Wer ist »ich« und wer ist der »andere«? Existiert überhaupt ein »ich«? Zwei junge Männer, Duke und der Ich-Erzähler, langweilen sich trotz Kino, Partys, Bier und Zigaretten.... mehr
Erfahrungsbericht von krokofisch über Ich bin Duke / Tina Uebel 10.06.2004
Produktbewertung des Autors:
Niveau
anspruchsvoll
Unterhaltungswert
hoch
Spannung
durchschnittlich spannend
Wie ergreifend ist die Story?
berührt ein wenig
Pro:
Genau beobachtet . . .
Kontra:
. . . aber einen Tick zu lang
Empfehlenswert?
ja
Kompletter Erfahrungsbericht
Mir ist langweilig, sagt krokofisch. Lass uns was spielen. Lass uns spielen, wir seien Literaturkritiker. Literarisches Quartett? frage ich. Quatsch, sagt krokofisch. Das ist Scheißhochkultur, langweiliges Fernsehen. krokofisch raucht. Gib mir ein Bier, sagt krokofisch. Lass uns so tun, als hätten wir ein Internet-Forum, wo wir über alles und jeden schreiben können. Über alles? frage ich. ja, über wirklich alles, sagt krokofisch. Kann ich auch über den neuen Pürierstab schreiben, den meine Freundin neulich geschenkt gekriegt hat, sage ich, geht das auch? Das Ding ist hellblau, übertönt meine Anlage, und die Frau püriert jetzt alles, was der Kühlschrank hergibt, sage ich. Krokofisch trinkt Bier und findet das im Prinzip okay, weil man darf ja alles in dem Internet-Forum, findet das aber auch doof, denn wir spielen jetzt Literaturkritiker, sagt krokofisch, deshalb jetzt keine Scheißküchengeräte, sondern ein Buch, sagt krokofisch und raucht und zeigt mir ein Buch: Tina Uebel: Ich bin Duke. Okay, sage ich, lege Musik auf, XTC, dann lass uns anfangen.
Tina Uebel kommt aus der Hamburger Poetry-Slam-Szene, und im Tempo dieser Peformances rappt ihr zweiter Roman daher. Sie schlüpft in die Rolle eines männlichen Ich-Erzählers, der auf einer Party den Typen kennenlernt, der sich mit "ich bin Duke" vorstellt. Die beiden werden Freunde, oder, besser gesagt, eine fast unverbrüchliche Zweckgemeinschaft zum Totschlagen der endlosen Ödnis des Alltags. "Mir ist langweilig" ist der Auftakt für fast jedes der mehr oder minder kurzen Kapitel, danach beschließen die beiden – äh, blödes Wort jetzt: "Helden" – etwas zu "spielen". Laß uns so tun, als würden wir ans Meer fahren. Uns auf einer Party amüsieren. Illegale Drogen ausprobieren. In der Vorstadt-Großraumdisco häßliche Menschen begucken. So tun, als wären wir Butch Cassidy and the Sundance Kid.
So stolpern die beiden von einer Episode, von einer Szenerie in die nächste, und wenn es eines fleischgewordenen Beweises für die Philosophie von einer Realität bedürfte, die längst durch eine wuchernde Schicht von Simulationen ersetzt worden ist, sind diese beiden Figuren der wandelnde Beleg dafür. Sie haben ausgiebig genug in der Bilderflut aus Kino, TV und Werbung gebadet, um auch das bisschen Restrealität da draußen – und vor allem auch sich selbst – mühelos und unausgesprochen als Bestandteil der allumfassenden Matrix begreifen zu können. Es macht keinen Unterschied, ob sie über den Hamburger Kiez schlurren oder sich in einen Italowestern hineinfantasieren. Alles ist ein Spiel, ein Spiel, das die Langeweile vertreibt, und es ist ein Spiel für zwei Personen.
Alle anderen Figuren, die in diesem Roman auftauchen, bleiben namenlose Statisten, charakterisiert allenfalls durch Outfit und Benehmen. Zwei Freundinnen tauchen sporadisch auf, sie tragen Namen, aber keine Eigenschaften, und verschwinden irgendwann wieder. Die beiden Protagonisten existieren nur im Rahmen ihres gemeinsamen Spiels. Wir erfahren weder, womit sie ihren Lebensunterhalt verdienen, noch wie sie oder ihre Wohnungen aussehen, wo sie herkommen, wo sie hin wollen, was in ihren Köpfen umgeht, von Emotionen und Empfindungen ganz zu schweigen. Sie rauchen, sie trinken Bier, sie hören Musik. Welche? Keine Ahnung.
Wie die Geschichte ausgeht? Keine Ahnung. Ich weiß nur, ich möchte diese Typen nicht kennen lernen, will sie nicht um mich haben, sie sind diejenigen, die Dich in der Kneipe anrempeln, Dir Bier über die Jacke schütten und sich verpissen, ohne "tschuldigung" zu sagen. Sie nehmen Dich nicht wahr, und wenn sie Dich wahrnehmen, dann als amüsanten Statisten, als Fehlbesetzung oder mehr oder minder gelungene Computersimulation, denn ihre Wahrnehmung ist gefiltert durch Verachtung und existenzielles Gelangweiltsein.
Nein, ich mag sie nicht, die beiden Typen, obwohl ich sie sehr, sehr gut verstehen kann, aber das ist halt die Schizophrenie in dieser Geschichte. Ich weiß auch nicht, ob ich diesen Roman wirklich mag. Ich mag Tina Uebel, ich habe sie auf einer Lesung kurz kennen gelernt, sie ist freundlich, klug, hübsch auch noch, aber nicht deshalb habe ich ihr Buch gekauft. Auch nicht, weil die Hamburger ihr einen Literaturpreis verliehen haben. Aber sie kann einfach schreiben, und das kann sie, weil sie genau hinschauen kann. Sie hat mich bei dieser Lesung gefesselt und zum Lachen gebracht, und ihr Roman schafft das auch. Jedenfalls anfangs, nach der guten Hälfte beginnt sich die Geschichte ebenso im Kreis zu drehen wie ihre Protagonisten, und Fortschritte im Plot erschließen sich langsam, für meinem Geschmack allzu langsam. Es gibt sie, aber vielleicht hätte Tina doch sagen sollen, laß uns so tun, als könnten wir das alles auch auf 150 Seiten unterbringen, und der krokofisch hätte gesagt, okay, das muß reichen, und ihr noch ein Bier gereicht.
Tina Uebel: Ich bin Duke Berliner Taschenbuch Verlag 216 Seiten ISBN 3-442-76072-0