Kabarett im Taschenbuchformat
9. Jul 2004
Pro:
sehr kurzweilig geschrieben, geniale Alltagskomik
Kontra:
nicht jedermanns Sache, live ist sie eben doch am besten
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau:
Unterhaltungswert:
Spannung:
Humor:
Aufmachung:
mehr
 schneeweisschen
Über sich:
Irgendwann bin ich wieder da. Ist alles nur eine Frage der Zeit...
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Sich einfach so hinsetzen und ein Buch schreiben… das geht nicht. Dachte ich. Denke ich eigentlich immer noch. Die einzige Ausnahme heißt Cordula Stratmann, und diese Dame hat bereits einen gewissen Bekanntheitsgrad, der es ihr erlaubt, den größten Blödsinn zu schreiben, ohne Hiebe dafür zu kassieren. Möglicherweise sitzen einige von Euch jetzt grübelnd vor dem PC und überlegen: „Stratmann, Stratmann… Den Namen habe ich doch irgendwo schon einmal gehört.“ Das ist gut möglich. Ihr Alter Ego heißt Annemie Hülchrath und dürfte in Form der schrulligen Nachbarin in Kittelschürze bei „Zimmer frei“ wohl schon jedem über den Weg gelaufen sein, der WDR & Co. nicht auf Platz 87-95 seiner Fernbedienung verbannt hat.
Cordula Stratmann ist eine Kabarettistin mit dem Hang zum ausschweifenden, scheinbar völlig kontext- und zusammenhangslosen Erzählen. Und genau DAS mag ich so an ihr. In ihrem literarischen Erstling namens „Ich schreibe, aber lesen müssen Sie selbst“ scheinen die Worte auf dem Papier gelandet zu sein, bevor sie sie überhaupt zu Ende gedacht hat. Worum es geht? Um Freunde, Norwegen, die Beatles, amerikanische Präsidenten, George Clooney, frische Bettwäsche, die Titanic, finnische Singvögel und die Frage, was „piep piep“ auf Finnisch heißt. Und noch etwa 429 weitere wichtige Themen dieser Art. Sie selbst schreibt auf der ersten Seite:
„Über das Buch: Dieses Buch ist etwas ganz Besonderes. Es ist nämlich ganz speziell für Sie geschrieben, liebe Leserin, lieber Leser. Ja, genau für Sie, Sie müssen jetzt nicht über die Schulter nach hinten
gucken, Sie sind gemeint! Sie, die Sie jetzt dieses Buch in der Hand halten und überlegen, brauche ich das oder brauche ich es nicht? Lassen Sie sich einen Tipp geben: Ja! Sie brauchen es. Denn wer sonst nimmt Ihre Sorgen und Nöte, Ihr Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Streicheinheiten so ernst wie Cordula Stratmann, ihres Zeichens die verständnisvollste Autorin aller Zeiten. Das ist jetzt ein bisschen übertrieben, also, aber in der Sache stimmt es. Doch auch diese Frau hat Nerven! Wenn Sie sich beim Lesen allzu ungeschickt oder blöd anstellen, merkt die das – und dann wird auch schon mal gemeckert. Aber machen Sie sich keine Sorgen: Wenn Sie sich ein bisschen Mühe geben und das Buch in entspannter Situation lesen, wird es Ihnen blendend gehen: Sie werden lachen, kreischen, Ihren Kollegen in die Rippen boxen, weil Sie ihnen unbedingt giggelnd diese Wahnsinnstelle aus dem Buch vorlesen müssen. Diese super lustige, total bekloppte Stelle auf Seite 89. Oder die auf Seite 112. Oder Seite 42. Oder Seite 66. Ach lesen Sie selbst.“ Anmerkung der schneeweisschen-Redaktion: Seite 88-89 sind leer. Frau Stratmann steckte an dieser Stelle in einer Schaffenskrise, ihr fehlte es an jeglicher Inspiration. Also machte sie eine Pause. Und der Leser gleich mit. Nett, irgendwie. Cordula Stratmann ist wie eine Freundin, die man schon so lange kennt, dass man sich mit ihr auch über unsinnige Dinge stundenlang unterhalten kann. Es ist gemütlich, dieses Buch zu lesen, ein bisschen wie Kaffeeklatsch, nur lustiger. Sie schneidet viele Themen an, die in den letzten Jahren wohl schon bei fast jedem Gesprächsthema waren: die amerikanische Gesetzgebung zum Beispiel, die einem Kaffeetrinker Millionen Schadensersatz zusprach, weil er sich an einem zu heißen Kaffee verbrüht hat. Zitat: „ Ich bin mir ziemlich sicher, dass man da auch klagen kann und Recht bekommt, wenn der Kaffee nur lauwarum war, denn schließlich nennt sich ein Kaffee doch auch >Heißgetränk<.“
Das Schönste an diesem Buch: immer wieder wird dem Leser bewusst, dass sich diese Frau sehr wohl Gedanken macht über sich, Ihre Mitmenschen, das Leben. Dass nicht alles so dahingeschmiert und zufällig ist, wie es den Anschein soll. Sie berichtet so bildhaft über die komischen Angewohnheiten mancher Leute, über ihre eigenen Macken, dass man – also gut, ich zumindest – grinsend und nickend gespannt zur nächsten Seite umblättert. Cordula Stratmann hat viele nette Ideen, bei denen ich mir allerdings nicht immer sicher bin, ob sie die nicht irgendwo abgekupfert hat. So nahe liegend, wie manche Gags oder Pointen scheinen. Aber vielleicht ist auch gerade das ein Zeichen für das nicht zu unterschätzende Talent dieser Autorin. Man kann sich einfach nicht vorstellen, dass nicht irgendjemand vor ihr schon einmal auf solchen irrwitzigen, bekloppten Gedanken gekommen sein muss. „Man spricht doch immer von denen, die das Wasserglas für halb leer halten, als den Pessimisten. Ich weiß nicht, wie sich dieses Missverständnis so in den Köpfen festsetzen konnte. Bei diesen Menschen handelt es sich viel eher um solche, die sich ganz in der oben genannten Tradition stets neue Beschäftigung zu verschaffen wissen, anstatt das Phlegma auf dem Sofa zu pflegen. Wer sein Glas halb leer hat, ist viel schneller bereit, rasch einmal aufzuspringen und es wieder aus der Flasche nachzufüllen, als derjenige, der mit der Feststellung >halb voll< darüber hinwegsieht, dass da durchaus wieder was reinpassen würde.“
Auf mitunter recht pragmatische Weise bringt Cordula Stratmann den Leser dazu, über sich selbst nachzudenken. Über seine eigene Feigheit (?), in unangenehmen Situationen zu seiner Meinung zu stehen und sie auch kundzutun. Zum Beispiel, wenn man die neue Wohnungseinrichtung von Freunden besichtigt und eigentlich nicht ein lobendes Wort übrig hat. Sich dann aber doch zusammenreißt und die geschmackvollen Gardinen lobt - um des lieben Friedens Willen. Das Lesen hat mir wirklich Spaß gemacht. Das Versprechen, dass dieses Buch für mich geschrieben würde, nehme ich Cordula Stratmann sogar ab. Sie scheint mich gut zu kennen. So gut, dass wir uns mittendrin sogar ein wenig verkracht haben. Aber wir sind ja erwachsene Menschen und haben uns schnell wieder vertragen.
Am liebsten sehe ich Cordula Stratmann aber „live“ (was bisher für mich leider immer nur der Fernseher bedeutete) als Kabarettistin. Das ist ihre wahre Berufung. Dieses eine Buch – gut und schön, witzig, ja. Aber noch eins muss nun wirklich nicht sein. Ich war auf eine unerklärliche Art und Weise erleichtert, als ich das Buch zuklappen konnte. Diese Dosis Stratmann, verteilt über 157 Buchseiten, genügte mir voll und ganz. Doch ohne ihre Gestik und schrulligen Outfits fehlte mir etwas. Leute, die mit ihrem Humor von vornherein nicht viel anfangen können, sollten „Ich schreibe, aber lesen müssen Sie selbst“ nicht in die Hand nehmen. Wer aber wieder mal wieder so richtig schön lachen will und sonst keine Gelegenheit dazu hat: ab in den Buchladen: Taschenbuch, ISBN 3-462-03344-1, KiWi-Verlag, 7.90 €. Ja ja, oder halt zu amazon.de oder ebay.de. Ist mir doch egal. Hauptsache ihr amüsiert Euch gut beim Lesen. Euer Schneeweisschen
www.cordula-stratmann.de
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19.07.2006 07:21
schade, dass sie sich jetzt in dem schillerstrassenklamauk verheizt ... :-) lg mozarteum
05.08.2004 15:40
das buch ist super....
02.08.2004 15:59
Na dann hat ja wohl bald die geballte Riege aus "Zimmer frei" etwas zu Papier gebracht... ;-) Mir könnte es unter Umständen tatsächlich auch etwas zu viel sein, denn die 30 Mintuten "Annemie Hülchrath - der Talk" haben mir immer voll und ganz gereicht. Gruß Der Olle, bei dem wdr immerhin auf 12 ist