr durch, auch wenn die Gitarre auch heute noch recht häufig in die Pflicht genommen wird...

Die tradionell gebauten offenen Mechaniken sind überraschend stimmstabil und überstehen auch längere Einsätze ohne permanenten Zwang zum Nachstimmen. Irgendwie deuteten die spielfrei montierten, aufwendig ziselierten und vergoldeten Mechaniken bereits eine hohe Qualität an, irrgendwie wollte ich das über lange Zeit einer Gitarre dieser Preisklasse aber nicht richtig glauben...

Die Gitarre ist in sehr ähnlicher Bauweise auch mit Stahlsaiten erhältlich und erinnert dann ein wenig an die überaus erfolgreiche Yamaha APX Serie - ohne leider deren Souveranität letztlich ganz zu erreichen. Anscheinend harmoniert der Ibanez PreAmp mit NylonSaiten besser als mit Stahlsaiten, die klangen jedenfalls immer deutlich nach Piezo und eher harsch...
Dafür hat Yamaha Probleme mit Nylonsaiten, die klangen zum Beispiel auf einer APX-5N eher dumpf und wenig dynamisch.

Für diejenigen Gitarristen, die überwiegend rein akustisch spielen und eine höhere Lautstärke und Dynamik der Feedback-Festigkeit vorziehen, gibt es diese Gitarren auch als AEL Version mit einem tieferen Korpus, der rein akustisch gespielt noch einmal deutlich einen drauflegt, allerdings im elektrischen Betrieb nicht ganz so ausgewogen klingt. Hier drängeln sich dann doch etwas die tiefen Mitten ins Klangbild, die auf Grund der festen Regelcharakteristik des Mittenreglers leider auch nicht hinreichend beherrscht werden können, wenn nicht das Klangbild durch den Shape-Regler insgesamt etwas ausgedünnt wird.

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Technische Daten:
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Korpus: Mahagoni
Decke: Fichte (gesperrt)
Hals: Mahagoni
Griffbrett: Palisander (Rosewood)
Brücke: Palisander (Rosewood)
Sattel und Steg: Ivorex II (sehr hartes und selbstschmierender Kunststoff)
Pickup: Fishman Sonicore
PreAmp: Ibanez AEQ SS
Sonstige: Abalone Inlays um das Schalloch, mehrlage Bindings, vergoldete Mechaniken


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Klang:
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Die Gitarre klingt akustisch zwar vergleichsweise leise - was Nachts durchaus angenehm sein kann, weil die Nachbarn nicht permanent neben dem Takt an die Wände klopfen! ;o) Trotzdem klingt sie bis zur 12 Lage durchaus ausgewogen, sehr weich und rund und hat trotzdem einen sehr lang ausklingenden und gut formbaren Ton. Erst in höheren Lagen, bei hoher Lautstärke oder bei Flageolet-Tönen wird der Unterschied zu hochwertigen Konzertgitarren dann überdeutlich. Trotzdem klingt die Gitarre für ihre Größe überraschend erwachsen und angenehm und so gar nicht nach billiger Sperrholz-Gitarre wie so viele andere in dieser Preisklasse.
Elektrisch gespielt fordert die Ibanez AEG10N auch viel teurere Konkurrenten erfolgreich heraus und schlägt sich mehr als achtbar. Die Abstimmung von Pickup und PreAmp ist so gut gelungen, dass der eingebaute Equalizer eigentlich unnötig ist. Wenn überhaupt, genügten mir meist minimale Korrekturen, um den Sound weiter zu perfektionieren - egal ob am Mischpult, am Akustik-Amp oder direkt in die Soundkarte.
Von den leichten akustischen Defiziten ist am Verstärker nichts mehr zu hören, hier kommen auch die Obertöne strahlend herüber und das Sustain ist durchaus beachtlich.
Die gesperrte Deckenbauweise macht die Gitarre auch bei hohen Lautstärken überraschend Feedback-resistent. Sollte es unmittelbar vor einem Verstärker doch einmal zu einer Rückkopplung kommen, hilft ein rascher Druck auf die Phase Taste um das Unheil abzuwürgen. Toll!

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Fazit:
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Die Ibanez AEG10NGB sieht vorzüglich und erheblich teurer aus, als sie letztlich ist und auch akustisch macht sie auf der Bühne und im Studio eine gute Figur. Ich habe diese Gitarre seit 2002 im Einsatz und bisher noch keine ernsthafte Macken erkennen können. Im zweiten (sehr kalten) Winter schrumpfte in der trockenen Heizungsluft der Hals etwas und die Bünde ragten nicht nur ein wenig aus dem Griffbrett heraus (aua!), sondern auch die Saitenlage veränderte sich und die Gitarre fing an bei kräftigem Anschlag zu schnarren...
Nachdem ich ein paar weitere Luftbefeuchter aufgestellt hatte und die Gitarre zeitweise im Koffer aufbewahrte, besserte sich dieser Zustand aber schnell wieder und der Gang zum Gitarrendoktor blieb mir erspart.
Nachdem ich einige Zeit mit verschiedenen Saiten experimentiert hatte (unter anderem mit Savarez), verwende ich jetzt seit zwei Jahren nur noch "D'Addario Pro Arte EJ46 Hard Tension" Saiten, die die speziellen klanglichen Einschränkungen der Gitarre sehr gut kompensieren und ein überaus gleichmäßiges Spielgefühl bescheren.

Inzwischen wird die Gitarre in der von mir beschriebenen Bauweise nicht mehr gebaut. Die aktuelle Version enthält einen neuen SST PreAmp mit eingebautem Tuner, verfügt über einen zusätzlichen professionellen XLR-Ausgang und ist nur noch in einer Natur-Lackierung erhältlich - die trotzdem nach wie vor sehr edel aussieht!

Die Gitarre besticht trotz leichter Verarbeitungsmängel - die man aber wirklich nur bei Licht bemerkt und wenn man danach sucht - durch ihre optischen und akustischen Reize. Auch wenn ich mich heutzutage nicht mehr unbedingt nach Gitarren in dieser Preisklasse umschauen würde, kann ich diese Gitarre als ideale Gitarre für Einsteiger und E-Gitarristen, die auch mal ein schmachtendes Latino-Solo loslassen möchten, nur wärmstens empfehlen. Gegenanzeigen gibt es keine und deshalb erhält die Gitarre von mir auch preisklassenbezogene 5 Sterne.

ACHTUNG:
Diese Gitarre kostet nur ca. 350€ und trotz dieses positiven Berichtes und des unbestritten hervorragenden Preis-Leistungs-Verhältnisses ist diese Gitarre KEIN "State-of-the-Art" Modell - das wäre dann doch zu schön um wahr zu sein.
Logischerweise legen richtig teure Gitarren da immer noch ein paar Kohlen drauf ( wenn man denn mal ein gut gebautes Exemplar erwischt) und ich selber habe letzten Herbst auch noch einmal gut doppelt so viel Geld auf den Tisch gelegt, um mir eine klanglich doch noch deutlich hochwertigere (vor allem flexiblere) Yamaha CGX-171 zuzulegen, auch wenn die optisch lange nicht so viel hermacht und bei hohen Lautstärken schwieriger zu beherrschen ist...

Danke mal wieder an alle, die bis hierhin durchgehalten haben. Wer immer noch nicht genug hat und mehr über die Firma Ibanez erfahren möchte, dem sein mein Bericht über die Ibanez Artcore 105N ans Herz gelegt. Dem Rest der Leser wünsche ich eine angenehme Nacht und einen guten Tag. Ciao, Bernd

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht

  • momo0204 veröffentlicht 13.03.2006
    hmmmm, da freut man sich riesig, so etwas lesen zu können! Vor allem, wenn man selber so eine Gitarre hat.... Naja fast, ich habe die AEG10E-VS. Wirklich super geschrieben. Schau doch auch mal bitte in dein priv. Gästebuch, hab da 'nen paar Fragen... LG momo0204
  • karinD1972 veröffentlicht 26.02.2006
    klasse bericht
  • MusikerFranky veröffentlicht 09.11.2005
    Hallo! 2 Dinge: 1. Bilder kannst du an Ciao senden. Die größe darf maximal 200 x 200 Pixel groß sein und ich glaube 15 kb nicht übersteigen. Das Format sollte *.jpg sein. Dazu genügt eine E-Mail an info2@ciao.com mit Angabe der Artikeldomain. 2. Dein Bericht ist wirklich gut! Sehr informativ. Doch meines Erachtens ist deine Einleitung zu lang. Jemand der auf der Suche nach einer Gitarre ist und verschiedene Berichte liest, wird sehr schnell genervt sein, wenn er erstmal 3, 4 Minuten irgendwas lesen muss, was nicht wirklich etwas für seine Kaufentscheidung beitragen kann. Daher solltest du drauf achten, dass gerade bei Artikeln wie Autos, Musikinstrumente oder andere vergleichbare Sachen, wo man mehrere verschiedene Modelle ansehen sollte, die Einleitung nicht allzu lange wird. Da genügt oft einfach nur die Information wo du das Instrument her hast und was dich dazu bewegt hat, es gerade dort zu kaufen (z.B.)... Mich z.B. würde es nerven, wenn ich mir 15 Berichte über verschiedene Instrumente durchlese und jedes mal etwa 3 - 5 Minuten brauche um die Einleitung durchzulesen... Das verleitet mich oft zu scrollen um zu den eigentlichen Fakten zu kommen. Dabei habe ich immer Angst etwas wichtiges zu überlesen, weil manche mitten in der Einleitung schon etwas schreiben, was für mich bedeutend ist... Dann scrolle ich zurück und lese es mir doch durch :-/ Ansonsten wirklich gut! Liebe Grüße. Franky.
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Produktdaten : Ibanez AEG10

Produktbeschreibung des Herstellers

Westerngitarre, Konzertgitarre - 6 saitig

Haupteigenschaften

Saitenanzahl: 6 saitig

Gitarrentyp: Westerngitarre, Konzertgitarre

Hersteller: Ibanez

Cutaway: Cutaway

Ciao

Auf Ciao gelistet seit: 04/10/2005