Erfahrungsbericht über "Ibanez S2170FW Prestige"

veröffentlicht 14.06.2006 | Almstedt
Mitglied seit : 12.07.2004
Erfahrungsberichte : 81
Vertrauende : 1
Über sich :
Gut
Pro Bespielbarkeit, Aussehen, Tremolo, Ergonomie
Kontra Eingeschränktes Sustain, keine perfekte Verarbeitung
sehr hilfreich
Klangqualität:
Verarbeitung
Design
Bedienkomfort:
Zuverlässigkeit

"Eine Diva, aber keine Ehefrau... (Update)"

Gitarre im Koffer

Gitarre im Koffer

Tach mal wieder zu einem meiner Berichte für Außenseiter, Sonderlinge und Freaks... - es geht mal wieder um eins meiner unzähligen Musikinstrumente, genauer gesagt um eine meiner inzwischen 14 Gitarren...

Jetzt mag mancher auf die Überschrift schielen und sich fragen, was der bekloppte Almstedt denn jetzt schon wieder sagen will, aber im Laufe meines Berichtes sollte auch die Überschrift klarer werden - als bitte ich mal wieder um (viel) Geduld!

Ach ja... - noch eine wichtige Information! Ich gehöre NICHT zur Fraktion der "ist gut weil mein" Berichterstatter... Im Gegenteil, je länger ich hier auf CIAO verweile und je mehr ich über eine bestimmte Produktkategorie zu sagen habe, desto kritischer werde ich. Meine Bewertung dieser Gitarre mit 3 Sternen ist also nicht ansatzweise vergleichbar mit den hier üblichen 5 Sterne Bewertungen und sollte niemanden abschrecken - eher im Gegenteil dazu einladen sich mit meiner durchaus kritischen Betrachtung auseinander zu setzen...

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Wieso noch eine Gitarre??!!
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Manch normaler Zeitgenosse bekommt schon den "horizontalen Parkinson" (seitlicher Kopfschüttler), wenn er mein Gefilde betritt und dort ein gutes Dutzend Gitarren, 2 Bässe und diverse andere Musikinstrumente vorfindet (neben zwei großzügigst bemessenen Stereoanlagen...). Aber was soll's, jedem Tierchen sein "Pläsierchen"...

In der Tat kann mein großzügig bemessener Gitarrenfuhrpark inzwischen 90% aller gängigen Gitarrensounds mehr recht als schlecht abdecken, trotzdem aber bleiben noch zu schließende Lücken im Klang (vor allem bei 12-String und Gretsch-Sounds) und auch visuell gibt es für den Gitarrenliebhaber Momente, da wünscht man sich einen deutlich niedrigeren Hormon-Spiegel...

Eigentlich kennt die Situation fast jeder (Männlein und Weiblein)... - da geht ein Pärchen glücklich daher und plötzlich kreuzt eine langbeinige, freizügig gewandete und löwenmähnige Schönheit den Weg... Man(n) kann gar nicht anders als Stielaugen und Schluckbeschwerden zu bekommen, der normalen Sprachfähigkeit kurzfristig abhanden zu kommen und "sabbernd" einem Pawlow'schen Reflex zu folgen - auch wenn die Beste aller Ehefrauen natürlich postwendend mit ein paar gut gemeinten Nierenhaken auf den pubertären Anfall aufmerksam macht... ;o)))

Ähnlich ging es mir mit dieser Gitarre... - gerade noch hatte ich einen gut gemeinten aber wenig engagierten Bericht im Fachmagazin "Gitarre&Bass" goutiert und bin dann am Samstag darauf postwendend im Gitarrenladen meines Vertrauens über diese Gitarre - nee, nicht nur gestolpert, sondern voll an die Wand gelaufen!
Diese Gitarre sieht nicht nur einfach traumgeil aus - sowas schönes auf Erden ist eigentlich völlig unirdisch. Die mattlackierte Pappeldecke schimmert und lockt wie eine Waldelfe, das ZR-Tremolo (ZeroResistanceTremolo) in brüniertem Matt-Metall erinnert an einen futuristischen Geschützturm aus einer StarWars-Episode, der schlanke und leichte Mahagoni-Korpus erscheint nahezu schwerelos und der flache 5-teilige Wizard II Hals ermöglicht nahezu widerstandslos die irrwitzigste Saitenakrobatik.

Es kam, wie es kommen mußte .. - ich verließ mit Überschallgeschwindigkeit den Gitarrenladen, schaffte es mit letzter Konzentration trotz meiner zitternden Finger die EC-Karte in den Schlitz des Geldautomaten einzuführen, das noch zum Kauf fehlende Bargeld zu entnehmen und raste auf dem Rückweg fast durch die noch geschlossene Tür des Musikladens- nur um festzustellen, dass irgendein Wahnsinniger noch schneller war als ich!

Danach vergingen sechs sehr lange Tage in denen ich mich dafür verfluchte das ich nicht rauche oder wenigstens Fingernägel kaue, bevor die neu bestellte Gitarre zum Angebotspreis von 1300€ dann endlich eintraf...

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Wer ist Ibanez:
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Wenn man es genau nimmt, geht die Geschichte von Ibanez in die ersten Jahre des 20sten Jahrhunderts zurück, als ein gewisser Hoshino Gakki 1908 in Nagoya begann, spanische Gitarren nach Japan zu importieren. Wenn man es nicht ganz so genau nimmt, entstand der Name Ibanez in den 60er Jahren, als Hoshino Gakki den Namen einer kleinen spanischen Firma namens "Ibanez" kaufte und alle seine inzwischen teilweise in Japan selbst gebauten Gitarren unter diesem Namen zu vertreiben begann.
Für die meisten Gitarrenfans begann die Geschichte aber Mitte der 70er, als Hoshino Gakki in Philadelphia seine US-Niederlassung gründete, um die steigende Nachfrage nach den preiswerten, aber hervorragend verarbeiteten Ibanez-Gitarren in den USA besser unterstützen zu können.
Damals kopierte Ibanez fast alle Gitarren, die es seinerzeit in den USA überhaupt gab, die meisten davon viel günstiger als die amerikanischen Originale und viele davon sogar deutlich besser!
In den 80er Jahren begann dann ein richtiger Ibanez Boom: Ibanez - inzwischen selbstbewußt geworden - baute erfolgreich neue eigene Gitarrendesigns und erwarb das Vertrauen unzähliger Top-Gitarristen, die vom besseren Klang, der besseren Verarbeitung und der höheren Zuverlässigkeit gegenüber Fender, Gibson, Martin und Epiphone einfach bekehrt wurden.
Zu den Anhängern der Ibanez-Serien zählten und zählen viele besonders kritische und hervorragende Gitarristen wie Steve Vai, George Benson, Pat Metheny, John Scofield, Joe Satriani, Paul Gilbert aber auch Ausnahmekünstler wie Joni Mitchell.
Damals wurden alle Gitarren in Japan gebaut, inzwischen baut Ibanez überall auf der Welt Gitarren in unterschiedlichen Preislagen, u.a. die Artist Serie immer noch in Japan, Mid-Price Serien in Korea und sogar in Osteuropa und seit ein paar Jahren die Budget-Gitarren in China. Natürlich entwickelt Ibanez auch erfolgreich Bässe, Effektgeräte (TS-808 TubeScreamer(!), Verstärker, und und und aber das lassen wir hier mal außen vor...
Inzwischen habe ich in meinem Wohnzimmer 6 Ibanez Gitarren versammelt, bis auf eine vor vielen Jahren gebraucht gekaufte ES-335 Kopie (Modell 2374) von Ibanez aus den mittleren 70er Jahren allesamt hervorragend klingende und verarbeitete Gitarren.

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Ibanez S-Serie
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Die Ibanez S-Serie (Saber) erblickte 1987 öffentlich das Licht der Welt (und erschien 1988 erstmals im Ibanez Katalog). Bis dato wußte jeder, das für einen guten Ton ein dicker, schwerer Mahagoni-Korpus das Maß aller Dinge war - nur eine alte, schwere "Paula" (Gibson LesPaul) hatte dieses süße, lange Sustain, diesen runden, warmen und schweren Ton, diese schiebenden Bässe und trotzdem transparenten Höhen...
Dann kam Ibanez und stellte gegen die fetten unbequemen Ami-Schlitten ein japanisches Kampfschwert - die S-Serie. Designed wurde die Saber-Serie von Richard Lasner in den USA zusammen mit dem damaligen Art-Director Bill Reim. Der Korpus war noch stärker abgeflacht und an den Seiten ausgedünnt als der einer Fender Stratocaster, trotzdem wies der massive Mahagoni-Korpus in der Mitte eine solide Substanz auf. Der flache Wizard-Hals entstand unter Mitwirkung von Saiten-Virtuosen wie Stevie Vai und Joe Satriani und die Gitarre wirkte damals wohl im Vergleich wie ein nagelneuer Ferrari neben einem rostigen Ford Mustang.
Seit der Zeit haben sich diese Ibanez Gitarren mehr als nur am Markt etabliert und die Amerikaner dazu gezwungen, auch ihre Qualitätsmaßstäbe zumindest wieder auf ein angemessenes Niveau zu heben.
Wer sich näher informieren möchte, dem seien die unzähligen Ibanez-Fan-Pages im Internet empfohlen, insbesondere http://www.ibanezregister.com/history.htm .


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Ibanez S2170FW Prestige
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Meine S2170 Prestige taucht zum ersten Mal im Katalog 2006 auf... - der massive einteilige Korpus aus einem ausgesuchten Stück Mahagoni erfüllt die Kriterien einer "Prestige" Gitarre, das aufgeleimte irrwitzig gemaserte Pappel-Furnier erfüllt State-of-the-Art Optik-Kriterien, auch wenn es nur hauchdünn ist und klanglich sicher keinen nennenswerten Beitrag liefert. Der perfekte Kontrast dazu ist das neu entwickelte ZR-Tremolo: ein atemberaubendes Stück japanischer Feinmechanik und Ingenieurskunst.
Die Werbung verspricht sogar, dass dieses System auch dann stimmstabil bleibt, wenn eine Saite reißen sollte. Auch wenn ich der Werbung grundsätzlich nichts glaube, muss hier bestätigen, dass Ibanez wirklich nicht übertrieben hat. Beim fälligen Saitenwechsel entfernte ich zuerst die G-Saite und habe danach recht sparsam geschaut, als alle anderen Saiten ihre Stimmung mit +/- 1% Abweichung behielten.
Dazu kommen in Amerika in Zusammenarbeit mit DiMarzio entwickelte und gebaute Pickups in H-S-H (Humbucker-SingleCoil-Humbucker) Kombination (die Humbucker mit Keramik-Magneten, der mittlere SingleCoil mit Vintage Alnico-Magneten), superpräzisen Gotoh-Mechaniken und ein im Preis enthaltener, qualitativ hochwertiger und speziell für diese Gitarre gefertigter Prestige-Koffer.

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Technische Daten:
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Typ: S2170FW NTF Prestige
Hals: 5-teiliger geschraubter Ahorn/Bubinga Hals mit Palisander Griffbrett im Wizard II Format, matt lackiert
Bundierung: Jumbo-Frets, 22 Bünde
Mensur: 648mm (Fender Strat-Style)
Hals-Abmessungen: 43mm Sattel, 56mm am 22 Bund, 19mm dick am 1. Bund, 21mm am 12. Bund
Hals-Verrundung: 400mm
Body: einteiliger selektierter Mahagoni-Korpus mit Pappel-Decke, natural finish Lackierung
Gewicht: 3,2kg (!!!)
Tremolo: ZeroResistance-Tremolo (DoubleLocked)
Pickups: DiMarzio USA Pickups H-S-H (Humbucker-SingleCoil-Humbucker), Humbucker: Ceramic-Magnete, SingleCoil: Alnico-Magnete
Einlagen: Perlmutt-Markierungen am 12 Bund, übliche Lagen-Markierungen an der Seite des Halses
Mechaniken: Gotoh (dunkel brüniert)
Produktion: Made in Korea (SN: C 06012735)
Sonstiges:
--- Pickup-Einfassungen Matt-Metall (dunkel brüniert)
--- Tremolo-Hebel in Höhe und Gängigkeit justierbar
--- Hals verstärkt am Sattel
Lieferumfang: Gitarre, Hartschalenkoffer, Bedienungsanleitung (sehr umfangreich), billiges Instrumentenkabel, Werkzeuge (diverse Inbusschlüssel)

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Meine Gitarre:
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Traumhaft schaut sie aus... - sündhaft schön und edel. Erst nach Wochen weicht die Trübung im Blick und es fällt plötzlich auf , dass die Halstasche im Korpus "nur" auf einen halben Millimeter genau ausgefräst wurde - das geht heutzutage im Zeitalter der CRC Maschinen auch präziser, auch wenn noch keine klanglichen Einbußen zu befürchten sind.

Bei genauerem Hinsehen fallen dann weitere kleine "Schwächen" der Gitarre auf....
1) Der 5-Wege-Schalter wackelt recht kräftig - auch wenn er bisher ohne Nebengeräusche und Probleme funktioniert. Dagegen wirkt selbst der 5-Wege Schalter meiner alten Yamaha Pacifica für unter 200 Euro wie ein Rolls-Royce... Dieses Problem haben übrigens alle 5 bisher von mir angetesten S2170 Gitarren gehabt...
2) Lautstärke- und Tonregler sind relativ schwergängig, auch wenn auch selbige ohne Nebengeräusche und sehr gut dosierbar ihren Dienst versehen. Das berühmte einfaden eines Tons mit dem kleinen Finger ist dadurch nahezu unmöglich aber wozu gibt es halt Volumen-Pedale... ;o))
3) Der Hals ist im Bereich des Sattels leicht rauh und nicht perfekt poliert - auch wenn das nur minimal ist und beim Spielen keinesfalls stört, fällt es bei einer Gitarre in diesem Preisbereich doch auf.
4) Halsverschraubung: die 4 Schauben sind unterschiedlich tief im Korpus versenkt, was auf eine wenig konstante Bohrung hinweist. Ebenfalls nicht kritisch, sieht aber bei einer Gitarre in diese Preisklasse eher billig aus...
5) Auch die Klarlack-Lackierung der Pappel-Decke ist leider unsauber durchgeführt. Im Bereich zwischen Tonregler und Kabelbuchse fühlt sich der Lack sehr rauh an und scheint nicht poliert worden zu sein. Im oberen Korpusbereich sind sogar Leimreste unter der Lackierung erkennbar!!! Solche Verarbeitungsmängel bin ich sonst nur von amerikanischen Gitarren gewohnt, für Ibanez eher ungewöhnlich und für eine "Prestige" Gitarre ziemlich unwürdig...

Natürlich bietet die Gitarre nicht nur Schwächen, sondern auch einige Highlights:
1) Hals: Der Hals ist absolut gerade, liegt fantastisch in der Hand und läßt sich bis in die höchsten Lagen perfekt spielen. Das Griffbrett aus Palisander ist sehr feinporig und spiegelglatt poliert, die Maserung erinnert ein wenig an besonders teures und hartes "Tigerstripe"-Ebenholz... - wunderschön!
2) Einstellungen, Saitenlage und Spielbarkeit waren aus der Box perfekt - nicht mehr und nicht weniger
3) Bundierung: erste Sahne!!! Perfekt polierte Bundstäbe, perfekt abgerichtet, perfekt bundrein und ein unglaubliches Spielgefühl. Ich habe teilweise sehr lange suchen müssen bei meinen anderen Gitarren um eine vergleichbare Qualität zu erwischen...
4) Die Gitarre ist ultra-komfortabel: sehr leicht auf Grund des ausgeprägten Shapings und perfekt ausbalanciert am Gurt.
5) Tremolo: unglaublich stimmstabil, einfach zu justieren und flexibel den persönlichen Ansprüchen anpassbar. Sogar für mich als Tremolo-Verächter ist dieses Teil inzwischen zu einem "nice-to-have" geworden.
6) Koffer: absolute Markenqualität, würde separat definitiv in der 100-150€ Liga gehandelt.
7) Handling: die Gitarre ist Dir nicht im Weg, sie kommt Dir eher entgegen! Am Gurt perfekt ausgewogen, ohne die geringste Kopflastigkeit, der "geshapte" Korpus schmiegt sich an den Bauch, alles ist dort, wo man es erwartet (immer noch keine Selbstverständlichkeit!!!).

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Der Sound:
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Warnung vorab: meine Bewertung bezieht sich auf eine Gitarre in der 1500€ und mehr Liga! Auch wenn es teilweise sehr negativ klingen mag, ist es absolut gesehen immer noch eine positive Bewertung. Ich erwarte halt nur für so viel Geld ergeblich mehr als nur ein gutes Preis-Leistung-Verhältnis, geschweige denn sogar Nachteile gegenüber einiger meiner "Budget"-Gitarren...

Die S2170FW wurde von diversen Fachmagazinen als moderne Gitarre bezeichnet, die klanglich eher in die Vintage Schiene einzuordnen ist, d.h. mit relativ "leisen" Pickups ausgestattet ist, die nicht nur gnadenlos die Heavy-Fraktion befriedigen sollen. Mir kam das gerade recht, eine modern ausgestattete Gitarre (modernes Design, perfekte Ergonomie, modernstes Tremolo-System, etc.) mit einer eher "traditionell" ausgelegten Klangkultur, ohne Gothic-Touch und auch ohne Fokus auf die "Dropped Tunings" Fraktion - das hatte was!

Tendenziell erfüllt die Gitarre diese Anforderungen auch ziemlich gut, allerdings kommt sie erstaunlicherweise trotz 7fachem Preis kaum über das Niveau meiner selektierten Yamaha Pacifica 112 hinaus! Irgendwie klingt die Gitarre immer ein klein wenig gebremst, Töne entfalten sich nicht vollständig, das Sustain ist eher kurz - eventuell hat das Tremolo trotz aller Meriten doch einen leicht einschränkenden Einfluß auf die Tonentfaltung. Etliche meiner eher traditionell gebauten Gitarren haben hier entscheidende Vorteile...

Der Steg-Humbucker läuft erst bei härteren Gangarten zu brauchbarer Form auf, im Clean-Betrieb klingt er eher desinteressiert, etwas glatt und recht hell. Obertöne werden perlend und ausgewogen übertragen, aber irgendwie fehlt immer irgendwie ein klein wenig Offenheit oder Transparenz im Klang. Erst mit Vollgas zeigt der Steg-Humbucker Austeiler-Qualitäten und singt klar differenziert und sehr durchsetzungsfähig seine Melodien.

Der mittlere SingleCoil tönt recht frisch, wenn auch unausgewogen leise im Vergleich zu den beiden Humbuckern - auch wenn er ab Werk deutlich näher an die Saiten gefahren wurde als die beiden anderen Pickups. Insgesamt liefert er trotzdem ein recht erfreuliches Bild ab und schlägt im direkten Vergleich sogar den mittleren Pickup meiner Fender Stratocaster durch ein detaillierteres und charakterstärkeres, leicht "schmatzendes" Klangbild - sehr satt!

Der Hals-Humbucker tönt recht sonor, kann trotzdem im Clean-Betrieb weder meiner Epiphone LesPaul noch meiner alten Ibanez Artist ganz das Wasser reichen. Erst bei höheren Gain-Settings (Crunch und mehr) wird der Humbucker wach und fängt an zu tönen, allerdings tendenziell mehr in Richtung Tuba als in Richtung Trompete... Die grundlegende tonale Ausrichtung tendiert eher zu einem dunklen, sonoren Klangbild, selbst bei voll aufgedrehtem Höhenregler. Hier ähnelt der Pickup einer alten Vintage LesPaul, allerdings immer mit einer Tendenz zu einer leichten Kurzatmigkeit, was ihn dann leider doch in die obere Mittelklasse zurückfallen läßt.

Die Zwischenstellungen sind recht leise, klingen im Clean-Betrieb recht brauchbar und haben sogar einen gewissen Fender-Twang, allerdings neigen sie im HiGain-Betrieb ein klein wenig zum mulmen und dröhnen.
Es erfordert erstaunlicherweise einige Anstrengungen, die Gitarre im Mix durchhörbar zu gestalten...

Fakt ist, das die S2170 zwar eine klanglich sehr flexible und immer noch sehr brauchbar klingende Gitarre ist, ich aber in allen Einsatzgebieten einen Hauch besser klingende und auch teilweise erheblich preiswertere Gitarren habe. Wer mit nur einer Gitarre zufrieden ist, sollte sich die S2170 unbedingt mal anhören, ich habe inzwischen allerdings für fast alle musikalischen Anforderungen eine oder mehrere besser klingende Alternativen zur Hand...

Getestet habe ich die Gitarre mit einem Laney LC15R Vollröhren-Combo, einem Roland Jazz-Chorus 50, POD xt, Boss GT-Pro und VOX ToneLab SE. Als Kabel habe ich 3m und 5m lange Planet Waves PW-AG 20 HighEnd Gitarrenkabel verwendet. Es wurden keine Analogen Bodentreter verwendet, die Gitarre lief immer direkt in den Amp/Effektgerät.
Verglichen wurde mit Epiphone Sheraton II, Fender Stratocaster Standard, Ibanez 77er Artist und LesPaul Standard.


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Fazit:
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Die S2170 ist leider wohl doch keine Traum-Ehefrau für jeden Tag, dazu fehlen ihr ein wenig die großen inneren Werte (klanglich)... - eher eine Gitarre für einen gelegentlichen "Saitensprung", wenn das Adrenalin mal wieder die Flitzefinger auf's Parkett ruft. Trotz allem erfreue mich immer wieder am Anblick dieser Gitarre und nehme sie gerne immer wieder in die Hand. Allerdings spiele ich sie im Vergleich zu anderen Gitarren in meinem Fundus inzwischen eher seltener und nach einer Stunde ist meistens auch schon wieder Schluß.

Leider ist der Name hier nicht Programm... - von einem "Prestige" Modell erwarte ich nach meinem Verständnis auch einen besonderen Qualitätsanspruch und der ist hier leider nicht gegeben. Selbst meine beiden preiswerten Artcore Modelle von Ibanez sind im Detail besser verarbeitet und in ihren Bereichen auch klanglich der S2170 überlegen, wenn auch nicht so flexibel einsetzbar.

Auf Grund des doch recht heftigen Preises spreche ich keine uneingeschränkte Empfehlung aus und würde diese Gitarre Anfängern und Hobby-Gitarristen nicht unbedingt ans Herz legen. Ähnlich gut oder sogar besser klingende und auch gut bespielbare Gitarren gibt es schon für weniger als die Hälfte der 1300€, die eine S2170FW Prestige kostet.
Wer eine gediegen ausschauende, modern designte und klanglich sehr flexible Gitarre sucht, sollte die S2170FW hingegen ruhig mal antesten. Auf Grund der klanglichen Einschränkungen, der leichten Verarbeitungsmängel und des vergleichsweise hohen Preises gibt es nur 3 Sterne von 5.

Danke mal wieder für eure Geduld beim Lesen dieses Berichtes und bis zum nächsten Mal...

Bernd Almstedt


Community Bewertungen

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht

  • GZacher veröffentlicht 18.12.2013
    Ein Mensch mit guten Saiten und liebe zum Detail ... ;-)
  • djrene veröffentlicht 04.08.2006
    Tja, was soll man sagen, der Bericht ist perfekt. Ich selbst tendiere etwas mehr zu ESP, habe allerdings auch eine Ibanez hier stehen. Optisch stehe ich sehr auf den Strat-Korpus, den auch diese Gitarre hat.
  • sonarmaster veröffentlicht 19.07.2006
    Edel sieht ja aus, und Dein Bericht ist detailreich und umfassend für jeden, der sich der "Gitarrensektion" zugehörig fühlt. - Gruß Tom
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Produktdaten : Ibanez S2170FW Prestige

Produktbeschreibung des Herstellers

Haupteigenschaften

Hersteller: Ibanez

Typ: E-Gitarre

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