Frühling in der Stadt

5  19.03.2005 (28.03.2005)

Pro:
Es ist Frühling

Kontra:
Die Allergene treiben aus

Empfehlenswert: Ja 

Lexa22

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Vertrauende:1

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Neulich zog es mich mal wieder in die große Stadt hinein, an deren Rand ich lebe. Es war einer der ersten sonnigen Tage, der Schnee begann seinen Aggregatzustand zu wechseln und rann in großen braunen Bächen gen Gulli.
Es ist die Zeit, in der das Leben erwacht in der Stadt, die Zeit, in der die Menschen sich mit einem großen Lächeln im Gesicht beschimpfen, denn es ist Frühling.

Ich liebe den Frühling, denn überall sprießen zaghaft die ersten Pflänzchen, die Sonne auf dem Rücken wärmt das Herz, die Straßen leben wieder, und das Salz, das unsere teuren Schuhe verätzte, obwohl es die Stadtväter immer an den falschen Stellen einzusparen scheinen, nimmt langsam seinen Abschied.

Ja es ist Frühling – und ich bekomme ob des sprießenden bunten neuen Farbenlooks eine Allergie.
Ja leider, jedes Jahr ereilt mich diese Allergie, die meine Atemwege beklemmt, mich zum Niesen und Kopfschütteln bringt, es ist die Zeit der Allergene, die fröhlich wieder aus ihren Löchern herauskommen.

Das Schneeglöckchen
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Diese lieblichen Gewächse sprießen meist in der Fahrbahnmitte einer großen Kreuzung. Die Augen aller Verkehrsteilnehmer ruhen auf seinen Stielen, denn wenn der Stiel auf der einen Seite hängt, auf der anderen Seite steht, dann steht auch der Verkehr still.
Ganz im weißen Mäntelchen kommen sie daher und ihr weißes Hütchen reckt sich keck in der Mitte empor, damit man sie auch gut sehen möge.
Sieht man eines, das die Stiele waagrecht zur Seite hält, so sollte man unbedingt stehenbleiben, um die Schönheit dieses Gewächses zu genießen. Guckt man dagegen frontal auf die Stiele, so kann man getrost weiterfahren. Meist ist so ein Schneeglöckchen hilfreich, doch im Frühling kann es hier schon mal zu Verkehrschaos kommen, zu lange hat man keines mehr gesehen und vergaß darüber die Verhaltensregeln.
Gelegentlich sind die Stiele auch noch ein wenig lahm, weil zu wenig begossen.
Um dem nachzuhelfen, fahre man mit Vollgas durch die benachbarte Pfütze; das Schneeglöckchen wird dann zunächst braun, aber die Bewässerung bringt die Stiele schnell zum Wedeln.
In ganz großen Kreuzungen tritt das Schneeglöckchen in Gruppen auf.

Der gemeine grüne Knollenblätterpilz
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Wie mit allen Arzneidrogen ist es auch hier so, dass dieses Gewächs - an der richtigen Stelle angewendet - durchaus hilfreich sein kann.
Wächst es zum Beispiel um ein Fußballstadion herum, so kann man gewiß sein, dass ein Derby friedlich bleibt, ob der betäubenden Wirkung dieses Gewächses auf die Fußballfans.

Im Frühling jedoch, wenn Lebenssäfte und Hormone in uns herumwirbeln, um die letzten Reste des grauen Winters zu vertreiben, wenn wir dadurch beflügelt durch die Straßen eilen, dann kann es passieren, dass wir plötzlich abrupt ausgebremst werden durch ein solch grünes Gewächs.
Meist sind unsere Augen noch ungeübt, daher sehen wir sie zu spät, zumal sie sich über den Winter in einem inzwischen silberfarbenen Kokon versteckt hielten.
Sollten wir falsch abbiegen, weil wir es eilig haben, so können wir fast sicher sein, dass aus dem Nichts ein solcher Knollenblätterpilz die weitere Fahrt zumindest für die Zeit der Aufnahme unserer Personalien und des Aberntens von einigem Moos (das im Gegensatz zu vielen anderen Gewächsen leider auch im Frühling nicht mehr sprießt als sonst) unterbricht.
Gasgeben scheint zwecklos, denn der grüne Knollenblätterpilz treibt rote und blaue Sporen aus, und ehe man das Wort noch aussprechen kann, ist man umzingelt. Also beläßt man seine Frühlingsgefühle lieber im Herzen und überträgt sie nicht auf den Gasfuß.

Der blaue Täubling
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Dieses Gewächs ist ein besonders häufig auftretendes Exemplar, vor allem in Städten, die zu wenig Geld im Säckel haben. Es zeichnet sich dadurch aus, dass es bei schönem Wetter in Scharen auftritt und schnell Knöllchen ausbilden kann.
Bereits nach 5 Minuten über der eingestellten Parkuhrzeit kann es sein, dass ein blauer Täubling eben ein schleimiges in Plastikfolie eingetütetes Knöllchen an die Windschutzscheibe klebt. Steht man davor und erklärt, dass es eben in der Schlange beim Kaufhof länger gedauert hat, macht der Täubling seinem Namen alle Ehre. Er ist taub.

Interessanterweise ist der blaue Täubling in 90 % aller Fälle weiblich, was dafür spricht, dass sich dieser Pilz über Jungfernzeugung vermehrt, welche wiederum bei den meist an den Tag gelegten Gesichtsausdrücken dieser Spezies von der Natur so gewollt sein muss, da sie anderfalls längst ausgestorben wäre.

Der Bovist
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Ein an sich recht liebenswertes Gewächs, das allerdings im Winter meist verrottet (auch als eingerostet bezeichnet) ist. Man erkennt es daran, dass es in der Regel ein dunkles Köpfchen hat, einem Helm gleich.
Es ist ein oft sehr zerbrechliches Gewächs und nach den langen Wintermonaten, in denen es versteckt hauste, noch ein wenig schwächlich. Es wackelt im Wind und wenn man nicht aufpaßt, dann kann es vorkommen, dass es dabei abknickt und man scharf bremsen muß.
Auf Autobahnen oder kurvigen Landstraßen kann es schon mal geschehen, dass das schöne Helmchen platzt, was meist einen unschönen und traurigen Anblick bietet.
In Städten zeichnet sich der Bovist dadurch aus, dass er sich gerne mal durchschlängelt, was nicht ohne Gefahren ist, besonders im Frühling, wenn man nicht mehr an ihren Anblick gewöhnt ist.
Hier ist besondere Vorsicht geboten, denn Boviste leben meist einen Traum, den fast jeder schon einmal geträumt hat; es wäre doch schade, wenn sie ausstürben.
Übrigens ist es ein Gerücht, dass man auf am Straßenrand wachsende Boviste treten sollte, weil das so schön staubt. Unterlassen Sie das bitte aus Gründen der Achtung vor Mensch und Natur!

Die Königskerze
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Vereinzelt tritt sie auch in den kalten Monaten auf, aber in der Regel wuchert dieses Gewächs von Frühling bis Herbst, je nach politischer Großwetterlage, besonders in Fußgängerzonen oder auf großen, autofreien Plätzen. Man erkennt die echte Königskerze daran, dass sie in Scharen auftritt, sich laut bemerkbar macht und von grünen Knollenblätterpilzen umringt ist.
Gelegentlich bildet sie Flugblätter aus und reckt ihr Köpfchen stolz in eine Richtung.
Sie ist dem Grunde nach schützenswert, aber es gibt zwei Ausnahmen, die leicht zu erkennen sind:

Die autonome Königskerze zeichnet sich durch ihr völlig vermummtes dunkles Äußeres aus. Sie bildet Steine aus und reagiert aggressiv in Diskussionen. Interessanterweise wird diese Spezies oft sehr stark bewässert; ob sie dadurch noch schneller wächst, konnte ich noch nicht abschließend beobachten. Aber das könnten vielleicht die mobilen Kameras, die eine solche Spezies meist begleiten, näher beleuchten.

Die braune Königskerze erkennt man dagegen an den am Kopf fehlenden Blüten und dem hochgereckten Stiel auf der rechten Seite. Sie wuchert bevorzugt an denkwürdigen, geschichtsträchtigen Orten. Seltsamerweise habe ich bisher noch nicht beobachtet, dass diese Spezies stark bewässert wurde, dennoch sprießen sie immer schneller und zahlreicher hervor. Sogar ein Landtag ist schon von diesem parasitären Element befallen worden.
Gerüchte besagen, dass das Sprießen dieser Pflanze nun eingedämmt werden soll, in Form eines gesetzlichen Herbizids. Nun, man wird sehen.

Eine besondere Unterform der Königskerze tritt nur in Bayern auf, man nennt sie “die Königstreue”. Gesichtet wurde dieses Gewächs im Allgäu bei der Aufführung des Musicals “Ludwig II”. Diese Spezies ist jedoch harmlos und völlig ungiftig. Einer der Größten dieser Spezies wurde kürzlich absichtlich niedergemäht.

Die Venusfliegenfalle
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Dieses eigentlich nett anzusehende Gewächs kann in manchen Nobelstraßen der Städte bei schönem Wetter schnell zu einer echten Lärm- und Geruchsbelästigung werden.
Es tritt in allen Farben und Formen auf.
Was alle dieser Gattung gemeinsam haben ist ein weiches Interieur, das bevölkert wird durch meist ältere männliche Gefangene mit coolen Sonnenbrillen, die auf der Suche danach sind, gemeinsam mit einem weiblichen, deutlich jüngeren Pendant von der Venusfliegenfalle gefressen zu werden.
Venusfliegenfallen mit ausschließlich weiblichen Gefangenen trifft man meist nicht in den Prachtstraßen, sondern auf Autobahnen oder landschaftlich reizvollen Landstraßen.
Gemeinsam ist dieser Spezies, dass ihre Gefangenen besonders im Frühling geröstet werden und die knusprig rote Farbe aufweisen, die blasse Körper beim ersten Kuss der Sonne schnell bekommen können.
Die Venusfliegenfalle ist an sich schützenswert, da sie das Auge erfreut und uns mit positivem Neid erfüllt, da Venusfliegenfallen allerorten als erstrebenswert zu halten gelten. Jedoch gestaltet sich der Erwerb besonderer Exemplare dieser Gattung als diffizil und sehr teuer
.
Vor Straßencafes allerdings, an denen so manches dieser Spezies innerhalb von 15 Minuten zum dritten Mal röhrend gesichtet werden kann, sollte eine Belästigungsmaut erhoben werden. Man könnte natürlich auch einen Baum pflanzen, der über die Straße wächst und der zwitschernden Vögeln ein Heim bietet; diese würden sich schon dagegen zu wehren wissen, indem sie das Interieur verschönern ;)


Tja, so ist das mit dem Frühling und der Allergie. Und wenn ich ganz ehrlich bin, so habe ich mich schon den ganzen langen kalten Winter auf diese Allergene gefreut.
Zu Risiken und Nebenwirkungen befragen Sie bitte Ihren Arzt oder vögeln den Apotheker. Hatschi!

© lexa im Frühling 2005

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Post_scriptum

Post_scriptum

08.03.2012 17:28

prosaische (anthropo)botanik, eher politisch als korrekt *räusper*

Fantomiss

Fantomiss

05.03.2007 01:45

*pruuuust* ich freu mich, hier mal wider eine kleine perle entdeckt zu haben...

Porcupine

Porcupine

09.04.2005 23:59

Danke, das war einfach nur herrlich zu lesen! :-) LG, Almut

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